Hin und wieder zurück: Die Trollzunge

50 Stufen. Bis hierhin war es einfach. Die Schritte fallen leicht, der Rucksack kaum ins Gewicht. 250 Stufen. „Das ist der härteste Teil, aber ihr habt’s fast geschafft“, sagen vier Bayern, die auf dem Rückweg sind. (Das stimmt leider nicht, aber das ahnen wir an diesem Punkt nur.) Wir schwitzen. Es ist schon 16.30 Uhr, aber es ist immer noch heiß. 35 Stufen weiter. Durchatmen. 45 Stufen. Durchatmen. Ein Seil zum Hochziehen. Ja, das hilft für ein paar Meter. 500 Stufen. Immer noch nicht oben. Und wieso sehen die Wanderer, die uns entgegenkommen, eigentlich auch so fertig aus? Bergab kann es doch nicht so schlimm sein. Weitere 100 Stufen. Es nimmt kein Ende. 800 nochwas Stufen. Jetzt sind wir zumindest oben auf der ersten Anhöhe. Nach ein paar Metern in seichterem Gelände steht ein Schild: 1 km geschafft, noch 10 bis zum Ziel. Ihr wollt mich doch verarschen!

Steil

Vorbereitung

Alle Abenteuer haben es an sich, dass man sie danach für absolut machbar hält, dass es im Rückblick ja gar nicht so wild war. Man vergisst das Zähnezusammenbeißen, den roten Kopf, die Anstrengung, weiter und weiter ein Bein vor das andere zu setzen. Bei der Wanderung zur Trolltunga, einer Felszunge 700 Meter über einem See nahe Odda, wussten wir zumindest vorher, dass es nicht einfach werden würde. Es waren zwar nur 11 Kilometer bis zum Ziel, wo wir übernachten wollten und so den Rückweg auf den nächsten Tag verschieben konnten. Aber uns erwarteten 900 Höhenmeter im Anstieg, und bei Hitze im Tal und Schnee in den Bergen ließ sich das Gepäck nicht groß reduzieren. Wenn ihr diese Wanderung vorhabt, können wir empfehlen, vorher auf dem Campingplatz in Odda zu übernachten. Denn die Chance, dort jemanden zu treffen, der schon bei der Trolltunga war, ist groß. Ein Mädchen hatte uns erzählt, dass sie und ihre Freundin 12 Stunden für den Hin- und Rückweg gebraucht haben – aber auch, dass Wasserfälle genug frisches Wasser für unterwegs liefern, sodass wir nicht allzuviel mitschleppen mussten. Auf diesem Zeltplatz zu sein, ließ unserer Aufregung schon gehörig steigen. Jeder dort sah aus, als käme er von einem Abenteuer oder bereite es gerade vor. Berge von Nudeln mit Tomatensoße wurden in der Küche gekocht, Rucksäcke ausgepackt und neu sortiert, Schlangen standen vor den heißen Duschen an. (Die die dutzenden Outdoormenschen übrigens sauberer hinterlassen haben als eine Horde Teenager auf dem Zeltplatz in Geiranger.) Das Packen (warme Kleidung, Schlafsäcke, Taschenlampen, Regenjacke, Schlafsack, Essen, Wasser…) haben wir am Tag danach erledigt, denn um abends anzukommen, reicht ein Start am Nachmittag.

Gepäck

Aufbruch

Als wir dann am nächsten Tag am Busbahnhof in Odda auf den Bus zum Startpunkt warteten, stieg meine Aufregung nochmehr. So mit Schmetterlingen im Bauch und allem Drum und Dran. Das war sie, die Wanderung, auf die wir uns seit Beginn unserer Europareise gefreut hatten. Und als wir schließlich den ersten bösen Aufstieg hinter uns gebracht hatten, machte es auch richtig Spaß. Der Weg führt hier über eine mit Steinmännchen markierte Hochebene und gibt erstmals den Blick auf die schneebedeckten Gipfel in der Umgebung preis. Der folgende, zweite böse Anstieg war stufenlos und dadurch ein wenig angenehmer. Außerdem war ich bei jedem Stopp von der Aussicht entzückt, die mit jedem Höhenmeter großartiger wurde. Kurz vor dem höchsten Punkt trafen wir ein deutsches Pärchen wieder, das wir vom Zeltplatz kannten. „Ihr habt es fast geschafft und es lohnt sich wirklich“, motivierten sie uns – und sie behielten recht. Auf der anderen Seite der Anhöhe bot sich ein nicht weniger toller Ausblick über einen kleinen See hinweg in das Tal, über dem der Trollzunge genannte Felsvorsprung liegt. Ab hier würde es nur noch seichter bergauf und bergab gehen. Nach einer wohlverdienten Pause trafen wir wieder auf zwei junge Deutsche und da sie das gleiche Ziel wie wir hatten, wanderten wir ein gutes Stück zusammen. Laufen ist immer einfacher, wenn man jemanden zum Quatschen hat, und so fielen die nächsten Kilometer gar nicht weiter auf.

Unterwegs

Endspurt I

Unser Plan war, die Trollzunge im Sonnenuntergang zu erleben, und tatsächlich wurde die Landschaft schon langsam in warmes Licht getaucht, als wir Kilometer 10 von 11 passierten. Inzwischen war es kurz nach halb neun, und immer noch kamen uns Wanderer entgegen, die auf dem Rückweg waren. Eine Familie hatte kaum Gepäck dabei, und alle sahen schon recht demotiviert aus. Im Hellen zurückzukommen, war inzwischen unmöglich. Leider lockt die fotogene Trolltunga so viele Menschen an, dass manche die Bergtour leichtfertig angehen – in leichten Schuhen, ohne Kleidung für einen möglichen Wetterwechsel und mit völlig absurden Zeitvorstellungen. 22 Kilometer in flachem Gelände mag man in ein paar Stunden schaffen, diese Tour wird aber mit 8 bis 10 Stunden veranschlagt. Entsprechende Hinweise finden sich überall, auch auf einer Tafel am Ausgangspunkt. Man müsste sie nur lesen… Wir hoffen sehr, dass die Familie heil nach Hause gelangt ist und können nur raten, eine Bergwanderung nie auf die leichte Schulter zu nehmen. Den letzten Kilometer durch flaches, steiniges Gelände haben wir zügig zurückgelegt – und sind nach genau fünf Stunden angekommen.

Ankunft

Genießen

Natürlich hatte ich von Postkarten und Reiseführern ein Bild im Kopf von der Trolltunga. Dennoch gibt es nichts, was den tatsächlichen Anblick kaputt machen könnte. Auf dem Plateu anzukommen, das Tal mit dem türkisblauen See, die Berge ringsum und die Felszunge zu sehen, ist ein unbeschreiblicher Moment. Einer, in dem man wirklich laut „Wow“ ruft. In allen Gesichtern der Wanderer, die wie wir die Nacht hier verbringen wollten, stand ein ähnlicher Ausdruck. Das wir hier nicht allein sein würden – in der Hauptsaison – hatten wir geahnt. Zwischen den Felsen ringsum fanden sich genug Wiesen für ein gutes Dutzend Zelte. Und das war auch gut so, denn schließlich muss jemand da sein, der das Foto macht, wenn man die Trollzunge endlich betritt. Tagsüber wächst sich das zur Kleinkunstbühne aus. Das Plateu sitzt dann voller Zuschauer, die anderen Wanderer stehen an der Zunge an, wo jeder seine fünf Minuten Ruhm bekommt. Angesichts des Abgrunds tun Menschen die verrücktesten Dinge: baumeln mit den Beinen, wagen einen Handstand oder ziehen sich aus. Nach einer doch recht frischen Nacht im Zelt genossen wir trotz des Gewusels unser Frühstück in der Sonne, bevor wir uns völlig ohne Zeitdruck an den Rückweg machten.

Theater

Endspurt II

Die Zeit holte uns aber dennoch ein. Busse vom Wanderparkplatz zurück nach Odda fahren nämlich nur alle vier Stunden. Und was macht man, wenn man den einen Bus gerade noch bekommen oder mehr als drei Stunden warten müsste? Klar, man nimmt die Beine in die Hand. Doch dabei wurde uns auch klar, warum die Wanderer auf dem Abstieg bei den Stufen so fertig aussahen – sie waren runterzu nicht weniger anstrengend zu gehen als hochzu. Die Abstände waren teilweise so groß, dass man sein eigenes Gewicht und das des Rucksacks ausbalancieren muss, während man einen Schritt nach unten tut. So kamen wir nicht weniger schwitzend am schon wartenden Bus an – nur um festzustellen, dass der wegen einer Straßensperrung für einen Schwerlasttransport noch eine halbe Stunde warten musste. Fertig, aber glücklich kamen wir schließlich zurück auf den Zeltplatz. Heute waren wir es, die diesen Abenteuer-überstanden-Ausdruck im Gesicht hatten – auch wenn es nur ein kleines war.

von Laura

(Norwegen, Odda und die Trollzunge, 27. bis 29. Juli 2014)

→ Ihr wollt zur Trollzunge laufen? Hier haben wir alle Infos zur Wanderung zusammengefasst. ←

0 Comments on “Hin und wieder zurück: Die Trollzunge

  1. WooW – Was soll ich sagen. Norwegens Landschaft haut mich immer wieder vom Sockel. Danke für das Teilen der tollen Bilder 🙂 Hab grade eure Fb-Seite gelikt und gesehen, dass ihr momentan in Down Under unterwegs seid – supi. Ich war nach dem Abi für ein Jahr dort unterwegs und es ist einfach traumhaft 🙂 Habt viel Spaß! Liebe Grüße aus Vancouver.

    • Liebe Grüße zurück! Und danke! Norwegen war landschaftlich auch eines unserer Lieblingsländer bisher, einfach einzigartig… Bin gespannt, wie’s bei euch weitergeht!

  2. Pingback: Der letzte Aufstieg | bildbeilage

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