Ninh Binh: Küchen, Bäume, Tempel

Als wir im Bahnhof von Hanoi im Holzklasseabteil des Zuges nach Ninh Binh sitzen, haben wir schon wieder eine etwa 11 Stunden währende Nachtfahrt hinter uns gebracht. Die Fahrt zu unserem nächsten Tagesziel sollte nur noch etwa 2 Stunden dauern, weswegen wir dachten, wir versuchen es mal mit der billigsten Variante. Auf den schmalen, durchnummerierten Holzbänken sitzen jeweils drei Personen eng aneinander. Manche versuchen unter den Sitzen zu schlafen. Die Fenster sind offen und vergittert, gegen die Hitze kämpfen dutzende Ventilatoren an. Gerade als ich dachte, dass ja eigentlich nur die freilaufenden Hühner fehlen, kommt doch tatsächlich ein Typ mit einem Korb voll Kücken vorbei. Sowieso hat hier scheinbar jeder irgendeine Fracht bei sich. Öffentliche Verkehrsmittel werden hier allerorts auch als Post verwendet. Sogar die Busse halten hier und da an, um ein Päkchen abzuliefern. Die Fahrt war weniger gemütlich, der Smog wehte uns mitten ins Gesicht, als wir ankommen, tun uns die Augen weh und wir sind ziemlich dreckig und erschöpft. In dieser Klasse mehr als 2 Stunden unterwegs zu sein, können wir uns kaum vorstellen. Für die Einheimischen ist es jedoch normal. Im Nachtzug von Sapa nach Hanoi waren wir zuvor mit einem jungen Mädchen im Abteil, welches die 11-stündige Fahrt absolvieren musste, um zu einem guten Arzt zu kommen. Eine andere Welt.

Im Nachtzug zurück nach Hanoi

Im Nachtzug zurück nach Hanoi

Nach der Ankunft bleibt zum Verschnaufen leider keine Zeit. Kurz nachdem wir unsere Rucksäcke abgelegt haben, müssen wir sie schon wieder aufhuckeln, da ein Bahnmitarbeiter der Meinung ist, dass man sich hier nicht ausruhen darf. Währenddessen reden schon wieder drei andere Leute auf uns ein: „Taxi!“, „Hostel!“, „Abenteuertouren!“, natürlich jeder besser als die anderen Anbieter. Ein gemütliches Ankommen ist, ohne alles im Vorraus zu buchen, meist nicht möglich. Etwas entnervt entscheiden wir uns zu unserem Hotel zu laufen. Eine schlechte Entscheidung. Etwa eine halbe Stunde später sind wir völlig durchgeschwitzt am Ziel. Aber nun: Schnell duschen und dann ab in die Stadt, endlich etwas essen! Soweit der Plan, denn auch unsere Hotelmitarbeiterin will uns schon wieder irgendwelche Touren anbieten. Nach einem minutenlangen Vortrag bedanken wir uns für das umfassende Angebot, bitten aber um etwas Bedenkzeit, da wir ja gerade erst angekommen sind. Etwas verwundert lässt sie uns ziehen. Endlich Ruhe!

Nicht weit von unserem Hotel entfernt finden wir eine Suppenküche: Pho 25. Da wir diese kurz zuvor noch voll besetzt gesehen haben, denken wir, es kann wohl keine schlechte Entscheidung sein, hier einzukehren. Alles ist auf vietnamesisch – ein weiteres gutes Zeichen – nur an einem einzigen Tisch befindet sich eine mehrsprachige Karte. Das Inventar ist ein wenig, nun ja, verranzt, aber unserer Erfahrung nach schmeckt es genau in diesen Schuppen am allerbesten. Und so ist es auch! Mit Abstand die beste Pho, die ich in Vietnam gegessen habe, gewürzt mit der hauseigenen, schon etwas älter wirkenden, Knoblauch- und Chillisoße, ein Hochgenuss! Nach einer Verschnaufpause im Hotel machen wir uns dann am Abend noch einmal auf Nahrungssuche. An einem kleinen Garstand kaufe ich etwas, dessen Namen ich wohl niemals erfahren werde. Es muss wohl eine Art Gebäck mit Fleisch sein, sieht aber eigentlich nicht danach aus, es schmeckt gut. Zwei Ecken weiter, am Hundesuppenstand vorbei, finden wir zwei Omas vor. Beide haben ihren Stand direkt an der Straße aufgebaut, bieten das Selbe an und scheinen an sich Konkurrentinnen zu sein, aber irgendwie eben auch Freundinnen, die das selbe Hobby haben. Die mit Tofu gefüllten Brötchen sind jedenfalls großartig (die Würstchen am Spieß ebenfalls), wir besuchen die beiden älteren Damen am nächsten Tag noch einmal. Wenn wir an diesem Tag nicht den im Reiseführer prophezeiten Durchfall bekämen, könne er nicht mehr kommen, dachte ich. Oder das tausendjährige Ei, welches ich ein paar Jahre zuvor probiert hatte, hat mich immun gegen asiatisches Essen gemacht.

Gefüllte Brötchen

Gefüllte Brötchen

Die Scheu gegenüber exotischen Speisen habe ich auf jedenfall abgelegt, nur der Hund läßt mich weiterhin zögernd zurück, kommt es mir doch an sich falsch vor ihn nicht zu probieren, nur weil es ein Hund ist. Wäre ich konsequent, würde ich probieren und wüsste danach, wovon ich rede. Gerade weil ich daheim in Europa wieder, wie auch die drei Jahre zuvor, größtenteils vegetarisch essen möchte und im Grunde genommen daran glaube, dass es etwas bewirkt. Das Geschrei ist oft groß, wenn andere Kulturen Sachen auf den Tisch bringen, die man selber lieber streichelt. Doch bedenkt man dabei leider selten, was das Fleisch im eigenen Kühlschrank erlebt hat. Bevor ich in Vietnam angekommen bin, hatte ich all die Bilder von Käfighühnern oder gefesselten Schildkröten und Fröschen auf dem Markt im Kopf. Ich wurde nicht enttäuscht. Dennoch haben die Vietnamesen einen völlig anderen Bezug zu ihrer Nahrung. Fast überall, sogar in den Städten, sieht man frei umherlaufende Tiere. Das Huhn wird zwar im Käfig auf dem Markt angeboten, ist aber sicherlich nicht mit dem vergleichbar, was man in der heimischen Supermarktkühltruhe vorfindet. Denn hier kauft man, was man sieht. Geht es einem Huhn schlecht oder ist es verletzt, dann kauft es niemand. So ist es auch mit dem Rest der Tiere, die hier lebend angeboten werden – was natürlich nicht rechtfertigt, bedrohte Tiere anzubieten. Schlechte Haltung mag es ohne Zweifel auch hier geben, auf dem Markt findet man sie aber sicherlich selten. Binh, der Besitzer unseres Hotels, erzählte uns davon, dass Vietnamesen am liebsten Hühner vom Land essen, der Rest ist für die Touristen, also mich. Dennoch fällt es mir schwer etwas nicht zu kosten, weil ich so nie wieder die Gelegenheit dazu bekommen werde,… aber auch, es zu kosten, weil da immer eine Stimme sagen wird, dass es falsch ist!

Am selben Abend treffen wir am Eingang unseres Hotels ein deutsches Pärchen, welches gerade auf den Nachtbus wartet, den auch wir ein paar Tage später nehmen werden. Die beiden erzählen uns eine Menge Horrorgeschichten über ihre Erfahrungen in Vietnam. Hanoi war schlimm, in Sapa haben sie eine billige Tour mit einer der einheimischen Frauen gemacht, die ihnen nicht gefallen hat und einen Tag zuvor wurden sie vom Bus auf die Straße gestellt und sollten auf einmal ein Taxi bezahlen – später findet Laura heraus, dass dort der Bus nicht weiterfährt, also muss man einfach ein Taxi nehmen. Nun ist mir auch klar, wo die ganzen Gruselgeschichten im Internet herkommen. Reisen in Vietnam kann mitunter anstrengend sein und man sollte auch nicht immer die billigsten Anbieter wählen, wenn man kein vietnamesisch kann. Wenn man sich aber gut informiert, kann gar nicht so viel schief gehen. Ich hab‘ leicht reden, habe ich doch meine eigene Journalistin dabei.

Bootkapitänin

Bootkapitänin

Inzwischen haben wir uns entschieden, zwei Touren unseres Hotels zu nehmen. Erst wollte ich nicht, weil alle Mitarbeiter so vehement und nervig auf uns einredeten. Die Touren klangen aber an sich gut. Die erste Ausfahrt – wir, zwei Guides und zwei Motorbikes – führt uns zu einem Tempel inmitten eines der Felsen. Wie die Ha-Long-Bucht ist auch Ninh Binh für seine Karstlandschaft berühmt, nur das diese im Landesinneren liegt und sich ein Fluss zwischen den Bergen hindurchschlängelt. Auf genau diesem machen wir danach eine Bootsfahrt. Eine einheimische Frau rudert uns mit von ihren Füßen geführten Paddeln den Fluss entlang. Diese Fahrt wird mich wohl immer daran erinnern, wie ich Teile meiner Kameraausrüstung im Wasser versenkte. Eine kurze Unaufmerksamkeit und mein Stativ fiel um, mein Verlaufsfilter rutschte vom Objektiv und verschwand im Fluss. Ich konnte ihn noch kurz mit den Fingerspitzen erreichen, aber es war zu spät. Futsch! So schnell kann es gehen. Es sollte sich herausstellen, dass es fast unmöglich ist Ersatz zu bekommen. Zum Sonnenuntergang besuchen wir noch eine Pagode auf einem nahegelegenen Felshügel. Die mehreren hundert Stufen lassen uns wieder unendlich schwitzen. Oben angekommen treffen wir auf einen 17-jährigen Vietnamesen, der wie viele andere auch touristische Orte besucht, um mit Ausländern ins Gespräch zu kommen und so sein Englisch aufzubessern. Während wir die Aussicht genießen, erreichen weitere Touristen den Gipfel, am Feuchtigkeitszustand ihrer Klamotten als Europäer zu erkennen. Wir sind nicht die einzigen, denen es so geht. Das beruhigt.

bhin4

Am zweiten Tag geht es in den etwas weiter entfernten Cuc-Phuong-Nationalpark. Wieder sind wir mit den Rollern unterwegs und spätestens jetzt lernen wir diese Art der Fortbewegung in Vietnam sehr zu schätzen. Auf den Straßen abseits der normalen Wege, vorbei an einfachen Häusern, Sportplätzen und Reisfeldern und dann wieder durch kleine Gassen oder Wälder: Man hat alles direkt vor sich und kann es in Ruhe an sich vorbeiziehen lassen. Auch die Geschwindigkeit eines Rollers läßt einem genügend Zeit, alle Eindrücke wirken zu lassen. Am Nationalpark angekommen, besuchen wir als erstes die Affenstation. Dort werden Tiere, die aus der Gefangenschaft befreit wurden, in drei Stufen wieder ausgewildert. Die Station arbeitet sogar mit dem Leipziger Zoo zusammen, erfahren wir auf einer der Tafeln. Vietnam hat, wie oben erwähnt, ein Problem mit seinen bedrohten Tierarten. Der illegale Handel, gerade ins Nachbarland China, boomt. Geschützte Arten wie etwa die Affen und Schildkröten dezimieren sich dadurch alarmierend. Die Führung durch die Station ist im Eintritt inbegriffen, aber leider weniger auf Information ausgelegt als wir uns gerne wünschen. Unser Guide hetzt uns in atemberaubenden Tempo durch die Gehege, zum Fotografieren bleibt kaum Zeit. „Babyaffe hier!“ und „Babyaffe da!“ sind die grundlegenden Informationen, die wir bekommen.

1000jähriger Baum

1000-jähriger Baum

Mit dem Roller geht es danach tiefer in den Nationalpark, wo wir eine etwa 2-stündige Wanderung auf einem Rundweg machen. Es ist wieder einmal sehr schweißtreibend, aber die einzigartige Flora und Fauna ist es wert. Auf unserem Weg sehen wir Echsen, dutzende Schmetterlinge und einen 1000-jährigen Baum – das verrät ein großes Schild, welches direkt daran genagelt ist… Zurück im Nationalparkzentrum gibt es erst einmal eine Stärkung: Bratnudeln, die hier anders als zuhause sehr viel frischer und nicht im Fett schwimmend serviert werden. Auf dem Weg zu unserem letzten Tagesziel liefern sich unsere beiden Mopedfahrer ein Rennen auf verschiedenen Straßen. Bin und ich sind 10 Minuten eher da, was mir die Gelegenheit gibt, auf einer der Hängematten am Straßenmarkt ein kurzes Nickerchen zu halten. Nun heißt es wieder Stufen steigen zu einem 10m großen Buddha, der hier über der Landschaft drohnt. Wir schlendern gemütlich über das Gelände des Bai-Dinh-Tempels, eines der wichtigsten Heiligtümer Vietnams. Nach diesen Tagen in Ninh Binh hatten wir das Gefühl, definitiv nichts verpasst zu haben und waren bereit für die Weiterfahrt zum Phong-Nha Farmstay.

Pagode beim Bai Dinh Tempel

Pagode beim Bai Dinh Tempel

(Nhin Bhin, Vietnam, 10. bis 12. September 2014)

von Christoph

Werbung

Was denkst du? What do you think?

%d Bloggern gefällt das: