Abenteuer Nationalpark

Da stand ich nun mit meiner Höhenangst, zwischen mir und dem Erdboden lagen etwa 10m und vor mir erstreckte sich ein 100m langes Drahtseil direkt über einen Fluss im Phong Nha-Ke Bang Nationalpark. Dem Park, der 2009 wegen der Entdeckung der größten Höhle der Welt für Aufsehen gesorgt hat. Auf das, was uns da gerade bevorstand, waren wir nicht vorbereitet. Keiner der anderen Teilnehmer wusste davon und auch in dem kleinen Katalog, in dem all die Abenteuer beschrieben waren, die man buchen konnte, hatte man den Teil mit dem Drahtseil wohl vergessen. Leider existieren von dieser Aktion keinerlei Fotos, weswegen ihr uns das Ganze einfach ohne Beweis abnehmen müsst. Aber bevor wir den Ort erreichten, der wohl als einer der schönsten Vietnams in unsere Erinnerung eingehen wird, mussten wir erst noch die abenteuerliche Reise dahin absolvieren.

Gewitter über dem Nationalpark

Gewitter über dem Nationalpark

Die erste Etappe wird wohl als unsere erste und letzte Nachtbusfahrt in die Geschichte unserer Reise eingehen. Man stelle sich ein mobiles 35-Bett-Zimmer mit viel zu kurzen Betten vor, welches in gänzlich unangemessener Geschwindigkeit über ein Rübenfeld braust. Anders kann man die vietnamesischen Straßen leider teilweise nicht beschreiben, da aller paar Minuten eine Baustelle passiert wird. Nicht drumherum, versteht sich, sondern mittendurch. Bleibt zu hoffen, dass die Straßen aufgrund der vielen Baustellen bald sehr viel angenehmer zu fahren sein werden. Nach quali- und quantitativ mangelhaftem Schlaf wurden wir etwa halb 5 Uhr morgens(!!!) hektisch geweckt und an irgendeiner Ausfallstraße der Stadt aus dem Bus geworfen. Natürlich warteten hier schon zwei emsige Rollerfahrer darauf, uns ihre Dienste feilzubieten. Irgendwie mussten wir ins Zentrum. So weit, wie der Preis der beiden ahnen ließ, konnte es jedoch auf keinen Fall gewesen sein. Taxifahrer in Vietnam haben aber die leidliche Angewohnheit nicht aufzugeben, bis man sie unvollendeter Dinge einfach konsequent zurücklässt. Glücklicherweise kam gerade in dem Moment, als uns einer der beiden beweisen wollte, dass er unsere enormen Rucksäcke ohne Problem auf seinen Roller bekommt, ein Mai-Linh-Taxi vorbei. Eines von der Sorte, die immer ein Taximeter haben und somit immer einen Festpreis verlangen (außer das ganze Taxi hat eine gefälschte Aufschrift – was wir aber nie zu Gesicht bekommen haben). Dieses fuhr uns dann für einen Bruchteil des Rollerpreises bis zum lokalen Busbahnhof, wo in aller Frühe schon emsiges Treiben vorzufinden war. Zu leckerem Eiskaffee und Tee läßt es sich doch schon viel entspannter auf den Abholservice warten. Dieser fuhr uns und ein weiteres deutsches Pärchen dann schlussendlich zu unserem heiß ersehnten Ziel, dem Phong-Nha-Farmstay.

Innenhof des Farmstays

Innenhof des Farmstays

Unser Zuhause für die nächsten beiden Tage lag inmitten einer überwiegend landwirtschaftlich geprägten Region Vietnams, in einem kleinen Dörfchen am Rande riesiger Reisfelder, die nur von den Bergen des Nationalparks am Horizont begrenzt wurden. Wenn die Nacht hereinbricht, hat man von der Terrasse einen atemberaubenden Blick, denn dann geht über genau diesen Bergen die Sonne unter und die Familien des Dorfes treiben ihre Wasserbüffel von den Feldern zurück in die heimischen Ställe. Manchmal biegt einer versehentlich falsch ab und landet genau in der Einfahrt unseres Hotels. Hier gab es großartiges vietnamesisches Essen (die Pho war wieder sehr lecker), überall hingen Hängematten, eine Menge Zeitschrifen lag in den Zimmern und im offenen Gemeinschaftsraum, wo die ganze Zeit angenehme Gitarrenmusik lief, an den Wänden huschten unzählige Geckos herum und es gab sogar einen Pool. Außerdem war es einfach, mit dem Besitzer oder anderen Reisenden ins Gespräch zu kommen. Geführt wurde das Farmstay von einem australisch-vietnamesischen Pärchen, welches versucht einen nachhaltigen Tourismus zu fördern, der auch den Menschen vor Ort etwas bringt. Eine tolle Sache, die etwas teureren Preise wert und eine gute Mischung aus westlichem Komfort und vietnamesischer Authentizität, oder so!? Sei es drum, das Farmstay bot außerdem eine Vielzahl an Aktivitäten, zu denen wir auch diesmal nicht Nein sagen konnten, da wir auf eigene Faust niemals einen so umfassenden Tagesablauf zu Stande gebracht hätten.

Abends werden die Wasserbüffel nach Hause gebracht

Abends werden die Wasserbüffel nach Hause gebracht

Auf dem Plan standen der berühmte Highway 20, der unter herben Verlusten zu Kriegszeiten Laos mit Vietnam verband und immer wieder von den Amerikanern bombardiert wurde, sowie ein Tempel zum Gedenken an einige Opfer dieser Zeit, alle Anfang 20 – daher der Name. Während der Fahrt und bei etlichen Zwischenstopps erklärte uns unser junger vietnamesischer Guide vieles über die Geologie und Geschichte der Region. Beigebracht hat er sich das alles selbst sowie einiges von einem Geologenpärchen gelernt, das einmal hier zu Gast war. Vielleicht hatte er sich von denen auch den schulmeisterhaften Charme abgeguckt, welcher uns mehr als nur einmal herzlich lachen ließ. Die Fahrt führte entlang unzähliger Reisfelder und ebenso unzähliger Bombenkrater, in denen sich jetzt die Büffel suhlen. Von den Wegen sollte man sich jedoch trotzdem nicht ohne Führung entfernen, denn in dieser früher Demilitarisierten Zone, oder kurz DMZ, genannten Region, welche die Grenze zwischen Nord- und Südvietnam darstellte, liegen aufgrund der immensen Bombardierungen immer noch hunderte oder sogar tausende von Blindgängern herum. Unfälle stehen immer noch regelmäßig in den Zeitungen, wenn auch nicht so oft wie zu Schulzeiten unseres Guides, als es fast täglich zu tödlichen Zwischenfällen gekommen war.

"Blood and Diesel River"

„Blood and Diesel River“

Unser nächstes Ziel sollte laut der Ankündigung und einem Schmunzeln unseres Guides der Höhepunkt unseres Ausfluges werden – jedoch machten sich schon langsam Gerüchte breit, dass etwas noch viel aufregenderes auf dem Plan stand. Zuerst jedoch ging es zur Paradise Cave, einer wahrhaft riesigen beleuchteten Tropfsteinhöhle, die zur freien Erkundung entlang der Wege einludt. Etwa eine Stunde spazierten wir durch die beeindruckenden Tiefen, welche jedoch winzig im Vergleich zur kürzlich entdeckten größten Höhle der Welt sein mögen. Abenteurer mit dem nötigen Kleingeld können auch Ausflüge zu dieser Höhle buchen. Ein Jahr im Voraus allerdings, für 3000 Dollar. Eine strapaziöse Tour über 7 Tage und 6 Nächte führt dann in eine unterirdische Welt mit eigenem Dschungel und von solch ungeahnten Dimensionen, dass selbst Wolkenkratzer darin Platz finden würden. Zufällig haben wir im Jahr zuvor einem Vortrag des deutschen National-Geographic-Fotografen Carsten Peter lauschen dürfen, der genau diese Tour als einer der ersten machen durfte. Reizen würde uns eine solche (Torr)Tour ja schon mal, aber dafür müssen wir wohl noch eine Weile üben und vor allem sparen.

Die Holztreppen zum Höhleneingang

Die Holztreppen zum Höhleneingang

Zum Üben hatten wir nach einem ausgiebigem Mittagessen nun die Gelegenheit. Ich stehe also auf dem 10m-Turm vor einem Drahtseil über einem Fluss, der ein paar hundert Meter zuvor aus dem nichts in der Karstlandschaft entspringt. In völlig überflüssigem Eifer hatte ich mir die Sicherung selbst angelegt und auf meine Frage hin, ob ich dies denn richtig gemacht hätte, erntete ich nur einen viel zu kurzen Blick und ein: „Jaja, das passt schon!“ Ein jähes Misstrauen in die vietnamesischen Sicherheitsvorschriften überkam mich. Mit zitternden Knien sprang ich also ins Nichts, überquerte in einer nun doch sehr spaßigen Seilbahnfahrt den Fluss und wollte danach natürlich am liebsten gleich nochmal. Barfuß, in Badesachen und mit Helm, Lampe und Schwimmweste betraten wir nun die Dark Cave. Unser Guide zeigte uns noch ein paar Fossilien an den Höhlenwänden und nach der ersten Abbiegung wurde es dann wirklich stockdunkel. Und schlammig! Zuerst reichte uns der lehmige Matsch bis zu den Knöcheln, je tiefer wir jedoch in die Höhle vordrangen umso matschiger wurde es. Am Ende hatte jeder der Teilnehmer aufgegeben, dem Ausflug in irgendeiner Form schlammfrei entkommen zu können. Später reichte uns der Modder bis zu den Oberschenkeln und durch ergiebige Spritzer vom Schlammrutschen waren wir schlussendlich von oben bis unten mit Morast benetzt. Die Guides, die keine Gelegenheit ausließen, uns zu erschrecken und mit Schwung herumzuspringen, hatten sichtlichen Spaß an ihrer Arbeit. Am Ende des Ganges hieß es dann: „Licht aus!“ Da standen wir nun in einem See aus Dreck in völliger Ruhe und Dunkelheit. Einfach nichts! Ein seltsames Gefühl. Nachdem wir wieder in der Haupthöhle angekommen waren, schwammen wir nun in klarem Wasser in die Tiefen der Dark Cave hinein. Der Rückweg wurde ohne Taschenlampen absolviert, immer auf den fahlen Schein der Höhlenöffnung zu. Am Ausgang warteten Kajaks auf uns, mit denen wir wieder zurück zum Ausgangspunkt paddelten. Zurück im Hotel hatten wir alle ein wohliges Was-Für-Ein-Tag-Gefühl.

Hier entspringt ein Fluss aus dem Nichts

Hier entspringt ein Fluss aus dem Nichts

Zeit zum Verschnaufen blieb uns jedoch nicht, denn wir waren erst in der Mitte Vietnams und die Zeit raste uns davon. Gerne wären wir noch einen Tag in dieser Oase geblieben, aber wir mussten weiterkommen. Also buchten wir für den nächsten Tag ein Sammeltaxi nach Hue, welches an zwei Museen in der Demilitarisierten Zone halten würde. Außerdem empfahl uns Ben, der Besitzer des Farm-Stay, noch eine geführte Motorradtor von Hue nach Hoi An. Klang super! Gebucht! Der nächste Tag barg ein enormes Pensum an Erlebnissen.

(Phong Nha-Ke Bang Nationalpark, Vietnam, 13. bis 15. September 2014)

von Christoph

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