Vietnamkrieg, 39 Jahre später

Im Nachhinein gab es wohl keinen besseren Ort, um endlich „Good Morning Vietnam“ zu gucken. Ich hatte den Film über den rebellischen Radiomoderator, der während des Vietnamkrieges für die amerikanischen Soldaten aus Saigon sendete, noch nie gesehen. Jetzt in Vietnam, wo jeder zweite Tourist ein T-Shirt mit dem Titel als Aufdruck trug, und nach Robin Williams Tod, ärgerte ich mich darüber. Doch das Phong Nha Farmstay hatte neben dem Pool auch ein Freiluftkino. Am Tag nach unserer Abenteuertour, nachdem uns unser Guide die Bombenkrater gezeigt und von den immer noch häufigen Minenexplosionen erzählt hatte, lag ich auf einer Liege, über mir die Sterne, ringsum die Grillen und vor mir auf der Leinwand, über die immer wieder Geckos liefen, rief Robin Williams zum ersten Mal „Gooooood morning Vietnaaam!“ Inzwischen hatten wir genug von diesem wunderbaren Land gesehen und jede Menge herzliche Menschen kennengelernt, um noch deutlicher zu begreifen, was und wer hier bombardiert wurde – und sei es nur im Film. Der Krieg Nordvietnams mit dem Süden und den USA liegt jetzt 39 Jahre zurück, die Narben sind aber immer noch sichtbar.

Eine Tour durch die DMZ

Ein bisschen was über den Krieg hatte uns das Historische Museum in Hanoi erklärt – auch wenn es nur eine Seite der Geschichte ist. Ein bisschen mehr erhofften wir uns von der Tour durch die DMZ, die Demilitarisierte Zone, die Nord- und Südvietnam trennte. Der erste Stop an diesem Morgen nach einem viel zu frühem Aufbruch im Farmstay führte uns und drei weitere Touristen zu den Tunneln von Vinh Moc. Nach anhaltenden Bombardements haben sich die Bewohner des Fischerdorfes ein weitverzweigtes und drei Ebenen tiefes Tunnelsystem gegraben, das allen weiteren Bombardierungen standhielt. Anders als andere Tunnel, deren Einsturz viele Menschenleben kostete, wie die Museumsmitarbeiterin erklärte. Jede Familie hatte in dem Tunnel einen etwa 4m² großen Seitenarm für sich, weitere Öffnungen in den schmalen und niedrigen Gängen dienten als Bad und sogar als Kreissaal. 17 Kinder sind hier unten zur Welt gekommen! Für uns waren die engen und feuchten Gänge schon beklemmend – wie muss es dann erst sein, dort drinnen ein Kind zu bekommen, während die Erde von Bomben erzittert?

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Den zweiten Stop legten wir am Ben-Hai-River ein, dem einstigen Grenzfluss. Ein kleines Museum informiert dort über die „Erfolge“ beim Abschießen gegnerischer Bomber, zeigt Waffen, einen improvisierten OP-Tisch aus Flugzeugwrackteilen, heroische Szenen aus dem Widerstandskampf Nordvietnams und jede Menge Bomben und Minen, die seither in der Gegend gefunden wurden oder hochgegangen sind. Aufgefallen ist uns, dass hier wie in Hanoi über die südvietnamesischen Kämpfer auf der Seite der USA stehts als „Puppet Army“ berichtet wird – so als seien sie nur Marionetten Amerikas gewesen, als habe es in Vietnam niemanden gegeben, der nicht für den landesweiten Kommunismus gekämpft hätte. So modern und weltoffen das Land mittlerweile geworden ist, der Umgang mit diesen Themen und auch mit Ho Chi Minh, liebevoll Onkel Ho genannt, wirkte auf uns doch recht einseitig. Andererseits hat Vietnam nie Entschädigungszahlungen von den USA erhalten, die Opfer von Agent Orange und anderen eingesetzten Chemikalien warten nach wie vor auf Hilfe und nach wie vor sterben tausende Menschen durch Blindgänger, ohne dass das Land Unterstützung beim Aufspüren der Minen bekäme. Und Vietnam schweigt darüber. Nicht die einzelnen Betroffenen, die sich auch in herzzerreißenden Briefen an Obama gewandt haben, aber politisch werden keine Forderungen laut.

Im Museum von Vinh Moc

Wandbild im Museum von Vinh Moc

Was vom Krieg übrig bleibt

Über all diese Schreckensseiten des Krieges – eine Formulierung, die immer so klingt, als gebe es auch gute Seiten, was im Krieg schlichtweg unmöglich ist – konnten wir uns später im sogenannten Kriegsrestemuseum in Saigon ein Bild machen. Dort hängen nicht nur die Bilder bekanntgewordener Kriegsfotografen wie jenes des nackten, schreienden Mädchens, das vor einem Napalmangriff davonrennt. Fotos, zerbeulte und durchlöcherte Gegenstände, Namen und Zahlen dokumentieren auch die zahlreichen Kriegsverbrechen auf US-amerikanischer Seite wie in My Lai, wo an einem Tag hunderte Leben ausgelöscht wurden. Die lachenden Soldatengesichter über getöteten Zivilisten oder gefesselten Soldaten: Das hat man doch alles schon gesehen – aber nicht im Geschichtsbuch, sondern erst vor ein paar Jahren, während der Kriege in Afghanistan und im Irak. Als wir die Ausstellung verließen, habe ich mich gefragt, ob all das Wissen über die unbarmherzige Realität des Krieges, ob all die Fotos, all die Geschichten über unschuldige Opfer nichts geändert haben, wenn doch heute immer noch und immer wieder Kriege begonnen werden. Ich kann nur hoffen, dass die Bilder nicht vergessen werden und sich irgendwann in jedes Gehirn einbrennen, bis niemand mehr eine Waffe in die Hand nimmt.

(Vietnam, Vinh-Moc-Tunnel, DMZ, Ben Hai River, 15. September 2014)

von Laura

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