Auf Stuarts Spuren

Ich weiß nicht, warum wir uns immer für die abgelegenere Route in Australien entscheiden – aber bisher hat sie uns nie enttäuscht. Der Explorer Highway durch die Mitte des Kontinents ist so ein Fall: Von Darwin im Norden bis Port Augusta im Süden gibt es nur eine asphaltierte, 2834 km lange Straße, und Städte sind unterwegs rar gesäht. Gleichzeitig führt sie aber – über Abstecher – zu einigen der touristischen Highlights des Landes wie den MacDonnell Ranges, Uluru oder Devils Marbles. Der neue Name für den National Highway 1 soll den Entdecker John McDouall Stuart würdigen, der 1862 als erster den Kontinent von Süden nach Norden durchquert haben soll. Wir waren ihm vom Süden her im vorigen Jahr ja schon ein Stück gefolgt, aber nun würden wir die gesamte Strecke auf seinen Spuren fahren – er selbst musste übrigens, nahezu blind und skorbutkrank, auf seiner Rückreise nach Adelaide von Pferden auf einer Bahre gezogen werden, erzählt die Wikipedia. Skorbut jedenfalls sollte für uns 153 Jahre später zum Glück keine Gefahr mehr darstellen. Gleichzeitig würden wir auch einem Stück der Reiseroute von Bill Bryson folgen. Das ist der, der das Buch verfasst hat, was wohl jeder Australienreisende irgendwann einmal gelesen hat und das in verschiedenen Auflagen in allen Hostels liegt: „Frühstück mit Kängurus“.

Nachdem wir in Katherine unsere Vorräte aufgefüllt und die einzig komplett asphaltierte Straßenverbindung nach Queensland (und damit unsere andere Option, die Ostküste) hinter uns gelassen hatten, steuerten wir einen Ort an, den Bill Bryson leider verpasst hatte: Mataranka. Berühmt ist das Dorf für seinen Friedhof, wo die Persönlichkeiten aus der Biographie „We from the Never-Never“ heute liegen – und seine Quellen. Später erzählte uns ein Australier, er habe, die Geschichte kennend, spontan seinen Geländewagen auf die Pisten der frühen Pioniere hier gelenkt, habe zufällig immer die richtige Abzweigung genommen (nicht alle Wege waren in seiner Karte verzeichnet und diese Schotterwege bilden oft richtige Labyrinthe) und sei deshalb nach einigen Stunden wieder in der Zivilisation gelandet. Das Land hier oben ist trocken, flach und endlos, geprägt von Steppen und einigen oft rußgeschwärzten Gumtrees – kurzum: unbarmherzig gegenüber unvorsichtigen Reisenden. Mataranka hingegen ist eine wohltuende Oase. Mit Roper und Waterhouse River und seinen Quellen feucht genug für allerlei tropische Vegetation. Wir parkten unser Auto unter dem Blätterdach auf dem Zeltplatz und machten uns auf dem Weg zu der Attraktion, die wohl die meisten Touristen hierherlockt: Bitter Springs. Schon an der Rezeption hatten wir die Besitzerin lachend eine Geschichte von verängstigten Gästen erzählen hören, die panisch vor einem Krokodil geflohen waren – nicht wissend, dass es nur eines der harmlosen Süßwasserkrokodile war und sein konnte. Was würde uns also an den Quellen erwarten?

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Sonnenuntergang an den Bitter Springs

Bitter Springs ist, um es kurz zu machen, ein Ort, der fast zu gut ist um war zu sein. Palmen säumen den Weg zu den Treppen, die in das wohl klarste, blaueste Wasser führen, das man sich vorstellen kann. Mitten im ohnehin heißen australischen Norden blubbert hier fast 30° Celsius warmes Wasser aus dem Boden und sucht sich seinen Weg durch den Dschungel. Diesem kann man schnorchelnd – oder es den Locals nachahmend auf Poolnudeln sitzend – vielleicht hundert Meter folgen, bevor die Vegetation zu dicht wird und sich die Natur das Freibad zurückholt. Auf unseren beiden Erkundungen hier abends und am nächsten Morgen zeigte sich weder ein Krokodil noch ein wasserliebender Goanna. Mit seinen Wasserpflanzen und abstorbenen Bäumen lohnt sich das Schnorcheln in den Springs dennoch und das warme Wasser war in der nicht zu heißen Dry Season durchaus wohltuend.

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Das unglaublich klare Wasser der warmen Quellen

Den nächsten Ort allerdings hat Bill versaut. Dem Umschlag nach ist sein Buch von 2001, es kann also nicht zu lange her sein, dass er Daly Waters, nur wenige Kilometer abseits des Highways liegend, besucht hat. Seiner Schilderung zufolge ein etwas schäbiger, einfacher, ruhiger Outback-Ort mit einer Bar voller einheimischer, kerniger Kerle und viel Wüste ringsum. Was wir vorfanden, war vielmehr ein Touristenhotspot, ein willkommener Stop für Busreisende aller Art und trotz seiner Lage nicht unkomfortabel. Entweder hat sein Reisebericht also zu einem Touri-Boom geführt oder die Lage war nicht halb so authentisch wie in seiner Wiedergabe. Nichtsdestotrotz hat die Kneipe wirklich Charme. Wände, Säulen, Bar – einfach alles ist mit Erinnerungsstücken von Durchreisenden dekoriert. Münzen, Ausweise, Sticker, BHs, Flipflops (in Australien Thongs genannt, was Amerikaner durchaus verwirren könnte), Autokennzeichen selbst aus Leipzig: Es gibt gefühlt nichts, was man hier nicht finden könnte. Bei einem Kaffee und einem netten Gespräch mit zwei australischen Rentnern bewunderten wir das Museum um uns. Die beiden waren mit einem Offroadreisebus unterwegs und lernten dank ihres engagierten jungen Reiseführers gerade so viel über eine Ecke ihres Landes, die ihnen zuvor unbekannt gewesen war. Ich will das auch gar nicht schlechtreden, denn gerade im Gespräch mit ausländischen Reisenden fällt mir immer wieder auf, in wievielen Ecken Deutschlands ich noch nie war. Daly Waters ist trotz seiner Popularität ein liebenswertes Fleckchen und mit seiner prächtigen Bougainvilla eine weitere Oase im Outback.

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Australier und ihre Sammelleidenschaft…

Anders als die Reisegruppe schlugen wir unser Nachtlager auf einem der Roadhouse-Campingplatz entlang des Highways in Elliott auf, die auf ihre Weise eigentlich toll sind. Sie haben vielleicht nicht den Komfort und die Anlagen wie die großen Holiday Parks, aber dafür laufen Pfaue um deinen Campingkocher und der Hund der Inhaber rollt sich neben deinem legal entzündeten und mit reichlich Nachschub von einem riesen Holz-/Müllhaufen gefütterten Lagerfeuer zusammen, während über dir die Milchstraße ganz selbstverständlich leuchtet, wie überall abseits der Städte auf diesem leeren Kontinent.
Städte sind dennoch nicht zu verachten, denn in Australien gilt: Je größer der Ort, desto kleiner die Preise in Supermärkten und Bottleshops. Deshalb war Tennant Creek für uns auch ein willkommener Zwischenstopp zum Trinkwasserauffüllen und (W-)Einkaufen. Das nächste Must-See auf dem Weg nach Süden verfügt nämlich über nichts, also kein Café, keine Tankstelle, nicht einmal Duschen. Es gibt indes zwei saubere Plumpsklos, ein paar Picknickbänke und Tische und 500 m entfernt: kostenloses Wifi, zur Verfügung gestellt von der Nationalparkverwaltung. Denn 105 km südlich von Tennant Creek liegen wie zufällig ausgestreut teils hausgroße Sandsteinkugeln.

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Berühmt als Devils Marbles (die Kugeln des Teufels), aber den traditionellen Besitzern schon viel länger als Karlu Karlu bekannt. Wir sind eine ganze Weile durch das Kugellabyrinth spaziert, das im und nach dem Sonnenuntergang in Gelb- und Rottönen leuchtet, haben Kürbisspaghetti auf dem Buschzeltplatz inmitten der Sehenswürdigkeit gegessen und mit Rotwein auf die Milchstraße angestoßen. Außerdem mussten wir am nächsten Morgen noch eine Aufgabe bewältigen: den gespaltenen Stein finden, in dem etwa fünf Jahre vorher ein Freund von uns geklettert ist und das Foto nachstellen. Nichts leichter als das – in einem Feld von hunderten Felskugeln…

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Aufgabe erfüllt!

Unsere Liebe zu Roadhäusern hatten wir ja spätestens während unserer Arbeit in einem entdeckt, die südlich von Karlu Karlu sind aber auch Perlen. Da wäre Wauchope, das mit seinem Pool, Palmen und rosa Kakadus eine weitere kleine Oase darstellt (und guten Kaffee macht!), das in Aileron, das mit riesengroßen Statuen eine willkommene Pause vom Fahren darstellt und vor allem Wycliffe Well, das aufgrund seiner Verschrobenheit eine Sehenswürdigkeit ohne Gleichen ist. Angeblich wurden nämlich in dieser Ecke des Outbacks (und auch in vielen anderen, glaubt man den Geschichten von Truckies und Reisenden) besonders viele Ufos gesichtet, weshalb der Ort zu einem Anzugspunkt für Alienfans von Nah und Fern wurde. Beweise für die Existenz außerirdischen Lebens konnten wir leider nicht ausmachen, außer dem Zeitungsartikel, in dem sogar zwei Cops der Gegend das Gesehene bestätigen. Hatte ich erwähnt, wie erbarmungslos die Sonne in diesem Teil der Erde brennen kann?


Von Norden kommend näherten wir uns schließlich einem Ort, der uns schon sehr vertraut war: Alice Springs, angeblich Australiens gefährlichstem Pflaster, glaubt man diesem Spiegel-Artikel. Im Litchfield Park hatten wir zwei deutsche Auswanderer getroffen, die genau hier zuhause sind – „weil wir einmal irgendwo wohnen wollten, wo es wirklich nicht europäisch ist“. Das mag für „the Alice“ definitiv mehr zutreffen als für Sydney, Perth und Co. Auch gebe es Ecken, in die sie nachts nicht alleine gehen würden und als Krankenschwester wusste sie auch von den Problemen zu berichten, die aus dem Zusammenspiel von jahrhundertelangem Versagen der Politik gegenüber Aborigines, Langeweile, Armut, Alkohol und häuslicher Gewalt entstehen. Dennoch gilt auch hier: Die Realität ist nicht schwarz-weiß, und neben den Problemen gibt es auch hier funktionierende Clans und Familien. Den Alltag in Alice Springs haben wir nicht als problematischer als in anderen Städten erlebt, insgesamt sehr entspannt.

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The Alice

Wir hatten uns hier wieder auf denselben Campingplatz zurückgezogen, auf dem wir im Vorjahr einige lustige Abende mit anderen Backpackern aus Deutschland, Korea, Italien und den USA hatten. Er kostet unglaubliche 11 Dollar – und dafür darf man eben nicht zuviel erwarten. Inzwischen, vielleicht saisonbedingt, hatte er sich zu einem regelrechten Backpacker- und Hippie-Dorf entwickelt, auf dem weniger Touristen waren, sondern mehr Arbeiter oder Langzeitreisende. Das brachte seine ganz eigene Atmosphäre mit. Neben den typischen Reisegesprächen über lohneswerte Ziele und Erlebtes erfuhr ich von den Aussteigern an der Ostküste, von den Möglichkeiten, per Boot preisgünstig um die Welt zu reisen und den deutschen Familien, die in Australien leben, um ihre Kinder selbst unterrichten zu dürfen – und offenbar einen Weg gefunden haben, das halblegal auch zu tun. Irgendwo auf dem Zeltplatz traf man immer auf eine Meute spielende Kinder, ein paar Backpacker beim Lagerfeuer und/oder Biertrinken, ein paar Grey Nomades, die ihre Haustiere nicht auf die anderen Zeltplätze mitnehmen durften, aber manchmal auch auf einen Jungen im Tütü und eine Frau mit langen, grauen Haaren, die sich leise singend auf der Ukulele begleitete.
Das auch mit Aussteigern nicht leicht Kirschen essen ist, musste Christoph erfahren, als er unser Frühstücksgeschirr über dem – im saubersten und einzig nicht verstopften der verkeimten Becken – zurückgelassenen Geschirr einer Familie abspülte. Dabei muss doch tatsächlich ein Tropfen mit Wasser vermischte Milch (!!!) das fremde Geschirr berührt haben. Ich habe das Gespräch nicht mitangehört, aber Christoph war auf die „Milchtussi“ anschließend nicht mehr gut zu sprechen. Blöd nur, dass uns diese Familie am Uluru wiederbegegnen sollte… Insgesamt mögen wir diesen Zeltplatz aber, auch wenn offenbar nie sauber gemacht wird – weil man hier weitgehend machen kann, was man will, und für seine paar Dollar immerhin eine heiße Dusche bekommt. Und die war auch dringend nötig: In der Sonne war es zwar (Anfang August) bereits so warm, dass man sich gemütlich mit kurzen Sachen, Cappuccino und Buch niederlassen konnte, aber wehe, wenn sie untergegangen war. Dann fiel die Temperatur rapide und näherte sich gefährlich dem Gefrierpunkt an… Wieder einmal freute ich mich über die rote Decke, die dank meiner Überredungskunst nach Australien mitgenommen worden war, und das „Koalafell“ – eine kuschlige Billigdecke vom Billigausstatter. Man kann die Gegend durchaus im australischen „Winter“ besuchen – man darf nur keine heißen Sommernächte erwarten.

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Das wird eine heiße Suppe für kalte Camp-Nächte

Das Tolle an Alice Springs ist – und das mag merkwürdig klingen für eine Stadt, die in alle Richtungen mehr als 1.000 km vom Meer entfernt ist – ihre Lage. Denn nach Osten und Westen erstrecken sich von hier aus zwei Gebirgszüge mit Badelöchern und grünen Oasen: die East und West MacDonnell Ranges. Wir haben uns für den Westen entschieden, einen leicht zu bereisenden Nationalpark mit vielen günstigen Zeltplätzen, weil wir die Strecke eigentlich als Abkürzung zum Kings Canyon nehmen wollten. Der Red Center Way soll eigentlich auch mit normalen Autos befahrbar sein, aber offenbar hatten wir einen schlechten Zeitpunkt erwischt: Jeder riet uns davon ab. Und ja, über 100 km Korrugation, also zu Rillen verdichteter Sand und Kiesel, macht jeden Fahrspaß zunichte. Nächstes Mal – wenn wir den Larapinta Trail gelaufen sind, ein 223 km langer Fernwanderweg über die West MacDonnell Ranges, der über die Gipfel und zu den Badelöchern führt. Wir haben auf den Zeltplätzen zwei Wanderer immer mal wieder getroffen und abgesehen vom Frost, den sie eines Morgens auf ihren Schlafsäcken entdeckten, und den Blasen an den Füßen klangen ihre Geschichten großartig.

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West MacDonnell Ranges <3

Wir haben stattdessen – und das war eine vergleichsweise gemütliche Art der Erkundung – an nahezu jeder Schlucht übernachtet und sind von dort aus zu Spaziergängen aufgebrochen. Angefangen mit dem Standley Chasm, eine vergleichsweise schmale, enge Schlucht, die um die Mittagszeit rot aufleuchtet, wenn die Sonne von oben hineinscheint. Wir waren schon am Abend vorher angekommen, und ich konnte irgendwie nicht still sitzen – also hat Christoph das Kängurulasch vorbereitet und ich bin noch schnell auf den Hügel nebenan gekraxelt. Ähnlich wie in Arkaroola sah es hier aus, wenn die Bergketten im letzten Licht aufleuchten. Nachts in die Schlucht zu laufen (um besagtes Gulasch zu verdauen), lohnt sich übrigens auch – die Höhe der Felswände ist dann noch beeindruckender, und die Milchstraße sorgt für die Beleuchtung.
Natürlich sind wir dann mittags auch noch einmal hingeschlendert und haben ungefähr 100 Fotos vom roten Leuchten gemacht. Nicht ganz so viele wie der ehrgeizige Tourist, der gefühlte zwei Stunden durchfotografiert hat (und den wir bei derselben Aktion noch einmal an der Ormiston Gorge treffen sollten), aber er hat ja auch recht. Die Gegend ist irre fotogen und wann kommt man schon nochmal hierher?

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Vom Versuch, das Leuchten festzuhalten

Nächster Stop: Ellery Creek Big Hole. Wie der Name schon sagt, ein großes Wasserloch an einer Lücke in den Felswänden. Zum Baden leider etwas zu kalt, aber für eine Rundwanderung ohne Wasserflasche (sind doch nur 3km!..) doch etwas zu heiß. Vorteil: Man trifft auf der Runde über die Hügel und durch das ausgetrocknete Flussbett einfach mal überhaupt niemanden. Nicht einmal ein Känguru oder eine Echse. Später erfahren wir von einem Ranger, dass es im Nationalpark hauptsächlich etwas scheue Wallabys gibt und für Echsen die falsche Saison ist. Schade, aber die Tour war dennoch sehenswert. Abends wehte vom Wasserloch ein kalter Wind ins Tal und wir hatten es versäumt, außerhalb des Nationalparks Holz einzusammeln. Das würde uns nicht noch einmal passieren! An sich ist es in Australien nämlich recht einfach, außerhalb von Schutzgebieten Holz einzusammeln, im Dachkorb festzuschnallen und wenn nicht gerade Feuerbann ist, eine der zahlreichen Stellen zu finden, wo man ein Feuer entzünden darf. Ja, trotz Hitze und teilweiser Trockenheit – und eben selbst auf manchen Zeltplätzen im Nationalpark. Man stelle sich das in Deutschland vor…

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Abendunterhaltung am Ellery Creek Big Hole

Das für mich faszinierende an australischen Nationalparks ist aber vor allem das Zusammenspiel von Geschichte und Landschaft. So liegt etwa auf halber Strecke von Alice Springs durch die Bergkette ein Abbaugebiet von weißem, gelbem und rotem Ocker, den die Aborigines der Gegend seit Jahrtausenden für Zeremonien und zum Handel mit anderen Stämmen quer durch den Kontinent genutzt haben. Laut Infoseite der Regierung im Northern Territory verwendet das Volk der Arrarnta die Ochre Pits immer noch, und die Mine gilt aufgrund ihrer kulturellen Bedeutsamkeit als heilige Stätte. Deshalb gilt unbedingt: nur anschauen, nicht anfassen. Leider interessiert das einige Besucher nicht, die mit dem bunten Ocker Bilder auf die Besucherplattform kritzeln.

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Die Ocker-Mine

Wenn man nicht nur einen Tagesausflug von Alice Springs aus macht, findet man ein paar Kilometer nach der Ocker-Mine das erste Mal wieder eine heiße Dusche und bei Bedarf heißes Essen oder kaltes Bier – denn dort liegt vor einer beeindruckenden Felswand am Finke River das Glen Helen Homestead. In der richtigen Jahreszeit führt der Fluss genug Wasser, um sich mit einem Lkw-Reifen hinunter in die Schlucht treiben zu lassen, aber die war offenbar nicht im August. Wir haben den heißen Tag stattdessen genutzt, um im Schatten zu lesen, Wäsche zu waschen und im Sonnenuntergang Brotsalat zuzubereiten. Noch einmal versuchten wir unser Glück, doch noch ein „You’ll be alright“ zu hören auf die Frage, ob wir mit unserem Auto den Dirttrack nach Kings Canyon, den sogenannten Mereenie Loop fahren können. Leider ohne Erfolg.

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Sonnenuntergang am Glen Helen Homestead

Eigentlich hatten wir uns am nächsten Tag die Redbank Gorge, die letzte Schlucht zwischen den Felsen, anschauen wollen – doch beim Blick auf die steile, ausgefahrene Schotterpiste mussten wir uns auch dagegen entscheiden. Deshalb fuhren wir bis zum Ende des Nationalparks. Endlich konnten wir also unser Dach voller Holz packen (nur, um danach zwei Nächte auf einem Zeltplatz ohne Feuerstellen zu verbringen…). Kurz darauf endet auch die asphaltierte Straße, aber nicht vor Tyler’s Pass, der ein traumhafte Aussicht bietet: auf die grasbewachsenen, runden Hügel zu seiner Seite, aber vor allem auf eine weite Ebene nach Süden und die Überreste eines gewaltigen Meteoriteneinschlags. Durch die Erosion seit dem Einschlag vor mehr als 100 Millionen Jahren ist nur ein Teil des immer noch gewaltigen Kraterrandes stehen geblieben. Für mich absolut faszinierend war die Geschichte, die sich die Aborigines zur Entstehung des Felsringes erzählten – ohne wissen zu können, dass ein Meteorit seine Ursache war, wohlgemerkt: Dem Arrarnta Volk zufolge tanzten einige Frauen über die Milchstraße, als die hölzerne Schale, in die eine ihr Baby gelegt hatte, hinunterfiel und eben jenen Krater bildete. Auch dieser Ort ist ihnen heilig, aber man darf ihn zu Fuß erkunden – man braucht nur einen Geländewagen, um hinzukommen. Und so standen wir auf dem Pass, lasen diese unglaubliche Geschichte und wussten, dass wir dort jetzt nicht hinkonnten. Ich hatte die West MacDonnell Ranges besuchen wollen, um mehr Outback, mehr rote Felsen und mehr von der vermeintlich leeren Mitte der riesigen Insel zu sehen – und nun musste ich feststellen, dass ich noch nicht genug hatte. Je länger man durch Australien reist, desto öfter hört man von oder liest von Orten, die das Reisebedürfnis noch vergrößern. Tnorala (oder Gosse Bluff) ist so ein Ort, von dessen Existenz ich bis zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt gar nichts gewusst hatte.

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Die „kleinen“ Überreste des Meteoritenkraters

Damit war unsere Reise durch die West MacDonnell Ranges aber zum Glück noch nicht vorbei, denn wir hatten auf dem Hinweg die Ormiston Schlucht ausgelassen – im Nachhinein die beeindruckendste für mich. Hier treffen hunderte Meter hohe Berge auf Wasserlöcher, weiße Eukalyptusbäume, eine breite, tiefe Schlucht und sich daran anschließend eine weite Ebene umgeben von noch mehr Bergen. Außerdem sitzen hier die Ranger, die regelmäßig über Tiere oder Entstehung der Gegend informieren. Also haben wir zwei Wanderungen gemacht (und auf der längeren mal wieder so gut wie niemanden getroffen) und uns erzählen lassen, welche Tiere hier heimisch sind und warum wir eben keine Echsen zu Gesicht bekommen haben. Eines der größten Probleme für die Ranger ist es offenbar, nicht heimische Tiere aus dem Park fernzuhalten, die die einheimischen Arten gefährden. Dazu zählen in dieser Ecke auch Pferde und Kamele – die einen enormen Pflanzen- und Wasserverbrauch haben. Der Ranger erzählte uns, dass außerhalb des Parks, irgendwo in den Weiten Australiens etwa 800.000 bis eine Million wilde Kamele ihr Unwesen treiben. Eines zu sehen ist allerdings selten, und ihrer Zahl Herr zu werden deshalb nicht einfach. Das muss man sich mal vorstellen – ein Million dieser an sich riesigen Tiere, die nicht gerade unsichtbar sind, und in Australien sind sie gewissermaßen verloren gegangen. Ein weiterer Punkt auf der Liste, warum uns dieser Kontinent in seinen Ausmaßen so begeistert.

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Wanderung zum Ormiston Pound

Die Tiere, mit denen wir hier Kontakt hatten, waren aber ganz anderer Art: Nachmittags suchten zwei Rotschopftauben (von uns aufgrund ihres Aussehens und unseres Unwissens Pickelhaubentauben genannt) Sonnenschutz unter unserem Baum, abends schlichen Dingos durchs Gebüsch. Das ist aber kein Anlass zur Sorge, denn solange diese nicht gefüttert werden, meiden sie die Nähe des Menschen. Das sollte mal jemand den Mücken erzählen. Die Ormiston Schlucht liegt nur wenige Kilometer vom Glen Helen Homestead entfernt – was mir äußerst gut gelegen kam, denn Handyempfang gab es hier nicht, wohl aber ein Kartentelefon am Homestead. Dort versuchte ich (schließlich mit Erfolg) eine gute dreiviertelStunde lang, meiner Oma zum 80. zu gratulieren, was zeitgleich offenbar eine Menge anderer Leute taten. Sehr zur Unterhaltung der Leute im Biergarten um mich herum. Dort traf ich auch Nathan wieder, der Australier, der zusammen mit einer Französin gerade den Larapinta Trail wanderte und an der Ormiston Gorge eine wohl verdiente Pause einlegte. Zufälligerweise hatte er nicht nur als Tauchguide am Ningaloo Reef gearbeitet, sondern auch einige Höhlen auf der Nullarbor kletternd und tauchend erkundet. Wir hatten uns also viel zu erzählen, als ich ihn mit zurück zum Zeltplatz nahm, sodass ich beinahe die Einfahrt verpasst hätte. Christoph saß inzwischen – es war kurz nach Sonnenuntergang – frierend da und wunderte sich, warum ich solange unterwegs war. Sorry!

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Nachts in der Ormiston Gorge

Tags darauf nahmen wir Abschied von dieser großartigen Gegend, nicht ohne noch an Simpsons Gap zu halten – ein Wasserloch kurz vor Alice Springs, das für seine Kolonie Felswallabys bekannt ist. Leider waren gerade Bauarbeiter lautstark mit der Arbeit am Weg beschäftigt und ich hatte es schon abgeschrieben, eines der scheuen Wesen zu Gesicht zu bekommen. Doch tatsächlich entdeckten wir zwei der grauschwarzen Tiere beim Sonnenbaden auf den Felsblöcken. 25 Kilometer später waren wir nach einigen Tagen Pampa plötzlich wieder in Alice Springs, konnten frisches Gemüse kaufen und unseren Hippiezeltplatz ansteuern. Weil wir anders als geplant nun den Highway nehmen mussten, hatten wir am Tag darauf 450 km Weg zum Kings Canyon vor uns – eine Menge für eine Wanderung, aber wer weiß, wann wir noch einmal in die Nähe kommen würden. Das Zentrum Australiens ist halt von überall her: ziemlich weit weg. John McDouall Stuart und seine Männer brauchten Jahre, um die Nord-Süd-Verbindung zu finden – aber anhand ihrer Route wurde 1872 eine Telegrafenverbindung angelegt und der folgt wiederum der Highway, dank dem eine Reise von Darwin nach Adelaide heute eine vergleichsweise gemütliche Reise von ein paar Tagen ist. Egal, was Bill Bryson sagt.

Von Laura

(Australien, Katherine bis Alice Springs, 2. bis 12. August 2015)

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One Comment on “Auf Stuarts Spuren

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