Berg der Kreuze

Schon während unseres Besuches im Cold War Museum baute sich am Horizont eine typische, bedrohliche Ambosswolke auf, welche wir auf der Strecke nach Šiauliai begleitet von Blitzen und Donner durchquerten. Nachdem wir uns einmal ganz besonders sinnfrei verfahren hatten, fanden wir schlussendlich doch noch unser ersehntes Tagesziel: den Hill of Crosses. Gleich neben der bekannten Sehenswürdigkeit befindet sich ein sehr idyllischer Campingplatz. Holzfiguren, Sauna, ein kleiner See. Zwar war leider kein offizieller Mitarbeiter anzutreffen, doch die beiden Gärtner – zwei sehr trollige Erscheinungen – leiteten trotz erheblicher Verständigungsschwierigkeiten alles in die Wege, um danach weiter zu saunieren und zu angeln. Während des Abendessens regnete es noch, aber in der Ferne waren schon wieder die ersten Sonnenstrahlen zu sehen, die nun den Berg der Kreuze in ein wundervolles Licht tauchten.

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Da baut sich etwas auf…

Die kleine Anhöhe existiert wohl schon seit Jahrhunderten, war mal eine Befestigungsanlage und bekam erst später eine religiöse Bedeutung, verriet uns Wikipedia, denn die Touristeninformation hatte schon geschlossen. Über den Ursprung des Berges gibt es mehrere Legenden, schlussendlich hat irgendwann mal jemand ein Kreuz auf den kleinen Hügel aufgestellt und damit hat alles begonnen. Im 19. Jahrhundert rebellierten Polen und Litauer gegen die russische Herrschaft, was blutig niedergeschlagen wurde. Für die Verstorbenen wurden daraufhin weitere Kreuze aufgestellt. Der Berg umfasste damals etwa 400 davon. Während der russischen Herrschaft im 20. Jahrhundert wurde der Berg zunehmend Ausdruck politischer Rebellion. Ehemals Deportierte gedachten ihrer verstorbenen Kameraden. Die vergeblichen Versuche, den Berg mit Bulldozern niederzufahren, wurden nur mit noch mehr Kreuzen beantwortet. Nach der Unabhängigkeit Litauens wurde der Ort wieder zum Ziel für Pilger aus aller Welt. Die Uni von Vilnius hat einmal den Versuch unternommen, alle Kreuze zu zählen, kapitulierte aber bei 50.000. Mittlerweile müssen es wohl Millionen von ihnen sein.

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Nähert man sich dem Berg, fallen einem immer mehr und immer kleinere Kreuze auf. Jeder darf hier sein eigens Kreuz aufstellen, meist verbunden mit einem Wunsch, einer Bitte oder Danksagung. Auch die dazugehörigen Geschichten sind teilweise hinterlassen worden. Für mich war der Ort etwas Besonderes, denn anders als bei religiösen Kathedralen, Kirchen oder Prachtbauten strahlt der Berg der Kreuze etwas sehr Persönliches aus. Keine religiöse Obrigkeit oder irgendein Orden hat ihn errichtet, sondern die Gläubigen selbst haben diesen Ort zu dem gemacht, was er ist.

von Christoph

Litauen, 25. bis 26. Mai

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