Das wilde Südaustralien

Das Outback. Ich kann mich noch vage an ein Bild davon aus dem Geographiebuch erinnern: roter Staub und ein paar graue Sträucher bis zum Horizont, darüber eine sengende Sonne. Ein lebensfeindlicher, gefährlicher Ort irgendwo in der Mitte von Australien. Dachte ich. Und auch das Auswärtige Amt warnt eindringlich davor, sich leichtsinnig ins Outback zu begeben, weil immer wieder Backpacker darin verloren gehen. Es sind ja auch meistens diese Nachrichten, die man in Deutschland über Down Under hört: beim Schwimmen von Krokodil gefressen, Surfer oder Fischer nach Haiangriff gestorben oder eben Touristen im Outback verschwunden bzw. mit viel Glück nach einigen Tagen gerettet worden. Genaugenommen ist aber der größte Teil dieses Kontinents Outback, und um einige seiner Schönheiten zu sehen, muss man sich hineinbegeben. Oder andersrum gesagt: raus aus den Städten, weg von Supermärkten, geteerten Straßen und Telefonnetzen.

strasse

Flinders Ranges: Trockenes, heißes Land

41° C – „perfekte Bedingungen für den Start ins Outback“, hat Christoph in seine Reisenotizen geschrieben. Heiß und staubig war es, als wir uns auf den Weg zu den Flinders Ranges machten. Kleine Windhosen (von den Australiern Willy-Willies genannt) zogen über die weiten Flächen, als wir uns den Bergketten näherten. Zum Glück liegt das Besucherzentrum und der benachbarte Zeltplatz im schattigen Wald im Tal zwischen den Bergen, und im Pool unter einem riesigen Eukalyptusbaum ließ es sich sehr gut aushalten. Während ich dort meine Bahnen zog, graste wenige Meter entfernt ein Känguruh mit seinem Jungen. So schön es war, den Tieren Australiens im Wildlife-Park ganz nah zu kommen – am beeindruckendsten und besten aufgehoben sind sie eben doch in freier Natur. Für den nächsten Tag hatten wir uns wenigstens eine kleine Wanderung vorgenommen – das könnte man morgens zeitig erledigen oder wenn man so drauf ist wie wir und gerne ausschläft, am Nachmittag. Mit 3 Litern für 5 km fühlten wir uns gut ausgestattet, aber wir haben auch fast alles aufgebraucht, so heiß, wie es war. Im Süden der Flinders Ranges liegt nämlich ein Ort, wie wir ihn unbedingt einmal sehen wollten: Der Arkaroo Rock, über und über mit uralten Felszeichnungen von Aborigines bedeckt, die die Entstehung der Bergketten symbolisieren. Der Anblick war faszinierend und ernüchternd zugleich, denn selbst hier in der Pampa mussten die Zeichnungen mit einem stabilen Metallzaun vor sogenannten Touristen geschützt werden, die einen anderen Stein in der Nähe bereits über und über mit ihren Initialen bekritzelt hatten.

Malerei1
Den Rest des Nationalparks erkundeten wir überwiegend vom Auto aus, denn er verfügt über einige spannende „unsealed roads“ – steinige Wege, die mit unserem Kombi gerade noch machbar waren. Sie führen zu alten Bäumen, für die Gegend vergleichsweise grünen Tälern und zu spektakulären Aussichtspunkten. Beim Queren von Flusstälern war uns manchmal etwas unwohl, aber die Reifen hielten und wir konnten die nächste Nacht in einem Buschcampingplatz zwischen Eukalyptusbäumen und Felsen verbringen, und wurden mit einem Abendhimmel belohnt, der in Flammen stand.

_MG_0621

Arkaroola: Ein verstecktes Paradies

Ein eher unbekanntes Highlight im Outback hätten wir wohl nie aufgesucht, hätten nicht fünf unserer Freunde dort eine wunderbare Zeit verbracht – es war ihr Arbeitsplatz – und uns empfohlen, wenn nicht sogar befohlen, es uns anzuschauen: Das Arkaroola Wilderness Sanctuary. Ein privates Schutzgebiet, dass sich an den Vulkathuna-Gammon-Ranges-Nationalpark anschließt, mit einem idyllisch zwischen spitzen Bergen gelegenen Campingplatz und jeder Menge Wanderwegen. Nur um dort hinzugelangen, mussten wir erstmals eine lange Dirtroad bewältigen – etwa das, was man bei uns als Feldweg bezeichnen würde – und zwar über etwa 130 Kilometer. Wir sind guten Mutes in den Flinders Ranges losgefahren, hatten uns vorbildlich noch die Information eingeholt, dass die Straße frei und für normale Autos befahrbar ist und mussten dennoch feststellen, dass Bodenrillen über Stunden hinweg nicht so richtig Fahrspaß bereiten. Ich musste Christoph einige Male beruhigen, dass unser alter Falcon das schon aushält und wir uns ja Zeit lassen können. Liegenbleiben wollten wir natürlich nicht (in dem Fall sollte man übrigens am Auto bleiben, um eher gefunden zu werden und im Notfall ein Reserverad entleeren und anzünden – auf dieser Straße kommt aber wenigstens ein Auto pro Tag durch, da muss man sich also nicht allzugroße Sorgen machen). Dafür war die Landschaft um uns herum unglaublich: rote Felsen am Horizont, ewige Savannen, riesige Eukalyptusbäume in trockenen Flusstälern, dazu Kängurus, Emus, Adler, Echsen am Straßenrand und eine tatsächlich sengende Sonne über uns.

_MG_0711
Nachdem wir uns im Nationalparkzentrum (einer ehemaligen Schafschererei) mit Karte und Wegbeschreibung ausgerüstet hatten, haben wir etwa 30 km vor Arkaroola noch einen Abstecher zur Weetootla-Gorge gemacht. Was wir auf dem Campingplatz (10 Dollar die Nacht) vorfanden, war eine Ebene mit ein paar schattenspendenden Bäumen, kleine eiserne Feuerstellen, ein roh zusammengehauener Tisch und ein mit Red-Back-Spinnen verseuchtes Plumpsklo – und niemand sonst. Hier bleiben wir! Umgeben waren wir von Hügeln und Felsen, die abends im Sonnenuntergang erst gelb, dann rot strahlten, von riesigen Eukalyptusbäumen und wieder: Emus, Kakadus und Kängurus. Weil es auch am nächsten Tag wieder heiß werden würde, sind wir zeitig zu einer kleinen Wanderung aufgebrochen, die uns quer durch trockene Flussläufe ein Tal entlangführte. Und wir haben tatsächlich Wasser gefunden! Mitten in Hitze und Trockenheit, an einem Ort der Hells Gate genannt wird: klares, fließendes Wasser. Wenn man in dieser Gegend die Augen offen hält und nicht zu laut umherstolpert, kann man außerdem die seltenen Yellow Foot Rock Wallabys sehen – und tatsächlich haben wir zwei zwischen den Büschen entdeckt. Ebenso wie einen Emu-Vater mit seinen Zwergen, die sich im Schatten unter einem Felsen abkühlten. Den riesigen Laufvögeln sollte man allerdings wirklich nicht zu nahe kommen – was nach dem lauten Fauchen folgt, wollte ich jedenfalls nicht herausfinden. Den Mittag und Nachmittag haben wir lesend und schlafend im Schatten verbracht, und weil uns der Platz so gut gefallen hat, sind wir gleich noch eine Nacht geblieben – ein ungetrübter Blick auf Milchstraße und Magellansche Wolken war inklusive.

milch
Arkaroola selbst, im Prinzip Hotel, Zeltplatz, Restaurant, Tankstelle und Werkstatt und ein winziges Dorf in 5km Entfernung, liegt ähnlich malerisch auf einer Anhöhe zwischen kantigen Hügeln. Den Ort zu sehen, wo vor allem Reni und Sasch so viel Zeit verbracht haben, war schon ein merkwürdiges Gefühl, weil die beiden ja nicht mehr dort waren, aber auch toll – weil wir sofort herzlich von allen empfangen wurden. Big Vees Mum hat sogar heimlich und lecker für uns gekocht. Hier zu arbeiten, konnten und können wir uns wirklich gut vorstellen. Noch am ersten Abend haben wir versucht, die Griselda zu erklimmen, um den Sonnenuntergang von oben zu sehen, aber wir mussten kurz vorm Gipfel umkehren. Der Weg war schlicht zu steil und geröllig, um sicher hoch und wieder runterzukommen, jedenfalls für uns. Die Sonnenuntergänge hier sind allerdings sehr schön, weil das Abendlicht die Hügel strahlend gelb leuchten lässt. Am nächsten Abend haben wir es dann mit einem anderen Aussichtspunkt versucht – und sogar noch ein Wallaby gesehen. Wirklich wandern waren wir nur an einem Morgen, netterweise wurden wir von der Managerin zum Ausgangspunkt gefahren. Auf den Bergrücken kann man nämlich herrlich entlanglaufen – man muss nur erstmal hoch. Schweißtreibend, klar. Aber genial, oben zu sein.

IMG_8821
Das Highlight dieses Ortes ist eindeutig die Umgebung, denn hinter dem Zeltplatz beginnt eine unglaubliche Landschaft. 610 Quadratkilometer im Besitz einer Familie, die seit den 1960ern daran arbeiten, sie wieder in ihren Naturzustand zu bringen. Früher waren hier mehrere Firmen auf der Suche nach Uran – und sie haben es auch gefunden, zum Glück aber festgestellt, dass der Abbau zu teuer wäre. Bei einigen kleinen Wanderungen (für mehr war es zu heiß – an unserem Rekordtag hier waren es 42° Celsius…) haben wir einen Teil der einzigartigen Gegend gesehen, aber der weitaus größere Teil ist nur mit speziellen Autos zugänglich. Beim Erforschen haben die Uranfirmen nämlich steile Wege durch das  Gebirge angelegt, und wenn ich steil sage, meine ich: Ich hätte nicht gedacht, dass irgendetwas da lang fahren kann.

arka12
Unglaublicherweise haben uns Reni und Sasch aber eine Ridgetop-Tour geschenkt, die mit Allradautos genau da entlangführt. Wir können euch gar nicht genug dafür danken! Die Aussicht war umwerfend, mal auf einen Felsen, der wie ein zerknautschter Sessel aussieht (und deshalb Armchair Rock heißt) und erst zwölfmal bestiegen wurde, mal in tiefe, zerfurchte Täler, mal auf einen Salzsee am flachen Horizont. Stundenlang ging es auf und ab auf den teils ausgewaschenen, teils felsigen Wegen. Mit uns an Bord: zwei Briten, die seit 8 Jahren auf australischen Farmen arbeiten und zwischendrin das Land erkunden, eine lustige Rentnertruppe und ein Pärchen, das sich ängstlich an den Metallstangen festkrallte. Unglaublicher Zufall am Rande: Wir sagen immer, wir sind aus der Nähe von Dresden bzw. südlich von Berlin, wenn Australier uns fragen, woher wir kommen. Aber ausgerechnet der Fahrer unserer Ridgetop-Tour hatte mal eine Freundin aus Chemnitz und war deshalb schon mal dort! Er machte den Job seit drei Monaten und hatte noch nie einen Unfall – doch, das war sehr beruhigend. Die Autos brauchen auch spezielle, nicht ganz billige Räder, um diese Art Straßen zu bewältigen. Und die halten dann nur drei Wochen.  Aber nur so kommt man eben zum Sillers Lookout, einem steil aufragenden und auf der anderen Seite wieder abfallenden Felsen, der eine fantastische Aussicht und einen außergewöhnlichen Ort für Kaffee und Kuchen bietet. Überall auf den Aussichtspunkten entlang der Tour findet man aber auch Gedenksteine – von Menschen, die diese Landschaft so sehr liebten, dass ihre Asche hier verstreut wurde.

IMG_8843
Zurück in Arkaroola war es zu heiß für jegliche Bewegung, abgesehen von einem Sprung in den Pool. Abends aber, als wir mit einem kalten Bier vor dem Restaurant saßen, war am Horizont schon Wetterleuchten zu sehen – eine Ankündigung völlig anderen Wetters, das uns auf der Weiterreise am nächsten Tag erwarten sollte.

Von Laura
(Australien, Flinders Ranges bis Arkaroola, 7. bis 15. November 2014)

0 Comments on “Das wilde Südaustralien

  1. Pingback: Das wilde Südaustralien – Teil II | bildbeilage

  2. willy-willies 🙂 wieder was gelernt.. und sooo schöne bilder. das mit christoph im campingstuhl ist großartig.
    fühl mich fast wie hingebeamt. schön, dass es euch da auch gefallen hat.

Was denkst du? What do you think?

%d Bloggern gefällt das: