Der arktische Norden

Nun stand es bevor! Das Land, auf das ich mich bei unserer Europareise am meisten gefreut habe. Norwegen! Das Land aus Fels, Fjord und Wasser. Nach jeder Ecke eine neue Perspektive für die Kamera. Ein klein wenig war ich aber auch aufgeregt, hatte Angst, dass ich aufgrund meiner fast schon lächerlich überzogenen Erwartungshaltung enttäuscht werden würde. Wie könnte man die Aufregung am besten mindern, wenn nicht mit Alkohol. Glücklicherweise hatten wir für den Grenzübertritt nach Norwegen etwa 100ml zuviel Schnaps an Bord, dieser musste natürlich zur Belustigung aller Beteiligten auf dem Weg zur Grenze vernichtet werden. Laura fuhr, ich fotografierte krumme und schiefe Straßen. Ein Spiegelbild meines Zustandes.
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Schon kurz nach der Grenze – kontrolliert wurden wir natürlich nicht – schien sich die Landschaft aber tatsächlich völlig zu verändern. Alles wurde schroffer, bergiger, kantiker. Hätte es keinen offiziellen Grenzübergang gegeben, man hätte Norwegen sofort an der Umgebung erkannt. Da es schon spät geworden war, verbrachten wir die erste Nacht wild und erwischten dafür den wunderschönen Trollholmsund. Dort versteinerten laut Überlieferung an der Küste mehrere Trolle bei dem Versuch Gold zu vergraben. Unglücklicherweise vergaßen sie in ihre Tätigkeit versunken die Zeit und wurden von der morgendlichen Sonne überrascht. Nun sind nur noch die markanten Felsformationen von ihnen übrig geblieben.
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Am folgenden Tag stand nun die Fahrt zum Nordkap an. Von fast allen Reisenden, die wir während unserer Reise getroffen haben, hatten wir gehört, dass das Nordkap schrecklich sei, was wir uns auch durchaus gut vorstellen konnten. Überlaufen, teuer, kalt und neblig! Das sind wohl Beschreibungen, die es am besten treffen. Bei einer Reise rund um die Ostsee kann man den nördlichen Punkt aber nicht einfach weglassen. Es ist zu einer Art Trophäe geworden, sagen zu können: „Ich war am Nordkap!“ Der perfekte Selbstläufer. Alle finden es schrecklich, fahren aber unentwegt dahin. Was auch immer man dort hinbauen würde, die Leute würden es sich anschauen. Also natürlich auch wir! Die Fahrt wurde uns vom Reiseführer als sagenhaft unspektakulär angepriesen, was wir aber definitiv nicht bestätigen können. Die Landschaft wird auf dem Weg nach Norden kahler und noch schroffer als vorher. Für uns Mitteleuropäer war der Anblick dieser arktischen Weiten ungewohnt und spannend. Interessant war auch die Anzahl an Fahrradfahrern, denen wir begegnet sind. Hier oben könnte man fast den Gedanken bekommen, dass mit dem Fahrrad zum Nordkap zu fahren gar nix besonderes ist.
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Am Kap angekommen, verriet uns der durchaus sympatische Kassenmann, dass das günstigste Ticket 38€ kostet und uns erlaubt, genau 12 Stunden auf dem Parkplatz zu verweilen. Das Gesicht zur Faust geballt willigten wir ein, denn einen anderen Platz zum Parken gab es schlichtweg nicht. Glücklicherweise stellte sich jedoch heraus, dass wir wenigstens gutes Wetter hatten. Zwar war es hin und wieder neblig und es schneite auch, aber regelmäßig zog der Himmel kurz auf, um die Sicht auf das Polarmeer freizugeben. Das Besucherzentrum selbst ist an Lächerlichkeit kaum zu übertreffen. Neben dem durchaus verständlichen Souvenirladen gab es hier eine zwar aufwendig gebaute, aber völlig sinnfrei verwendete unterirdische „Erlebniswelt“. Zuerst kann man sich in einem Kino einen Film über das Nordkap anschauen, danach durch einen Felsentunnel spazieren, in dem anhand von Puppen die historischen Höhepunkte dargestellt werden. Vorbei an einer kleinen Kapelle, aus der unentwegt nervige spirituelle Musik quoll, kommt man zur thailändischen Ausstellung (???), einem etwa 5qm großen Raum mit allerlei thailändischem Krimskrams. Wozu? Diese Frage wurde uns leider nicht beantwortet. Der „Höhepunkt“ befand sich am Ende des Tunnels. Dort lud ein großer Raum mit Musik-, Licht- und Videoinstallation zur Entspannung ein. Die Vorführung war derart schlecht und langweilig, dass sie ein angehender Medienstudent gemacht haben muss (ich weiß, wovon ich spreche!). Natürlich gab es noch selbst für norwegische Verhältnisse völlig überteuerte Speisen zu kaufen. Im Edelrestaurant kann man sich Garnelen, Krabben und Wal servieren lassen. Alles in allem ist der gesamte Ort lediglich auf die tausenden Bustouristen ausgelegt. Kurz vor 24 Uhr werden diese mit dutzenden Bussen hierher gebracht und eine Flut von Menschen ergießt sich über das Plateau. Leute, die das Norkap als Ziel, Beginn oder Zwischenstopp ihrer Reise besuchen, werden einfach nur verhöhnt – es gibt weder eine Dusche für die vielen Camper, keine Sitzgelegenheiten außerhalb der Restaurants und keine günstigen Snacks. Der hohe Eintrittspreis ist dabei gar nicht das Problem, sondern das, was einem dann dafür geboten wird. Das braucht nämlich kein Mensch. Das ist zumindest meine Meinung. Wenigstens gab es kostenloses WiFi.
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Trotzalledem haben wir den Abstecher aber nicht bereut. Wir haben im Schneesturm gekocht, Touristen beobachtet, Fotowünsche von euphorischen Fahrradfahrern erfüllt, geskyped und können nun sagen: „Wir waren am nördlichsten Punkt Europas!“ Naja, der liegt eigentlich ein bisschen westlich und ist nur zu Fuß zu erreichen. Außerdem gibt es da ein paar Kilometer östlich noch einen Punkt, der noch weiter im Norden liegt. Und, ach ja, da gibt’s ja an sich noch Spitzbergen und so! Ach, egal!

(Finnland und Norwegen, Trollholmsund, Nordkap, 24. bis 26. Juni 2014)

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