Die Geister der Vertriebenen

Die Geister der Vertriebenen

(Fast) Aufgegebene religiöse Gebäude in Tschechien, Teil II

Der Besuch des verlassenen Klosters hatte uns schon tolle Motive beschert, aber das Hauptziel unseres Ausfluges sollte erst noch kommen. Die Aufregung bei mir und meiner Reiseleitung stieg merklich. Mehrere Monate hatte es gedauert, den Ort ausfindig zu machen. Ich war mehr oder weniger völlig ahnungslos und hatte kurz zuvor lediglich ein paar Bilder der sogenannten Geisterkirche im Internet gesehen. So fängt die Vorbereitung zumeist auch an: Man sieht ein Bild, treibt sich in Foren herum und irgendwann erhält man eine Adresse. Denn diese veröffentlichen viele Urbexer nicht ohne Weiteres.

Bei der Fahrt durch die grenznahen Gegenden fielen uns die unzähligen herrenlosen Gebäude, verfallenen Kirchen und überall auch deutsche Schriftzüge an den Häusern auf. Der Landstrich ist geprägt von einer schier endlosen Geschichte von Zuwanderung, Vertreibung und Besitzanspruch. Früher war das gesamte Gebiet gleichermaßen Heimat für Tschechen und Deutsche. Nach dem Ersten Weltkrieg bildete sich aber ein andauernder Konflikt heraus, welcher seine beiden Höhepunkte zuerst in der Besetzung des sog. Sudetenlandes und nach dem Zweiten Weltkrieg in der Vertreibung der Deutschen fand. Zurück blieben viele der besagten kulturellen Gebäude, um die sich mittlerweile jedoch niemand mehr zu kümmern vermag.

Die Geisterkirche unterscheidet sich jedoch von den typischen Zielen der Urban Explorer. Und zwar ist ein Besuch – im Gegensatz zum oft illegalen Betreten anderer leerstehender Gebäude – durchaus erwünscht. Die Geister in der kleinen und halb verfallenen Kirche sind Teil mehrerer Kunstinstallationen in der Region, welche von Dozenten und Studierenden des Instituts für Kunst und Design der Westböhmischen Universität in Pilsen erarbeitet worden sind. Im Zuge des Projektes „Land Art“ werden an diesen Orten im Jahr 2015 auch viele Veranstaltungen stattfinden, denn dann ist Pilsen Kulturhauptstadt Europas.

Bis dahin werde ich aber den Codex befolgen und den Ort der „Church of Ghosts“ nicht preisgeben. Denn in jedem „Besuch“ steckt auch ein „suchen“! Und das ist es in jedem Falle wert! Ich hoffe, ich habe dem Ort damit nicht zuviel von seiner mystischen Aura entrissen. Auf unserem Weg fiel mir jedoch ein weiteres Mal auf, wie wenig wir über unseren direkten Nachbarn wissen – böhmische Dörfer sozusagen! Auch die sprachlichen Kenntnisse reichten leider nur für ein bescheidenes „Dobrý den!“. Daher finde ich das Kunstprojekt eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich der Geschichte unserer beiden Länder bewusst zu werden.

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