Vergesst Uluru. Nicht.

Wie wir zum Kings Canyon wollten und 280 km Umweg gefahren sind: So weit ich mich erinnere, sind wir noch in Alice Springs aufgebrochen mit dem festen Ziel Watarrka National Park. Doch dann unterwegs hatten wir im Internet und auf Flyern entdeckt, dass ausgerechnet am bevorstehenden Wochenende „Astronomy Weekend“ am Uluru sein sollte. Mit Vorträgen zum Weltall, Astro-Fotografie-Workshops und Diskussionsrunde zum Big Bang – ganz unser Ding also. Außerdem hatte es uns die australische Sehenswürdigkeit Nummer 1 bereits im letzten Jahr angetan – und nun, im Winter, würden keine Gewitterwolken die jetzt besser sichtbare Milchstraße verdecken. Und da wir ja eh etwas merkwürdig reisen, unsere Plöne häufig umschmeisen und auch noch genug Zeit übrig hatten, haben wir spontan an einem Roadhouse unterwegs beschlossen, noch einmal zum Uluru zu fahren. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, wir hätten bei der Big Bang Diskussion zwischen namhaften Wissenschaftlern alles verstanden – aber ein bisschen mehr als vorher auf jeden Fall. Das Publikum war zahlreicher und unterschiedlicher als gedacht, und bei den Fotografie-Veranstaltungen besonders wissbegierig. Und es war großartig, endlich die Sterne über dem Riesen aufgehen zu sehen, und endlich die Zeit zu haben, den Ranger-Rundgang nachzuholen, den wir im Vorjahr verpasst hatten. Darüber habe ich für den „Schreibende Traveller“-Wettbewerb des Michael-Müller-Verlags eine Reportage geschrieben, die es leider nicht unter die Top 25 geschafft hat – und diese folgt jetzt.

Es ist Winter in Australien, aber als wir morgens um zehn Uhr zum Treffpunkt kommen, strahlt die Sonne bereits warm vom Himmel. Dass es mir später kalt den Rücken runterlaufen wird, hat nichts mit dem Wetter zu tun. Mit Hüten, Wasserflaschen und Kameras ausgerüstet, stehen zahlreiche Touristen am Treffpunkt im roten Sand: Senioren, Familien, Backpacker wie wir. Der Ranger des Nationalparks zählt 86 – ein Rekord, selbst für diesen Touristenmagnet. Denn hinter uns erhebt sich der Uluru, der nur Australiens zweitmächtigster Sandsteinfelsen ist – aber was macht das schon bei dieser einzigartigen Form und der kräftig-roten Farbe, die sich an diesem Tag im August leuchtend vom Blau des Himmels abhebt. Grüppchen um Grüppchen beginnt neben uns an Eisenketten emporkletternd den Aufstieg. Wir bleiben unten. Ranger Steve – um die 50, breitkrempiger Hut, olivgrüne Shorts, die Hemdärmel hochgekrempelt und schwere Lederstiefel an den Füßen – will uns zu anderen, wichtigen, unbekannteren Stellen führen. Während er von der Entdeckung des später Ayers Rock genannten Felsen erzählt, von den Anfängen des Tourismus hier und schließlich der Rückgabe des Landes an die Aborigines und der Etablierung des Nationalparks, kommen immer wieder Spaziergänger oder Fahrradfahrer an uns vorbei. Hier, am Postkartenmotiv Australiens schlechthin, ist wohl niemals Nebensaison, denke ich.

Treffpunkt Mala-Parkplatz

Treffpunkt Mala-Parkplatz

Wir waren schon einmal hier gewesen, 9 Monate eher und mitten im Hochsommer. Damals war der Aufstieg jeden Tag gesperrt, weil es bei Temperaturen über 36 Grad Celsius einfach zu gefährlich ist – zu viele haben die Kletterei auf den 350 Meter hohen Berg mit ihrem Leben bezahlt. Aber wir wollten ohnehin nur einmal den Uluru im Sonnenuntergang bestaunen und in den nahe gelegenen Sandsteinhügeln der Kata Tjuta wandern. Die, und erst recht der Kings Canyon weiter nördlich, wären ohnehin viel schöner als Uluru, hatten uns sämtliche Reisende vorher berichtet. Und ich fuhr mit dem Gedanken ins rote Herz Australiens, später „Vergesst Uluru!“ in mein Reisetagebuch zu schreiben. Dann aber, noch auf der Fahrt nach Yulara, dem Touristendörfchen am Nationalpark, tauchte der rote Riese das erste Mal vor uns auf. Um einiges größer, als wir gedacht hätten. Und nicht so perfekt halbrund, wie er auf Bildern immer wirkt. Das mussten wir uns genauer ansehen. Und siehe da: Der Felsen hat tiefe, schwarze Löcher. Rillen, die aussehen, als würde ab und zu Wasser durch sie fließen. Dazu Muster und Kurven, flache, gewellte und steile Abschnitte, und jede Menge Grün ringsum, sogar Wasserlöcher am schattigen Fuß des Berges – und das mitten in der trockenen Savanne! Noch bevor die Sonne untergehen und ihn in wechselnde Farben tauchen konnte, zogen Gewitterwolken auf. Wir standen auf einem der Aussichtsparkplätze, ganz allein, und Blitze zuckten über dem Felsen. So schnell, wie es heraufgezogen war, war alles wieder vorbei, das Wasser lief tatsächlich in allen Rillen wie Kaskaden herab und ein Regenbogen überspannte die Landschaft. Hinter uns zog bereits ein neues Gewitter auf und inzwischen mit dutzenden anderen, die schnell aus Yulara hergefahren und nicht minder fasziniert waren, verfolgten wir jeden Blitz auf seinem Weg von den dunklen Wolken in den Felsen. Es war: magisch.

November 2014: Regenbögen und Wasserfälle

November 2014: Regenbögen und Wasserfälle

Und nun stehen wir wieder hier, zurückgekehrt vor allem für die klaren Winternächte und die leuchtende Milchstraße, und hören Steve über die Dreamtime-Geschichte sprechen, die hinter 19 kleinen, aber auffälligen Löchern in der Westwand steckt. Für die Anangu, den hiesigen Stamm der Aborigines, geht es um mehr als einen schönen Felsen. Sie haben zwar nicht hier gelebt, aber vieles aus ihrem Wissensschatz durch den Felsen an ihre Kinder weitergegeben und eine ihrer wichtigsten Zeremonien hier gefeiert: die Aufnahme der Jungen in die Erwachsenenwelt. Was Steve uns erzählt, hat als Lektion und ungeschriebenes Gesetz nach wie vor Bestand, und es ist eine Geschichte, die 100 km nördlich beginnt und weit nach Süden führt. Eine Geschichte, die ihm zufolge am besten vor Ort zu hören ist, weil sie im Uluru geschrieben steht. „Für die Anangu haben ihre Schöpfungsvorfahren sichtbare Spuren im Felsen hinterlassen“, beginnt Steve. Und dann bringt er den Kindern unter uns bei, Tierspuren und Figuren in den Sand zu malen, so wie es Menschen seit je her auf der Welt getan haben, um ohne Papier und Stift zu erzählen, und kaum sind wir ein paar Schritte weitergelaufen, schert ein Mädchen aus der Gruppe aus, um einer Freundin die Zeichen weiterzugeben. Hier, begreife ich, liegt das Wissen auf der Straße, und die Kinder des Australiens von heute wachsen damit auf. Anders Steve und seine Generation: Aborigines und ihre bis zu 60.000 Jahre alte Kultur waren nie ein Thema in der Schule, und Unwissen und Vorbehalte führten zur Spaltung Australiens, die bis heute andauert. „Black fellas“ auf der einen, „white fellas“ auf der anderen Seite. Heute aber sind sie alle – Europäer, Amerikaner und vor allem Australier – hier, um zu lernen, und obwohl die Sonne inzwischen heiß vom Mittagshimmel brennt, bleibt die Gruppe zusammen und lauscht.

Steve und die Sandzeichnungen

Steve und die Sandzeichnungen

Als wir im vorigen Jahr rings um den Felsen gelaufen sind, waren wir überrascht von all den Höhlen, die nicht leer waren, sondern voller Geschichten und Felsmalereien. Da die Höhle der jüngeren Männer, dort die der Älteren, daneben der Überhang, der die Küchendecke bildet. Heute sitzen wir in der Küche im Schatten, als Steve uns den Rest der hiesigen Anangu-Schöpfungsgeschichte erzählt, und er bringt uns zurück in eine Zeit, als an Hotels und betonierte Straßen nicht zu denken war. Als junge Männer, fast noch Kinder, sich mit ihrem Stamm auf den weiten Weg zum Uluru machten, um als Erwachsene zurückzukehren. Wie muss es gewesen sein, als sich der rote Riese das erste Mal am Horizont erhob? Als sie an seinem Fuß standen und die endlosen Wände hinaufblickten? Mir läuft es kalt den Rücken runter bei der Vorstellung nur mit wenigen anderen Teenagern hier am Feuer zu sitzen, hinter mir der Felsen, an den die Flammen tanzende Schatten werfen, vor mir die Wildnis und eine unbekannte Zukunft. Steve erzählt weiter, aber wie ein aus dem Kontext gerissenes Zitat, so wäre diese Geschichte ohne den Ort: falsch. Meine Gänsehaut lehrt mich, den Bücherwurm, dass manches Wissen am besten dort aufgehoben ist, wo es herkommt. Ich verstehe – und die anderen?

Dass die Anangu nicht wollen, dass auf den Uluru geklettert wird, weil sie selbst es nur zum Beginn der Zeremonie tun, stößt vielen weißen Australiern böse auf. Ist es nicht auch ihre Tradition, ihr Land, ihre Kultur? Steve und die anderen Ranger des Nationalparks aber – schwarze wie weiße – verbieten den Aufstieg nicht. Er erzählt uns nur, aus welchen Gründen er ihn nicht empfehlen kann: den spirituellen, den gesundheitlichen und den ökologischen. Denn oben gibt es keine Toiletten, und alles was an Müll zurückbleibt, landet, wenn die Ranger es nicht rechtzeitig einsammeln können, in den für die Tiere so kostbaren Wasserlöchern. Ein Murmeln geht durch unsere zusammengewürfelte Gruppe. Manche von ihnen waren in den 1980ern hier, als es noch keine Regeln gab und die Zelte direkt am Fuß des Uluru standen und Tourguides die Felsmalereien mit Wasser bespritzten, um sie vermeintlich besser sichtbar zu machen, während sie sie dauerhaft beschädigten. Manche waren schon auf dem Felsen oder hatten es vielleicht vor. Aber Steves Worte, die zum Teil die der Anangu sind, die ihn unterrichtet haben, entfalten ganz ohne Verbote ihre Kraft. Wir sind am Ende der Tour angekommen, in einer grünen Oase umgeben von steilen, roten Wänden. Im letzten Jahr nach dem Gewitter hatte das Wasser hier einen Meter hoch gestanden, jetzt ist das Loch leer. Und wir alle begreifen, wie kostbar dieser Ort ist. Was er erzählen kann, auch ohne das Erfolgserlebnis einer Besteigung, ohne Gipfelglück. Steve bittet uns die Augen zu schließen, zu reflektieren. Und 86 Menschen zwischen 6 und vielleicht 86 stehen da zwischen den Eukalyptusbäumen, lauschen in sich und die Stille ringsum, schämen sich beim Augenöffnen ein bisschen und finden schließlich vorsichtig Worte – für das, was in den letzten drei Stunden in ihnen passiert ist. Schöner kann Massentourismus wirklich nicht sein.

Winternächte am Uluru

Winternächte am Uluru

PS: Der Ranger Walk findet täglich und kostenlos am Uluru statt. Treffpunkt ist am Mala-Parkplatz neben dem Aufstieg.

Ranger Steve hat sich nach dem Spaziergang noch eine Weile mit uns unterhalten – und er kannte wiederum Chris, der uns zu einer Galerie im Kakadu Nationalpark geführt hat. Ich kann nur jedem empfehlen, an den Wanderungen und Vorträgen in den Parks teilzunehmen. Die Ranger teilen nicht nur Wissen, sondern auch tiefe Zuneigung für Natur und Kultur, und man verlässt die Orte um mehr als Selfies reicher.

Von Laura

(Australien, Uluru, 13. bis 16. August 2015)

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