2014, wow.

Hinter uns liegt ein Jahr, dass zum Großteil mit einer Weltreise gefüllt war. Gar nicht so einfach alles Großartige zu erfassen, wenn zum ersten Mal seit der Kindheit nicht Schule, Studium oder Arbeit den Großteil der Zeit beanspruchen. Die letzten zwölf Monate haben vieles verändert, anderes zum Glück nicht: Wir reisen immer noch, wir vermissen unsere Menschen zuhause und wir bereuen nichts. Ein Rückblick.

 

Tagein, tagaus

Das Banale zu Beginn: Wir haben dieses Jahr etwa viereinhalb Monate gearbeitet.Und das war gar nicht mal schlecht, denn es hat mich zum ersten Mal ins Dasein als freie Journalistin und erneut in eine meiner Lieblingsredaktionen nach Plauen geführt. Ich habe Stadtratssitzungen besucht, mit angehenden Stadtarchitekten, Caféinhabern und Engagierten bei der Tafel geredet, mir die Nöte von Kleinkläranlagenbesitzern angehört, Neonazis demonstrieren sehen und ein langes, berührendes Gespräch mit einer Frau geführt, die heute in den USA lebt und als Kind die Bombardierung Plauens überlebt und darüber ein großartiges Buch geschrieben hat. Ich habe neue Kollegen und Freunde kennengelernt und nach Ende meines Volos dadurch noch einmal gemerkt, dass ich definitiv den richtigen Job gewählt habe (auch wenn ich Zeitmanagement und Selbstdisziplin noch üben muss…). Mein letzter Auftrag war die perfekte Krönung: ein Konzert von Casper in Dresden besuchen. Beide Alben hatte ich in den Wochen zuvor rauf- und runtergehört, weil sie ganz gut zu unserer Situation passen, mit ihrer Stimmung zwischen Zelte abbrechen, ohne alles zu vergessen, und guten Mutes ein neues Leben anfangen. Deshalb die Casper-Zitate als Kapitel.

 

Fuß aufs Gas in ein gutes Jahr

Woher weiß man, dass man eine Weltreise machen möchte? Wie(-so) entschließt man sich dazu? Im Nachhinein fällt es uns gar nicht mehr so einfach, das zu erklären. Klar, wir haben so eine Geschichte, die wir immer erzählen, wenn wir das gefragt werden. Aber es wird immer nur ein Teil der Antwort sein: Wir haben, in den fast zwölf Jahren, die Christoph und ich jetzt zusammen sind, schnell gemerkt, dass wir beide unglaublich gerne reisen. Und das wir, was für ein Glück, auch eine ähnliche Vorstellung davon haben: ein bisschen Geschichte, ein bisschen Kultur, ganz viel Natur und wenig Luxus, bloß keine Bettenburgen. Dann kommt noch dazu, dass wir aus einem Freundeskreis kommen, in dem das Längere-Zeit-Wegsein-und-Zurückkommen schon fast eine gute Tradition geworden ist, dass also schon zwei Pärchen vor uns das Abenteuer gewagt haben. Wir wussten also in etwa, wie das geht und wenn die anderen es hinbekommen haben, dann können wir das auch. Das war so der Gedanke. Irgendwann vor drei-vier Jahren haben wir dann beschlossen, dass wir das auch wollen und angefangen zu sparen. Haben schließlich Anfang diesen Jahres unsere Jobs und unsere Wohnung gekündigt, Freunden und Familien tschüß gesagt und den Ort verlassen, der die letzten zehn Jahre unser Zuhause war: den Sonnenberg in Chemnitz. Mist, jetzt werde ich wehmütig. Aber das ist ja das Gute an unserer Geschichte: Wir wissen, wir können jederzeit zurückkehren und werden unsere Lieblingsmenschen treffen, die sich auf uns freuen und mit ein bisschen Glück ist auch eine unserer Lieblingskneipen noch da.
Jedenfalls war er – im Mai – plötzlich da, der Tag, an dem es wiklich losgehen sollte. Und dann haben wir die letzten Dinge gepackt, die letzten Bürokratieschreiben in den Briefkasten geworfen, und sind einfach losgefahren, raus aus der Stadt, immer nach Norden, über die Grenze nach Polen. Und plötzlich saßen wir abends auf dem Campingplatz im Hafen von Stettin und versuchten zu fassen, was unfassbar ist: Das war nicht der erste Urlaubstag, das war der Anfang unserer Weltreise!

 

Wer blinzelt, hat’s nicht erlebt

Wenn wir inzwischen die Fotos der vergangenen Monate anschauen, können wir gar nicht mehr glauben, was wir alles gesehen und erlebt haben. Ich habe zum ersten Mal – endlich – Wale gesehen, wenn auch nur ganz kleine, an der Küste der Lofoten. Wir haben am Nordkapp im Schneeregen gefroren und am Geirangerfjord geschwitzt. Wir sind stundenlang durch die Rigaer Markthallen geschlendert und haben alle möglichen Snacks gekostet. Wir haben dort auch das erste Mal als Team an einer Story gearbeitet. Im warmen Ostseewasser im Norden Estlands haben wir Federball gespielt und zum ersten Mal gemerkt, dass es nachts gar nicht mehr so richtig dunkel wird. Wir sind in Finnland im Licht der Mitternachtssonne gewandert. Wir haben auf Strandparkplätzen übernachtet, an Fjorden, im kargen Norden Norwegens umgeben vom letzten Schnee, in Nationalparks und versteckt in den Städten. Haben Rentiere, Kängurus, Koalas, Adler und Echsen gesehen. Wir sind mit Rucksack und Zelt losgezogen und haben es an unglaublich schönen Orten aufgeschlagen. Haben uns nach dem Sonnenaufgang am Preikestolen Spiegeleier zum Frühstück gemacht.

Wir sind im Platzregen, eingehüllt in neonfarbene Plastikumhänge, durch Hanois nächtliche Straßen gelaufen. Haben auf unzähligen Plastehockern unzählige Eiskaffees getrunken. Haben riesige Tropfsteinhöhlen besucht und sind im Gewitter klitschnass durch echten Dschungel gewandert. Wir sind durch eine Bucht mit unzähligen Karstfelsen gepaddelt und sind vom Boot in das tiefe dunkeltürkise Meer gesprungen. Wir waren in Schlössern, Kunstgalerien und Bunkeranlagen, katholischen Kirchen und buddhistischen Tempeln. Haben schöne und traurige Orte der Geschichte besucht. Haben die kitschigsten Sonnenuntergänge in Estland, Norwegen und vor allem im Outback gesehen. Haben staunend unter der Milchstraße gestanden. Wir sind viele tausend Kilometer Auto gefahren – 13.000 in Europa, 8.000 in Australien – außerdem Zug, Bus, Mofa und Motorrad. Haben wacklige Nächte in Schlafabteilen mit Dresdnern, Russen, Vietnamesen und Spaniern geteilt. Sind hunderte Kilometer auf Feldwegen im australischen Busch unterwegs gewesen. Haben zwei Überraschungen von unseren Freunden zuhause bekommen: eine abenteuerliche Jeeptour in einer unglaublichen Landschaft und die Ehre, bald Pateneltern zu sein. Haben mit neuen Freunden in eiskalten Campingplatzküchen und an Lagerfeuern gequatscht. Ich habe endlich all die Bücher gelesen, die teilweise seit Jahren auf meinem Nachttisch lagen. Wir sind im eisigen Meer nördlich des Polarkreises geschwommen, in den überraschend warmen Wasserfällen Norwegens, im türkisblauen Badewannenwasser an der Küste von Cat Ba und im kristallklaren Salzwasser in der Karsthöhle hier auf der Nullarbor Plain. Und nein, Reisen wird nicht langweilig, weil diese Welt groß und spannend genug ist, um jeden Tag etwas Neues zu entdecken.

 

Alles gut, wie es ist

Ich weiß nicht, ob es ein Zitat übers Reisen gibt, was in etwa so lautet: Niemand kommt von einer Reise so zurück, wie er vorher war. Falls ja, können wir das bestätigen. Zum Beispiel habe ich mich nie zuvor so fit gefühlt. Seit Mai habe ich 14 Kilo verloren, bei Christoph sind es fast ebenso viele. Und das nicht wegen irgendwelchem Diätkram, sondern weil ich endlich dann esse, wenn ich hungrig bin und das, was ich möchte und außerdem rausgehen kann, wann immer ich will. Das haben Gelegenheitsjoggen und vermeintlich gesunde Ernährung in den Jahren zuvor jedenfalls nicht geschafft. Aber das ist nur die physische Seite.


Außerdem sind wir ziemlich oft über unsere Schatten gesprungen. Zum Beispiel hatte ich ja immer Angst vor tiefem Wasser, vor allem, wenn ich den Grund nicht sehen kann. Nun bin ich in Vietnam in fast kompletter Finsternis durch eine Höhle geschwommen und es war schlicht überwältigend, sich im kühlen Wasser auf den Rücken zu drehen und über sich im Restlicht die Fledermäuse fliegen zu sehen. Ich hatte immer Angst vor Spinnen und Schlangen – und bin nach wie vor kein großer Fan – aber ich trage wie alle hier in Australien inzwischen Flipflops und fühle mich wohl, wenn auf dem Stein unter mir eine Wolfsspinne sitzt, solange sie dort bleibt… Ich habe mich nachts auch immer mehr vor Wäldern als Städten gefürchtet, und inzwischen haben wir so oft dutzende Kilometer entfernt von der Zivilisation übernachtet, dass auch das okay ist. Wir hatten Angst vor dem Unbekannten, ein bisschen jedenfalls, etwa vor dem Sich-Nicht-Verständigen können, aber bisher hat am Ende alles irgendwie funktioniert.

The Kindness of Strangers

Das ist mal kein Casperzitat, sondern ein Buchtitel. Die Sammlung von Reisereportagen hatte ich für 50 Cent auf dem Markt von Port Augusta gefunden, 15 Minuten bevor mir ein Farmer eine Hand voll selbstgepflückter Pfirsische schenkte. Ich glaube nämlich, wir haben auch ein bisschen mehr über Menschen gelernt. Darüber, wie scheiße sie sein können (im Rigaer KGB-Knast ebenso wie im Wald bei Vilnius, wo Deutsche tausende Juden erschossen haben, im Kriegsrestemuseum von Saigon und auch in den Museen zur Geschichte der Aborigines in Australien), aber vor allem auch: wie herzlich, offen und großartig. Wir waren in einem Nationalpark bei Riga, als wir ein komisches Geräusch an unserem Auto bemerkten. Es war Sonnabend, und der Mechaniker hatte gerade Kaffeepause mit seiner Familie, hat aber kostenlos und ohne Zögern unsere Bodenplatte wieder angeschraubt. Wir waren stundenlang auf der Suche nach einem Zeltplatz in Estland herumgefahren, und durften schließlich gratis auf dem Gelände eines Hostels übernachten, dass die neuen Besitzer gerade herrichteten. Wir standen ziemlich verpeilt mitten in Helsinki, haben auf den Stadtplan gestarrt und alles war groß und verwirrend und abweisend – aber nur 10 Sekunden lang, bevor eine Finnin uns nicht nur den Weg erklärt, sondern auch Insidertipps für Sehenswürdigkeiten gegeben hat und plötzlich haben wir uns in dem neuen Land viel wohler gefühlt. Andere Finnen haben an einem Abend am Feuer ihre Süßigkeiten mit uns geteilt. Norweger haben uns im Bungalow übernachten lassen, damit wir nicht noch eine eiskalte Nacht im Auto schlafen lassen. Niederländer haben auf dem Zeltplatz in Odda ihr Abendbrot und ihr Radler mit uns geteilt. Ein Russe hat auf der Zugreise nach Sapa günstige Bier- und Taxipreise für uns ausgehandelt. Wie er uns mit „Hello Neighbours“ begrüßt hat, hat sich bei mir so nachhaltig eingeprägt, dass ich, wenn ich jetzt auf Europäer fern von zuhause treffe, sie auch so begrüße. Nachbarn zu haben, wo immer man in der Welt gerade ist, ist etwas tolles. Ebenso wie Menschen um sich zu haben, die sich um einen kümmern.

Zum Beispiel in Vietnam: Selten habe ich mich in einem Land so willkommen gefühlt wie dort. Wir waren keine halbe Stunde im chaotischen Gewirr von Hanois Altstadt unterwegs, als uns eine Chemiestudentin ansprach, die Englisch üben wollte und uns ein bisschen was über ihre Stadt erzählt hat und uns über unser Leben gefragt hat – was uns noch mehrmals passieren sollte. Oder wenn der Typ, der eigentlich gerade versucht, dir sein Hotel anzudrehen, dir trotzdem gerne den Weg zu dem Hostel erklärt, das du schon gebucht hast. Wenn du ohne Sprachkenntnisse trotzdem überall herzlich empfangen wirst. Wenn dich Fremde auf der Straße einfach anlächeln. Als wir abends nach unserer Wanderung in Sapa mit der Red-Dao-Familie gekocht haben und sie nach einem harten Tag im Reisfeld uns liebevoll bewirtet haben. Irgendwann habe ich mich gefragt, warum alle so viel netter und fröhlicher auf mich wirkten, als ich es von Deutschland gewohnt war. Nicht, dass es da keine herzlichen Menschen gibt. Aber im Alltag trifft man leider oft auch auf viel Grummelei und Ignoranz. Dann ist mir aufgefallen, dass wir auch anders waren. Dass wir im Café ohne gefragt zu werden sagten, wie lecker etwas war. Dass wir auch mal von alleine ein kleines Gespräch angefangen haben, dass über „Hallo… ich möchte bitte… Danke.“ hinausgeht. Solche Kleinigkeiten eben. Es mag vielleicht nicht sehr tiefgründig sein, aber was ich bisher gelernt habe, ist: Sei herzlich zu anderen Menschen, und sie werden es zu dir sein. Und: Neue Freunde sind oft nur ein Gespräch entfernt.

In Australien hat sich das noch verfestigt. Wir waren gerade erst auf diesem Kontinent angekommen, da haben uns Menschen, die wir nie zuvor gesehen hatten, ihre Wohnungen anvertraut und plötzlich hatten wir in Melbourne so etwas wie ein Zuhause und neue Freunde. Australier sind ziemlich offenherzig im guten wie im schlechten Sinn. Heißt: Manche halten sich auch mit wüsten Ausdrücken und rassistischen Äußerungen nicht zurück (zum Glück eher die Ausnahme), aber eben auch mit Komplimenten und Nettigkeiten. Zum Beispiel hat mir eine Verkäuferin gesagt, wie schön sie meine Ohrringe findet. Kleinigkeit, ich weiß, aber es ändert doch die Stimmung, in der man durch den Tag geht. Seit ich hier arbeite, nennen mich wildfremde Menschen Love, Honey und Darling und ganz ehrlich: Das ist mir lieber als „Kammer vielleicht ma ne zweite Kasse offmachen?!?“ Gerade wenn man im Outback unterwegs ist, spürt man die Herzlichkeit zwischen den Menschen und auch uns Reisenden gegenüber. Sei es der stiernackige Zeltplatzbesitzer in Marree, der uns beiden nach einem grauen Regentag ein Lagerfeuer entzündet hat, die Mechaniker in Oodnadatta und Cooper Pedy, die sich gratis und sofort unser Auto angeschaut und uns das gute Gefühl gegeben haben, dass wir trotz kaputtem Auspuff weiterfahren können oder unsere Freunde und Kollegen in Border Village, die uns ohne Zögern aufgenommen haben.

Willkommen im Hinterland

Nun leben wir mittlerweile seit fünf Wochen im Hinterland. Oder im Busch, wie die Aussies sagen. Die nächsten Dörfer sind 700 km westlich und 500 km östlich von hier. Wir sind nur 14 Leute, umgeben von Eukalyptusbäumen, steinigem Boden, jeder Menge Singvögel und ein paar Echsen und Insekten. Border Village, das ist im Prinzip eine Tankstelle mit Souvenirladen, Restaurant, Motel und Zeltplatz – ein typisches Outback-Roadhouse, und genau das, was wir wollten. Wir arbeiten sechs Tage die Woche, putzen, verkaufen, machen Kaffee, waschen auf, servieren und vermieten, wir schwitzen manchmal, wir schimpfen manchmal, aber es geht uns gut. Wenn wir nach der Schicht in unseren Bungalow gehen, den wir jetzt Zuhause nennen, nehmen wir nichts mit. Keine Sorgen über Klagen am nächsten Tag. Kein Sich-Fragen-müssen, ob man den richtig zitiert hat oder ob man jenes Detail noch hätte ergänzen müssen. Es gibt zwar kein angemessenes englisches Wort für Feierabend, aber die Aussies wissen trotzdem, wie das geht. Zum Beispiel sind wir letztens mit einem Kollegen (übrigens verwenden die Australier für Freund und Kollege das selbe Wort – mate – was vielleicht kein Zufall ist) an „unser“ Kliff gefahren, haben die Brandung viele dutzend Meter unter uns beobachtet, über Weiße Haie geredet, leider keine gesehen, und eiskaltes Bier getrunken, während die Sonne die Steilküste langsam golden eingefärbt hat. Hier bleiben wir erstmal. Ich habe zum ersten Mal überhaupt keine Vorsätze für 2015. Und ich will auch nicht, dass es irgendwie besser wird. Es soll genauso sein wie 2014, bitte.

von Laura

(Deutschland, Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Norwegen, Vietnam, Australien, 2014)

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5 Comments on “2014, wow.

  1. Schööön. Ich lese immer wieder gern Eure Texte und schwelge in den Bildern.
    Danke, dass Ihr Eure Erfahrungen mit uns „Daheimbleibern“ teilt.

    Ich wünsche Euch noch ein so schönes Jahr.

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