Begegnungen am Stuart Highway

Schon am Uluru hatten wir ein paar nette Menschen kennengelernt, darunter beim Fotografieren Jan und Anna, die aus Dresden kommen und nun im Nachbar-Roadhouse arbeiten – ja, die Welt ist klein. Sie hatten uns wiederum einen Campingplatz in Alice Springs empfohlen, der nur 11 Dollar kostet und dort haben wir dann einen Kölner wiedergetroffen, dem wir in Yulara kennengelernt hatten. Dieser Zeltplatz hatte nämlich den Vorteil, dass er Schatten bot, und so zogen sich die Backpacker aus aller Welt dorthin zurück um die Mittagshitze zu überstehen oder abends zu kochen. Und spätestens wenn dabei immer wieder jemand von Riesenheuschrecken attackiert wird oder plötzlich eine Wolfsspinne oder eine Goana-Echse unter den Tischen hervorkrabbelt, kommt man ins Gespräch. Willkommen in Australien! Der Zeltplatz in Alice Springs war ganz anderer Art – zwar gab es überdachte Sitzecken, aber seine besten Jahre hatte er definitiv hinter sich. Alles war dreckig, nicht alles funktionierte, aber für 11 Dollar hatten wir auch nicht viel erwartet. Dafür haben wir hier einen lustigen Abend mit dem Kölner, seinem Reisebegleiter aus Südkorea, einer Italienerin und einem Amerikaner verbracht. Unsere Gründe nach Alice Springs zu fahren, waren aber andere gewesen. Zum einen sollte hier postlagernd ein Brief aus der Heimat ankommen, der aber leider nicht kam, deshalb nach Perth weitergeleitet wurde, wohin wir aber nicht kamen, dann nach Deutschland zurückgeschickt und schließlich erneut nach Australien zu unserem Roadhouse gesendet werden musste. Er hat also schätzungsweise 48.000 km zurückgelegt – ja, die Welt ist groß.

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Ruby, der Star des Reptiliencenters

Der andere Grund war das Reptile Center, von dem Reni und Sasch uns erzählt haben, dass sie danach weit weniger Angst vor den australischen Ungeheuern hatten. Ich war ja fast soweit niemals nach Australien zu wollen, weil Schlangen und Spinnen so überhaupt gar nicht meins sind. Aber tatsächlich hat der kleine Reptilienzoo Wunder bewirkt – das Wunder der Aufklärung sozusagen. Zwar haben die meisten Monster hier eine Vorliebe für deutsche Touristen, wie der nette Mitarbeiter uns und der britischen Reisegruppe erklärte, aber nur wenige können einem wirklich gefährlich werden. So haben die Schlangen hierzulande nämlich äußerst winzige Zähne, was dafür sorgt, dass lange Hosen bereits etwas Schutz bieten und außerdem bei einem Biss das Gift nicht direkt in die Blutbahn, sondern unter die Haut gelangt, weshalb Abbinden einem etwas Zeit gibt, bis man ein Gegengift bekommt. Angeblich sterben auf dem ganzen riesigen Kontinent nur 2 Leute pro Jahr an Schlangenbissen. Für gewöhnlich nehmen die Schlangen außerdem Reißaus, wenn sich ein Mensch nähert. Tatsächlich in Acht nehmen sollte man sich aber vor Salzwasserkrokodilen, denn sie sind äußerst schnell, haben überhaupt keine Angst vor Menschen und ziemlich kräftige Gebisse.

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Und dann gibt es ja in Australien noch allerlei ungefährliche, wunderschöne Tiere – jede Menge Geckos und Echsen. Nicht, dass die nicht beißen können. Das größte Exemplar dort, ein etwa anderthalb Meter langer Perentie kann durchaus zuschnappen. Berühmt ist er aber dafür, dass er schon einmal mit Sir David Attenborough, Koriphäe in Natur- und Tierfilmerei mit einer Vorliebe für das Wort „extraordinary“, drehen durfte. Und dann wäre da noch Ruby, ein Goanna, die das Reptiliencenter aus privater Zucht bekommen und aufgepäppelt hat und die nun Streicheleinheiten zu schätzen weiß. Ähnlich wie der kleine Bärtige Drachen und die Blauzungenechse, die die Besucher kennenlernen können. Die Python war mir aber trotzdem noch eine Nummer zu gruslig, während Christoph sie sich mutig um den Hals legen ließ. Meine Lieblingstiere werden sie nicht.

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Zwar gibt es in der Nähe von Alice Springs zwei wunderbare Gebirgsketten mit Schluchten zum Schwimmen und Hügeln zum Wandern, aber die heben wir uns für später auf, genauso wie den Kings Canyon. Es ist nämlich so, dass die Milchstraße besser im australischen Winter zu sehen ist und wir deshalb noch einmal in das rote Zentrum zurückkehren wollen, um die Gegend auch nachts im perfekten Licht sehen zu können. Von Alice Springs aus ging es für uns deshalb wieder nach Süden – im Norden stand ohnehin die heißeste und feuchteste Jahreszeit in den Startlöchern, und die ist selbst bei Einheimischen nicht unbedingt beliebt. Eine merkwürdige Regelung sollte danach dafür sorgen, dass wir eine Nacht an einer Grenze verbrachten und eine weitere großartige Begegnung machten. In Australien gibt es nämlich strikte Regeln dafür, was man über die jeweiligen Staatsgrenzen mitnehmen darf – zum Beispiel kein frisches Obst und Gemüse. Deshalb haben wir an der Grenze vom Northern Territory zu South Australia übernachtet, um unsere Vorräte aufzubrauchen und auch um ein letztes Mal Lagerfeuer zu machen. Während nämlich im Süden 5 Monate lang Feuer generell verboten sind, sind dort an der Grenze 5 Meter nördlich kleine Feuerstellen. Ja, absurde Bürokratie gibt es nicht nur in Deutschland.

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Schon auf dem Weg zur Grenze hatten wir einen Radfahrer passiert. Erstaunlicherweise (und wie wir inzwischen wissen, gar nicht so selten) kommt es vor, dass Menschen sich entscheiden, die gigantischen Strecken Australiens per Rad zurückzulegen. Wir können uns das Auto mit Trinkwasser und Vorräten vollpacken, wenn wir im heißen, trockenen Outback unterwegs sind, und die Distanz zwischen den Roadhäusern beträgt nur ein paar Stunden – für Fahrradfahrer aber mitunter einen ganzen Tag unter sengender Sonne. Da sich der Tag aber mittlerweile dem Ende entgegenneigte, wollte auch Florian die Nacht an der Grenze verbringen. Und so kam es, dass wir mitten im Nichts einen Weltenbummler aus Deutschland trafen, der eigentlich „nur“ bis Indien fahren wollte, aber dann einfach weitergemacht hat. Wir haben lange am Feuer gessessen und Toasties gegessen und geredet, und mir wird erst jetzt immer mehr bewusst, was er meinte mit einer seiner Erfahrungen mit anderen Reisenden – auch wenn ich damals schon gemerkt hatte, dass auch wir uns veränderten. Er meinte nämlich, dass es die Reisenden gibt, die einmal im Leben ein großes Abenteuer erleben wollen, um dann wieder nach Hause zurückzukehren und ihr altes Leben wieder aufzunehmen. Und dann gibt es die, die durch das Reisen eine andere Welt und ein anderes Leben kennenlernen und sich ihr altes nicht mehr vorstellen können. Die erfahren haben, dass unsere Art zu leben nicht die einzige und vielleicht auch nicht für alle die beste ist. Der Abend mit Florian war ganz anders als der feuchtfröhliche in Alice Springs, weil es um mehr ging als lustige Episoden. Beide Begegnungen weiß ich zu schätzen, aber Menschen zu treffen, die durch das Reisen auch eine neue Sicht auf unsere Welt bekommen haben, ist immer etwas Besonderes. Anders als Jack Kerouack im großen Reiseklassiker „On the Road“ schreibt, ging es mir nie darum, Menschen zu finden, die brennen, brennen, brennen (und deshalb irgendwann ausbrennen oder für immer unglücklich Getriebene bleiben). Sondern Menschen, die für etwas glühen, die etwas gefunden haben, was ihr Ding ist und dabei bleiben. Später habe ich in seinem Blog gelesen, dass er eínen ähnlichen Kulturschock wie wir erlebt hatte, als er von Asien nach Australien kam – sehens- und lesenswert!

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Die Nacht an der Grenze war nicht die einzige, die wir auf dem Weg nach Süden am Stuart Highway verbrachten. Anders als an deutschen Autobahnen sind die Raststätten hier meistens recht einsam und auch noch idyllisch gelegen – zum Beispiel auch am Lake Hart, einem gigantischen Salzsee auf der Strecke zwischen Coober Pedy und Port Augusta. Außer einem gelegentlich vorbeikommenden Roadtrain stört hier nichts den Sternenhimmel, und außer drei anderen Campern mit furchtbarem Musikgeschmack nichts die Ruhe.

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Am nächsten Morgen aber waren wir begierig in die Zivilisation zu kommen. Seit Alice Springs brummte unser Auto nicht nur – es röhrte. Der Mechaniker, bei dem wir in Coober Pedy Halt gemacht hatten, hatte leider keine Ersatzteile. „Wenn ihr auf dem Weg nach Port Augusta von der Polizei angehalten werdet, sagt, dass ich euch dorthin geschickt habe“, sagte er. Zum Glück wurden wir nicht gestoppt, aber weiter als nötig wollten wir dich nicht fahren. Das Ende vom Lied: eine neuer Auspuff und ein neues Klackern, was vorher vom Röhren übertönt worden war.

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Da wir Port Augusta schon kannten, hielt es uns nicht mehr lange hier – auch wenn der Zeltplatz und seine Gäste sehr unterhaltsam waren. Diesmal trafen wir auf gestrandete internationale Hippies, ihr Stammältester nannte sich Gipsy King, die auf dem Weg zu einem Festival mit ihrem Auto und ohne Knete liegengeblieben waren. Schwupps hat die Polizei ihnen den Campingplatz und zwei riesige Tüten mit Essen bezahlt, damit sie nicht auf der Straße rumlungern. Freund und Helfer und so. Außerdem begneten uns zwei 18-jährige Deutsche auf erster großer Fahrt, die für die 2400 km von Perth nur zwei oder drei Tage gebraucht haben, weil es da ja nichts zu sehen gibt. Lieber wollten sie in die nächste Großstadt, Party machen, auch wenn der „Vodka Red Bull hier eeeecht teuer“ ist. Wären wir mit 18 wohl auch so gereist? Wenn man bedenkt, dass zu diesem Zeitpunkt unserer eigenen Reise Perth auch unser Ziel war und wir nach mittlerweile fünf Monaten noch immer nicht dort angekommen sind, würde uns der 18-Jährige wahrscheinlich für verrückt erklären. Zunächst aber wollten wir nach Ceduna, der letzten Stadt vor der Nullarbor Plain, einer gigantischen Ebene an der Südküste, von der wir wussten, dass uns dort auf dem Eyre Highway auch nicht viel mehr als Roadhäuser und schöne Kliffs erwarteten. Inzwischen hatten diese Roadhäuser in der Mitte vom Nirgendwo unsere Begeisterung geweckt, und so kam es, dass wir das freie Internet auf dem schönen Zeltplatz in Ceduna nutzten, um dutzende Bewerbungen an alle Roadhäuser auf der Strecke nach Perth zu schicken. Inititalzündung dafür war wieder eine Begegnung: Nämlich die mit zwei Bayern, die neben uns zelteten und derzeit mit dem Tandem rund um Australien fahren. Die beiden hatten in einem Roadhouse übernachtet, in dem sie auf nette deutsche Mitarbeiter getroffen waren und erzählten uns, dass dort gerade zwei andere Backpacker abgereist waren. Ich glaube, keine zwei Tage später hatten wir den Job, der sich im Nachhinein genau als der richtige herausstellen sollte. Damit würde Ceduna nun der letzte Urlaubsort vorm Arbeiten sein, und diese Tage wollten wir genießen: ausschlafen, lecker kochen, Pizza essen gehen und am Strand sein. Als ich erfuhr, dass es wenige Kilometer südlich eine Laura Bay gibt, sind wir da natürlich hingefahren und haben Pelikane beobachtet.

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Und dann hielten wir noch in Haslam, dem verschlafensten Nest der Welt mit ein paar Einfamilienhäusern, ein-zwei Austernfabriken und wenigen Menschen. Dort aber gibt es einen einfachen, schönen Zeltplatz mit einer Kasse des Vertrauens und einen tollen Bootssteg, von dem aus man Stachelrochen schwimmen sehen kann. Außerdem verkündet eine Tafel am Steg vom größten Stolz der Einwohner: Wie sie vor 100 Jahren ihr eigenes Post-Office erstritten und schließlich auch bekommen haben. Das winzige Häuschen steht noch, ist aber inzwischen geschlossen und somit Haslams einzige historische „Sehenswürdigkeit“. Genau der richtige Ort zum Nichtstun!

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Dort auf dem Zeltplatz traf ich außerdem auf eine Deutsche, die mir eine der wohl ungewöhnlichsten Lebensgeschichten erzählt hat. Die 73-Jährige lebt seit zehn Jahren in ihrem Bus und zieht in Australien von Ort zu Ort, immer dem guten Wetter hinterher. Aber das ist nicht das bemerkenswerte an der Geschichte, denn das machen hierzulande so viele Rentner, dass es sogar eine Bezeichnung für sie gibt: „grey nomads“ – die grauen Nomaden. Sie aber ist als junges Mädchen aus Deutschland nach Australien gekommen, und fing zunächst als Hausmädchen bei einem Abkömmling der Familie Murdoch an, aber als die sie schlecht behandelten, schlug sie sich alleine durch – erfolgreich. Die Wendung in ihrem Leben kam mit einem trinkenden, gewalttätigen Ehemann. Die Angst vor ihm war es auch, die sie schließlich zur ständigen Flucht zwang, bis er vor etwa zehn Jahren starb. Jetzt reist sie einfach weiter, um wieder schlicht das machen zu können, was sie will und ihr Leben zu genießen. Und das alles erzählte sie mir, während wir in der Sonne im stillsten Dörfchen Australiens standen und bevor Christoph und ich vergeblich versuchen sollten, vom Jetty einen Fisch zu angeln. Am Arsch der Welt kann es eben manchmal auch ganz spannend sein.

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Egal, wohin man fährt: Man weiß nie, wem man begegnet und was diese Menschen zu dieser Zeit an diesen Ort geführt hat. Aber ohne Ceduna und ohne die Tandemfahrer wären wir jetzt nicht in Border Village, und warum das ziemlich traurig wäre, erfahrt ihr im nächsten Artikel.

von Laura

(Australien, Alice Springs, Stuart Highway, Port Augusta und Ceduna, 23. November bis 5. Dezember 2014)

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