Endlich wieder Berge sehen

Das Internet beim Reisen zu nutzen, ist ja irgendwie so eine Hassliebe. Zum einen ist es mittlerweile viel einfacher geworden, mit Familie und Freunden zuhause in Kontakt zu bleiben, der sich nicht nur auf gelegentliche Mails beschränkt. Zum anderen will man aber vielleicht gar nicht wissen, welche News es auf der Welt gerade so gibt – denn gute sind es ja leider oft nicht. Ein zweischneidiges Schwert ist für mich auch eine Website wie Tripadvisor – zum einen habe ich darüber wirklich tolle Hotels in Vietnam gefunden, zum anderen ging mir das Gemecker mancher Leute über Kleinigkeiten irgendwann tierisch auf die Nerven. Manchmal ist es nicht hilfreich, schon die x-te negative Bewertung gelesen zu haben, und dadurch das Gefühl zu bekommen, sich nur zwischen Regen und Traufe entscheiden zu können. Als würde man beim Reisen immer vom schlechtesten ausgehen wollen. Eine App aber, die wir in Australien nicht mehr missen möchten, ist WikiCamps. Jeder Nutzer kann interessante Orte, Zeltplätze und Einrichtungen hinzufügen, inklusive Preisen und Bewertungen. Damit muss man also nicht mehr stundenlang nach „No Camping“-Schilder-freien Rastplätzen Ausschau halten, sondern kann nach kostenlosen Plätzen, Duschen oder BBQs in der Nähe suchen. Und damit haben wir in den Grampians, rund 60 km nördlich der Great Ocean Road einen absolut idyllischen Ausgangspunkt für die Erkundung dieser Gegend gefunden: eine grüne Wiese in der Nähe der Kleinstadt Halls Gap unter riesigen Eukalyptusbäumen, mit nichts ringsum außer ein paar Echsen und Kängurus und nur selten einem zweiten Camper ein paar hundert Meter entfernt.

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The Grampians

Der Grampians-Nationalpark lässt sich am ehesten mit der Sächsischen Schweiz vergleichen: steile Sandsteinfelsen, Wasserfälle, Wald – nur dass sich das australische Pendant mitten in einer weiten, flachen Ebene erhebt. Nähert man sich wie wir von Süden, fährt man durch grüne baumbestandene Wiesen, während sich rechts und links die ersten Gebirgszüge erstrecken. Steht man auf einem der Aussichtspunkte, sieht man zwar Hügel und Bergketten – aber immer auch das scheinbar endlose flache Land ringsum. Aber von vorn.

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Nach unsern Nächten am Lagerfeuer in Portland, wo uns deutsche und französische Backpacker von den Grampians vorgeschwärmt hatten, haben wir uns auf den Weg nach Dunkeld im Süden des Nationalparks gemacht, wo wir eine Nacht auf einem richtigen Campingplatz verbrachten – mit einer netten Campingküche, dafür ohne nette Bekanntschaften. Am nächsten Tag konnten wir es kaum erwarten, wieder eine neue Landschaft kennenzulernen. Jeder hat sicher sein Bild von Australien im Kopf (Uluru, Great Ocean Road, Kängurus, rote Erde…), aber über viele Orte, die wir inzwischen kennengelernt haben, hatten wir keine, und die Grampians gehörten dazu. Also haben wir auf der Fahrt nach Halls Gap immer wieder angehalten und die Ausblicke genossen. Unser erstes Ziel war das Brambuk Cultural Center, von dem wir uns mehr Einblick in die Kultur der Aborigines erhofften – und wir wurden nicht enttäuscht. In diesem Museum bekamen wir einen Einblick, wie das Leben einer 40.000 Jahre alten Kultur funktionierte – und wie es von den Einwanderern zerstört wurde. Zum Beispiel unterteilten die hiesigen Stämme ihr Jahr nach sechs Jahreszeiten – nach dem Wetter, aber vor allem dem Blühen von Pflanzen und der Aktivität von Tieren, Dingen also, die überlebensentscheidend waren. So gab es eine bestimmte Pflanze, die auf den Wiesen wuchs und von den Frauen regelmäßig geerntet wurde. Damit sorgten sie zugleich dafür, dass die Wurzeln im nächsten Jahr wieder ausschlagen würden. Mit dem Beginn der Schafzucht aber verschwand diese Nahrungsquelle fast vollständig. Statt also von den Ureinwohnern zu lernen, wie man in diesem Klima und mit dieser oft nicht besonders reichhaltigen Erde überleben kann, wurde auf Biegen und Brechen versucht, europäische Landwirtschaft in einem Kontinent einzuführen, der so ganz anders ist. Und damit hörte es ja nicht auf: Aborigines wurden getötet, zwangsmissioniert, Kinder von ihren Familien getrennt – bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Und bis heute sind die Menschen, die seit Jahrtausenden auf diesem Kontinent leben, nicht einmal Teil der Verfassung dieses Landes. Umso wichtiger ist es, dass es Museen wie dieses gibt, das jedem (auf Spendenbasis) einen Zugang zum Leben einer anderen Kultur bietet.

Gariwerd, wie die Stämme der Region die Grampians nennen, ist voll von Fundstätten alter Höhlenmalereien und für die Ureinwohner wichtigen Orten. Zum Beispiel am Fuß der McKenzie-Wasserfälle, deren ursprünglicher Name auf die schwarzen Fische hinweist, die hier leben. Und tatsächlich: Als wir eine Weile in dem schattigen Flusstal saßen, haben wir sie springen sehen. Die übrigen Wasserfälle hatten allesamt wenig bis kein Wasser, als wir im Frühling die Grampians erkundeten – da erschien uns dieser Ort wie eine kleine Oase – allerdings umgeben von verkohlten Bäumen vom letzten Waldbrand, die gerade erst wieder ausschlugen.

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Die nächsten anderthalb Tage verbrachten wir auf den unzähligen Wanderwegen und Aussichtspunkten im Nationalpark. Vor allem der 10km lange Wonderland Loop erinnerte uns tatsächlich an die Sächsische Schweiz mit all den Felsen, die es per Treppen zu ersteigen galt, den engen Felswänden, die etwas übertrieben „Grand Canyon“ genannt werden und den grünen Wäldern ringsum. Allerdings trifft man bei dieser Rundwanderung auf verschiedene Eidechsen, Känguruhs und Wallabys, und die Frühjahrsblüher sehen auch etwas anders aus.

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Unser Lieblingsaussichtspunkt während der paar Tage hier wurden die Balconies, gute 20 Minuten Fahrt von unserem Buschcampingplatz entfernt. Nach Westen hin blickt man auf eine Reihe hoher Felsen, an deren Fuß ein endloser Wald beginnt, der am Horizont von Bergketten eingerahmt wird. Ein kleiner See glitzert dort im Sonnenlicht, ein Feldweg verliert sich im Grün, sonst nichts, was die Landschaft stört. Dort haben wir mehrmals gesessen, ein Gewitter und einen Sonnenuntergang beobachtet, Bratkartoffeln gekocht, die Milchstraße bestaunt und das Kreuz des Südens gesucht.

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Mount Arapiles

Wir haben leider beide nicht wahnsinnig viel Klettererfahrung (außer einem Wochenende, das 15 Jahre zurückliegt und einer Auffrischung beim Survivalkurs 2013), aber wenn wir sie hätten, wäre der Mount Arapiles ein Paradies. Der Sandsteinfelsen liegt in der Nähe der Grampians und kann über hunderte verschiedene Kletterrouten bestiegen werden. An seinem Fuß liegt ein einfacher, aber schöner Campingplatz unter schattenspendenden Kiefern mit Feuerstellen, Aufwaschbecken, Toilette und Picknickhäuschen. Bezahlt wird online oder telefonisch bei der Nationalparkverwaltung. Als wir ankamen, brannte die Sonne noch vom Himmel, sodass uns der Sinn nur nach lesen und entspannen stand. Überall waren kleine Zelte aufgebaut, lagen Menschen in Hängematten oder planten ihre Routen für den nächsten Tag. Da das nächste Dorf ein gutes Stück entfernt lag, zog nachts wieder ein klarer Sternenhimmel über uns, den Christoph für eines seiner Startrail-Fotos nutzte. Im Nachhinein ist es mir fast peinlich, wie ängstlich ich damals noch war, den Weg am Fuß des Berges im Dunkeln zu verlassen – im dunklen Gras könnten schließlich überall Schlangen lauern, die nur auf mich warten! Und das mit Jeans und festen Schuhen… Inzwischen laufe ich mit Flipflops durchs Buschland. Es hilft halt zu sehen, wie entspannt die Aussies mit dem Thema umgehen. Respekt und Vorsicht sind angebracht, keine Frage, aber zum einen sind die Zähne der hiesigen Schlangen sehr klein und die Chance, durch Jeans gebissen zu werden, damit gering. Zum anderen ist es tatsächlich nicht so, dass sich hunderte Schlangen hinter jedem Stein oder in jedem Stück Gras verbergen. Aber das wussten wir am Anfang unserer Reise eben noch nicht. Und so stand ich wie festgewurzelt neben Christoph und schaute der Milchstraße zu, wie sie langsam hinter Berg und Horizont versank.

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Den Berg selbst haben wir uns dann am nächsten Morgen ganz gemütlich angeschaut und sind hochgefahren. Auch hier war die Aussicht ähnlich wie bei den Grampians: ewige Weiten, Felder, Baumreihen, wenige Straßen oder gar Häuser und zum ersten Mal: weiße Salzseen, die in der Hitze flimmern, und hunderte Kilometer im Inland liegen. Mit dem Mount Arapiles sollten wir Berge und Felsen für eine Weile hinter uns lassen, denn nun lag das überwiegend als Farmland genutzte Gebiet der Wimmera vor uns.

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Edenhope

Kurz bevor wir Victoria nämlich Richtung South Australia verlassen wollten, haben wir ein paar Tage Urlaub vom Urlaub in Edenhope gemacht. Anders als der Name vermuten lässt, handelt es sich dabei keineswegs um das Paradies. Das kleine Städtchen hat zwar alles, was man braucht: Bibliothek mit gratis Wifi, einen kleinen Supermarkt, Bottleshop und Campingplatz. Einfamilienhäuser liegen still in der Sonne, Gärten bersten vor Blumen, eine kleine Statue verweist auf irgendetwas bedeutendes in der Geschichte. Jeder noch so kleine Ort in Australien ist irre stolz auf alles Historisches, und so wird man als Tourist immer auf irgendwelche Plaketten, Gedenksteine oder Ähnliches hingewiesen. Eine Art Lokalstolz, der faszinierend ist (vor allem, wenn man aus einem Ort kommt, indem es mit Schloss und Museen tatsächlich etwas zu sehen gäbe, die Vermarktung aber eher „unauffällig“ ist…), dessen Ursprung uns aber trotzdem manchmal nicht vom Hocker reißen konnte. Insgesamt hat Edenhope durchaus bessere Zeiten erlebt. Als der See nämlich noch ein See und kein kleiner Tümpel war, konnte man hier baden, Jetski fahren, angeln und was nicht noch alles. Jetzt erstreckt sich unter dem Steg aber nur Gras.

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Es ist zu trocken, schon seit einigen Jahren, und wie uns ein Aussie bei der abendlichen „Happy Hour“ – so nannte er den täglichen Schwatz mit anderen Campern – erzählte, haben die Bauern der Region arge Probleme, überhaupt etwas zu ernten. In manchen Gegenden reichte es nicht einmal mehr zur Heuproduktion.
Dennoch war Edenhope das, was wir brauchten: Ein Ort, wo wir in Ruhe die Artikel für den Blog über Vietnam schreiben konnten, zur Abwechslung mal eine richtige Küche auf dem Campingplatz zur Verfügung hatten und auch ein bisschen Zeit für stundenlanges Lesen in der Sonne und kurze, wild ausgefochtene Tischtennisrunden. Der Campingplatz am ehemaligen Ufer ist jedenfalls einer der komfortabelsten, den wir in Australien hatten – und seine Geschichte eine der schönsten. Das Ehepaar, dem er gehört, hatte zuvor in einer Klinik für Krebskranke gearbeitet, aber ihr Traum war es immer gewesen, sich zur Ruhe zu setzen und einen Campingplatz zu führen. Und genau das haben sie getan. Aber lest selbst:

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Von Laura

(Australien, Grampians, Mount Arapiles, Edenhope – 19. bis 28. Oktober 2014)

0 Comments on “Endlich wieder Berge sehen

  1. Toller Bericht und wunderschöne Bilder!
    Reisen ist etwas Wunderbares, was man mit nichts in der Welt ersetzen kann!
    Jetzt habe ich einen Ort mehr, den ich besuchen möchte! 🙂

    Liebe Grüße
    Tatjana

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