Ab in den Süden

Schon vor unserem Abstecher zum Nordkap war es teils eisig gewesen, und es blieb trotz Mitternachtssonne auch so. In Lappland kann es im Sommer 30° Celsius warm werden, hatten wir in sämtlichen Reiseführern gelesen und konnten nur noch darüber lachen. Aber was immer das Wetter auch mit uns anstellen wollte: Ab jetzt ging es Richtung Süden, es konnte also nur besser werden! Spätestens seit Rovaniemi hatten wir uns an Thermounterwäsche gewöhnt, und auf der Rückfahrt vom Nordkap auf der Suche nach einem Nachtplatz haben wir zusätzlich die Heizung weit aufgedreht, sodass wir am Parkplatz bei Olderfjord nur in unsere Schlafsäcke springen mussten. Der nächste Tag begann dann auch noch mit Regen. Ein Fahrradfahrer aus Deutschland, der auf seiner Drei-Kap-Tour unterwegs war (Kap Arkona – Vestkap – Nordkap), musste anhalten, weil er kaum noch etwas sehen konnte. Er erzählte uns Gruselgeschichten von Regen seit zwei Wochen, einem laut den Norwegern, die er getroffen hatte, ungewöhnlich kaltem Sommer und viel Schnee am Straßenrand, aber auch von der Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft, auf die er getroffen war. Er war fast entmutigt von dem Mistwetter, aber ähnlich wie wir hoffte er nach dem Nordkap auf Besserung. „Wir sind die Härtesten!“, war sein Motivationsspruch. Und: „Ob die wissen, wie gemütlich sie es haben?“, meinte er und nickte mit dem Kopf zu einem vorbeifahrenden Wohnwagen. Das hatten wir uns in den letzten Tagen auch öfter gefragt… Als der Regen nachließ, machte er sich pitschnass auf den Weiterweg, wir konnten uns wenigstens an der Autoheizung trocknen. Wer ist also der Härteste?

Rentiere
Schon bald kam aber wieder die Sonne raus und wir konnten die raue norwegische Landschaft, die an uns vorüberzog, wieder genießen. Rentierherden sahen wir, Schneefelder, rauschende Flüsse und immer wieder Berge. In einem Workshop für journalistisches Schreiben hatte uns der Vortragende vor Floskeln gewarnt, wozu neben „malerischen Fischerdörfern“ auch „bizarre Felsformationen“ zählten. Daran musste ich immer wieder denken, als nach einem Pass oder einer Kurve neue Berge in Sicht kamen. Natürlich konnte man sie als ebensolche beschreiben, aber es würde ihnen wirklich nicht gerecht werden. Ganz im Norden hatten mich die Berge, die meist unter einer Wolkendecke zugedeckt links und rechts des Fjords hervorlugten, mit ihren schwarzen runden Hängen und weißen Schneeflecken an schlafende Wale erinnert. Als wir weiter südlich kamen, wurden die Abhänge grauer und die Gipfel spitzer. Da gab es manche, die der typischen dreieckigen Tobleroneform entsprachen, jene, die so gebogen waren, dass sie an Wellen kurz vor dem Umstürzen erinnerten und massive, breite mit vielen Zacken ringsum. Gigantisch ragten die Berge meist am anderen Fjordufer auf und ich freute mich über jeden Höhenrekord, den sie aufstellten.

Berge
Es gibt im Norden Norwegens nur eine große Straße Richtung Süden, die wir aber für einen Abstecher verließen, um einen Blick auf den Oksfjordjokelen werfen zu können. Laut Reiseführer dem einzigen Gletscher Norwegens, der direkt ins Meer kalbt. (Und unser erster Gletscher während dieser Reise überhaupt!) Der Wanderparkplatz war so schön, dass wir beschlossen, dort zu übernachten und am nächsten Tag zum Gletscher zu laufen. Jemand hatte sogar die Tische mit Blumentöpfen dekoriert, nur eine Hand voll gelbe und rote Holzhäuser standen ringsum auf der Wiese, und der Blick auf den Jokeljord und die von der Abendsonne angestrahlte Bergreihe war einfach atemberaubend. Wir konnten sogar halbwegs gemütlich im Freien kochen und danach einen Spaziergang zum Strand unternehmen, von dem aus wir den Gletscher sehen konnten. An die Kombination Algen – Meeresluft – Berge habe ich mich immer noch nicht gewöhnt. Entsprechend viele Fotos davon habe ich dort geschossen… Außer einem Boot mit zwei Fischern sahen wir niemanden, nur zwei Deutsche in einem VW-Bus gesellten sich später auf dem Parkplatz zu uns.

Panorama Jokelfjord
Die Wanderung zum Gletscher führte uns dann am nächsten Morgen zunächst durch Birken und dann am felsigen Strand entlang und über zwei reißende Bäche zu einer Wiese, von der wir ihn nicht nur nah sehen, sondern auch krachen und donnern hören konnten. Da der Weiterweg nicht gut erkennbar und uns die Geräusche doch etwas unheimlich waren, kehrten wir kurz danach um. Einmal auf dem Rückweg war das Donnergrollen so laut, dass wir fast zusammengezuckt sind.

Oksfjordjokelen

Nach einer Rast in der Sonne an „unserem“ Platz und einem Abstecher zum beeindruckend breiten und lauten Navitfossen machten wir uns auf die Suche nach einem Campingplatz – und fanden das idyllisch gelegene Oksfjord Camping in Oksfjordhamm. Was uns überzeugt hat, war nicht nur die Lage an einem glasklaren See mit Blick auf schneebdeckte Berge, sondern auch die netten Besitzer, die jedem Ankommenden mit Kaffee und Waffeln begrüßten. Auf einer Bank in der Sonne konnte man es schon richtig gut aushalten. An diesem Abend habe ich meine Thermounterwäsche gewaschen und seither nie wieder gebraucht. Weil wir uns hier so wohlfühlten, blieben wir noch eine Nacht. Die beiden Besitzer machten sich aber wohl Sorgen, weil es so kalt war – auch wenn wir schon kältere und ungemütlichere Nächte erlebt hatten. Sie ließen sich aber nicht davon abbringen, uns eine unbenutzte Hütte zu geben, mit Heizung, Kochplatten, einem Tisch und Terrasse zum See heraus. So viel Luxus hatten wir schon lange nicht gehabt! Aber es wurde noch besser, denn der Zeltplatz hat auch ein Tretboot, das jeder frei benutzen kann. Also legten wir gegen halb Zwölf Uhr abends noch ab und strampelten mit Keksen und Kameras ausgerüstet zum anderen Ufer, wo wir die wärmenden Strahlen der Mitternachtssonne genießen konnten. Zurück bei unserer Hütte warteten zwei Schnäpse auf uns. So gut umsorgt krochen wir spät ins warme Bett.

Oksfjord Camping
Inzwischen lockten uns zunehmend die Lofoten, denen wir am nächsten Tag immer näher kamen – aber nicht, ohne bei jedem großartigen Ausblick anzuhalten. Auch bogen wir für einen Abstecher zum Malselvfossen erneut von der Hauptstraße ab. Der rauscht gewaltig über mehrere Felsvorsprünge und umspült kleine, teils baumbestandene Inselchen und rühmt sich außerdem für seine besonders lange Lachstreppe. Obwohl wir spät am Campingplatz aufgebrochen waren, fuhren wir noch ein ganzes Stück südlicher, hielten noch einem schönen, namenlosen „Fossen“ (norwegisch für Wasserfall) und suchten uns schließlich auf einem Pass mit wunderschönen Ausblick einen Platz für die Nacht. Morgen schon konnten wir die Lofoten erreichen, und was würde uns dort erst erwarten?

(Norwegen, Olderfjord bis Bjerkvik, 26. bis 30. Juni 2014)

von Laura

 

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