Guten Morgen Neuseeland!

Eine Sache, die ich am Campen liebe, ist es, jeden Tag woanders zu beginnen. Schon auf unserer Nordeuropa-Reise konnte ich es abends manchmal gar nicht erwarten, morgens aufzuwachen, den Ausblick wieder genießen zu können und in den nächsten, mir unbekannten Ort zu fahren. Der Blick aus unserem „Schlafzimmer“ war oft zu schön, um wahr zu sein. Besonders dann, wenn er hinauf aufs Meer ging, das hinter unserem Auto an die Steine schwappte, oder von oben in ein Tal hinein, das noch ins rote Licht der Mitternachtssonne getaucht war. Das glaubt uns niemand, dachte ich oft.

In Neuseeland habe ich deshalb an fast jedem Ort, an dem wir übernachtet haben, ein Foto geschossen. Aus der Seitentür, nach hinten hinaus, nach vorne durch die Windschutzscheibe. Manchmal waren wir mehrere Tage am selben Platz, ich vergas aber, ihn mehrmals zu fotografieren. Manchmal habe ich das Fotografieren ganz vergessen. Aber von allen anderen Tagen seht ihr hier unsere Aufwach-Aussichten.

Nicht alle davon zeigen Instagram-Perfektion. Weil es mir darum ging, den Alltag zu dokumentieren – nicht das einzelne Highlight als Alltag darzustellen. Leider ist das Wildcampen in Neuseeland ohne Wohnmobil (mit Bad…) nicht erlaubt, was die Platzwahl arg einschränkt. Toll gelegen sind aber auch viele der Zeltplätze, und wer wie wir im Frühling reist, bekommt ohne Probleme einen Spot in erster Reihe.

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Zur Fotoserie: Ich habe die Bilder in der Nachbearbeitung bewusst etwas heller belichtet und leicht entsättigt, um den Moment kurz nach dem Aufwachen nachzuempfinden: Wenn die Augen gerade erst offen sind, wenn das Licht noch etwas zu hell ist und sich alle Farben und Dinge erst wieder einfinden müssen.

Von Laura

(Neuseeland, 24. September bis 6. November 2015)

PS: Wer unsere Lieblingscampingplätze (und Wanderhütten!) in Neuseeland kennenlernen möchte, folge bitte diesem Link.

Abschied von Neuseeland

Von Queenstown nach Christchurch: Berge, Pinguine, Ruinen. 6 Wochen in Neuseeland – das klingt nach viel Zeit. Wenn man aber wie wir ein bisschen zu lange auf der Nordinsel bleibt, zu viele Regentage im Hostel chillt, zu viele Mehrtageswanderungen aufnimmt, die immer noch einen Ruhetag danach erfordern – dann, aber eigentlich immer, ist es nicht genug Zeit. Konkret für uns nicht genug für die Südspitze der Südinsel, für Milford Sound und Fjordland.

Die Gegend mit dem Kino-Look

Nach unserer Wanderung zum Rob Roy Gletscher machten wir uns direkt auf den Weg nach Queenstown. Die Sonne schien, die Luft war klar, die Aussichten beim Fahren sagenhaft. Mal säumten trockene Graslandschaften die Hügel links und rechts der Straße, mal blickten wir bergab auf Seen, Felder und Städte, umrahmt von Bergen. Wir hielten in Arrowtown, weil es dort alte Fassaden auf der Hauptstraße gibt, die ein bisschen Siedlerflair verströmen, aber vor allem, weil hier am Arrow Fluss die Szene aus „Herr der Ringe“ gedreht wurde, in der Frodo und Arwen den Fluss überqueren, bevor sie die Nazgul in einer reißenden Strömung untergehen lässt. Ob ich die richtig Stelle gefunden habe? Keine Ahnung. Aber in Neuseeland, und vor allem auf der Südinsel, sieht eh alles nach Szenen aus der Triologie aus.

Pünktlich als wir in Queenstown ankamen, wurde das Wetter schlechter. Die Stadt ist voll von Menschen in Outdoorjacken und mit Outdoorgeschäften, die das entsprechende Equipment oder Abenteuertouren verkaufen. Wir fuhren hinauf zum Moko-See auf den Zeltplatz, auf dem außer uns nur wenige Camper standen. Bei klarer Sicht spiegeln sich die Berge im See, an diesem Tag aber hingen die Gipfel in den Wolken (oder umgekehrt?). Es war windig, kühl und regnete immer wieder. Wir kochten wettergeschützt in unserem Van, zum Frühstück (und bei gleichem Wetter) suchten wir uns lieber ein gemütliches Café in der Stadt.

Das Wetter hielt auch noch an, als wir uns auf dem Weg zur Ostküste machten, als wir einen Blick auf den Kawarau-Fluss warfen, den die Gefährten mit dem Kanu befahren und wo man sich von einer Brücke am Bungee-Seil hinabstürzen kann, und selbst als wir in Palmerston in der Touristeninfo Tipps für die Moeraki-Boulders einholten. Erst als wir auf dem gleichnamigen Holiday Park in Hampden angekommen waren, wurde es besser. Er ist eines der Zeltplatz-Highlights, die wir ohne die App Wikicamps wohl nicht gefunden hätten: direkt am Strand, mit gemütlichen Aufenthaltsräumen, der besten Dusche seit langem´und netten Besitzern, die klasse Tipps für die Umgebung mit uns teilten.

Der Strand mit den Murmeln

Neben den berühmten runden oder halbrunden Steinen am Strand, den Moeraki-Boulders, die zehn Jahre lang auf einer Postkarte unseren Kühlschrank geziert hatten, sind es kniehohe, watschelnde Wesen, die man hier in freier Wildbahn beobachten kann: Pinguine. Um genau zu seien sind es Gelbaugenpinguine, die auf der Liste gefährdeter Arten stehen. Seit Anfang der 1990er ein verletzter Pinguin am Katiki Point Leuchtturm aufgefunden wurde, kümmern sich Freiwillige dort um kranke oder verletzte Tiere. Den Pinguinen scheint die Halbinsel so gut zu gefallen, dass sie freiwillig zurückkehrten und jetzt sogar als Brutstätte nutzen. Außerdem leben auch Robben und vielerlei Vögel an der felsigen Küste.

Die witzigste Szene, die wir beobachteten, war folgende: Ein Pinguin stand auf der Wiese in der Sonne. Als wir uns näherten, scheuchten wir einen Hasen auf. Der wollte in sein Loch schlüpfen, aber der Pinguin war ihm im Weg. Und offenbar mochte der den Hasen nicht besonders. Also hackte er mit dem Schnabel auf ihn ein, bis dieser einen anderen Weg fand und davoneilte…

Gelbaugenpinguine sind ansonsten relativ entspannte Gesellen, und sie hier ungestört – und nicht im Rahmen einer Tour – zu sehen, war eine äußerst angenehme Überraschung. Umso wichtiger, dass die Besucher sich anständig benehmen – keinen Müll liegen lassen und die Tiere nicht stören. Außerdem kann man den Verein unterstützen, der sich um das Reservat kümmert: Penguin Rescue.

Die Moeraki-Boulder sind übrigens nur bei Ebbe zu sehen. Vom Zeltplatz läuft man eine halbe Stunde den Strand nach Süden – oder parkt direkt bei den Steinen, wo es auch ein Café gibt. Das bemerkenswerte an den Moeraki-Bouldern ist ihre Form – sie sind nahezu perfekt rund. Die Murmeln rollen regelmäßig aus dem weichen Erdboden in den Dünen. Manche zerbrechen, manche sinken in den Sand ein. Wie sie entstanden sind – und vor allem, warum sie rund sind, ist schwer zu verstehen und noch schwerer zu erklären. Jedenfalls lagerten sich vor rund 60 Millionen Jahre Sedimente auf dem Meeresboden ab. Nachdem sie sich verdichtet hatten, begannen sich – so eine Schrift der Uni Kiel – die Kalzium- und Karbonat-Ionen auf ein gemeinsames Zentrum zuzubewegen. Um diese Mitte entstanden somit nach und nach Kugeln aus festerem Material. Nachdem sich die Erde anhob, wurden sie von Erosionskräften an der Küste allmählich freigelegt. Heute sind sie ein beliebtes Fotomotiv. Mit ein bisschen Glück sieht man – wie wir – auch noch die kleinen Hector-Delfine in den Wellen dahinter herumspringen, die an der Ost- und Westküste der Südinsel heimisch sind.

Die Stadt mit dem leeren Ecken

Stellt euch einen Ort vor, der nur aus Bordsteinen und Fußwegen besteht. An ihrem Verlauf kann man noch erkennen, wo einst Häuser standen. Jetzt ist da grüne Wiese oder ein Parkplatz. In die Gebäude, die noch stehen, kann man hineinlugen – sie sind wegen Einsturzgefahr gesperrt. Manchmal sind es nur noch steinerne Fassaden, von Balken gestützt, die Etagen fehlen. Manche waren Hotels, öffentliche Gebäude, eine Kirche. Ein bisschen erinnert die Stadt an Pompei – mit fast zwei Jahrtausenden Unterschied in der Architektur. Beide wurden von einer Naturkatastrophe zerstört: Pompei beim Ausbruch des Vesuvs 79 n. Chr., Christchurch beim Erdbeben 2011.

Es ist eine Sache, davon in den Nachrichten zu lesen, von dem Hauptbeben, das plötzlich und heftig zur Mittagszeit den Untergrund der 340.000-Einwohner-Stadt erschütterte, von den 185 Toten, die es forderte. Eine andere Sache ist es, die Geschichte einer Freundin zu hören, deren Nachbarhaus einstürzte und die sich vor Angst nicht bewegen konnte und Glück hatte.

Nochmal ganz anders war es, dort zu stehen, zwischen den leeren Ecken entlangzulaufen, durch Absperrzäune zu späen und das Ausmaß zu begreifen. Chch’s Einwohner aber versuchen, die entstandene Leere in der Innenstadt zu füllen: Mit Bänken, Gärten, Kneipen. Mit Kunst an den Wänden und davor. Und mit einem Denkmal: 185 leere Stühle, stehen dort, wo gegenüber der CTV-Tower stand – Bürostühle, Küchenstühle, eine Babytrage – ein weißer Stuhl für jeden Gestorbenen.

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Gleichzeitig drehten sich überall Kräne im Himmel über der Stadt, und in den weniger betroffenen Stadtvierteln fanden wir keine Anzeichen der Katastrophe. Das Leben in Christchurch geht weiter – und wie! An unserem letzten Abend in Neuseeland landete die Rugby-Nationalmannschaft auf dem Flughafen und ihre Ankunft wurde mit einem Feuerwerk gefeiert, das wir auch vom Zeltplatz aus sehen konnten. Dort kochten wir ein Resteessen und räumten unseren Camper auf.

Am nächsten Tag mussten wir ihn abgeben  – nach sechs Wochen – und ein Flugzeug besteigen, das uns nach Thailand bringen sollte. Nicht aber, ohne sich vorher mit dem Hausmeister des Zeltplatzes zu verquatschen, der mir noch folgendes mit auf den Weg gab: „Ihr könnt immer wieder kommen, solche wie euch können wir immer gebrauchen!“

Hier könnt ihr alle Beiträge über Neuseeland nachlesen.

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von Laura

(Neuseeland, Wanaka bis Christchurch, 2. bis 6. November 2015)

 

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