Im roten Zentrum Australiens

Es gibt wohl kaum jemanden, der mit dem Namen Uluru oder Ayers Rock nichts anfangen kann, außer vielleicht die eine Person bei der Fotocommunity, die beim Anblick eines meiner Bilder erst einmal nachschlagen musste. Denkt man an Australien, hat man wahrscheinlich ein Bild davon im Kopf und sieht man ein Foto von Uluru, verbindet man es sofort mit dem Kontinent. Ich selbst habe nie auch nur daran gedacht, diesen Ort auszulassen und ich bereue es auch nicht. Denn Uluru ist nicht einfach nur ein Klotz in der Mitte Australiens und er hat definitiv mehr zu bieten als nur eine wunderschöne Silouette bei Sonnenauf- und untergang. Aber all das war uns noch gar nicht klar auf dem Weg dorthin, denn auch wir hatten eigentlich nur das Bild vom großen Klotz vor Augen.

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Uluru und Kata Tjuta in sandigem Abendlicht

Die Wegbeschreibung von Cooper Pedy aus war denkbar einfach: 487km geradeaus, links abbiegen und nach 244km ist man auch schon da. Unser alter Ford Falcon klang mittlerweile von Tag zu Tag immer schlimmer, aber durch die beruhigenden Worte des Mechanikers fühlten wir uns vorerst relativ sicher. Auf dem Weg passierten wir die Grenze zum Northern Territory, einem Bundesland Australiens, hauptsächlich geprägt durch das Outback. Es ist etwa zweimal so groß wie Frankreich und beherbergt nur 1% der gesamten Bevölkerung des Landes – lustigerweise genauso viele Einwohner wie Chemnitz, unserem letzten Wohnort – jedoch gleichzeitig etwa 30% der indigenen Bevölkerung Australiens. Ausgangspunkt aller Uluru-Reisenden ist der kleine Ferienort Yulara, welcher allein dem Zweck dient, Touristen in dieser abgelegenen Region zu beherbergen und versorgen. Der Ort ist sozusagen nach Preisklassen in mehrere Bereiche unterteilt. Von oben nach unten gibt es Hotels, Motels und für uns war natürlich der Campingplatz die erste Wahl. Außerdem gibt es ein Touristenzentrum mit Shops, Touriinfo und Ausstellungen. Die Temperaturen kletterten tagsüber bis auf 42°C und in dieser Hitze war uns eigentlich erstmal nur nach Pool zumute. Die Stellplätze für Fahrzeuge boten leider keinen Schatten und so zogen wir uns wie die vielen anderen Camper in der Mittagszeit in die große überdachte Barbecue-Ecke zurück. Wir wollten uns Zeit lassen die Gegend zu erkunden und deswegen buchten wir spontan für mehrere Nächte.

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Dieser Thorny Devil lief am Morgen an unserem Auto vorbei

Stormchasing Uluru

Den zweiten Tag unseres Aufenthaltes in Yulara verbrachten wir also entspannt auf dem hiesigen Campingplatz. Wir haben wie immer viel zu lange geschlafen und die geplante Wanderung um den Uluru fiel fürs erste flach. Empfohlen wird diese nämlich am frühen Morgen, wenn die Sonne die Landschaft noch nicht zu sehr erhitzt hat, da regelmäßig Touristen bei dem Versuch, die doch recht umfangreiche Rundtour von etwa 10km zu bewältigen, kollabieren. Zum späten Nachmittag hin bauten sich am Himmel bereits Quellwolken auf und just in dem Moment, als wir den Pool betraten, hörten wir die ersten Anzeichen eines herannahenden Gewitters. Damit war zwar unser Plan, an diesem Tag wenigstens den Sonnenuntergang an einem der Aussichtspunkte zu sehen, dahin, aber die Chance das Wahrzeichen Australiens bei einem Gewitter zu erwischen, mussten wir beim Schopfe packen. Also nichts wie ab ins Auto und losgedüst. Am ersten Aussichtspunkt fuhren wir direkt vorbei, weil wir auf die andere Seite des Felsens wollten, um von dort aus den herannahenden Sturm zu fotografieren. Auf der Fahrt dahin begann es dann auch schon heftig zu stürmen und ein regelrechter Platzregen ergoss sich wie aus dem Nichts über uns. Zu spät, dachte ich. Doch dann hatte ich glücklicherweise noch den Geistesblitz, dass man Gewitter am besten fotografiert, wenn der Sturm bereits über einen hinweggezogen ist und nicht wenn er auf einen zukommt. Also drehten wir schnell um und fuhren zurück zu besagtem ersten Aussichtspunkt. Dort angekommen hörte gerade der Regen auf und wir erblickten einen Uluru, den wir uns so nicht erträumt hätten. Wir hatten schon davon gelesen, dass bei Regen das Wasser in Kaskaden die glatten Felswände herunterläuft. Es mit eigenen Augen zu sehen war atemberaubend! Und als Krönung hatten wir auch noch die Sonne im Rücken, welche einen Regenbogen direkt über den Felsen zauberte. Wir konnten unser Glück kaum fassen. Alles richtig gemacht!
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Zwar zuckten über Uluru auch noch ein paar Blitze, aber diese bei Tageslicht abzulichten stellte sich als sehr viel schwieriger heraus als ich dachte. Mein Graufilter war viel zu stark und somit unbrauchbar. Nach einer Weile beruhigte sich der Himmel fürs erste, aber der Wind stand gut, wir hatten den richtigen Ort gefunden und die nächste Gewitterzelle befand sich genau hinter uns. Wir entschieden uns also noch eine Weile zu warten – vielleicht würde es ja auch noch etwas mit einem Gewitterfoto. Mittlerweile hatten dann auch all die anderen Touristen die selbe Idee wie wir und der Parkplatz des Aussichtspunktes füllte sich immer mehr. Als die Sonne am Horizont hinter uns unterging und die dunklen Wolken leicht einfärbte, zog dann wirklich ein zweites Gewitter über uns hinweg. Wir warteten im sicheren Auto auf den richtigen Moment. Mein Stativ stand schon einsatzbereit im Freien und wurde beinahe ausversehen von einem der Touristen eingepackt.  Erstaunlich finde ich immer den Umgang anderer Menschen mit Gewittern. Ich selbst mag Strom, der durch menschliche Körper fließt, nicht allzusehr und daher habe ich einen vielleicht fast schon übertriebenen Respekt vor Blitzen. Die Touristen aber, die nebenan auf den Dächern ihrer Geländewagen standen, schien das eher kalt zu lassen. Passiert ist zum Glück nichts, aber im Geiste sah ich die Tölpel schon brennend über den Parkplatz rennen.
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An sich war es aber trollig zu beobachten, wie es sich alle in und um ihre Autos herum gemütlich gemacht haben, um das Naturspektakel zu genießen. Und natürlich versuchten alle mit ihren Handys und Kameras Bilder von den Blitzen zu machen. Als das Gewitter sich genau über Uluru befand und der Regen etwas nachließ, verließ ich kurz das sichere Auto, rannte zum Stativ, befestigte die Kamera und schützte sie mit einem Handtuch vor dem Regen. Geduckt (keine Ahnung, ob das sehr hilfreich ist) stand ich da und mit einem Kabelauslöser schoss ich nacheinander mehrere Bilder mit 5 Sekunden Belichtungszeit. Beim elften zuckte ein Blitz gigantischen Ausmaßes über den gesamten Himmel oberhalb des Sandsteinfelsens. Einer der schönsten an diesem Abend und einer von der Sorte, die einen selbst heftig zusammenzucken läßt. Der musste drauf sein, hoffte ich. Nach einem kurzen Blick auf die Bildvorschau konnte ich mir ein lautes und herzliches „Yes!“ nicht verkneifen. Was die anderen Besucher etwas neidisch aufjauchzen ließ. Was für ein Moment!
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Oasen in der Wüste

Steht man in der sandigen und nur spärlich bewachsenen Landschaft nahe Uluru, kann man sich nur schwerlich vorstellen, dass dies einmal Lebensraum der Aborigines war. Die Hitze und vor allem der Sonnenschein sind auch mit der richtigen Vorbereitung fast unerträglich. Immer dabei: Ein großer Hut, Unmengen von Sonnencreme auf der Haut und soviel Wasser, wie man nur tragen kann. Einen Liter sollte man laut Touristeninfo pro Stunde zu sich nehmen und das ist auch gar nicht so schwer, hat man doch regelmäßig das Gefühl zu verdörren. Unter diesen Bedingungen wird Wasser und Schatten zu einem unbezahlbaren Gut. Wie praktisch, dass es hier diese riesigen und unwirklich aus der unendlich flachen Landschaft ragenden Felsen gibt. Das Unwetter, was am Tag zuvor für ergiebige Regenfälle gesorgt hat, sammelte sich nun in großen Wasserlöchern entlang der Felswände und in der verwinkelten Felslandschaft der Kata Tjutas, etwa 30km vom Uluru entfernt, findet man eine völlig andere Vegetation vor als in der ihn umgebenden Landschaft. Aus diesem Grund verehrten die Aborigines die Landschaft und ihre Natur, denn sie bot ihnen die Grundlage zum Überleben. Entlang der Felsen entwickelten sich so Orte mit den unterschiedlichsten Verwendungszwecken. Da gibt es Schulräume mit Wandmalereien, Männer- und Frauenhöhlen, Höhlen für die Alten und Schwachen oder eine Küche.

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Schultafel in einer der Höhlen Ulurus

Wandert man durch das felsige Labyrinth der Kata Tjutas oder an den steil aufragenden Wänden Ulurus entlang, bekommt man eine vage Vorstellung von der Bedeutung, die diese Felsen für die Ureinwohner Australiens und deren Nachfahren haben. Und so verhält es sich nicht nur hier. Auch die Grampians oder die Höhlen der Nullarbor beispielsweise boten den Aborigines einen Lebensraum, der sie dazu bewegte Mythen und Entstehungsgeschichten der Landschaften zu entwickeln. Nur ist eben Uluru zusätzlich noch ein ziemlich einzigartiges geologisches Gebilde und daher auch für Touristen aus aller Welt so interessant. Für uns war dieser Teil von Uluru eine totale Überraschung. Jedem würden wir sofort empfehlen, dem Wahrzeichen Australiens einen Besuch abzustatten. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass es sich um einen heiligen Ort handelt, vergleichbar etwa mit einer Kathedrale oder Moschee. Gänge es allein um den Willen der Nachfahren der Aborigines, wäre Uluru wohl nicht zugänglich für Heerscharen von Touristen aus aller Welt.

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Im Gebirge der Kata Tjutas

Generell scheint es, dass die Aborigines eine relativ verschlossene Kultur waren und auch heute noch sind. Das Wissen um heilige Orte, Wasserlöcher, Entstehungsmythen oder Jagdgeheimnisse werden generell nicht an Fremde weitergegeben. Nur häppchenweise wird man mit Informationen zum Leben im Outback versorgt und beim Betreten des Nationalparks mit einem ziemlich umfangreichen Regelwerk konfrontiert, welches Umgang und Verhaltensweisen an den heiligen Orten festlegt. So darf man viele der heiligen Orte entlang der Felsen nicht fotografieren und auch das Besteigen von Uluru ist eigentlich nicht erwünscht. Ein schwindelerregend steiler Pfad führt einen der Bergrücken entlang hinauf auf den Sandsteinfelsen. Die meisten Tage im Jahr ist er allein schon witterrungsbedingt geschlossen, an den wenigen Tagen, die er geöffnet ist, wird man gebeten aus Respekt gegenüber der indigenen Bevölkerung darauf zu verzichten. Und was sollte man von dort oben auch zu sehen bekommen – denn lediglich unendlich weites Buschland erstreckt sich hier bis zum Horizont.

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Aufstieg zum Gipfel Ulurus

Und die Schattenseite

Viele Besucher halten nichts von diesen Regelungen, denn auch für sie ist beispielsweise die Besteigung Ulurus eine Familientradition. Auch die Rückbenennung von Ayers Rock zurück auf den ursprünglichen indigenen Namen Uluru sorgt unter besonders patriotischen Australiern noch für Verärgerung. Genau wie wir aber in europäischen Kirchen leise sind oder unsere Schultern und Knie bedecken, halten wir uns auch hier an die Wünsche der fremden Kultur. Man muss nicht immer alles verstehen, um dennoch den nötigen Respekt aufzubringen. Leider ist die Beziehung zwischen Australiern und Aborigines relativ angespannt und von argen Vorurteilen geprägt. Man kann einmal um die ganze Welt reisen und findet doch überall die gleichen Probleme vor. Aborigines sind für viele Australier einfach nur faule, unsaubere Säufer, die dem Steuerzahler auf den Taschen liegen. Auch wir wurden von einem der Zeltplatzbesitzer ausdrücklich vor ihnen gewarnt und auch einmal in Cooper Pedy von betrunkenen Aborigines angesprochen. Da steht man dann hilflos da, überlegt, ob man ihnen wirklich die paar Dollar geben soll, die sie verlangen und muss feststellen, das manche von ihnen nichts mehr mit den glorreichen Ureinwohnern zu tun haben, die einmal das Land bewohnten, pflegten und beschützten. Über die Ursachen, die die Menschen zu diesem Leben gezwungen haben, macht sich aber leider niemand Gedanken. Davon, diese zu lösen oder gar zu überwinden ganz zu schweigen. Alles begann natürlich mit der Inanspruchname des Kontinents durch die Europäer, die Ländereien in Besitz nahmen und Landwirtschaft und Viehzucht in einem Land begonnen haben, welches dafür einfach nicht vorgesehen war. Die domestizierten Tiere verdrängten die einheimischen Arten und die Aborigines waren nun gezwungen Ziegen statt Kängurus zu jagen – was die Siedler natürlich mehr als verärgerte. Auch die Ureinwohner selbst wurden ins Land zurückgedrängt. Die Zahl der Aborigines dezimierte sich nicht nur durch eingeschleppte Krankheiten. Über Jahre hinweg gab es blutige Konflikte, tausende Kinder wurden ihren Familien entrissen, um sie zu „sozialisieren“ und Rechte hatten sie sogar bis zum Ende des 20. Jahrhunderts nicht. So wurde innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne eine 40.000 Jahre alte Kultur fast vollständig zerstört. Die verlorene Generation wird sie nun genannt, die Gruppe der Nachkommen, die damals von heute auf morgen ihrer eigenen Geschichte beraubt wurde. „Das ist doch alles schon ewig her!“, hört man dann den australischen Wutbürger sagen (das kommt einem traurig vertraut vor), aber auch heute noch haben die Nachfahren der Ureinwohner mit den Problemen der neuen Welt zu kämpfen. Ihre Körper können zum Beispiel Alkohol nicht so gut abbauen wie wir, es gab ihn schlichtweg tausende von Jahren nicht. Schon geringer Konsum führt daher zu „auffälligem Verhalten“. Wir Europäer haben leicht reden, können wir ja auf ein Mittelalter zurückblicken, in dem gesoffen wurde bis zum Umfallen. Auch die Nahrungsumstellung sieht man den Menschen an, viele Aborigines leiden unter Cholesterinproblemen, weil ihre Körper an fettarmes Kängurufleisch gewöhnt sind. Australien zahlt den Nachkommen nun zurecht viel Geld, aber auch die Idee des Kapitalismus ist für die Menschen eben neu. Außerdem ist die Arbeitlosenquote der Aborigines deutlich höher, das Durchschnittsalter geringer und die Todesrate bei Neugeborenen ist ebenfalls höher als bei der restlichen Bevölkerung. Man könnte wohl noch vieles anbringen, was die Ausgrenzung der Aborigines in Australien deutlich macht. Und so wird es wohl noch viele Generationen brauchen, bis die Vorurteile und Anfeindungen verschwinden – wenn man optimistisch denkt.
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Im Tourismusparadies Yulara wird einem derweil heile Welt vorgespielt. Da stellen die Aborigines vor den Augen der Touristen wunderschöne Kunstgegenstände her oder tanzen zu traditioneller Musik. Vermarktet wird es dann vom weißen Mann. Das klingt natürlich erstmal, als wäre alles gänzlich verloren. Aber zum Glück gibt es sie doch noch. Vereinzelt und abgeschieden leben einige Aborigines noch ein ursprüngliches Leben in kleinen Gemeinschaften. Natürlich rennen sie dort nicht mehr mit Lendenschurz umher, aber sie sprechen noch ihre eigene Sprache und leben soweit es möglich ist von der Natur oder stellen indigene Kunst her. Bisher haben wir nur davon gehört und die sogenannten Communities existieren auch eher abgeschottet von der Außenwelt. Mal eine zu besuchen wäre sicher ein außergewöhnliches Erlebnis.

(Yulara, Australien, 19. bis 23. November 2014)

von Christoph

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0 Comments on “Im roten Zentrum Australiens

    • Vielen Dank! Jetzt bin ich aber neugierig: Wer steckt denn hinter der Oikos-Redaktion? Liebe Grüße aus der Pampa 🙂

      • Hallo, danke für die Rückmeldung und die schönen Bilder! Hinter der „OIKOS-Redaktion“ stecken neben uns Zach’s am Eslarner Tillyplatz einige weitere EslarnerInnen, einige weitere Oberpfälzer sowie ein paar Leute aus dem „Rest Deutschlands“ und aus Tschechien. Ein richtiges „Kuddelmuddel“ an Leuten.

        LG
        mwz

      • Vielleicht noch zur Erklärung, da wir uns ja nicht kennen. Die „Grüße ins Outback“ natürlich auch an Euch. Wir „Eslarner“ haben auch einige ehemalige StudienkollegInnen die nach Australien augewandert sind und sich irgendwo dort rumtreiben. Alle zwei Jahre woandes. Nur wo genau die immer sind ist uns ein Rätsel.

  1. Pingback: Vergesst Uluru. Nicht. | bildbeilage

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