Der Koloss von Prora

Der Koloss von Prora

Das Reh sahen wir gleich am ersten Abend. Es war ein bisschen erschrocken, weil wir plötzlich in seinem Gebüsch auftauchten, und rannte davon. Aber an den nächsten Tagen und vor allem abends in der Dämmerung sollten wir es noch öfter zu sehen bekommen. Viele Menschen schienen außer uns jedenfalls nicht hier unterwegs zu sein. Hier, zwischen dem kilometerlangen Sandstrand von Binz bis Sassnitz auf der Insel Rügen und dem fast ebenso langen Koloss von Prora.

Für Kraft-durch-Freude-Urlauber gebaut

Auf einer Länge von etwa 7 km sollte hier zu Zeiten des Nationalsozialismus ein Seebad entstehen – für den gleichgeschalteten Urlaub von bis zu 20.000 Personen. Insgesamt waren in Deutschland fünf solcher Bauwerke geplant, jedoch wurde nur dieses fertig – und auch das nur teilweise. Vorher brach der 2. Weltkrieg aus und die Nazis nutzten Teile des Komplexes zur Ausbildung ihrer Scherken. Nach Ende des Krieges wurden einige Gebäude zur Baustoffgewinnung abgerissen, andere als Kaserne für die NVA genutzt. Mittlerweile steht der Koloss unter Denkmalschutz und ist bis dato zusehends verfallen. Das Interesse an der Geschichte und den Gebäuden selbst scheint aber ungebrochen. Gerüste schmücken derzeit einige Abschnitte, andere werden sogar noch oder wieder benutzt. Museen, Restaurants, eine Disco, Ausstellungen sowie Galerien und sogar eine Jugendherberge finden sich hier. In einem anderen Teil entstehen Eigentumswohnungen, zwei Drittel davon sollen immerhin schon verkauft worden sein. Im Sommer 2013 war das Licht aus der Musterwohnung aber das einzige, was die wenigen Spaziergänger abends sehen konnten (und uns einen ziemlichen Schreck einjagte, bevor wir von den Bauarbeiten wussten).

Eher zufällig auf einem Zeltplatz in der Nähe gelandet, nutzten wir einige Tage zur Erkundung des gigantischen Bauwerkes. Alles daran schreit einem die Überheblichkeit des extremistischen Systems der Nazis ins Gesicht: Die schiere Länge des Komplexes, die ewigen Gänge im Inneren, die überdimensionierten Treppen zu den Dünen, die statt von tausenden Urlaubern nun von Gebüschen, Sträuchern und eben Rehen belebt sind. Dahinter stehen nur einige Kiefern, dann folgt ein nahezu endloser, feiner Sandstrand. Blick aufs Meer dürften also fast alle Zimmer haben. Was wir uns trotzdem immer wieder fragten: Wer möchte sein Zuhause in einem solchen Bauwerk haben? Zwar kann man alles sicher sehr schön ausbauen, jedoch sind die Gemäuer trotzdem von einem fragwürdigen Schleier seiner dunklen Vergangenheit umgeben. Bis der gesamte Komplex und die ihn umgebenden Flächen in irgendeiner Form heimelig wirken, wird die Ostsee wohl noch eine ganze Menge Wellen an den Strand von Prora schicken.

Der Koloss bei Tag und Nacht

Am ersten Tag, den wir auf der Insel verbrachten, konnten wir erst abends einen Blick auf das monströse Bauwerk werfen, was uns beiden nicht ganz geheuer war. Es ist ja an sich schon recht seltsam, abends oder nachts am Urlaubsort anzukommen. In der Dunkelheit ist es schwierig, sich heimisch zu fühlen. Das Wissen um einen alten Nazibau in der unmittelbaren Nähe war da auch nicht sehr zuträglich. Wir standen an einem Ende des Komplexes. Hinter uns die letzten Straßenlampen von Prora, vor uns kilometerlange leere Häuser, kein Licht, kein Geräusch, nur diese riesigen stillen Fensterfronten… Am folgenden Tag wanderten wir einen Teil des Gebäudes ab. Erstaunlicherweise war das komplette Areal nicht sonderlich mühevoll gesichert. Kein Bauzaun, keine Absperrbänder, nichts. Es stand einfach so da! In seiner bedrohlichen und nicht enden-wollenden Länge. Und nach kurzer Zeit winkte sie uns zu: Eine offenstehende Tür! Natürlich wollten wir einen kleinen Blick hinein werfen. Drinnen sah es ähnlich aus, wie wir es aus vielen leerstehenden Gebäuden kennen: Unzählige mehr oder minder stümperhafte Graffitis und kaputt geschlagenes Interieur. Imposant waren aber die 500m langen Gänge, welche auf jeder Etage zu den ehemaligen Ferienzimmern führten (nur ein winziges Zimmer war pro Familie vorgesehen, wie wir später im Museum erfuhren). Blümchentapeten verrieten, dass wir uns wahrscheinlich in einem noch zu DDR-Zeiten genutzten Abschnitt befanden. Abgesehen davon und einigen falschen antiken Säulen sind es innen wie außen Bauwerke ohne Schnörkel, ohne Gemütlichkeit oder Extravaganz. Ganz so, als sollte die Größe allein für sich sprechen. Die äußeren Ausmaße stellen die hanebüchenen Auswüchse der nationalsozialistischen Ideologie beispielhaft und ziemlich anschaulich dar. Ein Projekt, so größenwahnsinnig wie alles, was die Nazis anfingen. Eine Vorstellung davon sollen unsere Fotos vermitteln.

(Ein Gemeinschaftsprojekt von Christoph Schaarschmidt und Laura Kaiser)

Werbung

0 Comments on “Der Koloss von Prora

Was denkst du? What do you think?

%d Bloggern gefällt das: