Hanoi: Unser Tor nach Asien

Es dürfte etwa 11 Jahre her sein, dass ich das letzte Mal geflogen bin. Und auch, wenn es nicht die Malaysia Airlines war, die uns nach Vietnam bringen sollte: Man, war ich aufgeregt. Als der Flieger in Frankfurt abgehoben war, fühlte es sich aber doch wieder wie Busfahren an, nur halt ohne Straße. Aus irgendeinem Grund – vielleicht wegen der Zeitunterschiede – sollten wir die Rollos geschlossen halten. Man guckt irgendeinen Film, isst hin und wieder irgendetwas und dämmert vor sich hin. Und dann öffnet man das Rollo einen Moment, und da draußen geht gerade sehr schön und sehr golden die Sonne unter in einem Land, von dem dir der Monitor vor dir verrät, dass es Afghanistan ist. Und plötzlich fällt mir wieder auf, dass heutzutage nichts mehr unerreichbar ist. Eine andere Welt, ein anderer Kontinent oder schlicht das, was sonst immer „weit weg“ ist, liegt nur ein paar Stunden entfernt. Verrückt, wenn man mal darüber nachdenkt.
Nach dreimal Abendbrot oder so, ungefähr der Hälfte von „Life of Pi“ und viel zu wenig Schlaf landeten wir an einem strahlenden Morgen am Flughafen von Taipeh, tranken dort Wasser aus gefalteten Papiertüten und stiegen wieder in ein neues Flugzeug um. Die zweite Hälfte „Life of Pi“ und ein herzhaftes Frühstück (Nudeln) später tauchte am Rand der blauen Fläche unter uns sowas wie ein Gebirge aus weißen Wolken auf, bald darauf zog grünes flaches Land unter uns vorbei, durch das sich braune Flüsse schlängelten. Dörfer zogen sich an ihnen entlang, verbunden durch lange, gerade Straßen. So weit, so normal. Dann aber tauchten grüne scharfkantige Hügel auf, die sich wie nichts aus der Ebene erhoben, und im Sinkflug wurden blaue Dächer auf den Häusern und ringsum Palmen sichtbar: Das ist dann wohl Vietnam. Und als ich das realisiert hatte, fiel mir schlagartig Forrest Gump ein, und der Vietnamkrieg, und dass das so ziemlich alles war, was ich von diesem Land kannte.

Hello Vietnam
Der Fughafen von Hanoi war dann aber ein Flughafen wie jeder andere, und dass ein junger Typ ein Schild mit „Transfer Mr Schaarschmidt“ hochhielt, nahm mir einiges an Anspannung. Das Taxiunternehmen hatte gute Kritiken im Internet und würde uns zum Festpreis zu unserem Hotel in der Altstadt bringen. Vorm Flughafen wartete die berühmte Wand auf uns – aus Feuchtigkeit und Hitze. Im klimatisierten Taxibus fielen mir aber schnell die Augen zu. Egal, wie neu und aufregend dieses asiatische Land war, die Palmen am Straßenrand, die Motorräder überall um uns herum: Jetzt machte sich meine Müdigkeit plötzlich bemerkbar. Erst, als wir schon durch enge Gassen fuhren, mit Geschäften links und rechts in zweistöckigen alten Häusern unter riesigen grünen Bäumen, wurde ich wieder wach – nur, um im Hotel in einem breiten Bett noch ein Nickerchen zu halten.
Und dann: Hanoi. Es war täglich ein Moment, auf den ich mich freute und der mir zugleich ein wenig Unbehagen bereitete, unser modernes, freundliches und vor allem klimatisiertes Hotelzimmer zu verlassen, nachdem wir uns ein heimisches Frühstück mit erzgebirgischem Vollkornbrot und selbstgemachter Marmelade aus Chemnitz hatten schmecken lassen (Nochmal ganz laut Danke dafür!). Denn in dem Moment, als wir die Eingangshalle des Hotels verließen, war es heiß, feucht, laut und chaotisch. In dutzenden Reihen warteten Rollerfahrer an der Kreuzung vor uns darauf loszufahren. Die subtropische Wärme ließ uns sofort jede Bewegung spüren. Überall wurde gehupt, geredet, gekocht, verkauft, überall war Leben, wir mussten nur loslaufen. Sich im Dschungel von Vietnams größter Stadt zurechtzufinden, wurde mit jedem Tag und dank einer kopierten A4-großen Karte vom Hotel einfacher.

Abendverkehr beim Kinder-Tet

Den ersten Nachmittag und schließlich jeden Erkundungstag begannen wir mit einem Eiskaffee, der hier mit gezuckerter Milch serviert wird und etwa 1 € kostet. In einem Café haben wir während eines derben Regenschauers auf winzigen Holzhockern gesessen. Es war ein winziger Raum mit ein paar Arbeitsflächen in einer Ecke, wo zwei Frauen mit Kannen und Töpfen Tee und Kaffee zubereiteten, mit einem gefließten Boden voller Zigarettenkippen, zur Straße hin offen. Um uns herum saßen junge Hanoier mit glänzenden Sandalen, roten Fingernägeln und tippten auf ihren Smartphones. Ein anderes Café lag gegenüber der alten französischen Kirche nahe dem Backpackerviertel. Wir saßen draußen unter den üblichen Rollos auf kleinen Plastikhockern und beobachteten die vorbeiziehenden Touristen ebenso wie die verschiedenen Techniken der Vietnameses, während eines erneuten Regenschauers (die hatte wir beinahe täglich) auf dem Bike trocken zu bleiben. Als Christoph bezahlen ging, zerteilte die Familie drin auf dem Boden sitzend gerade ein Hühnchen. Der Kaffee war überall großartig.

Kaffeepause
Auch sonst machte es Hanoi einem leicht, es zu mögen. Es war voller Geschichte, voller architektonischer Schönheiten wie eben der Altstadt, von der aus alle Sehenswürdigkeiten zu Fuß zu erreichen waren, es ist in einigen Teilen touristisch und damit auch ohne die Landessprache zu sprechen möglich, etwas zu bestellen und zu wissen, was man bekommt – aber gleichzeitig so normal und authentisch, wie eine lebende Großstadt eben ist. Wir haben abends am Hoan-Kiem-See gesessen und die Lichter betrachtet, die sich hier spiegeln. Auf dem breiten Fußweg haben Jugendliche Hackysack und Familien Federball gespielt, während hinter ihnen der übliche Verkehr vorbeirauschte. Der alte Mann neben uns war ganz entzückt von Christophs Bart und sprach uns auf vietnamesisch an – was die Frau, die den Boden kehrte, netterweise übersetzte. Wie alt wir seien, wollte er wissen, und ob wir verheiratet sind (das würden wir noch oft beantworten müssen). Er war über 80, und der erste von vielen, die an Christophs Vollbart zuppelten. Bärte tragen in Vietnam nur die Älteren, und auch die nur selten. Sich nicht in einer gemeinsamen Sprache verständigen zu können, hielt wie ihn viele Vietnamesen nicht davon ab, mit uns zu reden. Wir hatten vorher ein bisschen was über die Kultur des Landes gelesen, ein bisschen was über die Sehenswürdigkeiten, ein paar Worte im Wörterbuch nachgeschlagen, aber wir waren weit davon entfernt die Sprache zu sprechen. Praktischer- und sympathischerweise haben wir mehrfach junge Vietnamesen getroffen, die ihr Englisch aufbessern wollen, indem sie mit Touristen sprechen und im Gegenzug versuchten, uns ein paar Worte ihrer Landessprache beizubringen. So auch am ersten Tag in Hanoi, an dem uns eine Chemiestudentin ansprach. Rund um den See wird man als Tourist generell häufig angesprochen – um ein Fahrradtaxi zu nutzen, seine Schuhe reparieren zu lassen, Snacks zu kaufen und vieles mehr. Am Anfang war das manchmal etwas überfordernd, aber ein einfaches „No thanks“ und ein Lächeln reichen aus. Die Snacks indes haben wir uns nicht entgehen lassen. Fritierte Kartoffelteigbällchen mit süßer Füllung zum Beispiel, oder eine zwischen zwei Obladen servierte klebrig-weiße Zuckermasse mit Erdnüssen, in Zucker karamellisierter Mais mit Chilli oder allerlei gefüllte und fritierte Taschen. Das meiste davon kostet ein paar Cent, wenn man nicht – wie wir am Anfang – den Touristenpreis zahlt. Handeln ist in Vietnam üblich und braucht für Europäer mehr als ein bisschen Übung.

Streetfood
Wir haben von anderen Touristen gehört, dass sie Hanoi lieber gestern als heute verlassen hätten, ihre Ankunft bereits ein Chaos sondergleichen war und sie der Stadt nichts abgewinnen konnten. Mir ging es irgendwie anders, und wir sind einen Tag länger als geplant geblieben. Zum einen gibt es wirklich viel anzusehen: Den Tempel auf einer Insel im Hoan-Kiem-See, unser erster buddhistischer, den Literatur-Tempel, der eine Zeit lang als Universität diente und Konfuzius und anderen Gelehrten gewidmet ist, das lustige Wasserpuppentheater, für das wir dank Nebensaison ohne Weiteres Karten bekamen, das Historische Museum, das Einblicke in Vietnams lange und reiche Geschichte gab, und natürlich das Mausoleum von Ho Chi Minh, das wir uns nur von außen angeschaut haben. Abgesehen davon war es spannend, einfach durch die Straßen zu schlendern, durch die vielen gepflegten Parks, vorbei an Designerläden im Süden des Sees, durch Straßen, die traditionell einem Thema gewidmet sind wie der Baumarktstraße, in der jeder Laden Schrauben, Werkzeug und dergleichen verkauft, und durch enge Gassen, in denen fleißig Gemüse für die abendliche Garküche geschnippelt wird. Hanoi ist mit seinen Plastikhockern vor jedem Geschäft unglaublich bodenständig, dann wieder schick und modern. Das Leben findet hier, wie fast überall in Vietnam, draußen statt, und so sieht man bis nachts Menschen auf Hockern sitzen, in den nach vorn offenen Läden etwas verkaufen, Bikes reparieren oder Essen zubereiten.

Die Lichter vom Hoan-Kiem-See

Etwas zu Essen zu bekommen, war nur am ersten Abend ein Problem, weil wir noch nicht wussten, wie es läuft. Dank dem wirklich guten „Fettnäpfchenführer Vietnam“ wussetn wir: Wo viele Einheimische sitzen, kann man auf gutes Essen vertrauen. Wir sind also einfach in eine Richtung gelaufen, damit wir das Hotel wiederfinden. Ein Imbiss an der Ecke hatte zwar viele bunte Bilder, wir aber keine Ahnung, was das darauf Abgebildete sein konnte. In einer Querstraße schließlich sahen wir dutzende Menschen auf den Plastikhockern auf dem Fußweg sitzen, beleuchtet von einer großen hellen Lampe. Was sie auf dem ebenso kleinen Pastiktisch zwischen sich stehen hatten, sah gut aus. Nudeln, Gemüse, dampfende Töpfe. Während wir noch überlegten, hatte sich eine Familie an den letzten freien Tisch gesetzt – aber kein Problem, der Kellner zauberte noch ein paar Plastikmöbel hervor und baute sie ein paar Meter weiter auf dem Fußweg zwischen parkenden Motorbikes auf. Eine Karte gab es nicht, nur nach den Getränken wurden wir gefragt und bestellten bia, was einfach auszusprechen ist und Bier bedeutet. Binnen Sekunden wirbelten mehr und mehr Kellner herbei und stellten unseren Tisch mit allerlei Essen voll – was würde uns das wohl kosten? In der Mitte stand ein Fondue mit kochender Brühe, in der Ananas und Tofu schwammen. Ringsum waren Teller mit weißen Reisnudeln, Reispapier, Zitronengras, Sojasprossen, Salat, Kräutern, Dips, Braten und rohem, blutigen Fleisch. Überfordert, getjetlagged aber hungrig machten wir unsere ersten Stäbchenversuche und nahmen uns Nudeln und etwas aus der Brühe in ein Schälchen. Netterweise konnten wir an den jungen Hanoiern neben uns beobachten, wie man das isst. Und es war fantastisch! Die heiße Ananas zusammen mit einem Dip aus geröstetem Knoblauch war köstlich, ebenso wie der Tofu, wenn man ihn kurz in mit Chilli und Limettensaft gewürztes Salz tauchte. Und sogar das dünngeschnittene Fleisch, das der Kellner ohne Weiteres in unsere Brühe kippte, war gut. Ja, in diesem Moment, habe ich als Vegetarierin das auch gegessen – ich hatte eh gewusst, dass ich nicht immer würde klarmachen können, dass ich kein Fleisch esse. Das Ganze hat uns, samt vier Bieren, etwa 9 € gekostet, und es war richtig gut.

 

(Vietnam, Hanoi, 26. bis 30. August 2014)

von Laura

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0 Comments on “Hanoi: Unser Tor nach Asien

  1. Lustig wie klein die Welt ist, wenn man einigen Blogs folgt. Wir sitzen hier bei Regen in Vancouver und Ihr seid in Hanoi. Wie klein doch die Welt ist! Die ersten Tage waren wir auch in einem Viertel mit sehr vielen Asiaten untergebracht (und leckerem Essen!), aber hier ist bei weitem nicht so viel los wie bei euch. Ich wünsche euch für euren Trip durch Asien alles Gute!

    • Ich vermisse das asiatische Essen grad schrecklich! Wir sind mittlerweile in Australien gelandet (die Sache mit dem Zeitmanagement…) und haben Asien vorerst hinter uns gelassen. Aber ich finde es auch toll, wie nah und erreichbar plötzlich alles erscheint, wenn man einmal unterwegs ist und sieht, dass andere das auch hinbekommen haben 😉 Ich drück die Daumen für Sonne in Kanada!

  2. Pingback: Saigon: Letzte Station! | bildbeilage

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