Die Häuser von Riga

Heute weht die lettische Flagge im Innenhof des ehemaligen KGB-Hauptquartiers.

Heute weht die lettische Flagge im Innenhof des ehemaligen KGB-Hauptquartiers in Riga.

In diesem Jahr ist die baltische Metropole europäische Kulturhauptstadt. Viele der über 200 Veranstaltungen erlauben einen Blick ins Herz der Letten – und manche in dunkle Ecken.

Als Lettland sowjetische Republik war, erzählte man sich in Riga einen Witz über ein Haus, wie es in der Hauptstadt eigentlich viele gibt: ein Eckhaus, fünf Stockwerke hoch, mit Läden im Erdgeschoss und Balkonen zur Straße raus. Er geht so: „Welches Haus ist das höchste in Lettland? Das Gebäude an der Ecke – weil man von hier bis nach Sibirien schauen kann!“ Jetzt wird er wieder erzählt – den Letten und Touristen aus aller Welt, die das ehemalige KGB-Hauptquartier, im Volksmund „das Gebäude an der Ecke“ genannt, besichtigen. Vor allem in der sowjetischen Besatzung von 1940/41 wurden in diesem Eckhaus Unzählige von der damals Cheka genannten sowjetischen Staatssicherheit verhört, nach Sibirien verbannt oder erschossen. Die Familien wurden nicht informiert. Wer Angehörige vermisste, konnte am Eingang an der Ecke nur eine schriftliche Anfrage in eine anonyme Holzbox werfen, die heute noch hier steht. Ab 1944 richtete sich das Augenmerk auf Widerstandskämpfer, vermeintliche Nazi-Kollaborateure oder Antikommunisten. Seit der Unabhängigkeit 1991 nutzte die Polizei das 1912 erbaute ehemalige Wohnhaus – bis 2008. Dann stand es leer, soll aber Drehort für die britische Verfilmung von „Hunde von Riga“ der Wallander-Krimireihe gewesen sein. Nun, da Riga in diesem Jahr europäische Kulturhauptstadt ist, hat es Anfang Mai zum ersten Mal seine Türen für die Öffentlichkeit geöffnet.

"Das Gebäude an der Ecke" haben die Letten das KGB-Haus getauft.

„Das Gebäude an der Ecke“ haben die Letten das KGB-Haus getauft.

In den ersten vier Wochen haben sich rund 7000 Menschen die Ausstellung im Erdgeschoss über den KGB und den lettischen Widerstand angeschaut, berichtet Aija Abens, viele davon Rigaer, die hier verhört wurden oder eingesessen haben. Die Geschichtslehrerin führt Besucher durch das Gebäude, vor allem durch die Keller: Isolationskammern gibt es hier, einen Quadratmeter klein. Zellen, die jederzeit eingesehen werden konnten, ständig überbelegt waren und, um die Gefangenen zum Reden zu bringen, überhitzt und grell beleuchtet wurden, sagt Abens. „Viele fragen mich, ob ich keine Angst vor den Gespenstern hier unten hätte“, erzählt sie. „Aber ich glaube nicht an Geister.“ Einen Raum hat aber auch sie nicht betreten: die geflieste, fensterlose und kaum beleuchtete Kammer, in der die Gefangenen erschossen wurden – wie viele, ist unbekannt. „Es gibt vieles, was wir nicht wissen. Deshalb ist es wichtig, dass auch die, die hier gearbeitet haben, anfangen zu sprechen.“ Die Öffnung des Gebäudes an der Ecke soll ein Anstoß sein. Wie so vieles, was 2014 in Riga passiert und passieren soll.

Im KGB-Gefängnis. Zu Sowjetzeiten war es häufig überbelegt.

Im KGB-Gefängnis. Zu Sowjetzeiten war es häufig überbelegt.

Das Jahr als Kulturhauptstadt steht unter dem Motto „Force majeure“ – höhere Gewalt. „Eigentlich kennen viele den Begriff aus Verträgen, und dann geht es meist um Naturkatastrophen wie Erdbeben“, sagt Anna Muhka, Sprecherin der Stiftung Riga 2014, die das Kulturjahr organisiert. Sie wollen aber die Kultur als positive höhere Macht verstanden wissen, als etwas, das uns alle angeht – nicht nur im Sinne der Hochkultur, sondern auch des Umgangs miteinander. So gehören zu „Riga 2014“ neben Wagners „Rienzi“ in der Nationaloper und zahlreichen Bach-Konzerten auch Aktionen in Stadtvierteln jenseits von Altstadt und Touristeninteresse. Damit etwas losgetreten wird, sagt Muhka. Etwa in der Moskauer Vorstadt, einem Plattenbauviertel mit vielen Problemen, wo die Bewohner ihre Hinterhöfe neu entdecken sollen – die Nachbarn haben zum Beispiel Treffpunkte für Senioren und Gemüsegärten mit den Kindern angelegt. Wenn das KGB-Haus im Oktober wieder schließt, soll auch das nicht endgültig sein. „Was machen wir dann mit den 8000 Quadratmetern?“, fragt sie. Gleich fünf weitere Ausstellungen darin liefern Vorschläge – etwa „Der lettische Koffer“. „Dafür haben wir uns Objekte der Bevölkerung ausgeliehen“, erzählt Muhka. Dinge, die bei Auswanderung, Deportation oder Flucht mitgenommen und über Kinder und Enkel wieder ins Land gebracht wurden. „Ich habe auch so ein Kästchen“, sagt sie, selbst aufgewachsen in Schweden. „Damit haben die Letten versucht mitzunehmen, was eigentlich nicht geht: Zuhause.“ Ein Raum im KGB-Haus zeigt, was das für Auswanderer verschiedener Zeiten war: Ein Teddy liegt hier, ganz verschlissen, Kastanien aus dem heimischen Garten, das gute Besteck…

In der Ausstellung zum "Lettischen Koffer": Was Besucher mitnehmen würden, müssten sie fliehen.

In der Ausstellung zum „Lettischen Koffer“: Was Besucher mitnehmen würden, müssten sie fliehen.

Rund 290.000 Menschen haben Lettland allein zur Zeit des Zweiten Weltkriegs verlassen, informiert die Ausstellung. Unter ihnen war auch ein Mädchen, deren Bilder und Skulpturen später weltweit ausgestellt werden würden, auch im renommierten Museum of Modern Art in New York: Vija Celmiņa. Die 1938 in Riga geborene Künstlerin lebt und arbeitet in den USA. Sie war in ihrem Heimatland dadurch eher Profis bekannt, so Muhka. „Natürlich sind wir stolz ihre Bilder zu zeigen“, sagt sie. Die Ausstellung „Doppelte Realität“ im Kunstmuseum „Riga Bourse“ sei einmalig, da sie Werke aus 50 Jahren künstlerischem Schaffen enthält. Celmiņa hat sich seit den 1960ern immer mehr einer Kunst verschrieben, die mit dem Realitätsempfinden spielt. Ein Beispiel von vielen: Zwei kleine Schultafeln, identisch selbst auf dem zweiten Blick – eine hat sie gefunden, die andere nachgebildet. Sternenhimmel, Meereswogen, Wüstenflächen und Spinnennetze zählen zu den Hauptmotiven ihrer Bilder. Kein Problem für den Betrachter, sie als solche zu erkennen. Aber sind sie deshalb auch real? „Es gibt keine Realität“, sagt die Künstlerin in der Dokumentation über sie, die erstmals begleitend gezeigt wird. „Vija Celmiņa. Reinterpretet“ ist ein sensibles Porträt einer herzlichen Perfektionistin zwischen New Yorker Kunstszene und Gartenarbeit. „Ich denke oft an Lettland“, sagt sie darin. Überall sehe es aus wie in den USA – nur nicht dort auf dem Land mit seinen alten Holzhäusern.

2014 zeigte Riga eine Werkschau von Vija Celmina - wie viele Letten ausgewandert, lebt sie heute in den USA:

2014 zeigte Riga eine Werkschau von Vija Celmina – wie viele Letten ausgewandert, lebt sie in den USA.

Ein paar davon, teils verfallen, teils aufwendig restauriert, stehen auch entlang der Kalnciema-Straße in Riga, wo eines der in der Stadt verteilten „kreativen Viertel“ donnerstags zu kostenlosen Konzerten einlädt, und wo sich zwischen Bio-Burger-Ständen und Weinlokalen die jungen, schicken Rigaer treffen. Schickgemacht wird aktuell auch das nahe Holzhaus-Viertel am Ufer der Daugava. Versteckt zwischen den Villen in zweiter Reihe befindet sich dort seit vorigem Jahr auch eines der ungewöhnlichsten Museen Rigas: Das Jānis Lipke Memorial. Es erzählt von dem Wirken der lettischen Familie im Zweiten Weltkrieg. Während der deutschen Besatzung von 1941 bis 1944 versteckten sie und ihre Helfer mehr als 60 Juden vor den Nazis, viele davon in einem Bunker, den Lipke unter seinem Holzlager gegraben hatte. Daran will der Neubau aus dunklem – das Originalgelände gleich nebenan wird noch von der Lipke-Familie bewohnt – bildlich erinnern. Düster, aber friedlich ist es darin, leise Töne und Klaviermusik untermalen die Geschichten, die zu jeder beteiligten Person erzählt werden. Auch zu Lipkes Sohn, der das gefährliche Geheimnis für sich behielt und über den im Rahmen von „Riga 2014“ ein Kinderbuch erscheinen wird. Im Mai erhielt das Museum bei der Preisverleihung zum Europäischen Museum des Jahres einen Sonderpreis – für die innovative Präsentation, die einen tiefen Eindruck beim Betrachter hinterlasse, so die Jury.

Im Lipke-Memorial, 2013 eröffnet.

Im Lipke-Memorial, 2013 eröffnet.

Mit welchen Innovationen Künstler die Zukunft der Menschheit gestalten wollen, untersucht das Kunst- und Kommunikationsfestival Lauki/Fields noch bis 3. August. Die Kuratoren, selbst Künstler, haben 40 Arbeiten aus der ganzen Welt und vor allem aus Europa zusammengetragen, die sie als Saatbett für einen sozialen Wandel verstanden sehen wollen. Die Ausstellung beginnt mit Werken aus den 1970er Jahren, die den Einfluss von Computern und Zufall auf die Kunst untersuchten, zeigt aber auch aktuelle Visionen vom Joghurt aus menschlichen Enzymen zur Beseitigung der drohenden Nahrungsmittelknappheit bis zur Energieerzeugung durch Bakterien in dreckigem Wasser. Wo KGB-Haus und Lipke-Memorial auf entscheidende Punkte europäischer Geschichte zurückblicken, sind einige dieser Werke der Gegenwart noch ein paar Gedankensprünge voraus. Zwischen mittelalterlicher Altstadt, prunkvollem Jugendstilviertel und den renovierten traditionellen Holzhäusern, wird nicht zuletzt an den „Riga 2014“-Veranstaltungen deutlich: In der Hauptstadt wurde schon allerlei angestoßen, ohne dass die Rigaer ihre ganz eigene lettische, aber auch deutsche und russische Vergangenheit vergessen. „Der Prozess geht weiter, auch wenn der Titel Kulturhauptstadt weg ist“, hofft Anna Muhka.

Wie würde unser Abendbrottisch aussehen, könnten wir Zellulose verdauen? Ein Ausstellungsstück von Lauki/Fields.

Wie würde unser Esstisch aussehen, könnten wir Zellulose verdauen? Ausstellungsstück von Lauki/Fields.

Und zwar nicht den Touristen zuliebe, die ohnehin jeden Sommer die 16.000 Betten füllten, sondern auch den Rigaern selbst. Dass nun mehr Kulturtouristen in die Stadt kommen, freut die Stiftung dennoch. Nun sollen auch die Jungen kommen, um etwa die „kreativen Viertel“ zu besuchen. Dass Lettland seit 1. Januar den Euro als offizielles Zahlungsmittel eingeführt hat, macht ihr zufolge „vieles bequemer“, nicht mehr, nicht weniger. Der EU gehören die baltischen Staaten bereits seit 2004 an. Ob sich in den zehn Jahren viel verändert hat? „Oh ja!“, sagt Aija Abens. Aber es müsse sich auch noch viel tun. Hauptkritikpunkt der Lehrerin: das Bildungssystem. Die gebürtige US-Amerikanerin, deren Familie ebenfalls 1944 aus Lettland geflohen ist, ist genau vor zehn Jahren wieder nach Riga gezogen. Viele andere seien in dieser Zeit gegangen, um im Westen Arbeit zu suchen. 200.000 seit der Jahrtausendwende, verrät die Ausstellung zum „Lettischen Koffer“. „Dabei ist hier so vieles möglich“, sagt sie. „Die jungen Leute sind clever und talentiert, wir müssen sie nur machen lassen.“

Abends im Kalnciema-Viertel.

Abends im Kalnciema-Viertel.

(Lettland, Riga – 28. bis 30. Mai 2014)

Dieser Text ist in gekürzter Fassung auch in der Freien Presse erschienen.

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