Ab jetzt: Lange Unterwäsche!

Wo wohnt eigentlich der Weihnachtsmann? Diese Frage haben wir uns zwar nie gestellt, trotzdem wurde sie mit unserem Besuch in Rovaniemi beantwortet. Denn wo, wenn nicht direkt am Polarkreis sollte der offizielle Wohnsitz des alten Opas mit dem Rauschebart sonst sein. Und wo, wenn nicht genau dort sollte sich nicht auch am besten Mittsommernacht feiern lassen. Diese stand nämlich direkt vor der Tür. Leider machte der Polarkreis seinem Namen alle Ehre und verpasste uns mit etwa 5°C, eisigem Wind und Nieselregen eine gehörige Abkühlung – das war auch der Zeitpunkt, an dem wir begonnen haben, Thermounterwäsche zu tragen. Rovaniemi hatte zwei Campingplätze zu bieten und aufgrund der Wetterlage wählten wir den Zeltplatz, der sich in greifbarer Nähe zu einem der Mittsommerfeuer befand. Das junge Mädchen an der Rezeption teilte uns den Preis erst nach unserer Entscheidung zu bleiben mit und es klang wie das Quietschen von Fingernägeln auf einer Tafel in unseren Ohren. Mit 29€ wurde dieser Campingplatz Spitzenreiter auf der recht zweifelhaften Badseller-Liste und sollte dies auch eine Weile bleiben. Schlechtes Wetter und ein leerer Geldbeutel – wir waren vorerst bedient.

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Meine schlechte Laune verschwand erst, als wir die kleine Selbstversorgerküche entdeckten. Dort nämlich befand sich ein unscheinbares Regal, in welchem sich zurückgelassene und/oder vergessene Lebensmittel der Campinggäste befanden, dazu ein großer Zettel mit den wunderbaren Worten „For Free“. Der Schrank entpuppte sich als wahres Schlaraffenland und die darin befindlichen Nahrungsmittel schienen deutlich unsere Namen zu rufen. Knäckebrot befand sich darin, norwegischer Honig, Reis, eine italienische Nudelsoße, Apfelmus, Dosenmais, irgendein estisches Knuspermüslizeug und warum zum Geier hat sich niemand vor uns die getrockneten französischen Pilze geschnappt? Das schlechte Gewissen wurde mit sehr guten Argumenten meinerseits verdrängt. Als sich auch am nächsten Tag noch niemand bedient hatte, wurden noch ein paar Sachen mehr eingepackt. Zwar handelte es sich teils um angefangene und halbleere Packungen, aber die Campingplatzkosten wurden mehr als amortisiert. Nie hätten wir uns diese Sachen bei den finnischen Preisen gekauft, dennoch wären wir im Laden immer Zähne zusammenbeißend daran vorbei gegangen.

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Gegen Mitternacht wurde es dann Zeit, sich auf den Weg zum Mittsommerfeuer zu machen. Wir füllten noch unsere Thermoskanne mit einem wärmenden Rum-Tee-Gemisch und machten uns auf Richtung Wasser. Traditionell wird Mittsommer nämlich an Flüssen, Seen oder am Strand gefeiert. Meine Vorstellung von tanzenden Mädchen mit Blumen in den Haaren und sternhagelvollen Finnen wurde jedoch nicht erfüllt. Das Feuer war im Vergleich zu einem unserer erzgebirgischen Hexenfeuer fast schon mickrig und ich hatte den Anschein, dass mehr Touristen als Einheimische vor Ort waren. Der Platz füllte sich auch erst kurz vor 12 Uhr und leerte sich danach auch ebenso schnell wieder. Wir waren mit einer Gruppe ganz in schwarz gekleideter, sich gegenseitig posierend vor dem Feuer fotografierender Gothics und Metalern die letzten, die den glühenden Rest betrachteten. Vielleicht lag es am recht kühlen Wetter, vielleicht auch daran, dass Rovaniemi kein typisches Ziel für Mittsommer feiernde Finnen ist. Alles in allem dennoch ein lustiges Erlebnis.

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Am Tag danach erkundeten wir die Stadt, stiegen auf den nahegelegen Berg, um einen Blick von oben auf die Stadt zu erhaschen und fuhren weiter, um danach den Polarkreis zu überschreiten. Auf der Hauptverkehrsverbindung wurde genau dahin eine Art Disneyland gebaut. Dort kann man dann nicht nur das Erinnerungsfoto vom Schritt über die arktische Grenze machen, sondern auch jede Menge unnützen Krimskrams kaufen, sich 24 Stunden von grausiger Weihnachtsmusik beschallen lassen, im Weihnachtsdorf wohnen, den nahegelegenen Vergnügungspark besuchen und den Weihnachtsmann treffen – ein Foto kostet 30€. Das einzig trollige war das Postamt des Weihnachtsmannes, wo man Briefe mit Sondermarke und -stempel entweder sofort oder datiert zum nächsten Weihnachtsfest verschicken kann. In großen Regalen und mehreren Kisten warteten die Briefe von Kindern aus aller Herren Länder auf Antwort vom Weihnachtsmann. Mit einem Schmunzeln im Gesicht verließen wir diesen im Großen und Ganzen recht unnützen Ort und fuhren Richtung Arctic-Circle-Hiking-Area. Direkt am reißenden Fluss gelegen und  großzügig mit Rastplätzen und Feuerstellen ausgestattet war dies die perfekte Unterkunft bis zum nächsten Tag. Nach einer „Nachtwanderung“ und etwas, was wie die erste richtige Mitternachtssonne aussah, fielen wir erschöpft in unser Auto.

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(Finnland, Rovaniemi und Umgebung, 20. bis 22. Juni 2014)

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