Auf dem Weg ins richtige Australien

Nachdem wir mittlerweile über zwei Wochen in Melbourne verbracht hatten, wollte ich nun endlich das richtige Australien kennenlernen. Von dem war nämlich – zumindest meiner Meinung nach – in der großen Stadt, vom verkehrten Zyklus der Gestirne, dem Linksverkehr und ein paar wenigen exotischen Tierchen abgesehen, noch nicht allzuviel zu erahnen. Das Auto war im Großen und Ganzen startklar und die Entdeckungsreise durfte beginnen. Und was konnte es schöneres geben, als mit dem neuen Gefährt gleich eine der berühmtesten Straßen Australiens unsicher zu machen: die Great Ocean Road!
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Diese führt von Melbourne aus westwärts die Küste entlang und es gibt unzählige Möglichkeiten anzuhalten und die sagenhaften Sandsteinkliffs zu bestaunen. Leider erreichten wir den Anfang der Great Ocean Road im Dunkeln und es ist passiert, wovon wir schon viele reden gehört haben: In der Dämmerung kommen nämlich all die putzigen australischen Kreaturen aus ihren Büschen und überqueren liebend gerne Straßen. Auf das wahre Australien mussten wir also noch einen Tag warten. Unseren ersten echten Koala hätten wir beinahe überfahren. Die erste Nacht verbrachten wir daher sicherheitshalber spontan am Straßenrand.

Unser nächtlicher Stellplatz war nicht gerade eine Perle und spätestens der Verkehr am nächsten morgen weckte uns unschön aus unserem Schlaf. Dafür fanden wir im nahegelegenen Apollo Bay einen großartigen Platz auf einer Wiese am Strand zum Picknicken. Gesellschaft leisteten uns bunte Papageien, die Tauben des Südens quasi. Ordentlich gestärkt und nach einem Verdauungsspaziergang am Strand machten wir einen Abstecher zum Otway-Nationalpark, der für seine Koala-Kolonie bekannt ist. Vom Auto aus allein wären die kleinen Fellkugeln gar nicht so leicht zu erkennen, obgleich sie doch direkt an der Straße in den Baumen sitzen. Verpassen kann man sie dennoch nicht, denn überall wo es Koalas gibt, gibt es praktischerweise auch aufgeregt in die Luft zeigende Touristen. Den in der Nähe befindlichen Leuchtturm schauten wir uns nur von weitem an und unser Wunschzeltplatz, der wohl vor nicht allzulanger Zeit noch kostenlos war, war uns nun definitiv zu teuer. 36$ nur für eine Toilette fanden wir unangemessen – leider wird dies in fast allen Nationalparks Victorias mittlerweile so gehandhabt.
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Unser nächstes Ziel an der Great Ocean Road nannte sich Wreck Coast. Dieser Abschnitt der Küste ist bekannt für die Überbleibsel einiger in der Nähe gekenterter Schiffe. Auf dem etwas von der Hauptstraße abgelegenen Parkplatz verbrachten wir dann auch die kommende Nacht. Anders als viele andere Parkplätze an der Great Ocean Road gab es nämlich hier erfreulicherweise keine Camping-Verbotsschilder. Glücklicherweise trafen wir auf einen Fotografen und ein Wanderpärchen, die uns die Uhrzeiten der Gezeiten erklärten, denn bei unserem ersten kleinen Abstecher zum Strand trauten wir uns aufgrund der hohen Wellen, die bis an das Kliff reichten und uns nasse Hosen bescherten, nicht allzuweit vom Strandaufgang weg. Zum Sonnenuntergang selbst war dann Ebbe und wir machten uns auf den Weg zu den berühmten Schiffsteilen, wo schon der eben genannte Fotograf zu Werke war. Man muß die Wellen und den Strand schon eine ganze Weile beobachten, bevor man sich mit den Füßen ins Wasser getraut, denn alle 10-20 Minuten kommt eine außergewöhnlich große Welle und die Gefahr, ausversehen davongespült zu werden, wollten wir nicht eingehen. Die Küste der Great Ocean Road zeigte sich während unseres Besuches von ihrer besonders rauen Seite. Noch nie haben wir solche riesigen Wellenberge beobachten können, die teilweise so enorm waren, dass man hinter ihnen den Horizont nicht mehr sehen konnte.
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Am folgenden Tag machten wir uns daran einen Zeltplatz zu finden, von dem aus wir in den nächsten Tagen einfach die Highlights der Great Ocean Road erreichen könnten. Fündig wurden wir in einem kleinen Nest namens Princetown. Neben allem grundliegenden hatte dieser Platz eine sehr geräumige BBQ-Küche und als Zugabe etwa 100 Kängurus, die auf den Wiesen nebenan grasten. Wenn es dunkel wurde, trauten sie sich sogar auf den Zeltplatz und hoppelten munter zwischen uns und all den Autos herum. Außerdem trafen wir hier noch auf drei Hamburger, mit denen wir uns prächtig verstanden und bis in die bitterkalte Nacht hinein erfreulich gute Gespräche geführt und mehrere Liter Goon getrunken haben – Wein aus Pappkartons…
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Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns erstmal von unseren hanseatischen Freunden, die leider in die entgegengesetzte Richtung unterwegs waren und sich nur noch ein paar der Highlights in der Umgebung anschauen wollten. Für uns ging es nun erstmals zum Wahrzeichen der Region. Die 12 Apostel sind die bekannteste Felsformation an der Küste der Great Ocean Road. Zu ihnen gehören auch zu jeder Tageszeit hunderte von Touristen. Ein riesiger Parkplatz mit Besucherzentrum läßt keinen Zweifel daran, dass dies der Hauptanlaufpunkt aller Besucher ist. Manchmal ist es nicht ganz einfach einen Platz am Geländer zu bekommen. Hunderte von Menschen sind damit beschäftigt sich selbst zu fotografieren. Nicht versehentlich in eines der Bilder zu geraten – unmöglich. Die absurde Krönung sind jene mit ihren Selfie-Sticks, meist sieht man ihnen ihre Selbsverliebtheit auch ohne dieses Hilfsmittel sehr gut an… Ich mach mich nicht gerne über Menschen lustig. Das macht man nämlich nicht. Aber Touristen mit diesem Narzissmus-Stängel kann und darf man nicht ernst nehmen. Ein Schwall Fremdscham überkommt mich jedes Mal, wenn ich einen sehe. Eine Erfindung, die an Überflüssigkeit vielleicht nur noch von der Unterwasser-App fürs Smartphone übertroffen wird. Wer will diese Unmengen an Urlaubsfotos sehen, auf denen das Antlitz des Fotografen jegliche Szenerie verhunzt? Die Natur ist doch viel schöner als jedes Gesicht! Zwischen den ganzen Menschenmassen trafen wir dann auch unsere Hamburger wieder und hatten so die Gelegenheit uns noch einmal von ihnen zu verabschieden.
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Schon am nächsten Parkplatz kam uns dann einer der Camper-Vans ziemlich bekannt vor. Nach einer kleinen Wanderung entlang der Küste hatten wir dann einen Zettel an der Windschutzscheibe mit der dritten Verabschiedung und Kontaktdaten. Auch dies wäre überflüssig gewesen, denn zurück am Zeltplatz in Princetown trafen wir die Täter wieder und wir wiederholten das nächtliche Gelage. Die Jungs sollten aber eine Ausnahme bleiben, denn viele der Deutschen, die wir auf unserem Weg trafen – und es waren wirklich unangenehm viele – waren meist nicht auf unserer Wellenlänge. Viele tanken auf ihrer ersten Reise Übersee etwas zu viel Selbstvertrauen und kommen leider oft unsympatisch daher. Wahrscheinlich führt bei vielen das erste selbstverdiente Geld und das auf eigenen Beinen in einem fremden Land stehen zu einer Art Komplex, der sich dadurch äußert, das man eingebildet und arrogant wird. Auch die Hamburger wollten uns erst nicht ansprechen, da sie die selbe Erfahrung gemacht haben. Schon in Melbourne haben wir uns oft nicht zu erkennen gegeben, wenn wir in der Tram auf dem Platz neben uns die Muttersprache hörten. Was man sich dann unfreiwillig anhören musste, war manchmal mehr als peinlich. Schade eigentlich.
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Umso mehr Zeit man sich für die Great Ocean Road nimmt, umso schöner scheint sie zu werden. Hat man erstmal den Massensturm an den 12 Aposteln hinter sich, kann man sich in Ruhe den nicht minder schönen Rest anschauen. Da den Sonnenuntergang so ziemlich jeder am Wahrzeichen bestaunen möchte, steht man beispielsweise an der London Bridge völlig allein vor einer atemberaubenden Kulisse. Erlebt haben sollte man dringend beides. Die London Bridge ist mittlerweile keine Brücke mehr. Der Felsbogen ist vor einigen Jahren zusammengebrochen und ließ auf der neu entstandenen Insel zwei Touristen zurück, welche später per Hubschrauber gerettet werden mussten. Was die vielen Infotafeln nicht verraten, erzählte uns vor Ort ein Australier. Ob die folgende Geschichte wahr ist und inwieweit sie etwas mit dem Kollaps der London Bridge zu tun hat, konnte ich allerdings nicht herausfinden. Einige Tage bevor der Felsen einstürzte muss wohl eine namhafte Automarke einen Werbespot auf der London Bridge gedreht haben. Autos und Hubschrauber waren wohl zu schwer und die strukturelle Integrität hat gelitten. Vielleicht ein Mythos, vielleicht auch nicht. Zusammengebrochen wäre er am Ende eh irgendwann, denn die gesamte Küste und mit ihr diese vielen Inseln, Felsen, Tore und Höhlen sind durch Sturm und Wellen einem ständigen Wandel unterlegen.
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Unsere letzten beiden Abende an der Südküste verbrachten wir auf einem der im Nachhinein bisher schönsten Campingplätze Australiens, der uns von unseren netten Hamburgern wärmstens empfohlen wurde: etwas abgelegen von der Hauptstraße inmitten eines Eukalyptuswaldes, der vor nicht allzulanger Zeit noch in Flammen gestanden hatte. Zwischen all den verbrannten und mittlerweile langsam von Sprösslingen übersäten Bäumen gab es unzählige Feuerstellen. Der Platz war kostenlos und besaß lediglich eine Toilette. Mehr braucht es nicht zum Glücklichsein. Feuerholz lag überall herum und wir konnten unsere brandneue Toastzange und unseren Holländer-Ofen ausprobieren. Obwohl wir in der folgenden Zeit in South Australia auf das Kochen über offenem Feuer wegen Waldbrandgefahr leider verzichten mussten, gehört dies definitiv zum australischen Lebensgefühl schlechthin. Die Outdoorläden in Australien ließen mich mit großen Augen zurück, ein wahres Schlaraffenland der Campingausrüstung. Und mehr noch als in jedem anderen Land, welches wir besucht haben, lieben die Australier das Draußensein und sind bestens darauf vorbereitet: Geländewagen, Zeltanhänger mit kompletter Küche, Grills, Generator, Solarzellen, alles was das Herz begehrt. Für uns natürlich alles etwas einfacher, was dem Abenteuer aber nicht geschadet hat. Im Gegenteil. Und wer bei diesem Klima nicht rausgeht, ist auch selber schuld. Die Temperaturen wurden nun auch für uns angenehmer und wir haben inzwischen Kängurus, Koalas, Echsen und einiges mehr gesehn. Jeden Tag kam ein neues Geschöpf hinzu. Man kommt nicht umhin das Land mit einem großen Tierpark ohne Zäune zu verwechseln. Und so kam der Tag an dem ich frühs bei der Morgentoilette im verbrannten Wald auf einmal schief von einem etwa 10m entfernt stehenden Wallaby angeschaut wurde und ich mir endlich sicher war, dass dies das echte Australien ist.
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(Australien, Great Ocean Road, 11.-19. Oktober 2014)

von Christoph

 

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