Vilnius, Stadt des Donners

Die litauische Hauptstadt empfängt uns mit einem Knall. Kaum sind wir auf dem Zeltplatz hinter der Messehalle – in der offenbar eine Metalband probt – angekommen, haben unsere Decke ausgebreitet und angefangen, Gemüse zu schneiden, zieht ein Unwetter auf, das sich gewaschen hat. Mit dem gerade noch fertig gewordenen Couscous-Salat flüchten wir ins Auto (ein Hoch auf den Faradayschen Käfig!), da geht es auch schon los. Blitze, Donner, das ganze Programm. Zum Glück ist es so schnell vorüber, wie es heraufgezogen ist. Es sollte nicht unser letztes Gewitter in Vilnius sein.
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Der nächste Tag beginnt sonnig und verspricht heiß zu werden. So weit wird es bis ins Zentrum nicht sein, denken wir, und laufen einfach mal los. Das Gute daran: Wir sehen mehr Facetten von Vilnius als Barock. Zunächst fühlen wir uns ganz wie zu Hause. Die Plattenbauten sehen aus wie in Chemnitz, ich glaube sogar, den Bautyp vom Brühl zu erkennen. Anders als bei uns sind die Häuser aber gut belegt, im Erdgeschoss sind tatsächlich Läden angesiedelt. Donuts gibts da, eine Apotheke, einen Antiquitätenladen, alles Mögliche eben. Ganz besonders wichtig scheinen Rosen im litauischen Alltag zu sein. An einer Gärtnerei gibt es gleich drei hölzerne Marktbuden, die einzelne weiße, gelbe oder rote Rosen verkaufen. Vor jeder steht ein Mann und kauft ein. Dann folgen auf die Plattenbauten einige moderne Glas- und Stahlbauten. Gegenüber entsteht gerade ein hochmoderner Wohn-Kauf-Büro-Kita-Komplex. Das Alles liegt an einer breiten und ewig-langen Straße, die genau in die Innenstadt führt. Nach und nach fallen uns immer mehr gut gekleidete Litauer auf. Nicht im Sinne von zwangsläufig teuer: Sie haben einfach Stil. Fast alle Frauen tragen lange, wallende Kleider oder knielange enge Röcke oder Businessoutfits. Ich habe mich selten so underdressed gefühlt wie in Vilnius. Den Neubauten folgen nun langsam immer mehr ältere Gebäude, und plötzlich blicken wir von einer Anhöhe auf die Türme der zahlreichen Kirchen der Altstadt.
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Uns ist irgendwie beiden nicht nach Museum, also schlendern wir einfach durch die schmalen Straßen. Vorbei an Cafés, Frozen-Yoghurt-Läden, kleinen Boutiquen und jeder Menge toller, barocker Bauwerke. Die meisten Häuser entlang der Straßen sind nicht mehr als zwei, drei Stockwerke hoch. Es fühlt sich so gar nicht nach Hauptstadt an, abgesehen von den vielen, jungen, hippen Menschen, die überall unterwegs sind. Dann betreten wir Vilnius‘ Prachtstraße, die zur Kathedrale führt, mit breiten Fußwegen, großen Shoppingcentern und Verwaltungsgebäuden. Auch die Kathedrale selbst ist riesig, das Besondere daran ist aber eher, dass der Glockenturm separat davor steht und im Inneren große Gemälde an den Wänden hängen. Von hier aus führt ein Weg den Hügel hinauf zu den Resten einer mittelalterlichen Burg, die einen Ausblick über den Großteil der Stadt bietet. Darunter liegt ein schöner Park, schon fast ein Garten mit Springbrunnen, Blumen, Tischen zum Schachspielen und Spielplätzen. Wir durchqueren ihn und erreichen das Künstlerviertel Uzupis mit – natürlich – Galerien, Kneipen (allerdings weniger als erhofft, jedenfalls gibt es hier nirgends Pommes!), bemalten Wänden und sogar einem eigenen bronzenen Schutzengel.
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Wir schlendern gerade zurück, um zwei Kirchen in Augenschein zu nehmen, die als gotisches Ensemble bezeichnet werden, da hören wir das erste Grollen aus den dunklen Wolken, die wieder recht plötzlich aufgezogen sind. Während die ersten großen Tropfen fallen, erreichen wir im Laufschritt die Bernhardinerkirche, die uns still und düster empfängt. Draußen beginnt es jetzt aus allen Eimern zu schütten. Eine Schulklasse und eine Frau mit Kinderwagen flüchten ebenfalls herein. Es blitzt und kracht im selben Augenblick. Ganz in der Nähe muss der Blitz eingeschlagen sein. Eine ganze Weile bleibt der Himmel dunkelgrau. Die Frau schiebt den Kinderwagen sachte vor und zurück und summt ein Lied, um ihr Kind zu beruhigen. Das Wasser läuft inzwischen die Kirchentreppen herein, eine große Pfütze hat sich in der Einganghalle gebildet. Ein Mönch und eine Aufseherin begutachten die Wasserlache, lassen die Türen aber offen. Irgendwann ist auch dieser Spuk vorbei.
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Bald kommt die Sonne wieder raus, das Leben in Vilnius geht weiter, als wäre nichts gewesen. Kellnerinnen wischen die Tische auf der Kneipenstraße in der Nähe ab, wir setzen unseren Weg fort – zum Rathausplatz, wo wir endlich unsere ersehnten Pommes bekommen und außerdem fritiertes Brot mit Käsesoße, ein leckerer Snack für zwei Euro. Das Tor der Morgenröte schauen wir uns noch an, außerdem, nachdem wir im Kreis gelaufen sind, die Straße, die ursprünglich durch das jüdische Viertel führte. In der Mitte gibt es eine breite, grüne Promenade mit Bänken, Cafés und Springbrunnen. So schön Vilnius an jeder Ecke ist, wir müssen langsam zurück zum Campingplatz. Noch einmal vorbei an den modernen Glasbauten und den sozialistischen Plattenbauten, noch einmal über die Brücke. Rund 20 Kilometer sind wir gelaufen, eine ganze Wanderung. Heiß ist es immer noch, die nächsten Gewitterwolken türmen sich schon auf. Doch dieses Mal fallen nur ein paar Tropfen, dafür verabschiedet sich die Stadt mit einem kompletten Regenbogen.
Unbenanntes_Panorama1(Litauen, Vilnius – 19. bis 21. Mai 2014)
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0 Comments on “Vilnius, Stadt des Donners

  1. Klasse-Bericht und schöne Fotos. Wie ist eigentlich das Preisniveau in der Stadt (verglichen mit Deutschland)? Und hatte der Glockenturm neben der Kathedrale eigentlich schon geöffnet?

    LG, Susy

    • Vielen Dank! Ich glaube, der war offen – wir waren jedenfalls nicht drin 😉 Von den Preisen her war alles (bis auf der Campingplatz) ein bisschen günstiger. Guten, billigen Kaffee gibt’s z.B. an den runden Imbiss-/Zeitungsbuden…

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