Bernsteinzimmer.

Die glückliche Wendung einer Tragödie. (Ja, zum Beginn einer Weltreise darf man schon ein Mal pathetisch werden.)

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Bernstein, mindestens 20 Millionen Jahre alte, fossile Harzklumpen, in Sedimenten eingelagert und schließlich an den Strand der Ostsee gespült, gehört zu den Dingen, die ich schon immer unbedingt finden wollte. Und ich war oft an der Ostsee. Wann immer ich etwas bernsteinfarbenes fand, wurde es genau inspiziert. Immer waren es nur Steine. Einmal am Weststrand der Halbinsel Darß, ungefähr mit 14 Jahren dürfte das gewesen sein, hatten meine Mutti und ich einen leichten, orangenen Klumpen gefunden. Bestimmt nur Müll, dachten wir und ließen ihn liegen – um kurz darauf im Bernsteinmuseum zu erfahren, dass es vielleicht doch einer gewesen sein könnte, ein ziemlich großer noch dazu. Auf Sylt dachte ich viele Jahre später auch, kleine Fitzelchen „Gold des Nordens“ erspäht zu haben (man laufe dazu mit gesenktem Kopf den Strand entlang und achte auf die angespülten Ränder aus Muscheln, Knochen und „Strandmüll“, wie Christoph es nennt), doch mein Portmonee hatte ein Loch und sie verschwanden auf Nimmerwiedersehn. Rügen, 2013: Wieder kein Bernstein. Dafür allerlei Versteinertes, Donnerkeile und ein Seeigel. Es war also nicht so, dass es an meinen Fähigkeiten als ernsthafte Strandmüll-Sucherin lag.

IMG_0313Dann sahen wir vor unserer Abreise in einer Arte-Doku über das Baltikum, wie das geht, mit dem Bernstein-Finden: Man geht 1. morgens, 2. nach einem Sturm, 3. mit einem Kächer in die Brandung und fischt Algen heraus. Da Bernstein schwimmt, verfängt er sich darin und man braucht ihn nur noch herauszusammeln. Letztendlich war es aber doch viel einfacher: Am Strand von Leba, an der polnischen Ostseeküste, haben wir jede Menge Bernstein gesammelt. Ich habe ihn nicht mal gesucht, ich musste ihn nur aufheben.

IMG_0305Dunklere, helle, klare und matte Stücke waren darunter. Auf dem Rückweg von der Mole, auf der wir den Sonnenuntergang gucken wollten, sammelten wir noch mehr davon. Und nach ordentlich windigem Regenwetter am nächsten Tag noch ein paar Klümpchen. Er ist wahrscheinlich nicht viel wert, für uns aber schon. Selbst gesammelt! Besser hätte unsere Reise gar nicht anfangen können. Bis zur letzten Sekunde davor war alles chaotisch. So viel war noch zu erledigen, Bürokratie-Kram, Packen, Aufräumen… Als mir am vorigen Freitag noch ein Arbeitskollege im Treppenhaus begegnete und fragte, ob wir denn noch gar nicht auf Weltreise seien, konnte er nicht ahnen, wie kurz wir tatsächlich davor waren, aufzubrechen. Denn Arbeitsbescheinigung abholen, Briefe verschicken und Straßenkarten kaufen waren meine letzten Tätigkeiten in Chemnitz, dann sind wir einfach losgefahren. An einem See bei Stettin legten wir auf einem schönen Campingplatz eine Pause für die Nacht ein (für unglaubliche 2,60 Euro), dann fuhren wir weiter ans Meer und dann kam schon das mit dem Bernstein. Jetzt sind wir überzeugt, dass das Bernsteinzimmer irgendwo vor der Küste dort versenkt wurde. Klarer Fall.

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Leba jedenfalls ist das, was man im Sommer Touristenhochburg nennen würde. Am Weg vom Strand zur Stadt reihen sich Campingplätze aneinander, dann folgen Bars, Imbisse, Delikatezy-Läden (so eine Art Tante-Emma-Laden) und Pensionen. In der Fußgängerzone und rings um den Hafen, der mit seinen Fischerbooten und niedrigen Backsteinhäusern wirklich hübsch ist, gibt es Postkarten, Sportkleidung, Muschelketten und Schiffstouren auf Piratenschiffen. Dazu allerlei Spielautomaten, Plastikpferde, Elektroautos zum Rennenfahren und ähnliches buntes, blinkendes Zeug. Jetzt aber, Anfang Mai, war von Touristen nur wenig zu sehen. Wenn wir abends vom Strand heimgingen, stellte ich mir vor, wie im Sommer auf den Verandas der Bungalows mit Geschirr geklappert werden würde, wie Kinder Federball dazwischen spielten und Erwachsene mit Rotwein anstießen. Jetzt war der große Platz verwaist. Viele Läden waren (noch) geschlossen, an allen Ecken wurde irgendwas geschraubt, gestrichen oder gleich ganz neu gebaut. Für uns hieß das: Den Strand fast für uns haben, und die Hauptattraktion beinahe auch. Dass Leba derart Anziehungskraft auf Urlauber ausübt, liegt sicher nicht nur an dem breiten, langen Sandstrand. Und sicher auch nicht am Dinosaurierpark (den wir leider, leider nicht besucht haben). Gleich nebenan befinden sich nämlich einige der größten Wanderdünen Europas. Sie überragen den Wald daneben und verschlucken auch immer wieder Bäume, haben auch schon ein ganzes Dorf verschwinden lassen. Dorthin radelt man etwa eine Stunde gemütlich (wären die Sattel nicht so hart) durch den sumpfigen Wald, der mit dem benachbarten Leba-See, wo laut unserem Reiseführer die Doppelschnepfen hausen, und den Dünen zum Slowinzischen Nationalpark gehört. Dann tritt man aus dem Grün und steht vor dem größten Berg aus Sand, den man je gesehen hat. Jedenfalls, wenn man wie wir noch nie in der Wüste war. Sehr beeindruckend das Ganze und sehr witzig, danach die Dünen in großen Schritten runterzuspringen.

0 Comments on “Bernsteinzimmer.

  1. hallo 🙂 ganz großes kino! ihr müßt mir unbedingt verraten wie das geht das ihr die bilder so anordnet. daran verzweifle ich regelmäßig. p.s. bernstein!!! urlaub in polen ist gebongt! liebste grüße aus malaysia :xx

    • Bis dahin haben wir alles aufgesammelt 😉 und das gibts in der Galerie-Funktion. Nennt sich tiled mosaic.

  2. Ach wie schön! Und der Bernstein! Und die Düne! Und das Meer! Und wie toll es geschrieben ist. Aber vor allem: Was sind das denn für hammergeile Handschuhe? Die will ich auch haben! 😀
    Viel Spaß euch, genießt es und ich hoffe, es kommen noch ganz viele Berichte 🙂

    • Danke, wir werden uns bemuehen 😉 Die Handschuhe gehoeren zu Haaasis Roadtrip-Accessoires. Es gibt sogar noch ne Lederhaube und ne Brille 🙂

      • Wie cool! Davon hätte ich irgendwann auch mal gern ein Foto 😀 Vielleicht fügt sich das mal gut in die raue Schönheit des Baltikums ein 🙂

    • Hörn uns grad den song an, nur leider bei gewitter im aufenthaltsraum und nicht ihm auto. würde gut passen 🙂

  3. Hallo,
    schön mal wieder was neues zu sehen. Schöne Bilder und Eindrücke!
    Weiter so und vor allem weiterhin viel Spaß!

    Viele Grüße
    Christian

    PS: Erkenne ich da in manchen Waldbildern den leicht quirligen Stil ein Zeiss-Biotar- bzw. Helios-Objektives?

    • Vielen Dank! Und sehr gut erkannt 🙂 es ist das Helios und das Lieblingsobjektiv von Laura, die sich grad sehr freut, dass das jemand zu schätzen weiß 🙂 darüber gibts auch bestimmt mal einen extra Beitrag. Also über günstige objektiv alternativen 😉

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