Gletscherland

Wer das ewige Eis in Norwegen von Nahem sehen will, muss eine Gletscherwanderung buchen. Damit sich schreckliche Unfälle wie jene im August, als ein Ehepaar bei einem Abbruch getötet wurde, nicht wiederholen. Oder die Gletscherseen und Ausblicke genießen, die man von unten hat, zum Beispiel rund um den Jostedalsbreen – Europas größtem Festlandgletscher.

Da wäre zum Beispiel Olden, eine kleine Stadt am Nordfjord, wo das türkisblaue Wasser des Gletschers ins Meer fließt. Entlang des Oldevatnet führt eine Straße bis ans Ende des Tales zu einer Gletscherzunge, dem Briksdalsbreen. Anders als die Flyer der Touristeninfo suggerieren, reicht die Zunge nicht mehr herunter, der Gletscher hat sich zurückgezogen. Dafür findet man zwischen dem Gletscher und Olden, zwischen Bergen, Wiesen und dem See wunderschöne Campingplätze. „Unserer“ – Oldevatn-Camping – war ein echter Glücksgriff: direkt am Wasser gelegen, mit Küche, Aufenthaltsraum, Kaffee und Eis, gratis Ruderbooten…

Oldevatn Camping

Manche Plätze in Norwegen waren ihr Geld aber nicht wert, und deshalb ist das vielleicht ein gutes Beispiel, um Campingplatzbesitzern mal zu erzählen, was Nicht-Wohnmobil-Camper toll finden. Unsere Top 10 der Campingplatz-Pluspunkte:

  1. Günstigere Preise für Zelte und Autoschläfer. Den selben Preis für deutlich weniger Platz zu bezahlen, als ein Wohnmobil braucht, fanden wir irgendwie fies und war oft ein Weiterfahrgrund.
  2. Bäume oder andere Schattenspender.
  3. Wiese ist super, über Holzbänke zum Sitzen und Kochen haben wir uns aber auch immer gefreut.
  4. Nicht zig Extrakosten zum Platzpreis. In Norwegen, wo es Wasser und Strom im Überfluss gibt, für eine 3-minütige warme Dusche 10 Kronen zu bezahlen – ständig – fanden wir unangemessen. Manchmal wurde zusätzlich auch bei Wifi, Kochplatten und Stromdosen in öffentlichen Räumen hingelangt.
  5. Eine Küche und/oder einen Aufenthaltsraum. Mehrere Tage Regenwetter können einem das Zelten vermiesen. Die Wohnmobil-Camper haben es gemütlich. Aber bei Kälte vor dem Auto oder Zelt zu kochen macht einfach keinen Spaß. Im Trockenen sitzen können, ist dann eine echte Wohltat – und eine Möglichkeit, andere Reisende kennenzulernen.
  6. Schöne Lage. Beim Blick auf See/Berge/Meer aufzuwachen, macht jeden Tag besser. Gerade im Urlaub sollte man darauf nicht verzichten.
  7. Generell Wifi. Für Langzeitreisende, die Kontakt mit Familie und Freunden zuhause halten wollen und Roaminghasser unverzichtbar.
  8. Checkout am Mittag/frühen Nachmittag. Abends anzukommen und morgens gleich wieder abzureisen bedeutet mehr Streß als Entspannung.
  9. Spaß am Job. Platzbesitzer, die einen mit einem Lächeln empfangen, lassen jeden Platz schöner wirken.
  10. Bonus-Highlight: Feuerstellen! Für uns war es immer eine ganz besondere Freude, wenn wir irgendwo ein kleines Lagerfeuer entzünden durften, Alupäckchen draufpacken und die Hände wärmen. Oder eben ein anderes Bonus-Feature, wie eben Ruderboote. Quasi der Spielplatzersatz für Erwachsene.

Jedenfalls hatte der Campingplatz in Olden viele dieser Pluspunkte, und da es immernoch (!) heiß war, war es der perfekte Ort für uns, zwei Tage zu bleiben, ein bisschen spazieren zu gehen, Boot zu fahren, lecker zu kochen und gemütlich auf einer Decke im Schatten zu lesen. Mehr braucht es manchmal im Urlaub nicht…

Oldevatn

Eine weitere Gletscherzunge und das Gletschermuseum sind dank eines Tunnels nicht weit entfernt. Den Blick auf den Boyabreen genossen wir vom Gletschersee aus, der in nur wenigen Minuten von der Straße Richtung Sognefjord erreichbar ist. Dort herrschte ein enormer Fallwind, der bei der Hitze sehr angenehm war, ebenso wie das kühle Schmelzwasser an den Füßen. Ebenso viele Fotos wie vom Gletscher haben wir und die anderen Touristen hier aber von etwas sehr banalem gemacht: Kühen. Weil die nämlich frei herumlaufen dürfen, ebenso wie Schafe und Rentiere, und es sich auf dem Parkplatz vor dem Gletscher bequem gemacht hatten. Stellt euch das mal vor. Tiere, die wirklich noch in Freiheit leben. Ohne Mast, ohne Kraftfutter, mit einem Zaun, der kilometerweit entfernt ist. In Norwegen geht das. Ob die Fleischproduktion dabei für die Gesamtbevölkerung ausreicht, glaube ich leider nicht. Gesehen haben wir große Ställe aber auch nicht.

Der Gletscher kalbt

Eine Sehenswürdigkeit ganz anderer Art liegt nur wenige Kilometer weiter: Mundal, das Bücherdorf. Malerisch gelegen an einem schmalen Ausläufer des Sognefjords, mit nur wenigen Häusern und einem altehrwürdigen Hotel, indem auch Jostein Gaarder ein paar Mal abgestiegen ist, reichten dem Dorf anscheinend nicht. Deshalb wurden überall – und ich meine überall, in Läden, vor Wohnhäusern, am ehemaligen Fährableger und in Scheunen – Bücherregale aufgestellt. Aus mindestens zweiter Hand finden sich hier für wenige Kronen norwegische, aber auch englische und deutsche Romane, Sachbücher, Kinderbücher, Comics… Mir hat beim Stöbern spontan nichts zugesagt, und 18 Uhr werden die größeren Büchereien geschlossen (hätten wir bloß nicht so lange gepicknickt vorher!). An einem sonnigen Abend in der Hauptsaison haben wir hier nur wenige Touristen getroffen. Aus der ohnehin schmalen Straße wird kurz nach dem Dorf eine Schotterpiste. Ein paar Häuser gibt es da noch, Obstbäume und Wiesen, die steil zum türkisblauen Fjord abfallen. Ein guter Ort zum Lesen, Picknicken und Schreiben. Gaarder weiß schon, was gut ist.

Das Bücherdorf

Und jetzt seid ihr dran: Was wünscht ihr euch von Campingplätzen? Wo habt ihr euch am wohlsten gefühlt?

 

von Laura

(Norwegen, Olden bis Fjaerland, 21. bis 23. Juli 2014)

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0 Comments on “Gletscherland

  1. 1. Saubere und bestenfalls halbwegs moderne Sanitäranlagen (ist allerdings kein Plus, sondern Muss. Je weniger das passt, desto versiffter lassen auch andere die Einrichtungen zurück)
    2. Verzicht auf fiese unbeleuchtete Stolperfallen vor den Toiletten
    3. Ein See/Meer/Gewässer in der Nähe ist ne feine Sache
    4. Tatsächlich Wifi, möglichst auf dem gesamten Gelände. Verstehe auch gar nicht, weshalb das so selten ist, sollte technisch heute kaum noch ein größere Herausforderung darstellen. Mit fair ausgepreisten Zeitkonten kann man sich auch die Wartungskosten problemlos wieder reinholen oder halt gleich mit einpreisen.
    5. Schatten! Je heißer das Land, desto wichtiger
    6. Ein kleiner Shop kann manchmal hilfreich sein, wenn der Platz abgeschiedener ist.
    7. Die Möglichkeit, bestimmte Dinge zu leihen (z.B. CEE Kabel/Adapter, Tischtenniskellen, sonstiges Bliblablups)
    8. Ebene/plane Stellflächen. Bei 120cm Liegefläche zu zweit nur 60cm zu nutzen, weil alles schief ist, macht weder dem Erquetschtem, noch dem Quetschendem wirklich Freude.
    9. Verzicht auf nächtliches „Unterhaltungsprogramm“ in Form von „Disko“ (ist aber nur meine persönliche Meinung).
    10. Preise, die NICHT mit dem Hotel 3km weiter konkurrieren (Warum auch?!?)
    Und vermutlich noch tausende andere Sachen, die mir gerade nicht einfallen…

    • Du hast so recht! Hab die Zeltperspektive fast ein bisschen vergessen. Schiefe Wiesen sind neben Steinflächen der Worst Case… Und zu den Stolperfallen vor den Toiletten hätte ich gern die Story gehört 😉 Jetzt müssen wir nur noch alle Campingplatzbesitzer der Welt dazu bringen, das zu lesen…
      Drück dich! Laura

  2. Pingback: In 2,5 Tagen um den längsten Fjord | bildbeilage

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