Wildlife, Riesenbäume und alte Freunde: Unsere letzten Wochen in Australien

Die nächsten Tage sollten die letzten sein, in denen wir durch uns unbekannte Gebiete Australiens reisen würden: Zunächst würden wir die Eyre Peninsula fertig umrunden, nach Adelaide weiterfahren und nach Narracorte, um Fossilien riesiger, ausgestorbener Säugetiere zu betrachten. Dann würden wir wieder auf die Great Ocean Road treffen, wo unser Roadtrip Down Under vor etwa elf Monaten begonnen hatte.

Wir hatten uns schließlich in Elliston von Ana und ihrer süßen Tochter Kiara und Youngen’s Hunden verabschiedet, um weiter südlich zum Coffin Bay Nationalpark zu gelangen. Die Straße war weitgehend leer, die Landschaft bestand aus grünen, mit weißen Steinen übersäten Hügeln, auf denen Schafherden grasten. Ob es wohl in Neuseeland auch so aussehen würde? Das Wetter war nicht das beste, aber die Aussicht wurde immer spannender. Bald ragten steile grüne Wände aus den Feldern empor. Von einer Anhöhe aus blickten wir über Rapsfelder (es roch wie zuhause im Mai) zu Hügeln, Städten und weiten Meeresbuchten. Doch da fing es an zu regnen. Unser Besuch im Nationalpark würde wohl ins Wasser fallen. Doch als wir in dem kleinen, für seine Austern berühmten Dorf Coffin Bay ankamen, sah der Himmel schon wieder freundlicher aus. Also machten wir uns doch noch auf den Weg in den Park – und wir sollten es nicht bereuen. Nicht nur, dass wir außer zwei Rentnern die einzigen weit und breit waren: Die Wolken rissen schließlich immer mehr auf und gaben warmen Sonnenstrahlen platz. Die schmale Straße wand sich über Hügel erst hinauf und schließlich hinunter zur steilen Küste und sandigen Buchten. In dem flachen Buschland machten wir immer wieder Emus oder Kängurus aus, die meist wenig Notiz von uns nahmen. Wir kletterten auf einem schmalen Weg über die Dünen hinunter zum Gunyah-Strand, wo die Wellen weiß schäumten und blickten von der Golden Island auf der rechten Seite zu den ewigen Dünen auf der linken – und nirgendwo war eine Menschenseele.

Schließlich brachten wir es nicht übers Herz, den Sonnenuntergang woanders als hier, ein Stück weiter an der Steilküste, anzuschauen, anstatt vernünftigerweise ins Dorf und zum noch nicht gebuchten Zeltplatz zu fahren. Außerdem konnte ich nun nicht schneller als 10 km/h fahren, denn die Dämmerung war Känguruzeit und tatsächlich sprangen nicht wenige vor uns auf und zum Glück auch wieder weg von der Straße. Die Rezeption war auch noch auf, und so bezogen wir einen idyllischen Platz zwischen den üblichen Eukalyptusbäumen, wo ich uns in der Campingküche gefüllte Fladenbrote machte. Es war der Abend, an der ich meine Reportage für den Schreibwettbewerb fertig schrieb, und so saß ich noch eine Weile länger als Christoph in der Küche. Auf dem Weg zurück zum Auto hörte ich ein lautes Klopfen – da prügelten sich doch wirklich zwei Kängurumänner unter eine Straßenlampe! Und zwar mit vollem Karacho (das Wort wollte ich schon immer mal verwenden)! Beide schlugen nicht nur mit allen Fäusten aufeinander ein, sie absolvierten auch immer wieder diesen Move, der sie immer besser als jeden Kickboxer aussehen lässt: Sie verlagern ihr Gewicht auf den Schwanz, stoßen sich mit beiden Beinen ab und versuchen den Gegner in den Bauch zu treten. Deshalb sollte man sich nie mit Kängurus anlegen! Hätte ich die Szene filmen können (die beiden, kämpfend unter der Laterne, umgeben von ihren Frauen), das Video hätte wahrscheinlich genau so viel Klicks wie dieses hier haben können. Tja. Und weil Coffin Bay für uns ohnehin schon zum Wildlife-Highlight geworden war, kam am nächsten Morgen auch noch eine Gruppe ausgewachsener Emus direkt an unserem Auto vorbeigelaufen. Wir waren zwar nur kurz hier, aber schöner hätte es nicht sein können.

Leider hatten wir unseren Glücksvorrat damit aufgebraucht, denn beim Weiterweg nach Port Lincoln – berühmt für seinen Hafen, Tauchen mit Haien und ebenfalls Austern – fing es schon wieder an zu regnen. Eigentlich hatten wir auf einem der Zeltplätze im dortigen Nationalpark übernachten wollen, aber daraus würde wohl nix. Diese waren nämlich meist nur mit einer Toilette ausgestattet und ohne Campingküche würden wir heute nichts kochen können. Wir nutzten aber eine Regenpause, um auf den Stamford Hill zu laufen. Dort war 1802 der Entdecker Matthew Flinders hinaufgestiegen, um nach einer Wasserquelle zu suchen. Es war Hochsommer, und alles ringsum trocken. Seinen Durst konnte ich mir nur schwer vorstellen, als wir durch den regenfeuchten Wald nach oben stiegen. Von dort hatte man einen Blick auf die Bucht, die zahlreichen vorgelagerten Inselchen und ewiges Grün. Doch schon auf dem Weg nach unten begann es wieder zu regnen. Das mit uns und dem Park – das würde nichts mehr werden. Stattdessen hielten wir an einem Fischimbiss, den die nette Frau in der Touristeninformation empfohlen hatte, um eine lokale Spezialität zu kosten: battered oysters – panierte Austern. Sie schmeckten mir besser als das rohe Óriginal, aber durch die Panade und die Remouladensoße auch nicht mehr viel nach Austern. Unser Fazit: Kann man mal probieren, haut uns aber nicht vom Hocker.

Der Wetterbericht verhieß nichts Gutes, weshalb wir Port Lincoln am frühen Nachmittag Richtung Norden verließen, wo die Schlechtwetterfront erst später ankommen sollte. Wir entschieden uns dank Wikicamps für einen preiswerten und sympatischen Campingplatz in Arno Bay, wo wir von der netten Besitzerin und ihrer Katze begrüßt wurden. Im Bad hing ein Zettel, dass man sich gerne an den vielen Rosenbüschen bedienen dürfte. Das taten wir aber nicht, sondern nutzen ein paar letzte Sonnenstrahlen für einen Spaziergang am Strand entlang zum Hafen. Dabei fanden wir heraus, dass Arno Bay sowas wie ein grüner Vorreiter Australiens sein will. Denn auf den Schildern auf einer kleinen Aussichtsplattform (im flachen Land!) erfuhren wir, dass hier nicht nur ein Windpark (!!!) zu sehen war, sondern sich auf dem Meer auch eine Fischzucht befindet, die laut dem Betreiber Cleanseas besonders nachhaltig sein soll. Abgesehen davon war es aber ein besonders verschlafenes Dörfchen, denn sämtliche Häuser erschienen uns leer, und manche nicht einmal mehr als Sommerresidenz genutzt. Ein paar Fischer scheinen aber auch hier zu Geld gekommen zu sein, denn nicht nur eine Villa war im Bau. Den Abend verbrachten wir dann in der riesigen Campingküche, denn es hatte wieder angefangen zu regnen und dort bestand zumindest die Hoffnung auf ein bisschen Wärme. Der riesige Kamin war in einen elektrischen und funktionierenden Lüfter eingebaut, aber diese raffinierte Idee erfüllte nicht wirklich ihren Zweck – wahrscheinlich auch, weil wir das feuchte und viel zu grob gehauene Holz nicht richtig in Gang bringen konnten. Dafür gab es einen Fernseher und wir und die beiden einzigen anderen Gäste verbrachten einen gemütlichen, zumindest trockenen Abend.

Es sollte auch den ganzen nächsten Tag regnen, und als wir in der Nähe von Adelaide einen Zeltplatz fanden, schüttete es wie aus Eimern. Mehr als ein bisschen am Blog arbeiten und lecker kochen war nicht drin. In Adelaide wurde es langsam besser, und es gab auch mehr Möglichkeiten bei Regen oder Kälte etwas zu unternehmen. Da wäre die riesige Markthalle, in der wir allerlei frisches Gemüse und Leckereien einkauften oder das Naturkundemuseum voller alter Steine, Knochen und Kuriositäten. Eine Nacht übernachteten wir auf einem Zeltplatz neben einem riesigen Park, in dem wir bei einer spontanen Wanderung am nächsten Morgen allerlei bunte Vögel und Koalas entdecken konnten. Im Nachhinein lohnt es sich kaum, in Australien einen Zoo zu besuchen – das Wildlife ist tatsächlich vor der Haustür, und zwar sogar nur 20 Fahrminuten vom Zentrum einer Millionenstadt entfernt. Außer ein paar Joggern und Hundeausführern trafen wir kaum jemanden, und ich fragte mich, ob der Anblick von Babykoalas wohl jemals langweilig werden könnte, würde man im Belair-Nationalpark regelmäßig laufen gehen.

Auf dem Weg nach Süden fehlten uns in Südaustralien noch ein paar Sehenswürdigkeiten, die wir bisher ausgelassen hatten. Dazu zählten die Höhlen von Narrarcorte. Ähnlich wie auf der Nullarbor waren hier vor vielen tausend Jahren Tiere – vielleicht angelockt vom Wasser, vielleicht einfach durch ein Unglück – in eine der vielen Löcher im Karstgestein gefallen, was den Forschern von heute ein dankenswertes Ausgrabungsgebiet hinterlassen hat. Leider finden sich die meisten Skelette heute in Museen wieder, weshalb in der Höhle nur ein paar Exemplare der Megafauna, ausgestorbener Riesensäugetiere, ausgestellt waren. Kann man sich anschauen, muss man – wenn man die Skelette etwa in Adelaide schon mal gesehen hat – aber auch nicht.

Für zwei weitere Naturschönheiten waren wir zur falschen Zeit unterwegs, denn der Blaue See bei Mount Gambier soll erst im Sommer im schönsten Blau erstrahlen. Trotz Wolkendecke kam uns das Wasser in dem Vulkankessel aber dennoch ungewöhnlich blau vor. Nicht weit südlich von hier sprudeln die Ewens Pond genannten klaren Quellen aus dem Boden und locken im Sommer Schnorchler an – dafür war es uns nicht nur zu kalt, die natürlichen Schwimmbecken waren auch geschlossen. Trotzdem war es die Fahrt wert, denn auch die Küste hier ist wunderschön – und bis auf ein paar Farmer und Kühe menschenleer. Danke für den Tipp, wiedermal, an Reni & Sasch!

Nach all den kalten Nächten und feuchten Tagen hatten wir ein bisschen Luxus verdient und fanden in Warrnambool einen unglaublichen, und in der Nebensaison günstigen, Campingplatz. Der hatte – und das kommt auf jeden Fall auf die Liste der tollsten Extras, die Zeltplätze haben können – ein Schwimmbad und einen Whirlpool! Beides zur freien Benutzung und gleich neben der gemütlichen und warmen Küche. Luxus pur eben. Da nahmen wir es auch in Kauf, dass die Räumlichkeiten um 22 Uhr verlassen werden mussten. Mit den beiden Deutschen, die wie hier kennengelernt hatten, konnten wir das Weintrinken schließlich auch in der Grillecke fortsetzen – die war immerhin überdacht. Schade, dass die beiden andere Pläne hatten, denn Leute, mit denen wir uns spontan so gut verstanden haben, treffen wir nicht so oft. Nach zwei Tagen Aufwärmen schien auch wieder die Sonne, und wir hielten noch einmal an der hiesigen Wal-Kinderkrippe. Im Vorjahr hatten wir die Wale um drei Tage verpasst – doch dieses Mal zog ein Southern Right Whale samt Kalb nur etwa 100 m von der Aussichtsplattform entfernt seine Kreise. Links neben uns ging ein Segelflieger in die Luft, rechts ein Surfer ins Wasser. Da habe ich vor lauter Freude meinen Kaffeethermobecher vergessen, aber sei’s drum: Wir hatten eh nur noch wenige Tage Camping vor uns.

Ab jetzt war das Wetter wieder auf unserer Seite, und wir sollten die Great Ocean Road noch einmal bei Sonnenschein erleben dürfen. Hier und da gab es ein paar Aussichtspunkte, die wir noch nicht kannten oder die eben so schön sind, dass sie nichts von ihrem Zauber verlieren. Noch einmal hatten wir uns auf unserem Lieblingszeltplatz bei Princetown einquartiert. Was daran so toll ist? Er ist günstig, hat kostenlose heiße Duschen, Feuerstellen und hunderte „einheimische“ Kängurus. Unsere Aufgabe hier stand fest: Auto aufräumen und fotografieren, denn bald wollten wir es in Melbourne verkaufen. Am zweiten Tag gesellten sich zwei Reisegruppen in der Campingküche zu uns und spontan beschlossen wir, den Abend zusammen am Lagerfeuer ausklingen zu lassen. Da waren die beiden Franzosen, die offenbar frisch verliebt ihr eigenes Ding machten und auch nur wenn nötig Englisch sprachen, und die mit einer Amerikanerin unterwegs waren, mit der wir uns sofort gut verstanden. Außerdem war eine Vater-Sohn-Kombo aus der Nähe von Melbourne, die wir an den Gibson Steps schon getroffen hatten, zufällig auch auf diesem Zeltplatz gelandet. Mit Wein und Bier standen wir noch lange ums Feuer, redeten über dies und das und verabschiedeten uns lange beim Frühstück am nächsten Morgen, bevor wir alle in verschiedene Richtungen aufbrachen.

Wer hätte gedacht, dass direkt neben der eher landwirtschaftlich genutzten und häufig nur von Büschen bestandenen Gegend rings um die Great Ocean Road ein echter, dichter, grüner Farnwald wächst? Wir jedenfalls nicht, weshalb wir beim ersten Mal auch daran vorbeigefahren sind. Aber nur eine Stunde vom Badeort Apollo Bay entfernt, beginnt ein riesiger Wald, in dem ganzjährig Wasserfälle fließen und sogar Schnabeltiere leben. Leider haben wir die außergewöhnlichen, aber eben auch scheuen Tiere nicht zu sehen bekommen – dafür kalifornische Sequioas. Ja, irgendjemand war 1936 auf die Idee gekommen, im australischen Busch die Riesen unter den Bäumen anzupflanzen, und so wächst in einem Stück des Waldes eine Baumart, die hier überhaupt nicht hingehört, aber ein wunderbarer Anblick ist. Die Bäume sind mit ihren ca. 80 Metern deutlich höher als alles, was ich sonst so gesehen habe. Sie haben eine wunderbare, weiche Rinde und hinterlassen einen ebenso weichen Waldboden aus ihren Nadeln. Ich kann es kaum erwarten, die Originale in Kalifornien eines Tages zu sehen!

Für unsere letzte Nacht in unserem liebgewonnenen Ford hatten wir einen Zeltplatz am Lake Colac ausgewählt. Danach würden wir in Melbourne noch eine Woche in einer Airbnb-Wohnung und ein paar Tage bei Otto, unserem Gastgeber vom ersten Mal, übernachten. So jedenfalls der Plan. Doch an der Wohnung angekommen, war niemand zuhause. Niemand reagierte auf unsere Anrufe, geschweigedenn auf die von Airbnb. Also bekamen wir unser Geld zurück (super unkomplizierter Service, übrigens) und mussten uns spontan ein Hostel organisieren – und das, während wir bereits die erste Probefahrt mit potenziellen Autokäufern absolvierten. Aber wie immer ging alles gut: Wir fanden ein Hostelzimmer für den selben Preis, den das Zimmer über Airbnb gekostet hatte und zogen für eine Woche über einem Irish Pub ein. Es hätte schlechter laufen können. Da wir den Autoverkauf bereits nach zwei Tagen abgewickelt hatten – die berühmte Sache mit dem lachenden und dem weinenden Auge-, konnten wir unsere restliche Zeit in Melbourne viel eher als geplant genießen. Wir trafen uns noch einmal mit den Vees, den Mädls, die uns zu allererst beherbergt hatten, spazierten noch einmal am schönen Strand von St. Kilda entlang und tranken noch einmal in den Laneways, den süßen Gassen inmitten des Zentrums, Kaffee.

Außerdem waren ein paar organisatorische Dinge zu klären, unnötige Dinge nach Hause zu schicken und auszusortieren, was nicht in unsere Backpacks passte und bei der Salvation Army vorbeizubringen. Wir sind keine großen Freunde von Hostels, aber dieses war überschaubar und zumindest die Bäder waren sauber und bald kannten wir auch einige der Dauergäste: die Mexikaner, den Belgier und den irischstämmigen New Yorker, mit denen wir manche Stunden auf der Feuertreppe gequatscht haben. Ich fand einen Lonely Planet für Neuseeland im Büchertausch und begann langsam, mich auf das gänzlich neue Land zu freuen. Zuvor aber verbrachten wir noch einen Abend mit Torsten, der mit mir im Physik-Leistungskurs gesessen hatte und vor drei Jahren spontan nach Australien gezogen war. Wir hatten uns fast seit dem Abi nicht mehr gesehen, und dann saßen wir plötzlich in seiner Küche (in einem Häuschen, an dem wir schon zigmal zufällig vorbeigelaufen waren!), lernten seine Familie kennen und standen schließlich auf einem großartigen, kostenlosen Konzert und tranken Bier. Wie früher, nur ca. 17.000 km entfernt und 10 Jahre später. Auch die Tage bei Otto waren ein bisschen wie nach Hause kommen. Plötzlich saßen wir wieder in dem Garten, in dem alles angefangen hatte. In dem Wohnzimmer, in dem ich wegen meiner ersten Spinne etwas nunja… überreagiert hatte. Melbourne ist einfach eine wahnsinnig tolle Stadt mit großartigen Menschen, und war deshalb letztendlich viel mehr für uns als ein Mittel zum Zweck. Die letzte Nacht habe ich kaum geschlafen, und pünktlich um 5 Uhr morgens klingelte der Taxifahrer, der uns zum Flughafen bringen sollte. Während die Großstadt noch schlief, fuhren wir über die leeren Highways. Ich war irgendwo zwischen aufgeregt und traurig, denn unser australisches Abenteuer war nun definitiv vorbei – aber Neuseeland lag vor uns.

Goodbye, Melbourne. Goodbye, Australien.

Goodbye, Melbourne. Goodbye, Australien.

 

Von Laura

(Australien, Coffin Bay – Melbourne, 31. August bis 24. September 2015)

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