Ein Dorf, zwei Städte

Reisen war in Norwegen meistens unglaublich einfach. Campingplätze gibt es regelmäßig, nur der Preis schwankt stark – zwischen 12 und 35 Euro wurde uns alles angeboten. Schöne Parkplätze mit Aussicht und manchmal Picknickbänken, gerne auch abseits der Hauptstraße, findet man aber meistens. Außerdem waren wir mit unserem Auto so flexibel, wie wir sein wollten, um auch Orte abseits der Hauptrouten besuchen zu können. Wir haben aber auch von einem Tramper, den wir auf dem Preikestolen kennengelernt haben (dazu später mehr), erfahren, dass er gut und vor allem schnell herumgekommen ist.

Unser Weg zum Thorgatten, einem ungewöhnlichen Berg auf der Insel Torget, war wieder so einer, wo es einen schönen Rastplatz nach dem anderen gab. Auf manchen war das Übernachten verboten, aber vor allem sind wir weiter gefahren, weil nach einem Gewitter der Himmel rosa strahlte, der Vollmond groß und hell auf uns herabsah und die Gegend mit ihren Bergen und Fjorden auf typisch norwegische Art abwechslungsreich war.

Nach dem Gewitter

Nach dem Gewitter: Die Straße gehört uns

Die Küste bei Bronnoysund ist wieder eine ganz andere als auf den Lofoten: Zwar stehen auch hier steile Berge ringsum, aber das prägende sind die unzähligen Schäreninselchen, die in allen Richtungen verstreut im Meer liegen. Vom Thorgatten hat man einen wunderbaren Blick auf sie. Dieser Berg war deshalb unser Ziel, weil er in der Mitte ein riesiges Loch hat, das durch die Kraft der Gezeiten entstanden ist. Wir hatten Fotos von den Schären, der Küste und dem Berg gesehen, und wollten unbedingt dahin. Außerdem lag Christophs Geburtstag vor uns, den wir in möglichst schöner Umgebung auf einem Campingplatz verbringen wollten – und direkt am Fuß des Thorgattens gab es einen. Doch es kam alles ganz anders. Der Zeltplatz war so ein Luxusding für über 30 Euro die Nacht. Für Auto abstellen und duschen? Pffft. Besonders schön war er auch nicht. Also sind wir einfach direkt die schweißtreibende halbe Stunde zum Loch im Berg hochgelaufen, und die Aussicht war tatsächlich großartig.

Blick aus dem Thorgatten

Die Aussicht aus dem Berg

Dann machten wir uns auf der Küste gegenüber des Berges auf der Suche nach dem Motiv – mit dem Loch zum Hindurchgucken – doch wir haben es schlicht nicht gefunden. Auch in der Tourismusinformation konnte man uns nicht verraten, von wo man das Loch sehen kann. Die lag in einem wunderbar verschlafenen Dorf, das einen Campingplatz mit dem Namen „Nature Center“ hatte. Der Weg dorthin führte an einzelnen Holzhäusern vorbei, an Kühen, durch Felder und endete an dem kleinen, grünen Zeltplatz eines autoverrückten Besitzers. Hier haben wir das WM-Finale geschaut, zusammen mit sieben anderen Deutschen und zwei Niederländern, die alle nur Wasser tranken. Asche auf mein Haupt: Ich hatte doch am Tag zuvor tatsächlich vergessen, dass nach 18 Uhr kein Bier mehr verkauft werden darf. Ach, Norwegen… Wir haben nach dem Sieg kurz überlegt, wie absurd es wäre, hier hupend durchs Dorf zu fahren. Am Straßenrand würde eine Kuh verschlafen den Kopf heben. Vielleicht würde irgendwo ein Licht angehen. Und ein Norweger würde den Kopf schütteln über die seltsamen Deutschen. Und dann würde alles wieder in Stille versinken und die Felder ruhig im blauen Licht des Mondes daliegen. Wir haben es gelassen. Natürlich.

Auf dem Zeltplatz

Auf dem Campingplatz „Nature Center“

Was wir beim langen Reisen lieben gelernt haben: Chilltage. Keine Ausflüge, kein Weiterfahren, kein Programm. Und so haben wir Christophs Geburtstag mit einem späten, ausführlichen Frühstück begonnen und uns nicht weiter wegbewegt vom Zeltplatz als abends auf den nächsten Hügel zum Sonnenunterganggucken. Wir hatten es anders geplant, aber wir haben in Bjornvika bei Vik ein paar wunderschöne entspannte Tage erlebt, und auch ohne große Anstrengungen viel gesehen, von unserer Decke neben dem Auto aus.

Wer so lange Zeit unterwegs ist wie wir, kann auch entspannter mit Regentagen umgehen. Da wir dadurch nichts verpassen, verbringen wir sie gemütlich in Campingplatzküchen oder fahren weiter und hören stundenlang Harry Potter. So wie auf unserer Weiterreise nach Trondheim, die erst heiß begonnen hatte und dann viel Regen und auch etwas Abkühlung brachte. Ein lohnenswerter Abstecher: die Felszeichnungen bei Steinkjer mit Schiffen, Kreisen und Tieren aus verschiedenen Zeiten. Auslassen kann man hingegen die Festung Steinvikholmen bei Stjordal. Für uns gab es dort nichts Spannendes zu sehen.

Geburtstagsfrühstück

Geburtstagsfrühstück in Bjornvika

Schwieriger erlebten wir das Reisen auf unsere Art in den Städten. Unsere Reiseführer hatten uns zwar gewarnt, dass viele norwegische Städte von Mautringen umgeben sind, damit nicht zu viele Autos die Innenstädte verstopfen. Das sei bei Trondheim aber nicht schlimm, weil man auch gut alles zu Fuß erkunden könne. Wo man aber, statt in die Innenstadt zu fahren, sein Auto abstellen soll, haben sie nicht verraten. Danke für Nichts. Wir also abends einfach nach Trondheim rein, runter von der Stadtautobahn – Parkplatz suchen. Nichts gefunden. Campingplätze: keine in Stadtnähe. Runden um Runden gedreht. Inzwischen Hunger bekommen. Dann die zündende Idee gehabt: Vielleicht kennt das Navi einen Parkplatz in der Nähe. Und wirklich, an einer „Friluftsomrade“, einem Erholungsgebiet mit Park und Küste, haben wir doch noch einen ruhigen, netten Platz für die Nacht gefunden, Nudeln gekocht und sind danach schnell ins Auto gekrochen. Die unkomplizierteste Art, Trondheim zu entdecken, war für uns dann, zwischen Festung und Altstadt zu parken und spazieren zu gehen. Trotz dem Vorabendchaos bin ich froh, die Stadt nicht ausgelassen zu haben. Es war für uns schließlich die erste größere Stadt seit… ja seit wann eigentlich? Rovaniemi in Finnland? Dazu kommt, dass der Dom aus grauem Stein durchaus an Notre Dame erinnert, die Holzhäuser entlang der Nidelva und in dem Viertel östlich des Flusses sehr schön anzusehen sind und ein Fahrradaufzug ein wirklich einmaliger Anblick ist.

Trondheim

Architektur in Trondheim

Am Nachmittag sind wir gleich noch durch das nicht weit entfernte Kristiansund spaziert, eine auf mehrere Inseln verteilte Stadt, die einen schönen Hafen und ebenfalls ein paar Holzhäuser aufweist. Leider hat es hier wieder angefangen zu regnen, dabei hatten wir für den Abend doch ein besonders schönes Ziel auserkoren: Die Atlantic Ocean Road. Aber dann würden wir dort eben auf besseres Wetter warten. Wir haben ja Zeit, und einmal in unsere Schlafsäcke und Decken gekuschelt, konnte uns in unserem Auto jedes Wetter egal sein – das hatten wir inzwischen mehrfach erlebt.

 

von Laura

(Norwegen, Thorgatten, Vik, Trondheim und Kristiansund, 12. bis 16. Juli 2014)

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