Immer die Küste entlang

Seit ich klein war, wollte ich schon immer mal einen Hund haben, denn Hunde sind eben einfach die besseren Katzen. Man kann ihnen etwas beibringen, sie freuen sich einen zu sehen, aber sie brauchen eben auch viel Zeit und Platz. Das war bisher der einzige Grund, weshalb ich den Traum vom Hund immer auf die Zeit verschoben habe, wenn ich mal groß bin. Naja, und das Laura eben dringend eher eine Katze haben will. Auf unserem Weg an der Küste von South Australia Richtung Adelaide ist dieser Wunsch aber für etwa eine Stunde wahr geworden und auch Laura ist kurz auf den Hund gekommen. Aber von vorn…
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Nach unserer kurzen Auszeit vom Reisen in Eden Hope zog es uns wieder ans Meer und mit unserer neuen Errungenschaft – der App „WikiCamp“ – fanden wir einen tollen kleinen Parkplatz ohne Verbotsschilder und mit Toilette an einem Surferstrand. Die kleine Stadt Robe war nicht weit entfernt und wir konnten das vorhandene Netz nutzen, um endlich mal wieder mit Freunden zu skypen. Am nächsten Morgen jedoch wurde ich von den verzweifelten Rufen einer Frau geweckt. Im Halbschlaf verstand ich nicht recht, was sie da treibt, aber als sie bemerkte, dass ich wach war, erzählte sie mir, dass sie auf der Suche nach ihrem entflohenem Hund war. Kurze Zeit später befanden wir uns alle, den Strand auf und ab laufend, auf der Suche nach einem Vierbeiner. Der Strand war riesig und die Dünenlandschaft nebenan noch größer. Die Suche hat sich ewig hingezogen. Zwischendurch hatte ich schon Angst, dass der Hund schon seit Jahren verschwunden ist und die Frau hier jeden Tag aufkreuzt. Auf jedenfall laufe ich irgendwann in Richtung Laura, die sich mittlerweile weit weg am anderen Ende des Strandes befand. Seltsamerweise hopste die ganze Zeit, während ich mich näherte, ein Hund um sie herum. Das konnte doch eigentlich nur unser Ausreiser sein, dachte ich. Aber Laura klärte mich auf, dass er wohl einfach ebenfalls der Frau gehörte. Auf unserem Rückweg folgte er uns treu und suchte sich immer wieder neue Spielzeuge, die wir werfen mussten. Nach einer Weile kam ein Geländewagen auf uns zu und drinnen saß ein weiterer zu Hilfe gerufener Freund mit dem verlorenen Hund. Die Freude war riesig. Er muss sich wohl in die Dünen verdrückt und danach seine tägliche Runde am Strand bis zur Stadt allein vollendet haben. Zurück am Parkplatz waren dann alle verschwunden: Die Frau, ihr Hund, der Freund – alle weg. Außer das wir nun offensichtlich einen Hund zuviel hatten. Während des Frühstücks leistete uns unser kleiner Freund Gesellschaft. Ein Border Collie, wie wir ihn in Australien noch mehrere Male zu Gesicht bekommen werden: Unheimlich gut erzogen, agil, verspielt und unglaublich clever. Nachdem wir uns aber fast an den Gedanken gewöhnt hatten, den kleinen Strolch einfach einzupacken und mitzunehmen, kreuzte auf einmal ein Geländewagen auf. Der Hund wartete erst aufgeregt am Rand und nachdem der Fahrer zweimal auf die Fahrertür klopfte, sprang die treulose Tomate einfach auf die Ladefläche und verschwand. Wir müssen wohl doch warten, bis ich groß bin…
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Noch am selben Tag erhielt ich die Nachricht, dass das National Geographic Traveller Magazin daran interessiert ist eines meiner Bilder abzudrucken. Ein Traum wurde wahr. Mit dieser tollen Nachricht im Gepäck fuhren wir nordwärts die Küste entlang zum Coorong-Nationalpark. Auch in South Australia stellen die Nationalparks Campingplätze zur Verfügung. Das Bezahlsystem war um vieles besser als das in Victoria, wo man Internet- oder Handyempfang zum Buchen braucht. An den Eingängen der Campingplätze stehen kleine Infohäuschen. Hier muss man lediglich eine Karte ausfüllen und zusammen mit einem kleinen Betrag von meist etwa 12$ in eine Kasse des Vertrauens werfen. Die Quittung hängt man sich einfach ins Auto – fertig. Ein System, was Berichten zufolge aber leider zu Betrug einlädt. Die Kontrollen finden anscheinend unregelmäßig, aber immer zur selben Tageszeit statt, was einige Leute auszunutzen scheinen. Uns aber gefiel diese sympatische und unkomplizierte Art, die abgelegenen Plätze des Nationalparks zu genießen und daher bezahlten wir den Beitrag gerne. Zur Feier des Tages gab es Wein und einen dicken Eintopf mit Hülsenfrüchten. Von unserem Stellplatz aus konnten wir allerlei Vögel, darunter unsere ersten wilden Pelikane, beobachten.
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Das nächste auserkorene Ziel wurde uns von Freunden empfohlen, eine deutsche Siedlung am anderen Ende der Welt. Wir sollten uns diesen seltsamen Flecken Erde anschauen und dann berichten, was wir davon halten. Lange Rede, kurzer Sinn: Die kleine Stadt Hahndorf ließ mir einen kalten Schauer den Rücken hinunterlaufen. Zwischen 1837 und 1900 sind etwa 18.000 Deutsche nach Australien aufgebrochen. Einer der Hauptgründe war der Zusammenschluß der lutheranischen mit dem Rest der Kirche unter Wilhelm III. Um ihren Glauben weiterhin wie gewohnt zu praktizieren sind viele der Lutheraner ausgezogen, in der neuen Welt ihr Glück zu finden. Etwa 200 davon versuchten es in Hahndorf. In dem Museum der Stadt bekommt man einen interessanten Eindruck vom Siedlerleben. In den folgenden Jahrzenten ist aus Hahndorf aber eine relativ normale australische Kleinstadt geworden. Irgendwann haben sich die Leute dann gedacht, dass deutsche Kultur und Brauchtum ja ein lohnenswerter Touristenmagnet sein könnte. Nun…. sie sollten sich nicht irren. Nur ist eben die Vorstellung davon, was Brauchtum und Kultur bedeutet, über die vielen Jahrzehnte ein klein wenig verkümmert. Auch hier denkt man wahrscheinlich, dass man in Deutschland in Dirndl und Lederhose zur Arbeit geht. Die Hauptstraße war gefüllt mit Besuchern und auch die Restaurants, welche allesamt lustige deutsche Namen trugen, waren gut gefüllt. In den Läden gab es dann allerlei deutsch wirkenden Krimskrams. Auch Nußknacker und Schwippbögen konnte man hier kaufen, allerdings zu einem Bruchteil des Preises, den diese Dinge bei uns im Erzgebirge kosten – made in China. Und dann gab es da noch den Tante-Emma-Laden mit deutschen Artikeln von Schokolade bis zu Spreewald-Gurken, wo so einiges dabei war, was uns das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Allerdings waren die Preise hier astronomisch hoch und ich probierte lediglich eine Känguroonie – eine scharfe Känguru-Knacker, gar nicht mal schlecht, aber ziemlich hart und eigentlich eher weniger deutsch. Um uns ein amüsiertes Grinsen auf die Gesichter zu zaubern, war der Ort aber allemal einen Besuch wert. Außerdem versucht Hahndorf anscheinend seinen Ruf von der deutschen Klischee-Retortenstadt zu verändern. Mittlerweile setzen einige der Geschäfte auch großen Wert darauf Handgemachtes zu verkaufen oder Kunst auszustellen und auch das schon erwähnte Museum kann man durchaus empfehlen.
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Mittlerweile befanden wir uns kurz vor Adelaide, aber so richtig Lust auf Großstadt hatte ich eher weniger. Nach einem kurzen Abstecher nach Victor Harbour, wo wir uns das Walmuseum anschauten, und nach Rapid Bay, welches uns mit lila farbenen Wiesen begrüßte, aber leider mit regnerisch-stürmischem Wetter wieder verscheuchte, befanden wir uns aber auf einmal doch wieder in einer Region mit dichtem Verkehr. Zum Glück konnte ich mit Laura einen Deal festmachen: Wir lassen den stickigen Moloch aus und gehen dafür in den Tierpark Kängurus streicheln. Der Cleland Wildlife Conservation Park lockte mit dem Versprechen Koalas und Co. anfassen zu dürfen und Laura bekam schon von den Worten im Werbeprospekt kribbelige Finger. Der Park liegt in den idyllischen Hügeln vor Adelaide in einem riesigen Eukalyptuswald. Mit einer großen Tüte Känguru-Futter machten wir uns daran die seltsamen Kreaturen Australiens zu mästen. Anfangs war das auch noch sehr niedlich, denn gleich nach dem Eingang zum Park kreuzen kleine Beuteltiere, die wie viel zu groß geratene Mäuse aussehen, den Weg und lassen sich tatsächlich füttern. Die Gehege der verschiedenen Känguru-Arten waren mit Toren versehen und man konnte nach Lust und Laune darin herumspazieren.

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Das erste hautnahe Aufeinandertreffen war großartig. Die Tiere im Park sind natürlich an den Menschen gewöhnt, ihren Artgenossen in freier Wildbahn sollte man hingegen nicht so nahekommen, denn sie wissen sich zur Wehr zu setzen und das mit erstaunlich großen Krallen. Die Kängurus im Wildpark dagegen schienen die Streicheleinheiten zu genießen und ich kann nur sagen: Kängurus sind super weich! Und wenn sie einen auf ihre dümmliche Art anschauen, kann man sie nur lieb gewinnen. Dennoch kamen uns bei unserem ausgiebigen Rundgang durch den Park auch Zweifel auf, ob die Haltung in einer Art großem Streichelzoo gut ist. An besagtem Tag waren nicht viele Besucher vorhanden und dennoch schienen uns einige der Tiere maßlos überfüttert. Vor manchen auf der Wiese schlummernden Genossen türmten sich kleine Häufchen mit Trockenfutter und eines kotzte mir, nachdem es mir genüsslich aus der Hand gefressen hatte, direkt vor die Schuhe. Eventuell sollte man gewisse Zeitfenster für die Fütterung der Tiere einführen oder einfach die Tüten etwas einschrumpfen –wir haben nur etwa die Hälfte genutzt. Generell gefiel uns die Idee des Parks aber, der zum großen Teil verwahrloste oder verletzte Tiere aufnimmt und aufpeppelt. An sich eine schöne Idee um die Tierwelt Australiens hautnah erleben zu können. Um einen der Koalas zu streicheln, musste man aber eine erschwerlichere Prozedur in Kauf nehmen. Nur zu bestimmten Zeiten und nur an den dafür vorgesehenen Stellen durfte gegrault werden. Schnell ein Foto! Nächster bitte! Der alte Koala-Opa war nicht ganz so weich, es sei ihm verziehen. Außerdem gab es noch rießige Echsen, Tasmanische Täufel, Dingos, Echidnas, Wombats, Emus und jede Menge Schlangen und Spinnen zu sehen. Nach unserem Besuch hatten wir also eine gute Übersicht über alles, was so kräucht und fleucht in Australien.
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Zumindest einen Blick auf Adelaide wollten wir dann aber doch noch erhaschen. Von einem der Aussichtspunkte in den Hügeln genossen wir den Sonnenuntergang und die immer heller werdenden Lichter der Stadt. In den folgenden Tagen näherten wir uns dem Tor zum Outback, also nutzten wir jegliche Gelegenheit noch einmal gut einzukaufen und zu kochen. Port Augusta war dann die letzte Stadt vor den unendlichen Weiten Australiens. Hier beginnt nach Westen der Eyre- und nach Norden der Stuart-Highway: Anfangs- und Endstation vieler der imposanten bis zu 50m langen Laster mit bis zu drei Anhängern – den Roadtrains – die wir hier zum ersten mal zu Gesicht bekommen haben. In der wirklich sehr tollen Touristeninfo mit der nettesten Angestellten ever wird man ausführlich darüber informiert, was es heißt, sich ins Outback zu begeben. Das kann nämlich ohne die richtige Vorbereitung durchaus lebensgefährlich sein. In Port Augusta haben wir uns auch zum ersten Mal mit dem Gedanken beschäftigt, Arbeit zu suchen. Noch dort in der Bibliothek schrieben wir unsere ersten Bewerbungen, bevor wir uns dann ins gefährliche Australien aufmachten.

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(Küste Southern Australia von Robe bis Port Augusta, 29. Oktober bis 7. November 2014)

von Christoph

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