Nachtwandern mal anders

Im Geo-Unterricht hatte ich immer Spaß daran, die leersten Flecken Erde im Atlas herauszusuchen und mir zu überlegen, wie es wäre, dort zu sein. Wo keine Straßen und keine Orte sind, im Nichts eben. Einen Blick ins Nichts haben wir geworfen – von den Hügeln Lapplands aus. Viele Zeichen der Zivilisation kann man von oben nicht entdecken. Wir haben nur den Rand der Wildnis gestreift – im Urho-Kekkonen-Nationalpark. Von Kiilopää und Kaunispää, den beiden Fjells (was sich wohl als Bezeichnung für die nordischen, baumlosen Berge eingebürgert hat), kann man ewiges Hügelland sehen, aber kaum noch Straßen und Orte, die hier ohnehin meist nur noch aus ein paar Einfamilienhäusern und einem K-Markt (oder auch M- oder S-Markt) bestehen.

Fjelllandschaft in Lappland

Fjelllandschaft in Nordfinnland

Wir waren nach einem Abstecher ins Goldschürferdorf und zum Nationalparkcenter erst recht spät  an der Fjellstation angekommen und wollten eigentlich eine laut Wanderführer 6-stündige Runde laufen. Das klingt in mitteleuropäischen Ohren nach einem Problem, in finnischen eher nicht. Seit Rovaniemi waren wir schließlich im Land der Mitternachtssonne und dort im Wandergebiet hatten wir auch gegen 22 Uhr noch Familien mit kleinen Kindern grillen sehen. Im Prinzip war mit dem Übertreten des Polarkreises ein Tag für uns angebrochen, der erst Wochen später enden sollte. Eigentlich ist es also völlig egal, wann man schläft – hell ist es immer. Also haben wir auf einem Wanderparkplatz noch eine Stunde geruht, unsere Wasserflaschen in der Fjellstation aufgefüllt und sind kurz vor 22 Uhr losgelaufen. Gleich am Anfang passierten wir einen Rentierzaun, die hier kilometerlang die Landschaft durchqueren, damit die Herden sich nicht durchmischen. Der Weg führte uns durch Heidewiesen, auf denen nur noch kleine Birken wuchsen, an Schneefeldern vorbei (Ende Juni!) und durch lichte Kiefernwälder. Gegen 23.15 Uhr erreichten wir einen famosen Rastplatz mit Feuerstelle, Holzhaus, Schutzhütte (mit Ofen, Gasherd, Bänken…) und selbst kompostierendem Plumpsklo. Die letzten Strahlen beleuchteten die Hügel gegenüber, als wir weiterliefen, dann verschwand die Sonne hinter Bergen und Wolken und blieb da auch ein paar Stunden.

Hallo Lappland, hallo Mitternachtssonne!

Hallo Lappland, hallo Mitternachtssonne!

Dunkel war es aber nie. Bis zur nächsten Raststation verlief alles problemlos. Der Weg ging mal über Holzstämme über einen Bach, meistens aber flach im Wald entlang bis zu einer Schutzhütte. Allzuviel kleines Holz war nicht mehr da, also musste Christoph erstmal zur Säge greifen. Aber es war ja keiner in der Nähe, denn das gegen 1 Uhr gestört hätte. Das Feuer war schnell entfacht (zu anderen Tageszeiten findet man meist noch Glut vor), und die Würstchen auf einen Stock gespießt und gebraten. Das scheint hier eine Art Nationalspeise zu sein, deshalb mussten wir es einfach mal testen. Frisch gestärkt und motiviert sind wir weitermarschiert – nur leider in die falsche Richtung. Warum der Wegweiser dorthin gezeigt hat, ist uns bis heute unklar. Wären wir weiter gelaufen, hätte uns jemand an einer Landstraße nach Russland abholen müssen. Zum Glück haben wir den Irrtum bemerkt und sind nach schätzungsweise 2 km umgekehrt und haben einen anderen Weg (der im Winter als Skiweg gedacht ist und dementsprechend durchs Moor führt) zum nächsten Rastpunkt gewählt. Ärgerlich, auch weil der Wanderführer das Stück, das wir nicht gefunden haben, als schönstes der Runde beschrieb.

Unterwegs im Nationalpark zwischen Moor und Hügeln

Unterwegs im Nationalpark zwischen Moor und Hügeln

Als wir aber einmal aus dem Moor rausgefunden hatten, die Sonne sich wieder durch die Wolken gekämpft hatte und wir wieder dort waren, wo wir eigentlich sein sollten, stieg unsere Laune wieder. Nun galt es noch einen Aufstieg zu schaffen – auf den 546 Meter hohen Kiilopää. Den Gipfel konnten wir zum Glück nicht verfehlen. Über eine blühende Wiesen- und Heidelandschaft stiegen wir querfeldein auf und hatten schließlich einen tollen Ausblick. Genießen konnten wir ihn nicht allzulange – der kalte Wind hätte uns sonst umgeblasen. Die Sonne war zwar tagsüber ganz angenehm, gewandert waren wir aber auch mit Thermounterwäsche. Was war ich froh, die eingepackt zu haben…

Blick vom Kiilopää früh am Morgen

Blick vom Kiilopää früh am Morgen

Der Abstieg war dann nur noch eine Sache von Minuten. Nach einigen Stunden Schlaf auf dem Wanderparkplatz (so früh war ja noch keiner unterwegs) und einem Abstecher zum benachbarten Kaunispää fuhren wir zu unserem nächsten Ziel: dem großen Inarisee. Wie groß der ist, sieht man vor lauter Inseln aber gar nicht. Das Wetter wurde leider regnerischer, der Wind blieb. In der warmen Campingplatzküche kochten wir literweise Kräutertee, jeder Weg nach draußen ließ mich frösteln. Am nächsten Tag war es wenigstens ein bisschen wärmer geworden, sodass wir noch eine kleine Runde zur Einödkirche laufen konnten – dann führte uns die Straße langsam raus aus Finnland. Die Mitternachtssonne blieb uns glücklicherweise noch etwas erhalten.

Die alte Kirche liegt etwa 5 km von Inari entfernt

Die alte Kirche liegt etwa 5 km von Inari entfernt

 

von Laura

(Finnland, Urho-Kekkonen-Nationalpark bis Inari, 22. bis 24. Juni 2014)

 

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