Von der Kirche zur Turnhalle

Roadtrip CZ Teil I

Aufgegebene religiöse Gebäude in Tschechien, Teil 1

Wir halten neben einem abgesperrtem Areal irgendwo mitten in Tschechien. Schilder am Zaun bedeuten uns, das Gelände nicht betreten zu dürfen. Ein Zugang ist dennoch schnell gefunden und ich scherze noch: „Hoffentlich wohnt hier keiner mehr!“ Kurz darauf hören wir Stimmen. Im Treppenhaus wurde vor kurzem ein Lagerfeuer gelöscht, ein Tisch, Geschirr und ein mit Decken abgetrennter Bereich befindet sich direkt daneben. „Hätt‘ ich doch nich so eine große Fresse gehabt!“, denke ich mir. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich große Lust umzukehren, aber wir gehen weiter in den Gebäudekomplex. Erst später wurde mir klar, dass die Menschen – die wir zwar nicht treffen, aber von denen wir ahten, dass sie da sind – mehr Angst vor uns gehabt haben müssen, als wir vor ihnen. Schließlich waren wir die Eindringlinge.

Bei dem Gebäude hinter dem Zaun handelt es sich um ein ehemaliges Kloster. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg wurde es für den Orden der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz erbaut. Bis zu 1200 Kinder wurden hier unterrichtet, bis die Schwestern nach dem Krieg aus dem Ort vertrieben wurden. Das Kloster diente darauffolgend als Internierungslager für Deutsche und später als Kaserne für den tschechischen Grenzschutz. Während dieser Zeit wurden viele Umbauten vorgenommen, welche dem religiösen Charakter des Gebäudes nicht sonderlich dienlich waren. In das Hauptschiff der Kirche wurde kurzerhand eine riesige Mauer eingezogen, um sie zur Turnhalle umzufunktionieren. Seit den 90er Jahren bis zum heutigen Tage verfiel das Gebäude zusehends. Sowohl das Innere als auch das Äußere glichen einer Müllhalde. Augenscheinlich ist dieser Ort nicht nur Lebensraum, sondern auch Austragungsort überschwellender Zerstörungswut, fröhlichem Beisammenseins, wilden Saufgelagen und Paintball-Wettkämpfen. Wobei letzteres in dieser Location wahrscheinlich sehr viel Spaß macht.

Die Faszination, die von verlassenen Gebäuden ausgeht, ist schwer zu beschreiben. Am ehesten kommt es wohl dem Öffnen eines Päckchens mit unbekanntem Inhalt gleich. Man muss einfach wissen, was sich darin befindet. Zwar hab ich mich selbst auch schon oft in leerstehenden Gebäuden herumgetrieben, aber nichts kam dem gleich, woran ich am vergangenen Wochenende teilhaben durfte. Das Kloster sollte dabei nur der erste Teil unserer Reise sein, bei der ich einen kleinen Einblick in die Szene der Urbexer bekommen konnte.

0 Comments on “Von der Kirche zur Turnhalle

  1. Cooles Teil mit schönem Verfall und so wie es aussieht ohne Graffitis ! Überschwellende Zerstörungswut sieht anders aus 😉
    Gruß
    Stefan

    • Jetzt wo du es erwähnst. Die nichtvorhandenen Graffitis sind mir vor Ort gar nich aufgefallen! Vor allem nicht negativ 😉

  2. Tolle Einblicke! Schade, dass so was verfällt und zugemüllt wird.

    Die Fotos an sich finde ich auch gut gemacht. Wirken schön natürlich (solche verfallenen Orte sehe ich sonst meist nur in Verbindung mit HDR-Tonemapping-Vergewaltigungen…).

    Danke für’s Zeigen!

    Viele Grüße

  3. Die Photos sind eindrucksvoll, fast zu schön für den schon weit fortgeschrittenen Verfall. Traurig, das so etwas nicht erhalten wird!

  4. Pingback: Die Geister der Vertriebenen | bildbeilage

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