150 km, 4 Räder, 2 Fahrer, 3 Städte und wir

Mit Motorrädern konnte ich nie besonders viel anfangen. Und dabei komme ich aus der Motorradstadt Zschopau. Der Kleinstadt im Erzgebirge, wo früher die MZ-Motorräder gebaut worden. Bis vor ein paar Jahren, als das Werk endgültig geschlossen wurde, konnte man sich damit deutschlandweit vorstellen und zumindest die Generation unserer Eltern hat wissend genickt. Seit ich denken kann, jaulen einmal im Jahr Geländefahrer beim Endurorennen durch die Wälder rings um die Stadt. Ich war auf Festivals, die „Benzin und Rock“ oder „Emmenrausch“ hießen. Und bin sogar einmal als Kind auf dem Rücksitz eines Endurofahrers den Skihang hochgerast. Aber trotzdem kann ich nicht sagen, dass die lauten Maschinen irgendeinen Reiz auf mich ausgeübt hätten. Darüber musste ich nachdenken, als ich auf dem Rücksitz eines Motorrads die Serpentinenstraße auf den Wolkenpass hochfuhr, auf der selben Strecke, die die BBC 2008 für die Dokuserie „Top Gear“ besucht hatte. Ich hatte wohl erst nach Vietnam reisen müssen, um endlich zu erfahren, wie viel Spaß es machen kann, auf zwei Rädern unterwegs zu sein.

On the road
Wir waren ein wenig traurig gewesen, aufgrund von Zeitmangel die Region zwischen Hue und Hoi An auslassen zu müssen. Als dann Ben, der Inhaber des Phong Nha Farmstays, uns empfahl mit den Le Family Riders die Strecke per Motorrad zurückzulegen – inklusive einiger Stopps an Sehenswürdigkeiten – haben wir deshalb nicht lange gezögert. Und wir haben es keine Sekunde bereut. Pünktlich, nachdem uns der Kleinbus nach der DMZ-Tour in Hue rausgelassen hatte, standen die beiden mit ihren Rädern vor uns. Keine Roller, richtige Motorräder. Die Tante der Familie würde mit unserem Gepäck vorausfahren, während wir die rund 150 km mit ihrem Mann und Neffen zurücklegen würden. Die beiden stellten sich nicht nur als entspannte und erfahrene Fahrer heraus, sie hatten auch an alles gedacht. Kaffeepausen, Fotostopps, Frischetücher, kalte Getränke und am Abend am Strand von Dalang tauchte der Jüngere der beiden sogar mit zwei Eiswaffeln für uns auf. Nachdem wir das Gewusel von Hue hinter uns gelassen hatten, ging es über kleinere Straßen mit weniger Verkehr Richtung Süden, bevor es erst in Dalang wieder streßig wurde. Wir konnten uns aber entspannt zurücklehnen, während die beiden durch den Verkehr brausten, andere Fahrer überholten oder Fußgängern auswichen. Dank dem Fahrtwind brannte die Sonne nicht ganz so stark wie sonst, und auch die übliche Schwüle lässt sich dabei gut aushalten.

Beifahrer

An dieser Stelle wäre es angebracht, etwas über die vietnamesischen Verkehrsregeln zu berichten. Auf den ersten Blick könnte man in Versuchung kommen zu behaupten, es existieren überhaupt gar keine. Dennoch gibt es eine Vielzahl von Verhaltensregeln, an die man sich halten kann – oder auch nicht. Offiziel gilt der europäische sowie auch der internationale Führerschein in Vietnam nicht, weswegen wir uns auch dazu entschieden haben, selbst kein Fahrzeug zu fahren. Auf dem Rücksitz sitzend läßt sich das Treiben auf den Straßen auch viel schöner beobachten. Inoffiziel scheint dies jedoch niemanden zu stören, wir haben von niemandem gehört, der dadurch in Schwierigkeiten geraten wäre und selbst wenn, würde einen das Vergehen auch nicht allzu teuer zu stehen kommen. Überall kann man sich problemlos Roller ausleihen und sofort losdüsen. Am besten macht man das unserer Meinung nach vom Hotel aus, wenn möglich. Die erste Regel lautet: Es muss möglichst inflationär und so kreativ wie möglich gehupt werden. Das hat den einfachen Zweck, dem gegnerischen Verkehrsteilnehmer in feinen Abstufungen zu verkünden: „Vorsicht, ich komme!“, „Achtung, ich komme!“ oder „Aus dem Weg, ich komme!“ Schon auf unserer ersten Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt von Hanoi wurde so ziemlich alles angehupt, was Beine oder Räder hat, ob der herrenlose Einkaufswagen auf der Straße die Botschaft verstanden hat, bleibt ungewiss. Die Vorfahrtsregeln sind zwar die Selben wie zu Hause, werden aber praktisch von niemandem beachtet, nicht von den Verkehrsteilnehmern, nicht von den Fußgängern und schon gar nicht von den Tieren auf der Straße. Deshalb führt die erste Regel zu einem dauerhaften und durchdringendem Hupkonzert, selbst in der Fußgängerzone. Womit wir bei der nächsten Regel wären. Rollerfahrer sind in Vietnam gleichberechtigt zu Fußgängern und allgegenwärtig. Bleibt man mit dem Auto an einer Fußgängerampel stehen, kann es passieren, dass vor einem ausschließlich Rollerfahrer die Fahrbahn überqueren. Schlendert man über den Nachtmarkt, wird man immer wieder angehupt, um Platz zu machen und die Fußgängerwege werden zumindest in Hanoi als Parkplätze benutzt, weswegen die Straße wiederum von den Fußgängern genutzt wird. Da die meisten Menschen kein Auto besitzen, werden die Zweiräder auch zum Transport der abenteuerlichsten Lasten benutzt. Eine 5-köpfige Familie, 7 (leere) Kästen Bier, 3 riesige Gasflaschen, eine Küche mitsamt Lagerfeuer oder auch etwa 50 Tüten mit Goldfischen gehören nur zu einigen wenigen Dingen, die wir gesehen haben und die immer wieder für ein Lachen sorgen. Um die Fracht auf dem fahrbaren Untersatz zu befestigen, legen die Vietnamesen ein erstaunliches Maß an Kreativität an den Tag.

Statt Kofferraum

Fahrbahnmarkierungen haben in Vietnam größtenteils, genau wie Schilder, einen eher dekorativen Charakter. Zwar kann man ein generelles Rechtsfahrgebot durchaus erkennen, die Benutzung der anderen Fahrbahnseite ist aber möglich. Möchte man beispielsweise links abbiegen und es herrscht zum Zeitpunkt des Manövers einfach zuviel Verkehr, dann fährt man einfach erstmal auf der linken Spur und arbeitet sich dann langsam nach rechts vor. Natürlich sollte man dabei ausgiebigen Gebrauch von der Hupe machen, damit einen keiner übersieht. Überholen darf man sowieso nach Lust und Laune, dabei gilt allerdings immer das Recht des Stärkeren. Möchte man mit dem Moped rechts an einem Laster vorbei, sollte man wiederum durch Hupen sicherstellen, dass der einen auch wahrnimmt. Es verwundert also nicht, dass Vietnam eine führende Position in Sachen Verkehrstote einnimmt. Jedoch haben wir selbst nur zwei kleine Unfälle gesehen, bei denen alle Beteiligten mit dem Schrecken davongekommen sind bzw. ein Mädchen in Hoi An mit einem verbogenen Felgen an ihrem Fahrrad. Der Verkehr regelt sich hier irgendwie immer von selbst und fließt ständig um alle Hindernisse herum. Die meisten Vietnamesen sind sehr aufmerksame Fahrer und das muss man hier auch sein, sonst würde das ganze System in sich zusammenbrechen. Uns hat es auf jedenfall immer eine Menge Spaß gemacht, auf den Straßen unterwegs zu sein. Selbst das berüchtigte Überqueren der überfüllten Straßen von Hanoi als Fußgänger macht nach einer Weile richtigen Spaß, einfach weil es unglaublicherweise funktioniert. Denn angehalten wird für Fußgänger in den meisten Fällen nicht, man muss einfach losgehen, nicht schneller oder langsamer werden und immer in Richtung der herannahenden Mopedmassen schauen, dann wird alles gut.

Abendverkehr beim Kinder-Tet

Zur Erinnerung: Der Verkehr in Hanoi

Dank unserer Fahrer brauchten wir uns keine Gedanken um Verkehrsregeln zu machen, sondern konnten die Umgebung voll und ganz genießen. Die Berge, die sich erst am Horizont erstreckten und die wir später überquerten, die Meeresbuchten und die salzige Luft, die bunten Lichter von Dalang. Wir konnten den Kindern zuwinken, die gerade aus der Schule kamen, den anderen Beifahrern zugrinsen, wenn wir an Ampeln hielten, filmen und fotografieren. Zu den absoluten Highlights gehörte unser Zwischenstopp an den Elefantenquellen bei Lang Co, von denen ich vorher noch nichts gehört hatte: Ein Fluß, der von den Bergen herunterkommt, bildet in den Felsen zahlreiche tiefe, blaue Badebecken und weil einer der Felsen wie ein Elefant geformt ist, trägt dieses besondere Freibad diesen Namen. An den Wochenenden geht es dort wohl sehr laut und lustig zu, haben unsere Fahrer erzählt, wir hatten die Becken aber ganz für uns. Während wir durch das warme, klare Wasser schwammen, vom Felsen sprangen oder vom Wasserfall massieren ließen, bereitete sich ein Pärchen gerade ein Picknick zu und brannte dazu rings um den Fluss Räucherstäbchen ab. Der eine Fahrer hat uns später erzählt, dass erst gegessen wird, wenn die Stäbchen abgebrannt sind. Als wir so im Wasser lagen, brachte er uns noch zwei kühle Biere – noch ein Vorteil, wenn man nicht selbst fahren muss…

Elephant springs

Erfrischt vom Bad stiegen wir wieder auf die Räder, um noch im Hellen den Hai-Van- oder Wolken-Pass zu überqueren, der sich als weniger hoch und wolkig herausstellte, als es der Name vermuten ließ. Da inzwischen ein Tunnel den Berg quert, sind es vor allem Touristen, die sich auf die aussichtsreiche Strecke machen. Bunker künden aber noch von der Zeit, als der Pass Franzosen und später Amerikanern als Verteidigungspunkt galt. Auf der anderen Seite blickt man schon auf die Küstenmetropole Da Nang, von der der Lonely Planet behauptet, kaum jemand bliebe hier länger als einen Tag. Wir haben aber später einen Deutschen getroffen, der einen Monat hier war und, wie er sagt, die beste Zeit seiner Reise hatte. Für uns endete der Tag wenig später in Hoi An, wo wir im Laden eines Cousins von der ganzen Familie mit Frischetüchern und Keksen empfangen wurden, bevor unsere Fahrer uns noch zu unserem Hotel brachten. Die Fahrt war im Vergleich zum Bus um einiges teurer, aber wir würden diese Erfahrung nicht missen wollen und wir waren danach nicht annähernd so kaputt wie nach einer Nacht im „Schlaf“-Bus…

(Vietnam, Von Hue nach Hoi An, 15. September 2014)

von Laura und Christoph

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0 Comments on “150 km, 4 Räder, 2 Fahrer, 3 Städte und wir

  1. da morgen ‚internationaler vorlesetag‘ ist, habe ich euren motorradbericht dem sasch vorgelesen und wir mußten beide sehr lachen! welcome to asia 😀 sehr schön. wie immer! und ich bin natürlich immer noch emmens beeindruckt wie gut ihr ‚am ball‘ bleibt mit eurem block. auf euch. liebste grüße reni und sascha

    • Wie süß ihr seid! Aber genau die richtige Geschichte für Sasch oder? 😉 Bin auch gespannt, ob du meinen Eindruck von Hoi An verstehen kannst… Und naja, wir wären eigentlich gern aktueller 😀 Aber ab und zu machen wir mal nen Marathon! Lieb ham und schönes Vorlesen weiterhin!

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