Bunker, Nazis, Holocaust

Schon bei unseren vergangenen Reisen standen auf unserem Programm sehr oft Gedenkstätten, historische Gebäude oder Museen. Bei Reisen durch Europa ist die Geschichte eines jeden Landes auch unweigerlich mit der deutschen verbunden. Bei den Masuren in Polen und in der Hauptstadt Litauens besuchten wir zwei sich thematisch sehr nahestehende Orte. Beispiele für gelungenen und gänzlich mißlungenen Umgang mit der Geschichte des Dritten Reiches.

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Kerzen in Paneriai

Die erste der beiden Gedenkstätten liegt inmitten des wunderschönen Gebietes der masurischen Seenplatte. Dort befand sich zu Zeiten des 2. Weltkrieges eines der Führerhauptquartiere Adolf Hitlers: die Wolfsschanze. Hier standen Gefechtsstände und Bunker einiger der ranghöchsten Offiziere der Nazis. Außerdem trug sich hier auch das berühmte Attentat auf Hitler, hauptsächlich durchgeführt von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, zu. Dies ist aber auch im Prinzip schon das Einzige, worüber man in dem riesigen, von der Wehrmacht kurz vor Einmarsch der Russen zerstörten Komplex erinnert wird. Ansonsten bleibt alles gänzlich unkommentiert und lädt somit munter zu einer völligen Verklärung des „Mythos Hitler“ ein. Auf dem Parkplatz fielen uns auch schon erste unliebsame Elemente auf: sehr kurze Haare, Lonsdale-Pullover, vermutlich eine 88 im Kennzeichen und einen „Todesstrafe für Kinderschänder“-Aufkleber an der Heckscheibe. Um den Gedenkstein zu Stauffenberg können sie ja getrost herumwandern und darüber philosophieren, dass das hier ja alles eigentlich zu Deutschland gehört.

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Der Bunker, in dem Stauffenberg die Bombe platzierte

Am anderen Ende des Geländes, in der Nähe des ehemaligen Hitlerbunkers befindet sich dann doch tatsächlich auch ein Schießstand, an dem man vermutlich mit Luftgewehren gegen die Zahlung von 5 Zloty herumballern kann. Aus welchem Grund sollte an diesem Ort noch irgendwer auf irgendetwas schießen? Was stellen sich die Schützen, die das Angebot annehmen, denn vor, worauf sie schießen? All diese Fragen werden uns wohl unbeantwortet bleiben, da wir mit fragenden Gesichtern an dieser kuriosen Attraktion vorbeigingen. In weiteren Anlagen sind Überreste von Lagerfeuern und Saufgelagen sichtbar, was an einem Bunker außerhalb des Museumsgeländes noch durch stolze Wir-waren-hier-Inschriften und Hakenkreuze gesteigert wurde. Wahrscheinlich nächtliche „Gäste“ vom Campingplatz nebenan, von dem wir uns gerne fernhielten.

Mittlerweile hat sich die Natur den Bunkerkomplex zurückerobert. Die zerbrochenen Überreste sind überwuchert und bewachsen. Außerdem fand die seltene Mopsfledermaus hier ein neues Zuhause – dies verrät eine der beiden einzigen Tafeln im ganzen Gelände – wenigstens etwas Gutes ist dem Gebiet also abzugewinnen. Wir sind uns beide einig, dass hier noch eine ganze Menge geschehen muss, damit von den jährlich etwa 200.000 Besuchern die mit den besonders kurzen Haaren und dem geringen Horizont wegfallen.

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Inzwischen überwuchert die Natur die Bunker

Aber wie könnte man es richtig machen? So, dass die Erinnerung wirklich schmerzt? Das erfuhren wir ein paar Tage später in Vilnius. Auf unserer Weiterfahrt von der litauischen Hauptstadt Richtung Kaunas machten wir einen Zwischenstopp an der Gedenkstätte von Paneriai. Hier wurden von 1941 bis 1944 etwa 100.000 Menschen von den Nazis ermordet. Unter ihnen hauptsächlich Juden, viele Polen und Russen, Männer, Frauen, Kinder. Die Sowjets wollten zuvor in dem Waldgebiet Treibstoffdepots errichten, konnten diese aber nie fertigstellen. Die riesigen Gruben im Wald, die Nähe zu den Bahnlinien, die Abgeschiedenheit und doch relative Nähe zum „Wilnaer Ghetto“ machten den Ort zu dem, was er nun ist: ein Beispiel unvorstellbarer Grausamkeit. Man wandert vorbei an den vielen Gedenksteinen, die hier mittlerweile errichtet wurden, und hört das Dröhnen der Züge auf den benachbarten Bahnschienen, mit denen damals die Todgeweihten in Massen herangekarrt wurden. Sind das die Gräben, in denen die Menschen sich in einer Schlange anstellen mussten, um auf ihren Tod zu warten? Sind das womöglich die selben Bäume, gegen die SS-Soldaten die Köpfe kleiner Kinder schleuderten, um Munition zu sparen?

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Einer der künstlichen Krater im Wald bei Vilnius

Im kleinen Museumsgebäude erfährt man viel über die Opfer und Beteiligten. Zu jedem Getöteten gehörte ein kleiner Zettel mit Name, Vorwurf und Strafe. Aufgrund der schieren Anzahl wurde die Texte im Laufe der Zeit immer kürzer. Meistgenutze Abkürzung auf den kleinen Kärtchen: b.b. – „befehlsgemäß behandelt“. Augenzeugenberichte der benachbarten Einwohner zeugen von Fassungslosigkeit und einer Art Schockstarre hinsichtlich der Schüsse aus dem Wald, denn auch die Bevölkerung musste unter Androhung härtester Strafen vielerlei Anordnungen befolgen. Verriet jemand Ortsfremde nicht an die deutschen Besatzer, drohte ihm selbst die Todesstrafe. Grausam auch die Berichte der Geflohenen, ganze elf hatten es geschafft. Sie gehörten zu einer Einheit, deren Aufgabe es war, die Toten auszugraben und zu verbrennen, damit nichts an die deutschen Verbrechen erinnert. Schon ahnend, dass es von Absatz zu Absatz schmerzlicher wird, haben wir dennoch weitergelesen. Nicht, weil wir, fast die einzigen Besucher, es mussten, sondern es uns ein inneres Bedürfnis war, alles zu erfahren von diesem Ort, den wir vorher nicht einmal namentlich gekannt hatten.

Oft heißt es, das sei ja alles lange her – ziemlich genau 70 Jahre – aber nach einem Besuch eines Ortes wie Paneriai bekommt man wieder ein Gespür dafür, wozu Menschen fähig sind. Von „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber…“ bis zum wahllosen Töten von Unschuldigen ist es ein gewaltiger Schritt, aber genau so hat es damals angefangen. Paneriai verlassen wir – im Gegensatz zur Wolfsschanze – vorerst sprachlos.

 

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0 Comments on “Bunker, Nazis, Holocaust

  1. Super Bericht. Eben noch etwas über Verdun gelesen und nun das hier. Im TV kommt Europawahl und Ukraine und hier die Vergangenheit.
    Tolle Fotos auch, die Schnecke hat es etwas geklockert und mich auch.
    Ich bin schockiert und beeindruckt zugleich. Ein Schießstand, wie abgefahren.

    • Vielen Dank! Der Bericht über Verdon steht nicht zufällig in der GEO-Epoche? Die les ich nämlich gerade 🙂 Liebe Grüße, mittlerweile aus Lettland

      • Nein der war hier aus einem der Blogs dem ich folge, ebenfalls ein Besuch der dortigen Stätten. Sozusagen fast ‚live‘.
        Dann mal gute Weiterreise!

  2. ich bin verblüfft wie sehr sich unsere erlebnisse mit euren ähneln. auf unserer kleinen tour durch kambodscha haben wir auch einige gedenkstätten zu den greueltaten der khmer rouge besucht. bei einem der größten killingfields bei phnom penh gibt es nebenan auch einen schießstand, wobei man da allerdings auch mit panzerfäusten rumballern dürfte. was uns zu den selben fragen gebracht hat wie euch. ausserdem war das munitionssparen auch sehr ‚beliebt‘ (worauf ich nicht näher eingehen will). wir hatten das glück, dass einige der guides noch zeitzeugen waren. falls ihr die gelegenheit habt und euren südostasienaufenthalt verlängern könnt, leg ich euch das land sehr ans herz.

  3. Ein durchaus ähnliches Erlebnisse hatte ich 2011 auf der Halbinsel Hel.. Dort befinden sich alte Gemäuer, Bunker etc. des Batallion Schleswig. Auch hiert lebt die Erinnerungskultur-EU gefördert- mit Panzerausstellung und Schießbuden für Menschen von 0-99. Auch der Verkauf von Militaristika floriert da gut.

    Man lebt es irgendwie anders aus.

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