In der Laternenstadt

Hoi An ist etwas Besonderes. Die Altstadt genießt als Unesco Weltkulturerbe besonderen Schutz, die alten, meist zweistöckigen Häuser sind in warmen Gelb gestrichen und überall, vermutlich noch aus der Zeit der chinesischen Händler in der Küstenstadt, hängen bunte Laternen. Klaviermusik läuft aus Lautsprechern an vielen Ecken und ausnahmsweise wird sie nicht von Hupen übertönt: die Altstadt ist nämlich weitgehend Fußgängerzone. Abends spiegeln sich die bunten Lichter im Fluss, an dessen linker und rechter Seite sich die Restaurants erstrecken. Die Küche der Stadt ist berühmt für ihre eigenen Aromen und chinesischen Einflüsse. Wir hatten uns sehr auf Hoi An gefreut, aber zu meinen Favoriten gehört die Stadt im Nachhinein trotzdem nicht.
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Das fängt schon mit der Musik an. Am Anfang fand ich es ja noch witzig, aber irgendwann kann man Richard Kleidermann und König der Löwen nicht mehr ertragen. Die Altstadt ist außerdem voll mit fliegenden Händlern, die einem hartnäckig Souvenirs verkaufen wollen. Vor allem bunte 3D-Faltkarten, die wir später auch in einem Laden in Melbourne finden sollten… Das traurige daran ist, dass es nur ums Verkaufen geht. Wir saßen eines Abends in einem wunderschönen Restaurant – Blick auf den Fluss, karierte Decken, Öllampen – da kam ein Mann auf uns zu und wies uns darauf hin, wir sollten lieber unser Stativ reinnehmen (wir saßen am Rand des Fußwegs), damit es nicht gestohlen wird. Wir bedankten uns und kamen ins Gespräch. Über Hoi An, über Deutschland und in diesem Zusammenhang natürlich über Fußball. Die Vietnamesen lieben Fußball, und waren bisher die einzigen, die uns immer wieder zum WM-Sieg gratuliert haben. Er mochte Kahn sehr, erzählte er uns. Und dann holte er diese Faltkarten hervor, um uns etwas zu verkaufen… Als wir nein sagten – wir hatten schon mehr Souvenirs als geplant gekauft – war er ebenso enttäuscht wie wir. So lief das in Hoi An, zumindest in der sehr touristischen Altstadt, öfter. Abends am Fluss wird man von Kerzenverkäuferinnen regelrecht belagert, die für 1 Dollar eine schwimmende Papiertüte ins Wasser setzen, „luck for your family“, sagen sie. Leider sind es oft Kinder, die da unterwegs sind. Der Anblick der schwimmenden Kerzen ist sehr hübsch, aber dafür zu unterstützen, dass die Mädchen abends zum arbeiten geschickt werden, war nicht mein Ding. Zumal es in Hoi An täglich so aussieht, nicht nur zu Festen. Die Schönheit verliert so ihren Reiz. Außerdem macht in Hoi An jeder Verkäufer alle anderen schlecht, so auch meine Schneiderin. Auch wenn ich das Kleid sehr mag, das sie für mich angefertigt hat, hätte ich es im Nachhinein nicht bei ihr machen lassen sollen. Zumal einige lose Fäden, die sie mir bei der Anprobe noch versprochen hatte, zu entfernen, später immer noch da waren. Neben seiner Küche ist Hoi An für seine Schneider berühmt und die Stadt quillt über vor entsprechenden Geschäften. Da wir keine Lust hatten, uns überall Angebote machen zu lassen, habe ich mich spontan für einen Laden entschieden, der ein wenig abseits der Hauptrouten lag. Ihr Gästebuch quol über vor zufriedenen Kunden – was mich überzeugt hatte, war ein Text auf Deutsch. Was solls, ich besitze jetzt ein maßgeschneidertes Leinenkleid. Ich hatte mir die Erfahrung nur anders vorgestellt.

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Was in Hoi An wirklich schön ist, sind die alten chinesischen Tempel und Versammlungshäuser, kleine Oasen im Touristengewusel mit Drachen, Bonsaibäumen und Räucherstäbchenduft. Auch die regionale Küche hat ihre Empfehlung in den Reiseführern verdient. Unser Favorit ist Cao Lau, eine Suppe mit dicken Reisnudeln, frischen Kräutern, frittiertem Reispapier und Schweinefleisch oder für mich mit Gemüse. Sie kann nur in Hoi An hergestellt werden, weil das Wasser für die herzhafte Brühe aus einem alten Brunnen geholt werden muss. Und tatsächlich brauste gerade ein Mopedfahrer mit riesigen Wasserkanistern davon, als wir den unscheinbaren Brunnen in einer stinkigen Gasse aufsuchten. Auch die Grillstände, die allabendlich am Flussufer auftauchen, bieten für wenig Geld hervorragendes Essen, ebenso wie die Snackverkäufer in der Altstadt. Leider haben wir den wohl berühmtesten Stand für gefüllte Brötchen, der schon Anthony Bourdain ins Schwärmen gebracht hat, nicht gefunden.

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Zu den Vorteilen der vielen Touristen, die jährlich durch Hoi An ziehen, gehört sicherlich, dass sie auch Läden finanzieren, deren Zweck übers Verkaufen hinausgeht. Der Laden und das Café von Reaching Out zum Beispiel. Schmuck, Geschirr, Decken, Lampions und Kleidungsstücke werden von Behinderten in der offenen Werkstatt nebenan hergestellt. Der Chef sitzt selbst im Rollstuhl und hat die Firma gegründet, weil es Behinderte in Vietnam sonst schwer haben, eine Arbeit zu finden. Im Café arbeiten Gehör- und Sprachlose, was überhaupt kein Problem ist – man füllt einfach einen Zettel mit seiner Bestellung aus oder nutzt die beschrifteten Holzklötze oder Papier und Stift, die auf jedem Tisch liegen. Dort im grünen Innenhof haben wir entspannt Karten geschrieben und leckeren Eiscafé getrunken. Beide Einrichtungen können wir wärmstens empfehlen, auch wegen der Herzlichkeit, die einem dort entgegengebracht wird.

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Letztendlich waren es Menschen, die Hoi An für uns zu etwas Besonderem gemacht haben: die Besitzer eines kleinen, unscheinbaren Imbiss, in den wir am ersten Abend in der Stadt zufällig gestolpert sind. Nicht nur, dass die Frau lecker gekocht hat – ihr Mann hat uns auch gezeigt, wie man die typischen Speisen hier isst (etwa Frühlingsrollen, die zusätzlich mit Kräutern und Sprossen in frisches Reispapier gewickelt werden) und uns Süßigkeiten geschenkt und sogar ein Foto für seine Facebookseite von uns gemacht. Auch wenn wir uns kaum verständigen konnten, hatten wir das Gefühl, hier willkommen zu sein und wurden lächelnd wiedererkannt und begrüßt, als wir an unserem letzten Abend in Hoi An noch einmal hier eingekehrt sind.

(Vietnam, Hoi An, 15. bis 18. September 2014)

von Laura

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0 Comments on “In der Laternenstadt

  1. Hey ihr zwei. Wieder ein toller Beitrag. Gerne gelesen! Das Essen sieht ja echt total lecker aus. Viele Grüße aus Wismar. (PS: Laura, jetzt interessiert mich schon, was das für ein Kleid ist ^^) xDidi

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