Zwischen Trubel und Einsamkeit

Reisen ist für mich immer eine Gratwanderung zwischen Einsamkeit genießen und neben tausenden Touristen vor einer Sehenswürdigkeit stehen. Irgendwie gehört aber definitiv beides dazu. Der Ärger ist zwar manchmal groß, wenn man einen Ort, der ganz oben auf der Liste stand, völlig überlaufen vorfindet. Aber einzigartige Orte will eben jeder sehen – man selbst gehört ja auch dazu. Aber gegenüber der Überfullung mancher Sehenswürdigkeiten haben wir eine Art Gleichgültigkeit entwickelt. Trotzdem genießen und vor allem langsamer als alle anderen sein, lautet unsere Taktik.
In den kommenden Tagen sollte von beidem etwas dabei sein.

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Erstes Ziel war der Ort Geiranger, welcher am Ende des gleichnamigen Fjords liegt. Im Sommer steuern etliche Luxusliner den Hafen an und die Einwohnerzahl des 300-Seelen-Dorfes versiebenfacht sich. Hier merkten wir auch zum ersten Mal wirklich, dass die Urlaubssaison begonnen hat. Mehr Leute als gewohnt waren auf den Zeltplätzen, wir fanden aber dennoch ein schönes Plätzchen direkt am hauseigenen Wasserfall. Wenigstens das Wetter war wieder so sonnig, wie wir es von den letzten Wochen gewohnt waren und deswegen sind wir abends noch den Wasserfallweg hinunter zum Hafen spaziert.
Wir wollen zwar nicht rumheulen, aber am nächsten Tag war es so unglaublich heiß, dass die kleine Wanderung zum nahegelegenen Storseterfossen fast schon zur Qual wurde. Der Weg führte steil auf riesigen Naturstreintreppen den Berg hinauf. Diese werden tatsächlich von dafür eingeflogenen Sherpas angelegt. Hubschrauber bringen die tonnenschweren Felsbrocken in großen Säcken zum Pfad, wo sie dann teilweise behauen und Stück für Stück aneinandergereit werden. Der Wahnsinn! Hoffentlich werden die Nepalesen dafür reich entlohnt. Am Ziel konnten wir dann auf einem kleinen Pfad direkt hinter den Wasserfall gelangen, was willkommen erfrischend war.

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Unsere nächste Station war nun touristisch gesehen das völlige Gegenteil. Die kleine Insel Vagsoy wird wohl von den meisten Norwegenreisenden zugunsten der bekannteren Ziele weiter östlich ausgelassen. Ich stieß durch Bilder in diversen Reiseführern auf diesen Ort. Vagsoy selbst wird zwar auch dort meist nicht erwähnt, aber das Foto einer Felsformation, die einer Walflosse zu ähneln scheint, findet man des öfteren. Schon am ersten Abend wollte ich den Kannesteinen im Abendlicht fotografieren – zu meinem Ärger war aber gerade ein anderer Fotograf damit beschäftigt, ihn abzulichten. Da ich ihm nicht im Wege herumstehen wollte und er das hoffentlich zu schätzen wusste, sprach ich ihn an und bekam praktischerweise einen kleinen Workshop von einem Profifotografen und zugleich Ausflugstipps, da er Einheimischer war. Den Kannesteinen fotografierte ich dann am nächsten Tag in noch tollerem Licht. Was will man mehr?
Anders als am Geirangerfjord war es auf Vagsoy ein Leichtes, allein an großartigen Orten zu sein – zum Beispiel auf den Wegen zu alten Leuchtfeuern. Laut und voll war es nur sonntags am Traumstrand der Insel, der aufgrund der anhaltenden Hitze voller norwegischer Badegäste war. Der Schönheit der türkisblauen Bucht zwischen grünen Hügeln hat das aber keinen Abbruch getan.

von Christoph
(Norwegen, Geiranger bis Vagsoy, 18. bis 20. Juli)

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