Australien – Eine Lektion in Distanz

Gibt es eigentlich so etwas wie eine gefühlte Distanz? Eine, die sich aus Alltag und Erfahrung speist? Zum Beispiel fanden wir es als Teenager immer furchtbar weit, zu Konzerten ins Nachbardorf zu laufen. Bevor Führerscheine und Autos Teil unserer Leben wurden, blieb uns halt manchmal nichts anderes übrig (gut, ein wenig genossen haben wir es auch). Da musste man genug Getränke für unterwegs mitnehmen, Pausen einplanen und dennoch rechtzeitig zum Konzert ankommen. Und wenn einen auf dem Rückweg jemand mitnahm, dann war das eine echte Erleichterung. Ich habe es gerade gegoogelt: Es waren 5,6 Kilometer.

Später fand ich es furchtbar weit, als die ersten Freunde zum Studium oder zum Arbeiten weggezogen sind. Manchmal bis ans andere Ende von Deutschland, 387 km (München), 467 km (Bremen) oder gar 575 km (Saarbrücken) entfernt. Bis zum Meer waren es von unserer Heimat aus immer knapp 500 km. Alles zu weit, um es einfach mal so zu fahren.

On the road

Beifahrer

Eine Gardine gegen die Sonne: Beifahrer im heißen Australien.

Einmal sind wir auf dem Rückweg aus dem Urlaub 1.500 km gefahren, und wir waren beide todmüde und überzeugt, dass das das Limit ist, was man an einem Stück schafft. Demzufolge beschränkte sich Reisen mit dem Auto viele Jahre auf den näheren Umkreis von Deutschland: Frankreich, Italien, Österreich, Kroatien… Als wir uns schließlich vorgenommen hatten, länger als zwei Wochen zu verreisen und eine Runde um die Ostsee zu drehen, wussten wir: Das wird weit. 13.000 km letztendlich, auf den Meter genau. Eine Distanz, von der wir jetzt wissen, dass man sie in drei Monaten gemütlich bewältigen kann. Ursprünglich hatten wir die Idee (und haben sie immer noch) alle Küsten Europas abzufahren, aber da wären wir bei über 30.000 km gelandet, und das klang dann doch ganz schön viel.

Was Distanz aber wirklich bedeutet, haben wir erst in Australien begriffen. Und anhand der Vergleiche, die sich mit dem überschaubaren Deutschland und Europa anbieten.

Fakten über Größe

Schild

Entfernungen an der Grenze von Süd- zu Westaustralien: Alles ist weit weg.

  • Zwischen Berlin und Border Village (etwa in der Mitte der Südküste Australiens) liegen 16.025 km. Das sind rund 40% des Äquators. Oder mehr als 18 mal die Nord-Süd-Ausdehnung Deutschlands. Australien selbst erhält man, wenn man Deutschland etwa 21,5 mal aneinanderpuzzelt.
  • Ein Australier, der in Queensland an der Ostküste wohnt und bei Perth an der Westküste seinen Sommerurlaub verbringen möchte, muss schon mindestens 4.000 km nur für die Anreise einplanen. Und noch einmal für die Rückfahrt. Dass das dennoch vorkommt, haben wir in den Weihnachtsferien im Roadhouse erlebt.
  • Als wir dort auf der Nullarbor Plain gearbeitet haben, wollte ich nach einigen Monaten mal wieder einkaufen gehen – Shampoo, Lebensmittel, nichts Ungewöhnliches also. Dafür gab es in der direkten Umgebung keine Möglichkeit, denn zwischen Norseman und Ceduna gibt es keine weiteren Städte. Das ist ungefähr so, als wäre zwischen der dänischen Nordküste und den Alpen nichts. Eine 1.200 km lange Straße, ein paar Motels und Tankstellen, das wars. Wir waren etwa in der Mitte, also bin ich 480 km zum Einkaufen nach Ceduna gefahren und am nächsten Tag wieder zurück. Das entspricht ziemlich genau der Strecke von Chemnitz nach Rostock, oder, wie eine Kollegin meiner Mutti treffenderweise formulierte: Als würden wir mal eben an die Ostsee einkaufen fahren.
     

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Der Anfang des Eyre Highways in Norseman. Eine lange Straße.

  • Die Nullarbor Plain, diese weitgehend baum- und stadtlose Ebene im Süden Australiens, umfasst 200.000 km² – und ist damit fast so groß wie Großbritannien. Oder 78-mal so groß wie das Saarland.
  • Alles, was auf dem Eyre Highway liegt, der 1.675 km langen Straße, die Norseman im Westen und Port Augusta in Südaustralien verbindet, ist für die Einheimischen „down the road“ – die Straße runter. Zum Beispiel der Kumpel unseres Kollegen, der 300 km westlich gewohnt hat. Als wenn jemand in Berlin wohnt und nur mal schnell die Straße runter nach Hamburg fährt.
  • Ein Teil des Eyre Highways zwischen Balladonia und Caiguna verläuft schnurgerade, „90-Mile-Straight“ genannt. 146,6 km entsprechen fast der Strecke von Dresden nach Plauen – einmal quer durch Sachsen ohne Kurven.
     

90 Mile Straight

Wie einmal durch Sachsen fahren ohne zu lenken: die 90 Mile Straight.

  • Ein Kunde aus Perth hat mir eine Anekdote erzählt. Als er im Urlaub in London war, unterhielt er sich mit einer Britin, die ihm ganz begeistert von ihren Freunden in Adelaide berichtete. Die könne er ja mal besuchen, sie gebe ihm die Adresse. Darauf entgegnete er nur: „Wann waren sie das letzte Mal in Moskau?“ Zwischen Perth und Adelaide liegen rund 2.700 km – nach Moskau sind es von London aus nur 100 km mehr.
  • Als Freunde aus Berlin in Melbourne ein Konzert gegeben haben, wären wir natürlich gerne hingegangen. Sie machen großartige, düstere, intensive Musik und wir hatten sie in Deutschland vor unserer Reise noch nicht live gesehen. Allerdings saßen wir rund 3.200 km entfernt am Wave Rock. Das ist, als würde man von Berlin nach Tiflis (Georgien) fahren, um ein Konzert zu sehen. Wäre sicher eine ziemlich gute Story, aber auch ein ganz schön langer Weg.
  • Jetzt gerade (Stand: August 2015) sitzen wir wieder in der Mitte des Kontinents am Uluru. Da hätte ich ja früher, so vom Blick auf eine Landkarte gesagt: Der ist in der Nähe von Alice Springs. Das würde ich jetzt nach Kenntnis der australischen Dimensionen auch wieder so sagen, es sind allerdings 463 km – wie von Flensburg nach Kassel. Rund die Hälfte der deutschen Nord-Süd-Ausdehnung.

Gelernt

driving

Auch wegen der Distanzen: Ein Roadtrip in Australien ist einmalig.

Australien ist ziemlich groß für ein Land. Aus Perspektive der Australier war mein Wohnort in Deutschland gleich bei München, Berlin, Frankreich… Und aus dieser Perspektive stimmt das auch. Australische Familien sind oft – wie deutsche – übers ganze Land verteilt. Da kann man sich vorstellen, wie weit man für Hochzeiten und Todesfälle fahren muss. Oder beim Jobwechsel. Oder wenn man dem Winter im Süden entkommen will – man muss nur dem 2.834 km langen Stuart Highway von Port Augusta nach Darwin folgen. Aber wie das so ist bei Lektionen, habe ich auch durch diese etwas gelernt: Ich will meine Freunde, die weggezogen sind, öfter besuchen. Und wenn es 600 km sind. Ist doch bloß die Straße runter._MG_3086

Von Laura

(Australien, September 2014 bis September 2015)

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2 Comments on “Australien – Eine Lektion in Distanz

  1. Genau! Deshalb waren wir mal eben einen Tag unterwegs um euch zu sehen und mit euch eine tolle Zeit zu verbringen. Und es war gar nicht schlimm – eine Lektion, die wir eigentlich nie wollten …

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