Aufbruch zu neuen Entdeckungen

In all den fünfeinhalb Monaten, die wir in der Mitte der Nullarbor gelebt hatten, haben wir uns nie weiter als 12 km nach Westaustralien begeben – bis zum Strand in Eucla und zurück. Doch dann war der Tag gekommen, an dem wir endgültig nach Westen aufbrachen. Die letzten Dinge waren eingeräumt, die vom vielen Laufen zwischen Küche und Restaurant abgelatschten Schuhe in den Baum vorm Häuschen gehängt, letzte Umarmungen, und tschüß, Zuhause weit weg von zu Hause. Und dann fuhren wir ein letztes Mal durch die Grenzkontrolle. Nach Eucla verändert sich die Landschaft. Die Kliffs rücken ins Landesinnere und der Highway führt hinab auf die Ebene – die Roe Plains. Ein paar Bäumchen und Sträucher begleiteten uns und viel Nichts. Bis es bei Madura wieder nach oben geht, auf die Hochebene. Dann folgen Abschnitte mit trockenem, hohen Gras und ein paar spärlichen Bäumen. Das Licht wurde immer goldener, und es fühlte sich gut an, wieder on the road zu sein.

Die Löcher in der Sandsteinebene

Pünktlich am Cocklebiddy Roadhouse, das der Sohn unseres Chefs leitet, ging die Sonne blutrot in der Savanne unter. Zwei unserer Arbeitskollegen waren schon da – na gut, dann eben ein Abschied auf Raten. Also saßen wir bald nach unserer Ankunft mit Binge, Joe, einigen Mitarbeitern, Truckies und wer auch immer sich dazusetzte vor dem Roadhouse unterm Dach der Veranda und tranken kaltes Bier und guckten in den leuchtenden Himmel und auf den immer leerer werdenden Highway. Und weil Binge erst warten musste, bis der Truck repariert war, den er hier abholen sollte, konnte er uns am Tag danach noch eine andere Ecke der Nullarbor zeigen. Etwa 20 km südlich von Cocklebiddy verlaufen auch hier noch die Kliffs im Landesinneren (bis sie wenige Kilometer westlich als Baxter Cliffs an die Küste zurückkehren) und von dieser Anhöhe blickt man auf ewigen grünen Wald – Sanddünen und das Meer an einem Rand, Grasflächen am anderen. Fehlen nur noch die Elefanten und Giraffen.

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Die Roe Plains

Bekannt ist die Gegend um Cocklebiddy für ihre Höhlen, die wir ohne Ausrüstung leider nur von außen bestaunen konnten. Nur wenig nördlich vom Highway öffnet sich die Hochebene in eine erstaunlich grüne Senke, die an einem schmalen, steilen Loch endet. Hier erkundeten mehrfach Taucher das System aus unterirdischen Tunneln und Seen, das um die 6 km lang ist. Nicht weit von hier war Andrew Wight 1988 mit seinem Team einige Tage nach einem Einsturz in einer anderen Höhle gefangen, was in den Filmen „Nullarbor Dreaming“ und schließlich „Sanctum“ verarbeitet wurde. Die Sandsteinebene ist voll von Löchern und Höhlen verschiedener Größe, und selbst ein winziges Einstiegsloch kann zu riesigen Kammern führen. 5 km westlich vom Roadhouse in Caiguna liegt zum Beispiel eines der vielen Blowholes, ein im Durchmesser etwa anderthalb Meter breites Loch im Boden, aus dem kalte Luft strömt. Und das etliche Kilometer von der Küste entfernt – weil die Höhlen selbst atmen oder durch den löchrigen Kartsboden bis zum Ozean reichen.

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Eingang zur Cocklebiddy Cave

Wenn man soviel Zeit in dieser Ecke Australiens verbracht hat wie wir, lernt man Roadhouses zu schätzen (ein bisschen Zivilisation in der Pampa, ein bisschen Handyempfang und manchmal ungeahnt grüne Oasen) – weshalb wir an jedem übernachtet und ein bisschen Zeit mit Spaziergängen und Reiseplanung verbracht haben. Am Ende des Eyre Highways in Norseman, der ersten richtien Stadt auf der Westseite, beginnt nämlich spätestens die Qual der Wahl. Vor uns lag der Südwesten Australiens, mit der Minenstadt Kalgoorlie im Landesinneren, den berühmten weißen Stränden von Esperance im Süden und die für ihre Wälder und Weine bekannte Ecke von Albany bis zur Westküste und schließlich Perth. Schließlich entschieden wir uns für eine Zigzagtour, und bogen schon vor Norseman vom Eyre Highway ab, nachdem wir Australiens längste gerade Straße zwischen Caiguna und Balladonia hinter uns gebracht hatten – 146,6 km absolut gerade Strecke.

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Der westliche Anfang der 90 Mile Straight

Die Einheimischen hatten uns nämlich eine Abkürzung empfohlen, einen Dirttrack nach Esperance, weil er an einem alten Homestead vorbei führt, in dem man übernachten kann. Das sind ja genau Plätze nach unserem Geschmack, so in der Mitte vom Nirgendwo, und das die Strecke eigentlich nur für Geländewagen empfohlen wurde – geschenkt. Wenn’s lange nicht geregnet hat, wäre das kein Problem: „You’ll be alright mate!“

Das Haus im Wald

Also fuhren wir, langsam Steinen und Löchern ausweichend, ordentlich durchgerüttelt von den quer zur Fahrtrichtung verlaufenden Spurrillen (corrugation genannt) und um uns wurden die Bäume höher. Das hier, erfuhren wir später, war ein einzigartiges Waldgebiet von der Größe Englands  – die Great Western Woodlands, die sogar weltweit einmalig sind. Zu sehen gab es, wie man’s nimmt, nicht viel entlang der Strecke – außer eben unberührter Natur, einem riesigen Vollmond, im Sonnenuntergang gelb angestrahlten, hohen Eukalyptusbäumen und weil irgendjemand die Strecke in den Lonely Planet geschrieben hat – ein Gatter voller Unterwäsche.

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Die Unterwäsche der Anderen

Vor lauter Gucken und Ausweichen haben wir allerdings viel länger gebraucht als geplant und so wurde es dunkel, noch bevor wir die einzige Kreuzung erreichten. Und dann gingen da mehr Tracks ab, als es laut Karte geben sollte. Laut GPS waren wir immer noch 8 km westlich unseres Ziels. Irgendetwas konnte hier doch nicht mehr stimmen! Die Straßenführung schien geändert worden zu sein, die Schilder aber hatte man an den alten Abzweigen gelassen. Also fuhren wir ein bisschen im Kreis und stießen dann auf ein kleines Schild, dass wir im Dunkeln beinahe übersehen hätten und das einen Weg anzeigte, der nach einer Weile wieder auf den Hauptweg zurückführen sollte. Sollte dort etwa das Homestead sein? Wir mussten es probieren, also folgten wir dem schmalen Weg und gelangten tatsächlich an ein kleines Haus. Aber Moment, da brannte ja Licht!

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Ein bisschen australische Geschichte

Gerade als wir darauf zu liefen, öffnete sich die Tür und ein Mann mit „Pink Floyd“-T-Shirt und nassen, langen, grauen Haaren begrüßte uns: „Kommt rein, ich hab‘ nur gerade geduscht!“ Drinnen standen zwei alte mächtige Betten, ein paar Tische und Stühle und eine gemütliche Couch links neben dem Kamin, in dem bereits ein schönes Feuer brannte. Durch einen niedrigen Durchgang gelangten wir in die kleine Küche. Im hinteren Bereich gibt es noch zwei kleine Schlafzimmer, und dort könnten wir bleiben, bot er uns an. Mit Roger hatten wir nämlich das Glück, einen der Besitzer des Homesteads kennenzulernen. In den 1990ern haben er und seine Freunde die damalige Ruine gekauft, das Dach gebaut und seitdem regelmäßig kleine Dinge verbessert – so wie er es jetzt mit anderen Häuschen in der Umgebung macht. Irgendwann als Rentner will er vielleicht ganz hier raus in den Wald ziehen. Bis dahin aber ist das Haus für Reisende geöffnet. Und so kochten wir Abendessen, Roger gab uns ein paar Bier aus und wir saßen lange am Feuer und redeten. Über die Nullarbor, die Farm dort, auf der er aufgewachsen ist und gearbeitet hat, die Benzintransporte zu den Roadhäusern, die er als Kind in den Ferien begleitet hat, die ungewöhnliche Härte des Holzes hier, aus dem man alles bauen kann, die Ausflüge, die er mit seinen Söhnen durch den Busch unternimmt. Am nächsten Tag musste er zu seinem Job zurückkehren, aber wir blieben noch einen Tag in der Ruhe, lasen in der Sonne und erkundeten den Wald – der erste richtige Wald, den wir seit einem halben Jahr zu sehen bekamen.

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Vollmond im Eukalyptuswald

Es war Western Australia Day – und viele Locals hatten das lange Wochenende im Busch gecampt und kamen auf dem Rückweg am Homestead vorbei. Die meisten kannten es oder die Besitzer. Wie viele wirklich hier übernachten, hatten wir im Gästebuch gelesen, das voll mit Danksagungen und Kinderzeichnungen ist. Das ist die eine Seite. Auf der anderen verschwinden auch immer mal Dinge oder werden zerstört. Ein paar Monate eher hatte ein Sportschütze eines der wilden Pferde hier erschossen. Christoph hat Roger gefragt, warum er sein Haus dennoch offen lässt – aber er sagte, ein Schloss würde eh nur die netten Leute abschrecken und die sind ja nicht das Problem. Deshalb ist es natürlich schwierig, wenn Plätze wie dieser immer bekannter werden.

Die Stadt mit den schönsten Stränden

Die weißen Strände im Cape Le Grand Nationalpark bei Esperance sind indes schon lange kein Geheimnis mehr. Die Fotos von Kängurus, die über den perfekten Sand hüpfen, hinter ihnen türkises Meer und grüne Inseln, sind in jedem Magazin über Australiens Südwesten abgedruckt. Zunächst sind wir aber aus einem ganz anderen Grund nach Esperance gefahren: Zivilisation! Handyempfang, Supermärkte, Mechaniker… Nachdem unser Auspuff mit neuen Schrauben fixiert war und wir endlich mal wieder kochen konnten, was wir wollten – Luxusproblem, klar – brachen wir schnell zum Nationalpark auf. Trotz des australischen Winters hatten wir richtig Glück mit dem Wetter. Die Tage waren warm und sonnig, die Nächte nicht so frostig wie unsere letzten auf der Nullarbor. Und was soll ich sagen? Die Gegend ist so schön wie im Werbeprospekt, und es fiel uns leicht uns vorzustellen, warum der Kapitän, der hier vor Ewigkeiten strandete, die Bucht „Lucky Bay“ getauft hat.

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Neugieriger Bewohner der Lucky Bay

Der feine Sand quietschte unter unseren Füßen, die Kängurus wuselten über den Zeltplatz, das Meer sah einfach perfekt aus. Direkt hinter den Dünen der Lucky Bay kann man für wenig Geld zelten, und das taten außer uns und ein paar Backpackern zu dieser Zeit vor allem grey nomads (die reisenden Rentner) und Familien aus Esperance auf Wochenendausflug. Einen Abend habe ich mich lange mit zwei Mädchen vom Zelt nebenan unterhalten. Während ich als Kind ein Buch über Australiens Küsten verschlang, hat die eine ihr Zimmer mit Bildern vom Schiefen Turm von Pisa dekoriert. Oh und Paris, das wollen sie natürlich unbedingt sehen – „That’s the city of love, right?“, fragten sie mich. Wie einfach es für uns Europäer doch ist, andere Länder und Kulturen zu besuchen und wie weit entfernt alles, bis auf Bali, von Australien ist, dachte ich. Dafür haben sie das Glück nahe dieses Nationalparks zu leben, der für viele ein absolutes Traumziel ist. Was man hier machen kann? Über die Hügel spazieren, die anderen Buchten inspizieren, einem heulenden Felsen zuhören, Ausschau nach Walen und Haien halten, auf den steilen Frenchman Peak steigen, sich vom Wind die Haare zerzausen lassen, Urlaub machen. Ja, wir waren wieder auf Reisen und es war toll.

Von Laura

(Australien, Border Village bis Esperance, 27. Mai bis 6. Juni 2015)

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2 Comments on “Aufbruch zu neuen Entdeckungen

  1. Hallo ihr Beiden,
    wieder mal ein echt toller Artikel. Ich findes es Klasse, dass ihr auf der Suche nach dem „wahren“ Australien seid und nicht die normale Touri- Rundreise macht.
    Eine kleine Bitte noch: wäre es denkbar, eine kleine Landkarte mit euren Stationen mit einzubeziehen? Das fände ich sehr spannend.
    So, euch nun weiter eine gute Fahrt und viele schöne Augenblicke. Lasst es euch gut gehen!

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