In der finnischen Wildmark

Wir kamen aus dem Regen. Uns war kalt, und der Verkehr schlich endlos langsam über Helsinkis Ringstraßen. Unser Ziel war die Schärenküste im Westen Finnlands und je weiter wir fuhren, umso heller wurde es am Himmel, der bald gelb leuchtete. Zum ersten Mal sahen wir die finnische Landschaft: weite Wiesen, Nadelwälder, rote Holzhäuser mit weißen Fensterrahmen, blühende Straßenränder, manchmal einen See oder Felsen. Nach dem Preisschock von Helsinki war uns klar, dass die Wildcampingzeit jetzt definitiv begonnen hatte. Mit 30 Euro Tagesbudget konnten wir schlecht 25 Euro bereits für den Campingplatz ausgeben. Aber außerhalb der Hauptstadt würde es ja vielleicht nicht so teuer sein? Falsch gedacht, auch an der Küste wurde uns ein ähnlicher Preis genannt. Kurzerhand (und mittlerweile bei Sonnenschein) machten wir uns abseits der Hauptstraße auf einer größeren Schäreninsel auf die Suche nach einem Platz zum Übernachten. Und fanden einen offiziellen Badeplatz, der zum Abend leer war, mit einem Parkplatz ganz aus Fels, einem Herzhäuschen und einer Hütte, wahrscheinlich zum Umziehen. Zum Baden war es zu kühl, aber zum Sonnenuntergang gucken fantastisch. Die ging hier, wie wir feststellten, erst gegen dreiviertel Elf unter.
Sonnenuntergang
Am nächsten Tag kehrte der Regen zurück, als wir die Küste nordwärts hinauffuhren, und blieb. Rauma mit seiner UNESCO-geschützten Innenstadt aus alten, verschiedenfarbigen Holzhäusern war eine Besichtigung wert, aber bei dem Wetter hielten wir es nicht lange in den teils menschenleeren Gassen aus. Auch der italienische Markt, der auf dem Marktplatz abgehalten wurde, konnte uns nicht aufheitern. Leider hatte er Käse, Pizza und Ähnliches nämlich zu finnischen Preisen im Angebot. Kostenlos war dafür das Internet, einen preiswerten Zeltplatz fanden wir aber auch beim Googeln nicht. In der nächsten Küstenstadt das selbe Spiel: Regen, Internet, nur teure „Top Camping“-5-Sterne-Plätze. Ich will doch nur ’ne heiße Dusche und vielleicht ein Dach, unter das ich mich setzen kann…
Nach unseren Estland-Erfahrungen hatte ich die leise Hoffnung, die finnischen Nationalparks könnten ähnlich gut ausgestattet sein – und der Seitseminen-Park war nicht allzu weit entfernt. Dort noch knapp vor 18 Uhr im Nationalparkcenter angekommen, sahen wir schon auf dem Lageplan, dass wir richtig gewählt hatten. In dem Park gab es neben zahlreichen markierten Wanderwegen auch Trinkwasserquellen, Zeltplätze, Wohnwagenstellplätze, Herzhäuschen, Feuerstellen und sogar überdachte „Cooking shelters“ (Kochhütten), was immer das sein mochte. Und alles umsonst! Über Schotterpisten und durch ewiggrünen Wald machten wir uns auf den Weg zu einer dieser Hütten und wurden nicht enttäuscht. Nicht weit entfernt vom Camperstellplatz stand ein massives Blockhäuschen, und Rauch kam bereits aus der Esse. Ob darin wohl noch ein Plätzchen für uns war?

Kochhütte
Ich ging nachschauen. In der Dunkelheit (draußen regnete es ja immernoch) erblickte ich zuerst eine Menge Rucksäcke, Seile waren gespannt, an denen Planen, Hosen und allerlei Ausrüstung hing. Junge, großgewachsene Typen mit Stirnlampen standen um ein großes Feuer und kochten in riesigen Töpfen. In welche Expedition waren wir denn hier geraten? Es waren bayrische Pfadfinder und sie räumten uns gleich eine Ecke auf der Sitzbank frei. Wie sie uns erzählten, reisen sie schon seit Jahren gemeinsam in viele Länder, wandern dort durch die Pampa und übernachten, wo es gerade geht. Singen, Spiele und Gebete gehörten auch zu ihrem Alltag, den wir ein bisschen „stören“ durften. Holz hatten sie reichlich gehackt, wir konnten also mitkochen. Seitdem hat unser Topf eine schöne Patina bekommen, aber Schrubben lohnt sich erst, wenn keine Feuerstellen mehr kommen… Für eine Runde Schach war es noch hell genug – so richtig dunkel wurde es seit Estland eh schon nicht mehr.

Kochen überm Feuer
Den nächsten Tag – der viel sonniger und wärmer war, als vom Wetterbericht angekündigt – verbrachten wir mit einer weiter als vermuteten Wanderung kreuz und quer durch den Park, mit Badepause an einem klaren See und vorbei an mehreren ähnlich tollen Plätzen. Abends teilten wir die Kochhütte mit zwei finnischen Paaren, die das Wochenende hier in ihren Wohnanhängern verbrachten. Sie teilten ihre Süßigkeiten mit uns und erzählten vom Wohnmobilkauf in Deutschland, von den Mittsommernachtstraditionen (das Ums-Feuer-Tanzen und -Springen ist wohl vor hundert Jahren üblich gewesen, heute tanzen sie Tango und die Jüngeren Hiphop oder Humppa), von Orten, die wir besuchen sollten und vom finnischen Winter. Jetzt dürften sie auch gerade im Norwegen-Urlaub sein, getroffen haben wir sie trotz des auffälligen Gefährts (sie ziehen den Anhänger mit einem Trike) noch nicht wieder.

Pilze
Begeistert von der Schönheit und dem Komfort der Nationalparks sind wir am Tag danach in den benachbarten Helvetinjärven-Nationalpark weitergefahren und dort zur „Höllenschlucht“ gewandert, die aber sehr idyllisch war. Dort stand sogar ein Häuschen, das sich finnische Jugendliche in den 1920er Jahren gebaut haben, um dem sonntäglichen Tanzverbot in den Dörfern zu entgehen. Zum Sonntag waren viele Ausflügler im Park unterwegs, so dass die Feuerstellen alle ständig in Benutzung waren. An unserem Übernachtungsplatz hatten wir sogar eine mit Kamin und Küchenofen. Die Lage war absolut traumhaft, an einem See im Wald mit zahlreichen grünen Inselchen, der sogar einen richtigen Sandstrand hatte. Zwei weitere Feuerstellen, ein gut gefülltes Holzlager und eine Trinkwasserquelle gehörten auch zu dem Platz. Überall in Finnland sollten wir schließlich noch solche Orte finden, und die Finnen selbst nutzen sie gern, auch mal nur um ein Würstchen zu grillen und wieder heimzufahren. In Stadtnähe sind die Häuschen schon manchmal beschmiert oder es liegt ein bisschen Müll herum, aber in den Nationalparks sind sie stets gut in Schuss. Warum gibt’s das bei uns eigentlich nicht? Würde es tatsächlich nicht funktionieren, wie auch ein Österreicher mutmaßte, der genauso begeistert davon war wie wir?

Feuerstelle

von Laura

(Finnland, Kustavi, Rauma, Seitseminen- und Helvetinjärven-Nationalpark, 12. bis 16. Juni 2014)

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0 Comments on “In der finnischen Wildmark

  1. Hallo Christoph und Laura,
    mit großem Interesse verfolgen wir Eure Reise und warten schon immer gespannt auf die nächsten Eintragungen
    und Bilder.
    Es grüßen Euch Gela und Gerd, Freunde von Carmen und Heiko (Raschau), vielleicht erinnert Ihr Euch an uns.
    Also weiter gute Reise und tolle Erlebnisse.

    • Vielen Dank! Und natürlich wissen wir, wer ihr seid! 🙂 Freut uns sehr, dass ihr mitlest. Hoffe ihr habt auch so traumhaftes Wetter wie wir in Norwegen mittlerweile…

    • Ohja, du hattest offenbar auch ein paar seeehr schöne Sonnen-„untergänge“ 😉 Wir konnten auch gar nicht genug davon kriegen! Danke fürs Mitlesen!

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