Das wilde Südaustralien – Teil II

Der Oodnadatta-Track: Eine alte Dirtroad, die über weite Strecken entlang einer ehemaligen Bahnlinie zwischen Marree und dem Stuart Highway verläuft. Rund 600 km im Outback, auf die wir uns riesig freuten (und ja, auch dort sollten wir immer mal wieder an Spurrillen und ans Auto knallende Steinen verzweifeln). In einer großartigen Australien-Karte, die Reni mit Tipps für uns bestückt hat, hatte sie ganz in der Nähe von Arkaroola diesen Track mit dem Hinweis „definitiv 2WD-tauglich“ versehen. In der Nacht vor unserem Aufbruch hatte es in der Ferne gewittert und nach einer langen Trockenzeit war endlich Regen über das Land gezogen. Es nieselte immernoch, als wir uns auf den Weg machten – aber das war eine willkommene Abwechslung zu Staub und Hitze, und auch die Tiere schienen es zu genießen. Nie haben wir so viele Kängurus mitten am Tag am Straßenrand grasen sehen. Unser Zwischenziel war Leigh Creek, ein Dorf an einer asphaltierten Straße, von dem wir uns etwas Zivilisation und einen Supermarkt erhofften. Zum Samstagmittag kamen wir dafür leider zu spät, weshalb wir uns mit ein paar Dosen und den schlechtesten Pommes der Welt von der Tankstelle abfinden mussten. Während wir noch auf diese warteten, ging ein ordentlicher Platzregen los. _MG_0975 Da saßen wir nun auf dem Parkplatz im Auto, unter dem sich Benzin und Regen in bunten Schlieren vermischten. Der Ketchup war schlecht geworden, die Pommes waren viel zu schlabbrig und wir uns nicht mehr sicher, ob die Straße überhaupt frei sein würde. Bei viel Regen, hatten wir gelesen – und von der wirklich netten und engagierten Frau in der Tourismusinformation von Port Augusta erfahren – müssen die Dirttracks nämlich manchmal geschlossen werden, weil sie über- und ausgespült sind. Und ab dem Dorf nach Leigh Creek, Lyndhurst, würden wir Asphalt für eine lange Zeit hinter uns lassen. Dort angekommen stand das Wasser in riesigen Pfützen auf dem kargen Boden. Ich stapfte durch tiefen Schlamm, als wir anhielten, um von einem Haus am Rande der Siedlung frische Eier, 4$ das Dutzend, zu kaufen. Fragt im Pub, sagte der nette Bewohner, die müssen wissen, wie es um die Straßen steht. Der Pub, ein zweistöckiges Holzhaus am anderen Ende des Dorfes, hinter dem nur kilometerlanges Nichts zu sehen war, war fast leer, als ich eintrat. Ein Mann trank ein Bier, ein junges Mädchen schmierte Sandwiches, als der Besitzer aus der Küche kam. „Wir haben nix gehört“, sagte er, dürfte also okay sein – „oder ihr bleibt hier und trinkt ein Bier mit uns“, sagte der Biertrinker. Das war uns aber erstens zu teuer und zweitens brauchten wir noch einen Schlafplatz für die Nacht – und da uns langsam das Wasser in unseren insgesamt 25 Litern umfassenden Kanistern ausging, möglichst einen Zeltplatz. Tatsächlich mussten wir auf dem Weg nach Marree durch einige Bäche fahren und schon an einer verlassenen Ruine der Bahnstrecken-Erbauer auf halber Strecke war unser Auto von einer Schlammschicht bedeckt, die bald zementartig unseren ganzen Unterboden überzog. _MG_0992

Marree: Schrullige Wüstenstadt

Marree selbst hat eine ruhmvolle Vergangenheit als Umschlagplatz zwischen Port Augusta und dem Norden, wo Kamelführer, Aborigines und Europäer mitten im Nichts harmonisch zusammengelebt haben, so besagt es der Touristenführer. Von der Moschee aus dieser Zeit stehen nur noch ein paar Steinbrocken unter einem Strohdach. Heute besteht der Ort aus nicht mehr als zwei Querstraßen, einer Tankstelle, einem Hotel, drei Zeltplätzen, wovon einer geschlossen war, und einer Menge Erinnerungsstücke. Sand und Weite ist alles, was man von hier aus erblicken kann. Zwei alte Zugwaggons aus besseren Zeiten rosten vor sich hin. Nichts los, könnte man meinen. Doch unser Koch in Border Village hat vorher im Marree Hotel gearbeitet, und zwar ausgerechnet zu der Zeit, als eine Filmcrew inklusive Robert Pattinson dort „The Rover“ gedreht hat. _MG_1011 Mir hat vor allem die Schrulligkeit dieses Ortes gefallen, die Spinnweben im Büro des Campingplatzbesitzers mit dem faltigsten, sonnenverbranntesten Stiernacken, den ich je gesehen habe. Die Campingküche aus alten Bahnschienen zusammengezimmert, das Feuer, das er trotz Fireban Season für uns entzündet hat und der alte Dauercamper, der das Bohrwasser, das aus den Hähnen kommt, täglich trinkt – obwohl es salzig ist und mir nach dem Kaffee am nächsten Morgen Bauchschmerzen bereitet hat. Man muss halt mit dem leben, was man hat, scheint mir die Einstellung von Marree zu sein. Und offenbar bedeutet das jeden Freitag ein lustiges Besäufnis aller Einwohner im einzigen Pub, was unser Koch im Video festgehalten hat. Hätten wir das mal eher gewusst. Stattdessen haben wir aber zwei Torgauer auf dem Campingplatz getroffen, die schon einige Monate quer durch Australien gefahren sind und eine Unmenge Tipps für uns hatten. Die beiden hatten ihre Reise seit Jahren geplant und waren im Gegensatz zu uns richtig gut vorbereitet – während ich erst in Arkaroola angefangen hatte, überhaupt mal einen Reiseführer zu lesen. Sie waren am selben Tag heil vom Oodnadatta Track zurückgekehrt – also stand unserem Aufbruch am nächsten Morgen nichts im Weg. Odnadatta1

Oodnadatta-Track: Das Outback-Abenteuer für Jedermann

Jetzt könnte man meinen, dass kilometerlange Wege durch die Pampa etwa genauso spannend sind wie deutsche Autobahnen. Aber das tolle daran ist nicht nur das Gefühl, den Track meistern zu müssen, sondern auch die kleinen und großen Sehenswürdigkeiten am Straßenrand, an denen man, aufgrund meistens nicht vorhandenem Verkehr, immer und überall anhalten kann. Da gibt es vergleichsweise junge Ruinen aus der Bauzeit der Old-Ghan-Bahnlinie zu sehen, den riesigen Salzsee Lake Eyre, der nur nach außergewöhnlichen Regenfällen wirklich ein See ist und dann hunderte Vögel anzieht, einen Schrottkunstpark, der sicherlich beim nächsten Besuch ganz anders aussehen würde, weil viele Vorbeikommende etwas dortlassen oder zusammenbasteln. oodna Und dann gab es da den Ort, der mit einem „natural Spa“ in der Infobroschüre angekündigt wurde. Christoph wollte erst gar nicht halten, weil er Angst hatte, dieser kleine Abzweig könnte wie der zuvor, den ich unbedingt erkunden wollte, eine Nummer zu steinig für unser altes Auto sein. Später war er dann aber doch froh über meine Beharrlichkeit. Coward Springs ist nämlich einer der süßesten Campingplätze, den man sich vorstellen kann. Die Besitzer der Kamelfarm – die leider gerade verreist waren – haben wirklich viel Arbeit hineingesteckt. Bezahlt wird in eine Kasse des Vertrauens, und wenn man die Toiletten und Duschen fegt, sogar nur die Hälfte. Dafür findet man eine grüne Oase vor mit vielen lauschigen Stellplätzen, Holzgrills aus aufgesägten Gasflaschen und Sitzbänke von den nicht mehr benötigten Schienen. Und weil Australien voller Wunder ist, sprudelt hier Mineralwasser aus dem Boden, das aus dem Great Artesian Basin stammt und vor zwei Millionen Jahren viele tausend Kilometer nördlich versickert ist. Diese Quelle haben die Besitzer in einen kleinen Holzpool verwandelt, in dem wir Stunden verbracht haben – um uns das warme, prickelnde Wasser, über uns Palmen und später Sterne. Was will man mehr?IMG_9005 Schweren Herzens sind wir am nächsten Tag nach einem ausführlichen Frühstück und Aufwaschen unter Aufsicht einer großen bunten Echse weitergefahren – hin zu ein bisschen Zivilisation. Williams Creek ist einer von wenigen „Orten“ (10 Einwohner) hier draußen und wie Arkaroola im Besitz einer Familie – und obwohl die beiden Hotels 450 km voneinander entfernt sind, kennen sich die Besitzer auch noch, weshalb wir nicht nur Kaffee getrunken, sondern gleich noch Grüße ausgerichtet haben. „Nur“ 200 km weiter liegt Oodnadatta, was im Vergleich fast schon eine Stadt ist. Immerhin gibt es hier eine Schule, ein Gemeindezentrum, einige Wohnhäuser und im Pink Roadhouse (das eine fantastische Mudmap für die Gegend zur Verfügung stellt mit allen nötigen Infos) sogar einen Mechaniker und einen kleinen Laden. Da zahlt man doch gerne mal 3 Dollar für die winzigste Zucchini ever – und hat dafür zum ersten Mal seit Tagen etwas frisches auf dem Teller. Außerdem hatten wir leider feststellen müssen, dass unser Auto plötzlich ein wenig lauter als üblich röhrte. Wir hatten doch einige Steine gegen den Unterboden knallen hören und waren etwas besorgt. Aber der nette Mechaniker mit dem Cowboyhut, der öfter Freunde in Berlin besucht, hat sich spontan drunter gekauert und gemeint: Spart euch das Geld, ist nur eine kleine Öffnung im Auspuff, alles halb so wild. Das kam uns gerade recht, denn anders als geplant wollten wir von hier aus nicht mehr dem Oodnadatta Track folgen, sondern einen Umweg über die Painted Desert machen, von der wir nur von Reisenden und Postkarten erfahren hatten (vielleicht hätte ich doch eher mal in einen Reiseführer schauen sollen). Und da dieser Weg noch seltener befahren wird, war er schmaler und in schlechterem Zustand als der Haupttrack. Aber auch dieser war die Strapazen wert. Rechtzeitig kurz vor Sonnenuntergang erreichten wir den ersten Aussichtspunkt auf eine wieder ganz andere Landschaft: Sand in weiß, Rot- und Gelbtönen lässt die Hügel und Ebenen tatsächlich wie gemalt aussehen. Ganz allein haben wir diesen Ausblick genossen und wären am liebsten über Nacht hier geblieben. Aber auch dieses Land ist in Privatbesitz und Wildcampen nicht erlaubt. painted1 Dafür haben die Farmer einen Campingplatz, der auf den zweiten Blick echt liebenswert ist. Wir sind nämlich erst im Halbdunkel dort angekommen. Niemand war zu sehen, aber im Fahrzeugschuppen brannte Licht. Auf der Suche nach den Bewohnern rannten auf einmal zwei Hunde auf uns zu. Zwar ist meine Hundeangst kuriert, aber der eine war ein riesiger Bullterrier, und diese Art macht mir noch immer ein mulmiges Gefühl. Die beiden waren aber nicht im mindesten versucht uns zu verjagen, sondern wollten eher gegrault werden. Kurz danach kam auch der Hundebesitzer dazu und zeigte uns den Zeltplatz: eine Feuerstelle, ein paar überdachte Picknicktische, zwei Bäder in einem Wellblechhäuschen. Was will man mehr? Allerdings hatte er wohl vergessen uns zu erzählen, dass um 22 Uhr der Dieselgenerator abgeschaltet wird, weshalb wir unser ausgiebiges Mahl (Nudeln mit Zucchini-Tomatensoße) im Dunkeln beenden mussten. Leider war es bewölkt, aber ohne störendes Licht ringsum wäre das bestimmt ein toller Platz zum Sterneschauen. Inzwischen hatten wir auch festgestellt, dass die Hunde mehr Interesse an Insekten als an uns hatten, und bekamen sogar das Gefühl, dass sie uns beschützten. Nachts hörten wir sie mehrmals für uns unsichtbare Tiere anknurren. So kam es, dass wir in den folgenden Nächten diese Aufpasser sogar vermissten. IMG_9471 Der Umweg über die Painted Desert hatte auch noch einen Vorteil: Um nach Cooper Pedy und zum Stuart Highway zu gelangen, mussten wir nun auch noch die Moon Plain queren. Eine Mondlandschaft wie aus dem Bilderbuch – oder dem Kino, denn hier wurde der postapokalyptische Film „Mad Max“ in den 1970ern gedreht. Trockene Erde und Steine bis zum Horizont gibt es hier, und wie eine Fata Morgana flimmern die Hügel nahe Cooper Pedy am Ende der Straße. Hier will man wirklich nicht liegenbleiben, denn Schatten, Wasser und Pflanzen sucht man hier vergeblich. Inzwischen waren wir aber nur noch 100 km von der Zivilisation entfernt: Internet, frische Lebensmittel (wir hatten uns, nachdem unser noch in Port Augusta gekauftes Gemüse aufgebraucht war, überwiegend von Müsli mit Milchpulver, Reis, Nudeln und Dosen ernährt) und mindestens ein Glas Wein warteten auf uns.

Coober Pedy: Das Auenland der Wüste

In einer Höhle unter der Erde wohnte ein… Mensch! Coober Pedy wäre an sich mit seinen 1700 Einwohnern, zwei Supermärkten, einem Autokino, mehreren Hotels, Restaurants und Läden nicht der Rede wert – nur ein Zwischenstopp auf dem Stuart Highway Richtung Uluru und Alice Springs. Würden nicht zwei Drittel der Leute unter der Erde wohnen und wäre die Gegend nicht berühmt für die regenbogenfarbenen Opale, die man hier immer noch finden kann. Das Ergebnis ist nicht unbedingt schön, aber interessant. Braun-weiße Schlammhügel bestimmen das Bild, von denen nur die Eingänge auf ihren Sinn hinweißen: Es sind Häuser. Das macht durchaus Sinn. Zum einen, weil die Schatzsucher eh alles aushöhlen, um auf eine Opalschicht zu treffen, zum anderen, weil es hier mitten in der Wüste extrem heiß werden kann. Unter der Erde aber herrschen immer angenehme 22 Grad. Das haben wir am eigenen Leib erfahren können, als wir spontan eine Führung durch eine Museumshöhle mitgemacht haben. Draußen hatten wir bei ungefähr 40 Grad Celsius geschwitzt, drinnen war es ohne weiteres aushaltbar. Und die Wohnungen sind durchaus komfortabel: Braucht man mehr Platz oder einen Schrank, bohrt man einfach ein weiteres Loch. Man sollte aber aufpassen, dass man nicht plötzlich im Schlafzimmer der Nachbarn herauskommt. cooper Mit ein bisschen Glück findet man sogar beim Hausbau Opale, hat die Museumsführerin erzählt, die selbst in einer Höhle wohnt und es nicht missen möchte. Der Traum vom großen Geld ist in Coober Pedy noch aktuell: Rings um die Stadt erheben sich Hügel um Hügel ausgeschachteter Erde. Alles was man braucht, ist das Schürfrecht, ein paar Quadratmeter Boden, ein Bohrer und ein Sauger – und dann kann die Schatzsuche losgehen. Wie sie sagt, machen dabei durchaus einige ordentlich Profit. Man würde es ihnen in Coober Pedy nicht ansehen, wenn man sie in staubigen Arbeitsklamotten trifft, aber die selben Leute würden in Melbourne mit dem fetten Sportwagen vorfahren. Reichtum merkt man der Outbackstadt, die 2015 gerade mal 100 Jahre alt wird, wirklich nicht an. An den Straßenrändern liegen verrostete Autos, und das meist empfohlene Restaurant ist eine Pizzeria. Gleichzeitig kostet es Geld, die Stadt am Laufen zu halten: Der Strom kommt von Dieselgeneratoren, das Wasser aus Entsalzungsanlagen – und es gibt tatsächlich eine Trinkwassertankstelle, weil Wasser hier eben ein rares und wertvolles Gut ist. In der harten Erde hier wächst nichts. Ohne Opale würde es die Stadt also wahrscheinlich nicht geben. So war es für uns aber ein willkommener Zwischenstopp mit einem Supermarkt voller Obst und Gemüse – was man halt so zu schätzen lernt, wenn man eine Weile in der Pampa ist. Mit frisch aufgefüllten Vorräten und Wasserkanistern konnten wir uns wieder auf den Weg machen – bis zum Uluru waren es noch 730 km, und nichts als Roadhouses erwarteten uns unterwegs. IMG_9201 Das Outback ist gigantisch und wir haben selbst in Südaustralien nur einen kleinen Teil davon gesehen und werden es niemals ganz erkunden können. Deutschland könnte man komplett darin verstecken, hat einer unserer Kollegen einmal gesagt. Erst vor wenigen Tagen wurde ein junger Australier, der seit Dezember vermisst wurde, südlich von Coober Pedy und nur 4km abseits vom Highway gefunden. Offenbar hatte er sich mit seinem Geländewagen festgefahren und war von einer Schlange gebissen worden. Niemand wusste, dass er vorhatte die Hauptstraße zu verlassen. Deshalb hat es solange gedauert ihn zu finden. Ja, das Outback kann gefährlich werden, wenn man sich nicht darauf vorbereitet, Unvorhersehbares geschieht und niemand weiß, wo er nach einem suchen soll, aber es ist nicht lebensfeindlich – und es gibt eine Menge Unbekanntes zu entdecken.

von Laura

(Australien, Marree, Oodnadatta, Painted Desert, Coober Pedy, 15. bis 19. November 2014)

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