In 2,5 Tagen um den längsten Fjord Europas

Je länger wir reisen, desto mehr befreie ich mich von dem Gedanken, Orte abhaken zu müssen. Nach dem Motto: „Waaas, ihr wart in Norwegen, aber nicht in XYZ???“ Natürlich gibt es Sehenswürdigkeiten, die man nicht verpassen sollte. Den Eiffelturm in Paris zum Beispiel. Aber der ist ja auch schwer zu übersehen. Was ich meine ist: Egal, wie viel Zeit man hat, es ist immer zu wenig – auch fünf Wochen für Norwegen. Allen Tipps aus den Reiseführern zu folgen, ist nicht drin. Niemals. Und je eher man das akzeptiert, umso entspannter wird das Reisen. Dass wir am berühmten Sognefjord nur zweieinhalb Tage verbracht haben, erstaunt mich zwar selbst, denn es ist immerhin der längste Europas – aber für einen Roadtrip ist eben nichts zu weit.

Aurlandsfjorden

Nach dem Gewitter: Waldbrand am Aurlandsfjorden

Zu den typisch norwegischen Sehenswürdigkeiten gehören unbedingt die Stabkirchen, aus uraltem Holz erbaut, mit Schnörkeleien, die man aus europäischen Kirchen so nicht kennt und manchmal sitzen sogar kleine Drachen auf den Dachfirsten. Die älteste steht im Dörfchen Urnes, über Himbeerfeldern an einem Seitenarm des Sognefjords. Zu ihr führt entweder eine Fährverbindung oder eine schmale Straße, die wir gewählt haben, weil sie auch an einem tollen Wasserfall liegt. Wenn ihr nur eine Stabkirche anschauen könnt, und wenn euch die „Herr der Ringe“-Filme gefallen, nehmt die in Urnes. Denn daran hat sie mich in ihrer mittelalterlichen Ästhetik erinnert, dabei haben wir sie aber nur von außen gesehen. Wir waren nach dem Besuch von Mundal einfach weitergefahren und spät angekommen, was aber schlichtweg egal ist, wenn man im Sommer unterwegs ist (ewige Helligkeit) und im Auto schläft (keine Hotelsuche). Vom Hauptparkplatz nahe der Fähre führt eine steile, aber nicht weite Straße zu dem Kirchlein hinauf, vorbei an Apfelbäumen, Himbeersträuchern und ein paar Wohnhäusern. Nach einem heißen Sommertag wie unserem strömt das dunkle Holz noch lange Wärme und einen Geruch wie von Feuer aus. Im Gras ringsum ragen alte, weiße Grabsteine auf, dann eine alte Mauer aus groben Steinen, das war’s. Dazu dieses ungeheuer alte Bauwerk, das so gar nicht nach Kirche aussieht mit seiner Veranda und dem hundeähnlichem Wesen an der Seite. Mehr wie ein Gebäude aus einer anderen Welt, Mittelerde eben.

Urnes

Wer Urnes in den letzten Jahren besucht hat, dürfte die noch recht neu wirkenden Picknickhäuschen am Parkplatz kennen. Mit dem Blick über Dorf, Fjord und Berge bilden sie einen perfekten Ort zum Kochen – vor allem, wenn abends kaum noch jemand da ist. In unserem Fall: ein junges Pärchen mit einem VW-Bus und ein älteres, das sich nach uns auf den Weg zur Stabkirche gemacht hat. Zum Schlafen haben wir uns aber den Parkplatz am Startpunkt zum Feigefossen ausgesucht, direkt am Wasser. Wir hatten gelesen, dass es nur 20 Minuten bis zum Wasserfall sind, und haben es einfach ausprobiert. Zugegeben: Es wurde auf dem Rückweg doch etwas dunkel und ich habe mir wegen Wildschweinen ein wenig Sorgen gemacht. Aber dem mächtigen Rauschen des über 200 Meter hohen Fossens näher zu kommen, war spannend, gerade in der Düsternis, und ein gelungener Tagesabschluss.

Feigefossen

Der Weg um den Sognefjord zählt auf jeden Fall zu den schönsten in Norwegen. Von Urnes über Skjolden nach Südosten fahrend streift man den Jotunheimen-Nationalpark, überquert Pässe und kommt auch im Juli noch an großen Schneefeldern vorbei. Im Winter sind viele dieser Hochstraßen überhaupt nicht passierbar. Zwischen Laerdal und Aurland im Süden des Sognefjords gibt’s deshalb seit 2000 einen Tunnel, den wir statt der Straße durch die Berge gewählt haben. Denn wenn man die Chance hat, den längsten Straßentunnel der Welt zu befahren, kann man das ruhig mal machen. Mit seiner Beleuchtung und den Rasthöhlen eine Sehenswürdigkeit ganz anderer Art.

Laerdaltunnel

Bei Aurland lohnt es sich aber, ein Stück zurück auf den Bergpass hochzufahren, den vom Stegastein hat man eine wunderbare Aussicht auf den Fjord. Wählt dafür lieber die Morgen- oder Abendstunden, damit es euch nicht wie uns ergeht: Wir haben uns bei Hitze und ohne Klimaanlage die enge, kurvige Straße hochgequält, also es plötzlich nicht mehr vorwärtsging. Die beiden Reisebusse vor uns ließen ihre Passagiere aussteigen und auch ich ging mir das Elend anschauen. Ein Bus aus Estland, ein ganzes Stück länger als das norwegische Pedant hinter ihm, hatte es nicht um eine der Haarnadelkurven geschafft und stattdessen mit seinem Hinterteil den aufgehitzten Asphalt aufgeschabt. Auch ohne Touristen an Bord war es schlicht unmöglich, das lange, unbiegsame Ding um die Kurve zu bringen. An Wenden war erst recht nicht zu denken. Das hieß für die Busse, uns und mittlerweile dutzende Autos hinter uns: rückwärts die Serpentinen wieder runter. Na danke! Die Bustouristen folgten in einer langen Prozession dem beschädigten orangenen Ungetüm, das meiner Meinung nach nichts auf den kurvigen Bergstraßen Norwegens zu suchen hat. Auch schon an den Trollstigen hatten sich Busse hochgequält, und auch dort stand einer beschädigt am nicht vorhandenen Straßenrand. Liebe Reisebusunternehmen: Bitte tut das euern Fahren, Gästen und den anderen Autofahrern nicht an! Setzt die Leute in Kleinbusse und gut. (Das wollte ich seitdem mal loswerden.)

Nichts geht mehr

Wir haben dann erstmal eine Badepause im Aurlandsfjord und in einem Bach im Aurlandsdalen unterhalb eines Wasserfalls eingelegt. Und gegen Abend einen zweiten Versuch gestartet. Da von Ferne ein Gewitter heranzog, haben wir oben am Aussichtsparkplatz das Schauspiel genossen und mit Sorge verfolgt, wie vermutlich nach einem Blitzeinschlag die Büsche am Berg gegenüber in Flammen aufgegangen sind. (Das dürfte der einsetzende und stärker werdende Regen aber erledigt haben.) Übernachtet haben wir im Weltnaturerbe: dem Naeroyfjord, auch ein Ausläufer des Sognefjords. Dieser ist so berühmt, weil er besonders schmal ist. Das Dörfchen hier bekommt also nur wenige Sonnenstunden, weil es von drei Seiten von Bergen umgeben ist. Nur noch zehn Menschen wohnen dort, haben wir vor Ort gelesen. Ein „Ende der Welt“-Gefühl der neuen Art und Weise, so mitten im Land. Den Blick von oben auf den Fjord bietet nur eine steile, schweißtreibende Wanderung, die wir dieses Mal ausgelassen haben. Vom historischen Hotel Stalheim hat man aber zumindest einen Ausblick aufs Naeroytal.

Naeroytal

Man könnte wahrscheinlich zwei Wochen nur am Sognefjord verbringen, und es würde nicht langweilig. Wir wollten und mussten aber ja nach Süden kommen, und für uns waren das tolle Tage, in denen es an nichts gefehlt hat. Also sind wir weitergefahren. Nicht mehr direkt am Sognefjord gelegen, aber nicht weit vom Naeroytal, wartete schon die nächste außergewöhnliche Badegelegenheit auf uns: Der Tvindefossen. Ein wunderbarer Wasserfall, den die Natur terrassenförmig angelegt hat, sodass sich viele Badebecken übereinander stapeln. Direkt daneben liegt ein Campingplatz (auf dem wir tatsächlich die allerersten Chemnitzer auf unserer Reise getroffen haben!), der den Vorteil hat, dass man in Ruhe baden kann, während Bus um Bus ankommt und nach wenigen Minuten wieder abfährt. Was wir dann auch gemacht haben.

Tvindefossen

von Laura

(Norwegen, Urnes bis Tvindefossen, 23. bis 26. Juli 2014)

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