Glück in türkis

„Wart ihr auch auf den Lofoten?“ Diese Frage haben wir von Norwegen-Reisenden häufig gestellt bekommen. Die Erwähnung der Inselkette im Norden bringt ein Funkeln in die Augen vieler Gesprächspartner. Ich wusste ehrlich gesagt vor dieser Reise nicht, was mich dort erwartet, außer roten Häuschen und steilen Bergen dahinter. Was wir zu sehen bekamen, war unglaublich schön und jeden Hype um diesen Sehnsuchtsort wert.

Panorama von Reine

Der Blick auf Reine ist typisch Lofoten: türkisblaues Meer, zig Inselchen, Berge von 0 auf 100.

Das fängt schon mit den Camping- und Schlafplätzen an. Gleich am ersten Tag, der im Windschatten schon erstaunlich mild war, landeten wir mehr oder weniger zufällig in Hov. Ein winziges Nest auf der Insel Gimsoy. Wir sind nur dahin gefahren, weil man von der Nordküste aus die Mitternachtssonne sehen kann – und sie sich bisher immer hinter Bergen oder Wolken versteckt hatte. Leider hat die Inselkette mit ihren bis zu rund 1000 Meter hohen Gipfeln den Nachteil, dass sie manchmal als Wetterscheide fungiert. Im Süden hatten wir in Svolvaer in der Sonne gesessen, im Norden bei Hov war es bewölkt. Wir sind aber trotzdem geblieben und auf der Rückfahrt später noch einmal zwei Tage hier gewesen, weil die Lage einfach ein Traum ist. Hinter dem Campingplatz ragt ein einzelner Hügel in den Himmel, links und rechts tauchen mal näher, mal ferner spitze Bergketten auf. Vor uns ein weißer Sandstrand mit türkisblauem Wasser. Und wir neben einer blühenden Wiese zwischendrin, ringsum ein paar gelbe und rote Holzhäuser. (Und ein Golfplatz mit Café, in dem man Fußball-WM schauen konnte.) Zwar hing pünktlich Mitternacht noch eine Wolkendecke über dem Meer, aber kurz nach dem Spiel gegen Algerien zog der Himmel immer weiter auf. Das warme Licht färbte die Landschaft unglaublich schön ein. Also haben wir unsere Kameras geschnappt und sind bis halb drei draußen gewesen. (Einschlafen ist übrigens trotz Sonne kein Problem für uns gewesen.)

Hov im Mittsommerlicht.

Hov im Mittsommerlicht.

Am nächsten Tag hatten wir noch einmal Glück. Wir sind die Südküste von Vestvagoy entlanggefahren, weil wir in Ballstad unsere erste Wanderung auf den Lofoten (und ohne Thermounterwäsche!) unternehmen wollten. Die 815 ist auf jeden Fall die perfekte Roadtrip-Straße. Hinter jeder Kurve sieht die Landschaft anders und großartig aus, überall gibt es Gründe anzuhalten. Und sei es, um ein paar Minuten in ein unglaublich klares Hafenbecken zu schauen. Auch Ballstad selbst ist ein gemütlicher Ort, besonders schön aber von oben anzusehen. Unser Reiseführer empfahl einen Aufstieg auf die Ballstadheia, den Hügel gleich nebenan – als genußvolle Wanderung! Es fing ja auch ganz schön an, zwischen Rorbuern (so heißen die Häuschen auf Holzstämmen am Ufer) und Stockfischgerüsten führte ein schmaler Weg bergan. Mit jedem Höhenmeter wurde der Blick auf die zahlreichen Inselchen spektakulärer. Der Weg allerdings muss entweder sehr ausgewaschen oder der Reiseführer-Autor eine ganz harte Socke gewesen sein. Nicht nur, dass bald links, bald hinter uns ein ziemlich steiler Abhang lag, der im Falle eines Sturzes nichts zum Festhalten bot – der Pfad wurde auch immer steiler und aus wandern eher klettern. Zudem bekam Christoph erstmals mit seiner Höhenangst zu tun. Wir haben uns dann gegen die „Genußwanderung“ entschieden – und für einen Spaziergang über die Halbinsel, die wir von oben gesehen hatten.

Wandern bei Ballstad: Steil, aber aussichtsreich!

Wandern bei Ballstad: Steil, aber aussichtsreich!

Abends auf dem Weg zur Mitternachtssonne (Norden!) haben wir wieder einen Zufallsfund gemacht: einen Parkplatz in einer Traumbucht, der für die nächsten zwei Tage unser Zuhause wurde. Zwar lag er mittlerweile im sehr kühlen Schatten, aber die Aussicht war: wiedermal traumhaft. Zudem führten zwei ehemalige Schulwege um den Berg herum zur Nordküste. Und tatsächlich sahen wir an jenem Abend die Mitternachtssonne. Fanden heraus, dass sie ihren tiefsten Stand gegen 1 Uhr erreicht und sich eine Stunde vor- und nachher nur in einem ganz seichten Bogen bewegt. Während wir im 10-Minuten-Abstand Bilder davon machten, hatte ich viel Zeit, aufs Meer zu schauen. Ich habe ja das Wale-sehen jahrelang „trainiert“ – nämlich bei jedem Flug und jeder Schiffsfahrt ewig und hochkonzentriert nach ihnen Ausschau gehalten. Hier hat es sich endlich ausgezahlt. Es waren Schweinswale, vermuten wir, erst einer, dann zwei, die über die ganze Zeit hinweg immer wieder rund um unsere Sitzfelsen auftauchten. Und später auch noch ein Seehund! Ich konnte mein Glück nicht fassen.

Uttakleiv

Die Traumbucht.

Wir sind gegen 3 Uhr glücklich ins Bett gefallen, wurden aber schon 9.30 Uhr geweckt – von deutschen Rentnerinnen, die sich direkt hinter unserem Auto lautstark über ihre Kreuzfahrt unterhielten. Offenbar hat ein deutscher Touristikunternehmer die schöne Bucht im Programm, denn insgesamt waren es etwa 7 Reisebusse, die an diesem Tag Horden von Touristen ausspien, die neugierig um unser Auto herumwuselten. „Und sie sind mit dem Auto hier? Da muss man sich ja gut orientieren können!“ und „Finden sie denn jeden Abend ein Gasthaus?“ waren Kommentare einer Kreuzfahrttouristin, die uns äußerst verwirrten – und später amüsierten. Leider (oder für uns: zum Glück) hatten die Ausflügler nicht viel Zeit, nach etwa zehn Minuten mussten sie zurück in den Bus. Wir sind an diesem so richtig heißen Tag ein wenig umherspaziert, haben uns zum ersten Mal seit Estland an den Strand gelegt und ich war sogar baden. Nördlich vom Polarkreis! In ar…kalten Wasser! Aber bei dieser Farbe, die die Lofoten fast hawaiianisch erscheinen lässt, musste ich es unbedingt probieren.

Polarmeer

Das Beweisfoto: Polarbaden!

Noch einmal Glück hatten wir zwei Tage und zwei Ausflüge in Rorbuer-Dörfchen später bei der Wanderung auf den Reinebringen, den wir trotz übelst steilem Weg trotzdem gemeistert haben. Das Wetter war so perfekt wie die Aussicht, und trotz des anstrengenden Auf- und Abstiegs kamen uns viele glückliche Menschen entgegen. Ganz ehrlich, wann habt ihr das letzte Mal jemand Fremdes gegrüßt und angelächelt? Klar, beim Wandern ist das so üblich, aber bei Norwegern bleibt es oft nicht dabei. Sonst wüssten wir jetzt nicht, dass an dem Tag, als wir am Reinebringen unterwegs waren, die norwegische Königin Geburtstag hatte – und es einer ihrer Lieblingswege ist, hat uns eine Osloerin erzählt. Andere haben uns mit „fabulous view!“ zum Weiterkrakseln motiviert. Es war nämlich wirklich steil. Oder wie Christoph es nennt: Stehend vor sich den Wanderweg anfassen können.

Wandern bei Reine: Am Abgrund.

Wandern bei Reine: Am Abgrund.

So steil war unsere Kvalvika-Wanderung zum Glück nicht, aber weil das eines unserer Highlights war, gibt es die ja schon in einem extra Beitrag.

Etwas schwieriger war es, die berühmten Stockfische zu finden. Denn zum Trocknen aufgehängt werden die im Winter – weil es da keine Insekten gibt, die den wertvollen Fisch aufessen könnten. Anfang Juli bekamen wir lange nur die leeren Holzgestelle zu sehen, dann Fischköpfe, die also separat getrocknet werden. In A allerdings, dem letzten, südlichsten Ort der Lofoten, hatten wir wieder Glück – dort stand, vielleicht auch extra für die Touristen, noch ein Gestell mit Fischen. Es riecht dort übrigens gar nicht so wild. Wie der Stockfisch schmeckt konnten wir nicht herausfinden – dazu benötigt es sieben Tage einlegen, für die wir im Auto (!) wirklich keine Lust hatten.

Das ist er, der berühmte Stockfisch.

Das ist er, der berühmte Stockfisch.

Nach zwei weiteren wunderbaren Tagen in Hov (trotz zwischenzeitlichem Nebel) neigte sich unsere Zeit hier dem Ende zu. Aber nicht, ohne den beiden größeren Kleinstädten Henningsvaer und Svolvaer noch einen Besuch abzustatten. Es war wieder mal ein äußerst heißer Tag, aber auch diesen Ausflug haben wir nicht bereut. In der Golfplatzkneipe in Hov waren uns nämlich äußerst beeindruckende Polarlicht-Fotos ausgefallen. Tatsächlich hat der Fotograf einen Laden in Henningsvaer – und er steht auch noch selbst hinterm Verkaufstresen. Danke nochmal an Vidar Lysfold, dass wir ihn ausfragen durften! Nach einer erneut abgebrochenen Wanderung (zu steil, zu heiß), aber einem tollen letzten Blick auf die Inseln, die Svolvaer bilden, sind wir dann wirklich weitergefahren.

Panorama vom Svolvaer: Inseln bis zum Horizont.

Panorama vom Svolvaer: Inseln bis zum Horizont.

Die Lofoten zu verlassen hat sich genauso angefühlt, wie ein Land zu verlassen. Anderthalb Wochen hatten wir uns für die Inselchen genommen, und es hätten definitv mehr sein können, ohne, dass es langweilig wird. In unserer schönen Badebucht hatten wir auch ein Gespräch mit einem älteren Ehepaar geführt. Sie waren vor vielen Jahren schon einmal da gewesen, und wollten seither unbedingt nochmal wiederkommen, und auch eine Walsafari auf den Vesteralen unternehmen, denn: Wer weiß, ob sie nochmal die Chance bekommen. Wir sind zum Glück noch jung, und deshalb müssen Zukunfts-Christoph und Zukunfts-Laura nochmal zu den Lofoten, und dann lassen wir auch die Vesteralen nicht aus, versprochen!

 

von Laura

(Norwegen, Lofoten, 30. Juni bis 9. Juli 2014)

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