Melbourne: Living in a city paradise

In Australien anzukommen war ein Kulturschock. Gerade noch waren wir in Saigon gewesen, wo der Markt neben unserem Hostel schon kurz nach Sonnenaufgang voller Leben war, Frauen Hühner zerteilten und Fahrradfahrer Waren auslieferten. Während der Fahrt zum Flughafen bedeutete unser Fahrer uns mit einem Kopfschütteln, dass wir uns nicht anschnallen brauchen. Auf seinem Armaturenbrett stand eine weibliche Bhuddafigur, und „Lady Bhudda“ passt auf, dass nichts passiert, hatten uns schon die Motorradfahrer in Hue erzählt. Zwei Flüge und einige zähe Stunden am Flughafen von Manila später waren wir im Morgengrauen in Melbourne gelandet, hatten nach stundenlangem Anstehen die Einreisekontrolle doch recht glimpflich überstanden (dreckige Wanderschuhe, ein Souvenir aus Gräsern, eines aus Federn, Muscheln – wir hatten einige Male „ja“ angekreuzt auf dem Einreisezettel) und waren schließlich an der Southern Cross Station vom Flughafenbus ausgespuckt worden. Da standen wir nun in angenehm milden Temperaturen auf einer breiten, wenig befahrenen Straße in der Stille und mussten feststellen, dass Fußwege in Australien im Gegensatz zu Vietnam 1. vorhanden, 2. äußerst breit und 3. leer und damit benutzbar waren. Wie wir zu den beiden Veronicas kommen würden, die uns großartigerweise die ersten Tage (und letztendlich mehr als diese) beherbergen würden, wussten wir theoretisch, und dank der Information im Bahnhof bekamen wir schließlich auch diese Myki-Pässe, mit denen man die Fahrten bezahlt. Danach war Tramfahren in Melbourne eigentlich recht einfach, dauert aber teilweise sehr lange – mit Umsteigen waren wir manchmal zwei Stunden unterwegs, um von A nach B zu kommen… Die Vees leben in einem kleinen, aber süßen Haus in einer ruhigen Ecke des Studentenviertels Brunswick, und nachdem wir mit Big Vee eine Runde gequatscht hatten, fielen wir (mittlerweile war es Mittagszeit) erschöpft auf die Couch. Einen richtigen Jetlag würde ich das nicht nennen, da der Zeitunterschied zwischen Vietnam und Australien nicht so gewaltig war, aber besonders viel geschlafen hatte ich während dem Flug nicht (dafür die neue Verfilmung von Godzilla gesehen – ein bedauernswerter Quatsch!).

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Melbourne jedenfalls sollte sich als großartiger Ort zum Ankommen in Australien herausstellen. Die beiden Vees waren trotz Arbeit und Studium hervorragende Gastgeberinnen, die uns mit Tipps versorgt, das Filmmuseum (der Hut von Crocodile Dundee!), die Graffitistraßen, den Queen Victoria Markt und diverse Kneipen gezeigt und uns zu unserem ersten australischen Barbeque eingeladen haben. Ende September war der Frühling im Süden Australiens in vollem Gang, was der Stadt üppig blühende Gärten bescherte, während manche Bäume in den Parks noch kahl waren – ein bisschen wie zuhause, aber auch ganz anders. Da unser Aufenthalt bürokratiebedingt doch länger wurde als geplant, sind wir zwischendurch für eine Woche in die Wohnung von Otto gezogen, ein Finanzbroker in unserem Alter, den wir über AirBnB kennengelernt hatten. Nach den vier Wochen in zahlreichen Hotelbetten Vietnams war es schön, mal wieder sowas wie ein Zuhause zu haben – und so konnten wir trotz zahlreicher Erledigungen die Zeit in der Metropole auch richtig genießen. Wir hatten nämlich so einiges zu organisieren, da wir in Australien erstmals nicht nur reisen, sondern auch arbeiten wollten:

Bankkonto eröffnen – Das war erstaunlich einfach, schnell und angenehm. Wir sind einfach in eine Filiale marschiert und eine halbe Stunde später hatten wir ein Konto, ein paar Tage später neue Geldkarten. Mit „unserer“ Bankfrau kommunizieren wir jetzt praktischerweise einfach per Email, wenn wir etwas wissen wollen.

Steuernummer beantragen – Geht auch fix übers Internet und kommt etwa eine Woche später per Post.

Handykarte kaufen – Auch eine Sache von einer halben Stunde, wenngleich es den Prepaid-Tarif nicht mehr gab, den wir gern haben wollten und Minuten ins Ausland nun doch ganz schön teuer sind. Dafür haben wir mit Telstra manchmal besseren Empfang als andere mit anderen Anbietern.

Auto kaufen – Schwieriger als gedacht. Wir hatten auf Gumtree schnell zig Favoriten gefunden. Wir brauchten ja etwas, das groß genug zum drin schlafen war, außerdem möglichst gut in Schuss und mit wenigen Kilometern auf dem Tacho. Leider haben nur wenige der Privatverkäufer auf unsere Anfragen auch geantwortet, nach etwa einer Woche hatten wir dann aber zwei Probefahrten und haben uns schließlich für einen Ford Falcon Baujahr 1996 entschieden. Dass wir dieses Auto sofort haben wollten, hatte praktische Gründe, aber auch emotionale, wenn man so will. Denn er hatte nur 146.000 km auf dem Tacho – für Australien und unsere Preisklasse eine Seltenheit, war ein Garagenauto und scheckheftgepflegt. Außerdem hat er seit seiner Zulassung einem alten Mann aus Melbourne gehört, der gerne gereist und leider im letzten Jahr verstorben ist. Sein bester Freund hat das Auto für ihn verkauft und uns erzählt, dass die beiden nach dem Tod ihrer beider Ehefrauen viel gemeinsam gereist sind – nach Neuseeland, Hawaii, in die USA… Wir wussten sofort, wir wollten dem Falcon und seinem Besitzer alle Ehre machen, indem wir ihn auf viele tausend Kilometer durch Australien fahren würden.

Auto anmelden – Geht bei Vicroads an sich schnell, wenn man gleich alle nötigen Unterlagen dabei hat und nicht nochmal durch die halbe Stadt kurven muss. Kosten für die Ummeldung: 150 $. Da das Auto noch bis Juli 2015 registriert ist, sparen wir uns diese Kosten und eine Grundversicherung ist damit auch schon abgedeckt.

Campingausrüstung besorgen – Traum und Alptraum zugleich. Und zwar, weil die Australier Zelten lieben und über entsprechend tolle, vielfältig ausgerüstete Outdooranbieter verfügen, man aber gleichzeitig Tage damit verbringt, alles abzuklappern, bis man alles Nötige zusammenhat. In unserem Fall: Luftmatratze, Decke, Kissen, Geschirr, Campingofen, Gardinen, Fliegenschutz und vieles mehr. Dafür haben wir uns auch ein paar vergleichsweise günstige Schmankerl gegönnt, die das Campen ungemein aufwerten. Eine einfache Campingdusche zum Beispiel, die man einfach mit Wasser füllt und in einen Baum hängt, einen Sandwichtoaster, den man ins Feuer legt und einen Dutchoven zum Kochen in Selbigem.

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So kam es, dass wir zweieinhalb Wochen in Melbourne verbracht haben, bevor wir reisefertig waren. Da blieb natürlich auch etwas Zeit, die 4,25-Millionenstadt kennenzulernen. Obwohl Melbourne also 800.000 Einwohner mehr als Berlin hat, fühlt es sich viel kleiner und gemütlicher an. Der Central Business District (CBD – das eigentliche Zentrum mit den Wolkenkratzern) ist zwar recht großstädtig, aber überschaubar. Da die meisten Australier in Einfamilienhäusern wohnen, erstreckt sich die Stadt über eine große Fläche und ist somit außerhalb des Zentrums recht ruhig. Selbst die Geschäftsstraßen sind nur von zweistöckigen Gebäuden gesäumt. Ein Studentenviertel gibt es aber trotzdem, mit kleinen Läden, zig Cafés und Restaurants, abends Leben auf der Straße und viel Streetart an allen Ecken. Die Vees haben uns unter anderem zweimal mit in die „Laundry“ genommen, wo Little Vees Freund donnerstags die Konzerte organisiert und ein Glas Bier unglaubliche 10 Dollar kostet. Autsch. Von schrägem Comedypunk über Funk bis Reggae – ziemlich häufig irgendwas mit „living in a city paradise“ – haben wir hier alles gehört. Insgesamt haben wir zehn Bands in Melbourne gesehen und das sind einige mehr, als gewöhnlich zuhause in dieser kurzen Zeit. Wie so ziemlich alle Großstädte Australiens liegt diese außerdem am Meer und hat mit St. Kilda einen der idyllischsten Stadtstrände, die man sich vorstellen kann. Palmengesäumt, mit netten Strandkneipen und einer eigenen Kolonie Zwergpinguine! Leider war es noch Frühling, als wir dort waren und so kalt, dass wir uns im Second-Hand-Laden erstmal mit Pullovern eindecken mussten. Das Baden würde also warten müssen.
Dafür haben wir noch einige Sehenswürdigkeiten besucht:

Die Laneways – Enge Fußgängerzonen im CBD, die voller Imbisse und Cafés sind. Otto meinte mal, das sei typisch Melbourne für ihn, weil dort alle vom Geschäftsmann bis zum Bettler aufeinandertreffen. Und er hatte recht. Als wir uns mit einem Flat White (ein Kaffee mit viel Milch) unter einem Sonnenschirm in einer der Gassen nahe des Bahnhofs niedergelassen hatten, saßen wir zwischen Anzugträgern, Touristen, Pärchen, Studenten, Punks und Künstlern. Manche der Gassen wurden außerdem für Streetart freigegeben. Dort kann man nicht nur wirklich außergewöhnliche Graffiti bestaunen, sondern zufällig auch den Künstlern bei der Arbeit zusehen.

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Das Eureka Skydeck – Nicht ganz billig, aber die Aussicht von Melbournes höchstem Gebäude ist einen Besuch wert. Wie viele andere hatten wir den Fahrstuhl in den 88. Stock rechtzeitig zum Sonnenuntergang bestiegen. Leider spiegeln die Scheiben auf den Bildern sehr, aber der Blick auf die vom letzten Licht angestrahlten Wolkenkratzer, den Yarra-Fluss, die Küste und die ewige Stadt unter uns war einmalig.

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Das Melbourne Museum – Absolut empfehlenswert! Wir hätten definitv mehr Zeit einplanen sollen, da wir viel zu lange staunend vor unseren ersten echten Dinosaurierskeletten gestanden haben und dann für die Geschichte Melbournes nicht mehr genug Zeit hatten. Das Museum vereint vier Ausstellungen über die Entstehung der Erde, die Flora und Fauna Australiens, den Menschen und eben Melbourne unter einem Dach und liegt außerdem in einem von zahlreichen idyllischen Parks der an sich sehr grünen Großstadt.

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Cook’s Cottage – Ebenfalls in einem wunderschönen Park am Rande des Zentrums gelegen, wirkt das kleine Backsteingebäude wie aus einer anderen Zeit. Und das ist es auch, denn es handelt sich um das echte Geburtshaus des Entdeckers James Cook – nur dass es, weil es abgerissen werden sollte, aus England hierher transportiert wurde und nun das älteste Gebäude Australiens ist. Im Inneren entführen ein Hörspiel und viele Originalgegenstände in die Zeit und das Familienleben von Cook. Echt liebevoll gemacht und einen Spaziergang wert, zumal nur wenige hundert Meter entfernt der Feenbaum steht – oder stand, muss man sagen, denn von dem Anfang des 20. Jahrhunderts bemalten Baum steht nur noch der Stumpf.

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Und dann hat uns natürlich die Australienhaftigkeit Melbournes erstmal umgehauen. Zwar sprechen die Menschen hier eine Sprache, die wir zum Glück (meistens) verstehen – aber es ist eben ein anderer Kontinent, und das wird einem auch unweigerlich bewusst. Alles ist andersrum! Die Menschen laufen links auf dem Gehweg, wie sie eben auch links fahren. Das hat vielleicht gedauert, bis wir beim Straßen queren in die richtige Richtung geschaut haben… Der Mond ist verkehrtherum, die Sonne verläuft anders, die Sterne sehen ganz anders aus, usw. Und wir haben unsere erste Bekanntschaft mit dem berühmten Wildlife Australiens gemacht: mit niedlichen Possums, die nachts einfach über Stromleitungen laufen und Blüten im Baum vorm Haus der Vees geknabbert haben und mit bunten Papageien, die beim Joggen um einen herumflattern.

Nach zweieinhalb Wochen haben wir uns nicht nur im Tramnetz zurechtgefunden, sondern auch richtig wohl gefühlt. Ein bisschen, als könnten wir hier bleiben und arbeiten und eine gute Zeit haben. Gleichzeitig stieg aber die Aufregung in uns, endlich loszufahren und all das zu entdecken, was wir bisher nur von Fotos kannten: die Great Ocean Road, Uluru, das Outback… Und so kam es, dass wir eines samstags alles gekauft, gepackt und vorbereitet hatten, den Vees tschüß gesagt haben und plötzlich wieder einmal on the road waren…

von Laura

(Melbourne, Australien, 24. September bis 11. Oktober 2014)

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