Lämmer, grüne Hügel, Glühwürmchen – das muss Neuseeland sein

Australien zu verlassen war schmerzlich. Ich will nicht drumherum reden: Als wir das Flugzeug in Melbourne bestiegen, wurde mir glasklar, dass wir unseren Abenteuern hier und den wunderbaren Menschen, die wir getroffen haben, Aufwiedersehen sagten. Genau ein Jahr, nachdem wir erstmals einen Fuß auf diese gigantische Insel gesetzt hatten, mussten wir gehen. Ab jetzt würde uns jeder Tag näher an Zuhause bringen, aber auch weiter weg von hier. Es war tatsächlich ein bisschen wie beim Pflaster abreißen: Es tut noch einmal kurz und heftig weh, aber dann fängt die Heilung an. Und tatsächlich stieg meine Vorfreude, als die grünen Inseln und erstaunlich spitzen Berge ringsum Auckland in Sicht kamen. Das war Neuseeland! Vor uns lagen ganz neue Entdeckungen, und wir konnten es kaum erwarten, damit loszulegen.

Der Checkout war schnell erledigt, wir bekamen ganz ohne Visa zu beantragen einen Stempel, der uns drei Monate Aufenthalt erlaubte, ein schlappohriger Beagel schnupperte an unserem Gepäck nach geschmuggeltem Obst und Gemüse und schon waren wir raus aus dem Flughafen. Der Frühling hatte gerade begonnen, und wie unsere Kiwi-Kollegen gesagt hatten: Auf der Nordinsel wird es eh nicht richtig kalt. Mit dem Shuttlebus wurden wir zu unserer Autovermietung gefahren, erledigten den Papierkram und wurden von der natürlich zufällig deutschen Mitarbeiterin auf das Fahrkönnen der Neuseeländer – bzw. das Fehlen desselben – hingewiesen. Und dann packten wir unsere Rucksäcke in den Bus, der für die kommende Zeit unser Schlafzimmer und unsere Küche sein sollte – und fuhren los. Wir hatten ursprünglich vorgehabt, Neuseeland trampend und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bereisen, aber da wir nur sechs Wochen Zeit und in Australien gut gespart hatten, konnten wir uns einen dieser umgebauten Busse leisten, mit Ausziehbett, Kühlschrank, Stromanschluss und Waschbecken. Wir hatten von Auckland wenig gutes gehört (und sollten später von anderen Reisenden hören, dass sie eher zu lang als zu kurz geblieben waren) und noch nicht viel geplant, außer: so schnell wie möglich raus aus der Stadt und ab nach Norden auf die Halbinsel Northland – das Nordland.

Das Gute an Auckland ist jedenfalls, dass es die Städter in keine Richtung weit ans Meer und in die Natur haben. Etwa zehn Minuten vom Flughafen entfernt gibt es ein kleines Schutzgebiet mit einer großen Besucherfarm, einem erloschenen Vulkan und einem Campingplatz und dort stießen wir schließlich auf Neuseeland an. Der Ambury-Regional-Park scheint besonders bei Kindergärten und Familien beliebt zu sein, denn als wir am nächsten Morgen eine Runde um die Farm drehten, waren wir, mitten in der Woche, nicht die einzigen, die Schweine, Kälber und Schafe besuchten. Ausgeruht und mit Instantkaffee gestärkt (unsere French-Press-Kanne hatten wir mit dem Auto in Australien verkauft) fühlten wir uns bereit für die chaotische Großstadt.

Aber wir waren es nicht. Wir wollten nur schnell mal zur Touristeninformation, ein paar Karten besorgen, aber daraus wurde nichts. In dem Gewirr aus Bergen und Brücken dauerte es ewig, die richtige Straße zu finden – obwohl ich die Richtung kannte. Als wir schließlich am richtigen Ort waren, war von einem Parkplatz weit und breit nichts zu sehen. Dafür Chaos, Menschenmassen, viel zu steile Straßen, und nicht zusammenpassende Gebäude. Lassen wir’s halt. Nach ein paar mal mehr ungewolltem Im-Kreis-Fahren fanden wir den Highway, der uns nach Norden aus der Stadt bringen sollte und auf der Auckland-Harbour-Brücke ließen wir die Großstadt endlich hinter uns. Ja, bestimmt gibt’s dort ganz tolle Ecken oder so, aber für uns wars nur ein grauer Ort ohne Charme, und ganz bestimmt kein Grund, nach Neuseeland zu kommen. Bevor wir den Speckgürtel verließen, stockten wir noch im Bunnings (die Baumarktkette, die es auch in Australien gibt) unser Campingequipment auf. Sprich: Mückenkerzen, Campingstühle und Gaskartuschen. Die von Maori abstammende Kassierin zählte eins und eins zusammen: „Oh schön, ihr geht campen!? Fahrt nach Kerikeri in der Bay of Islands, dort komme ich her und es ist wirklich schön da!“ Ja, die Neuseeländer sind so nett und so offen, wie wir es gehört hatten – spontane Gespräche wie dieses sollten wir oft in den nächsten Wochen haben. Wir versprachen, an Kerikeri zu denken und brachen auf. Es versprach ein wunderbares Wochenende zu werden, die Sonne schien schon ordentlich warm und auch die Einheimischen schienen auf dem Weg aus der Stadt zu sein. Allerdings hatten nicht alle offenbar Strand und Camping im Sinn: Vor der Skiworld – einer winzig ausshenden Skihalle an einem Hügel – standen zig Autos und ich versuchte mir vorzustellen, wie ihre Besitzer da drin gerade im künstlichen Schnee bibberten, während draußen alles grünte und blühte.

Während wir langsam und ohne festes Ziel an der Ostküste nach Norden fuhren, versuchten wir die neue Landschaft um uns zu erfassen. Da waren tatsächlich viele, viele grasbewachsene Hügel, manchmal mit einzelnen hohen Bäumen darauf, ganz Auenland also, und zwischendurch grüne Ebenen mit kleinen Dörfern und ein paar Kleinstädten, sprich einer handvoll Läden und vielen, vielen Einfamilienhäusern. Zu unserer Unterhaltung hatten wir vom Autovermieter ein Radio bekommen, das, wann immer wir an bestimmte per GPS festgelegte und erkannte Punkte gelangten, uns in zuckersüßem Kiwi-Akzent mit Informationen, Sehenswürdigkeiten oder dem Weg zum nächsten Zeltplatz versorgte. Außerdem spielte es ab und zu Sprachlektionen, Sicherheitshinweise und zum Glück nur selten, dafür immer die selbe Werbung ab. Besonders die Tipps zum sicheren Reisen haben es uns angetan. Wann immer sich der Typ in Gefahr begeben wollte, fing eine Altfrauenstimme an mit ihm zu diskutieren und überzeugte ihn, nicht ohne Schwimmweste aufs Meer rauszupaddeln und nicht den reißenden Strom zu durchqueren – seine „inner nana“ (innere Oma). Also: In Neuseeland immer auf die innere Oma hören, dann kann nix schief gehen. Am Anfang spielte das Tourism Radio auch noch ganz vernünftige Musik, ein paar Oldies, ein paar 90er-Rock-Songs, Sweet Home Alabama und ein bisschen Happy, aber dann quälte es uns tagelang mit Schnulzen aus den 80ern, in denen wahlweise ningelnde Frauen oder Männer irgendeiner Liebe hinterhertrauern – und das sollte der „beste Mix zum Cruisen“ sein??? Manchmal hatte das Radio aber wirklich gute Tipps, weshalb wir es letztendlich öfter gehört haben, als vermutlich gut für uns ist.

So landeten wir schließen einem Tipp folgend in Mangawhai Heads, einer Bucht, die durch eine hohe Sandbank vom offenen Meer abgeschirmt wird. Die nette Zeltplatzbesitzerin erklärte uns, dass dies der erste richtig schöne Tag seit langem war. In den Wochen zuvor muss es viel geregnet haben, und tatsächlich waren viele Wiesen und Wege noch schlammig. Auch der Wind war noch ganz schön frisch, aber das war ja das Tolle an unserem neuen Mobil: Darin konnte man nicht nur schlafen, sondern auch sitzen. Am Morgen erwachten wir zu einem wolkenlosen Himmel und nach einem gemütlichen Frühstück in der Sonne – die Besitzerin hatte uns gleich angeboten, nicht püntklich auszuchecken, sondern ruhig erst mittags aufzubrechen – machten wir unseren ersten neuseeländischen Strandspaziergang. Ein bisschen schade fanden wir es, dass an den Strandparkplätzen (teilweise mit Toiletten und Duschen ausgestattet) überall No-Camping-Schilder standen – in Norwegen haben wir an genau solchen Stellen gerne übernachtet, aber in Neuseeland gibt es nur noch wenige Freicampingplätze (obwohl es prinzipiell im ganzen Land erlaubt ist) und die meisten sind nur für Wohnmobile mit eigener Dusche und Klo erlaubt. Eine seltsame Regelung, aber das müssen die Neuseeländer selbst wissen. Wenn man es wirklich will, findet man dennoch kostenlose Plätze zum Übernachten oder fährt auf die des Umweltschutzministeriums (DOC – Department of Conservation), die je nach Standard noch sehr günstig sind – für die einfachsten nur mit Plumpsklo und kalter Dusche zahlten wir 6 Dollar pro Person, ganz einfache sind sogar frei. Wir sind im Nachhinein trotzdem froh, keines der teuren und großen Selbstversorgermobile gemietet zu haben, denn auch unserem war die Benutzung von Schotterpisten bei mehr als 12 km Länge und wenn sie nicht zu einem Zeltplatz führen untersagt – aber mit so einer großen Kiste hätten wir uns vielleicht wirklich nicht getraut, sie zu fahren.

Eine der ersten Sehenswürdigkeiten lag nämlich an so einer Schotterpiste und um nichts in der Welt hätte ich sie auslassen wollen – die Waipu Cave. Man läuft etwa 50 m über eine Gänseblümchenwiese und betritt – für uns das erste Mal – „Herr der Ringe“-Wald, sprich: bemooste Steine und Stämme, knorrige große Bäume, Farne, Sonnenlicht, das golden durchs Blätterdach fällt und dann, wenn sich die Augen ans Dämmerlicht gewöhnt haben, erblickt man den Eingang zu einer Höhle, fast unscheinbar. Folgt man ihr an einem Bächlein entlang ins Innere, überquert den Bach zweimal, läuft noch ein wenig weiter rein und macht dann die Taschenlampe aus, glaubt man seinen Augen kaum. Überall an der Decke und unter Überhängen leuchtet es, als hätte jemand LED-Birnchen entlang der Risse und Tropfsteine festgeklebt. Das also waren die berühmten neuseeländischen Glühwürmchen, die anders als die deutschen ja tatsächlich Würmchen sind, genauer: die Larven der Pilzmücke. Um sie herum hängen Klebefäden und wenn ein Insekt angelockt vom Licht sich ihnen nähert, bleibt es hängen und die Larve bekommt etwas zum Essen. Die Höhle auf eigene Faust zu erkunden und mehr und mehr Glühwürmchen zu finden – das war genau, was wir wollten, und die kleine Reisegruppe, die zwischendurch durch die Höhle zog, störte die Idylle nur ein bisschen.

Nur eine kurze Fahrt und eine Kaffeepause entfernt liegen bei Whangarei drei weitere Höhlen, noch dazu in einem malerischen Gelände, das die Besitzer liebenswerterweise für Besucher öffnen. Zwischen spitzen Kalksteinfelsen und knotigen Bäumen hindurch, über Schafzäune hinweg führt der Weg nacheinander zu drei Höhleneingängen, die aber nach dem Regen der letzten Tage ziemlich glitschig waren, weshalb wir nur in den zweiten hineinkletterten. Dafür hatten wir die Höhle ganz für uns. Sie war nicht sehr groß, aber man konnte dem engen Bachlauf zwischen den Felswänden hindurch um eine Ecke folgen, und wann immer man die Taschenlampe ausmachte, wiesen einem die Glühwürmchen den Weg. Später haben uns andere Reisende erzählt, dass die anderen beiden Höhlen größer sind, dass das Wasser hüfthoch stand, als sie da drin waren (hatte ich erwähnt, dass es ziemlich frostig war?) und sie trotz Regen irgendwie rein- und rausklettern konnten. Entweder wir sind Schisser, oder die haben keine „inner Nana“.

Da wir einen Zeltplatz in der Nähe ansteuern wollten, besichtigten wir noch knapp vor Sonnenuntergang eine weitere typische neuseeländische Sehenswürdigkeit: einen Wasserfall. Davon gibt es auf den zwei Inseln tausende, genährt durch Gletscher, Quellen, Schneeschmelze… Und nein, ich konnte mich an ihnen nicht satt sehen, ich mag das Rauschen, die unterschiedlichen Formen und das „in einem Tal stehen und Wasserfälle ringsum zählen“. Die Whangarei Falls sind besonders schöne Exemplare, breit, hoch, und im Frühling wasserreich. In 15 Minuten ist man oben darüber, runter zum Fuß und auf der anderen Seite wieder hochgelaufen.

Theoretisch hätten wir schon auf dem Stückchen Neuseeland ewig nur mit Herumfahren verbringen können. Unser Radio oder unser Reiseführer schlugen immer wieder sehenswerte Abzweige vor, und ich wette sie waren auch alle toll. Außerhalb des Auckland-Speckgürtels nimmt der Verkehr deutlich ab, die Straßen sind schmal und mitunter kurvenreich und die meisten Brücken haben nur eine Spur. Am Straßenrand sitzen des öfteren Hühner oder auch schonmal eine Sau mit ihren Ferkeln im Gras. Truthähne, Schafe und Kühe zählen die Vorbeifahrenden (oder wir sie?) und alle halbe Stunde könnte man irgendwo einen Kaffee trinken – und zwar guten, günstigen Kaffee! Manchmal geht es durchs Landesinnere, über Flüsse und Bäche hinweg und an Farmen vorbei, manchmal über einen Pass mit plötzlichem Blick auf schwarze Felsen und das Meer.

Wir wollten aber auch ein wenig wandern, sind also gleich zur Bay of Islands gefahren und haben für 3 Dollar unseren Bus im ordentlich getrimmten Gras eines original Kiwi-Rentnerpaares in Rawhiti abgestellt, die nicht nur den deutschen Akzent wunderschön fanden, sondern auch noch einen Tipp für unsere geplante Wanderung hatten. Der Whangamumu Track führte zunächst durch Farmland, um dann ansteigend über einen Pass zum Meer zu gelangen. Zwischendurch muss man anfangs sehr netten, aber auf Dauer etwas eintönigen Wald durchqueren, der so dicht ist, dass er leider nur selten den Blick auf die tolle Umgebung freigibt (alles kacheln!!!). Schließlich aber landeten wir in einer Bucht, die tatsächlich nicht schöner sein könnte. Vor uns führte eine grüne Wiese hinab zum Strand, links und rechts umgeben von bewaldeten Hügeln. An den Bächen blühten Lilien und am Strand lagen Muscheln und diese ganze schöne Szenerie hatten wir mal wieder: für uns allein.

Te Toroa Bay

Te Toroa Bay

Folgt man dem Strand noch etwas weiter, gelangt man zu den Ruinen einer Walfängerstation, und von da aus – der Tipp der Rentner – geht ein schmaler Pfad einen Bach entlang zu einem kleinen Wasserfall. Gerne hätte ich noch ewig die Gegend erkundet oder am Strand gesessen, aber über dem Meer zogen zunehmend dunkle Wolken auf. Es wurde Zeit für den nicht gerade kurzen Rückweg. Wir haben es noch trocken ins Auto geschafft, aber auf dem Weg nach Russell an der Bay of Islands regnete es dann doch. Diesem Küstenort eilt ein Ruf voraus, dem er allerdings nicht mehr gerecht wird. Früher ein Moloch der Seefahrer, der den Spitznamen „Höllenloch des Pazifiks“ trug, lag es an diesem Nachmittag still und verschlafen vor uns. Weiß gestrichene Holzhäuser erinnerten an Ostseebäder, alte Bäume streckten ihre weiten Äste als Regenschutz über uns und den kleinen Hafen aus. In der Ferne lagen blasse Inseln im Meer. Mit der Fähre setzten wir über nach Opua. Zwar liegen beide Städte auf dem Festland, aber durch die vielen Buchten hätte uns die Straße einen riesen Umweg beschert. Im Nachbarort Paihia fanden wir einen schönen Zeltplatz, der ganz in der Nähe der Sehenswürdigkeit lag, die wir uns am nächsten Morgen anschauen wollte und die kein Neuseelandurlauber auslassen sollte: Waitangi.

Schon als wir mit unseren Kiwi-Kollegen in Australien Waitangi Day gefeiert hatten, ließen wir sie erklären, was es mit diesem Gedenktag Neuseelands auf sich hat – und ob es angebracht ist, ihnen am 6. Februar einen Happy Waitangi Day zu wünschen, denn sie waren alle Maori. Die Geschichte ist nämlich kompliziert. Ähnlich wie bei der britischen Besiedlung Australiens war auch Neuseeland bereits besiedelt, als es Abel Tasman 1642 entdeckte – und zwar seit etwa 300 Jahren von Polynesiern, aus denen die Maori hervorgingen. Knapp zwei Jahrhunderte später, am 6. Februar 1840 versammelte William Hobson im Auftrag der britischen Krone 45 Maori-Häuptlinge in Waitangi und brachte sie dazu einen Vertrag zu unterzeichnen, in dem sie – kurz gesagt – die Souveränität an Großbritannien abgaben, jedoch ihre Eigentumsrechte behielten. Unsere eine Kollegin betonte, dass viele Maori dem Schreiben und Lesen nicht mächtig waren, weshalb sie nur mit Kreuzen unterschrieben. Zum anderen aber haben die Maori bis heute durch den Vertrag eine rechtliche Basis, um ihre Stammesgründe zu behalten bzw. wiederzubekommen – denn nicht immer haben sich die Briten ihrerseits an die Vereinbarung gehalten. Auf dem historischen Gelände in Waitangi erklärt ein kleines Museum die Vertragsgeschichte, eines der ältesten Gebäude zeigt das Leben der britischen Abgesandten zur damaligen Zeit und ein Maori-Versammlungsgebäude gänzlich andere Schnitzereien, als wir Erzgebirger sie kennen. Aber damit nicht genug, liegt hier unter einem Holzdach auch das größte Kanu aus Kauriholz, das nur zu feierlichen Zwecken aufs Meer gebracht wird, und ein botanischer Garten, durch den man in Ruhe spazieren kann, wenn einem von den ganzen historischen Geschichten der Kopf brummt.

Damit hätten wir zwar genug Programm für einen Tag gehabt, aber nicht weit von hier in Kerikeri liegen auch die ältesten Häuser Neuseelands. Für Europäer ist das Besuchen von ältesten Dingen in Australien und Neuseeland immer etwas putzig – teilweise sind ja die Häuser, in denen wir wohnen, älter als manche Ruine hier unten. Das älteste Steinhaus und das älteste Holzhaus stammen von 1836 bzw. 1822, und man kann sie wohl auch besichtigen, aber bis auf den Laden war alles geschlossen, als wir hier waren. Es war auch gerade Ebbe und nieselte wieder einmal, weshalb Kerikeri nicht ganz so zauberhaft aussah, wie ich mir erhofft hatte – dann würden wir also direkt weiter nach Norden fahren.

Von dieser Halbinsel zweigt nämlich noch eine Halbinsel ab, ein schmaler Finger, der das nördlichste Ende Neuseelands darstellt. Auf diesem gibt es nicht viel, wenn man Orte meint, nur ein paar Dörfchen, ein Imbiss und ein winziger Lebensmittelladen sind uns begegnet. Dafür ist die Ecke landschaftlich wunderschön, und wenn wir mal wiederkommen, eine mehrtägige Wanderung Pflicht. Ringsum gibt es zahlreiche günstige DOC-Campingplätze und wer wie wir im Frühling unterwegs ist, muss auch keine Überfüllung befürchten. Auf der etwa einstündigen Fahrt über den Finger wurde die Landschaft immer hügeliger. Auf Farmland mit Schafen und Truthähnen folgten grüne Graslandschaften, durchzogen von hohen Bäumen, am Horizont tauchten Sanddünen auf und dahinter das Meer. Am Besucherparkplatz standen nur noch eine handvoll Minivans wie unserer, und außer ein paar Sonnenuntergangsguckern und Fotografen waren die meisten Touristen wohl schon wieder auf ihren Zeltplätzen. Die Sonne schien noch golden durch das Tor, durch das der Weg zum Kap führt. Wir mussten ans Nordkap denken, denn ähnlich wie dort ist der eigentlich nördlichste Punkt woanders, und im Falle Neuseelands nicht zugänglich, denn es handelt sich um einen heiligen Ort der Maoris. Von hier aus, glauben sie, wandern die Seelen der Verstorbenen nach Hause – eben dahin zurück, woher die Maoris einst auf die Inseln gekommen waren.

Cape Reinga

Cape Reinga

Während Christoph Fotos machte, spazierte ich umher und las die Entfernungsangaben am Leuchtturm. Von hier aus war alles unglaublich weit weg: London 18.029 km, der Äquator 3.827 km, die Südspitze Neuseelands 1.452 km und selbst Sydney 1.975 km. Immer wieder ein seltsames Gefühl, soweit von bekannten Orten entfernt zu sein und festzustellen, dass das Leben hier auch nicht so anders ist, Straßen Straßen und Häuser Häuser sind und auch niemand auf dem Kopf steht. Außerdem kann man hier beobachten, wie Tasmansee und Pazifik aufeinandertreffen, und ich war ein bisschen überrascht, wie deutlich man das sah. Nicht nur, dass die Farbe der beiden Meere etwas unterschiedlich war – sie trafen auch so weit entgegengesetzt aufeinander, dass die Wellen aufeinanderprallten und sich kreuzten. Die Maori haben auch dafür eine – wie ich finde – sehr schöne Geschichte: Hier treffen das männliche Tasmanmeer „Te Moana Tapokopoko a Tawhaki“ und der weiblich Pazifik „Te Tai o Whitireia“ aufeinander – und das Spiel der aufeinandertreffenden Wellen steht für das Aufeinandertreffen von Mann und Frau und die Erzeugung von Leben. Da, wo die Seelen der Toten nach Hause gehen, entsteht also auch neues Leben. Kaum war die Sonne untergegangen, ging im Osten ein großer, orange leuchtender Mond auf. In Europa hatte man an diesem Tag einen Blutmond sehen können, da er sich im Schatten der Erde befand – aber bis er hier zu sehen war, war er aus dem Schatten gewandert. Wir waren eben wirklich weit weg.

Ganz in der Nähe gibt es an der Küste zwei Buchten, in denen das DOC Campingplätze angelegt hat – und wir wählten aufgrund zunehmender Dunkelheit Tapotupotu, den näherliegenden. Zahlreiche Vans waren schon da, aber wir fanden noch einen Platz in erster Reihe, der uns beim Aufstehen Meerblick garantierte. Am nächsten Morgen war es warm, und wir konnten die Bucht in ihrer ganzen Schönheit genießen. Ein paar Mutige sprangen sogar ins Meer, aber dafür war ich ausnahmsweise doch ein zu großer Schisser. Dafür wateten wir durch das klare Wasser der Lagune und ich fand das erste Bruchstück einer Paua-Muschel, die innen in Regenbogenfarben glitzern, und für die man offenbar Glück braucht. Eine komplette Schale sollte ich nämlich bis zur Abreise nicht finden.

Weil es so ein schöner Tag war, steuerten wir am Nachmittag eine natürliche Attraktion an, die Gummiz uns ans Herz gelegt hatte: die Te-Paki-Sanddünen. Zwischen Meer und Wald erheben sich an der Westküste des Fingers riesige Hügel, in denen man sich klein vorkommt und bestimmt auch verlieren kann – oder man nutzt sie zum Sandboarden. Für 15 Dollar kann man vor Ort eines der Bretter ausleihen, die wie ein halbes Surfbrett aussehen und sich halsbrecherisch von den Hügel stürzen. Das sieht definitiv leichter aus, als es ist, macht aber auf jeden Fall irre viel Spaß. Nur mit dem Aufrechtstehen wollte es nicht lange klappen, und anders als im Schnee oder Wasser kann es auch gut weh tun, im weniger nachgiebigen Sand zu stürzen. Aber egal: mit dem Kopf voran auf dem Bauch liegend bekommt man ein gutes Tempo drauf, und mit dieser Technik trauten wir uns schließlich auch auf den steilsten Rodelhang. Nicht von ganz oben, Schisser halt, aber immerhin.

Noch eine Nacht verbrachten wir auf dem Rarawa-Beach-DOC-Camp an der Westküste des Fingers (der wirklich nicht sehr breit ist) und waren nach einigen Querelen auch wieder fast die Einzigen. Zunächst hatte das aber noch ganz anders ausgesehen: Als wir ankamen, stand ein Ranger des DOC am Zeltplatz und telefonierte aufgeregt. Unten auf der Wiese waren Jugendliche mit Müllsäcken dabei, irgendetwas aufzulesen. Die Wiese sah reichlich zerfahren und ihre Autos reichlich mitgenommen aus. Dem einen fehlte die Frontschürze, das andere war festgefahren, aber die Jungs hatten es bald frei. Plötzlich tauchten auch zwei mit der Front aus dem Gebüsch auf. Was genau hatten die hier abgezogen? Wir wussten es nicht, aber anhand der Spuren sah es nach Rumschlittern im Schlamm und Unmengen zerbrochenen Bierflaschen aus. Super Idee auf nem Naturcampingplatz, echt. Schließlich kam ein Polizist – und verordnete eine weitere Runde Aufräumen, bevor er die Jugendlichen zur Standpauke antreten ließ und vermutlich nach Hause schickte. Ein bisschen musste ich an unsere Partys in der Aue denken, nur dass kaum jemand von uns ein Auto hatte und wir klug genug waren, keine Glasflaschen zu zerdeppern. Und nie die Polizei kam. Nachdem die Bande verschwunden war, erkundete ich die Gegend. Der Platz selbst lag unter Kiefernbäumen an einem Fluss, der nur hundert Meter weiter ins Meer mündete. Nach einem kurzen Weg über die Dünen stand ich an einem endlosen Strand. Nach dem Abendessen entdeckten wir in den Bäumen unser erstes neuseeländisches Possum. In Australien jedes Mal ein Grund zur Freude, sind die kleinen durchaus putzigen Wesen DAS Grauen in Neuseeland: In der Hoffnung auf Pelzzucht eingeführt, haben sie sich vermehrt (heute geht man von 70 Millionen Possums auf beiden Inseln aus) und ganze Wälder kahl gefressen. Keine Maßnahme hat bisher wirklich geholfen, dem Herr zu werden. Dabei hätte Neuseeland von Australien lernen können: Eine fremde Tierart einzuführen ist nie eine gute Idee.

Nachdem wir den Norden gesehen hatten, würde es im Groben nun immer weiter südlich gehen, bis wir Neuseeland Anfang November von Christchurch aus verlassen würden. Noch ein Spaziergang auf dem Finger, wo man manchmal Seehunde sehen kann, dann ließen wir die Halbinsel hinter uns. Zunächst folgten wir der Westküste Northlands hinunter, denn dort liegen ein paar weitere Schönheiten, die man nicht auslassen sollte: die Riesen-Kauris. Uralte, den Maori heilige Bäume, und definitiv die mächtigsten, die ich je gesehen habe. Die Redwoods sind eher durch ihre Höhe ungewöhlich, bei den Kauribäumen ist es die Dicke des Stamms, die Höhe und die Größe ihrer Krone, die ihren Eindruck ausmachen. Nach einer weiteren Nacht auf einem DOC-Platz, wo wir in der Küche Backpacker aus verschiedenen Ländern Europas trafen, besuchten wir den Vater und den Lord des Waldes, der eine der dickste und der andere der größte der Kauris. Erstaunlicherweise haben diese Riesen empfindliche Füße, weshalb man den Boden rings um sie nicht betreten darf, um nicht eine Wurzel zu erwischen. Außerdem geht eine Krankheit in den Wäldern um, weshalb Schuhe putzen vor Betreten der Pfade Pflicht ist. Früher wurden die Kauris zu allem Möglichen verarbeitet, weil ihr Holz auch besonders beständig ist – so sehr, dass Millionen Jahre alte Exemplare, die man heute in Sümpfen findet, immer noch festes Holz vorweisen, aus dem Möbel, Schmuck, Küchenutensilien und allerlei teure Spielereien hergestellt werden. Die noch lebenden Kauris stehen nämlich inzwischen unter Schutz.

Kaum hatten wir den Nationalpark hinter uns gelassen, lagen immer wieder Kauri-Museen, -Werkstätten oder -Shops am Wegesrand. Wir hätten uns auch DAS Kauri-Museum schlechthin anschauen können, aber bei dem Gedanken an stundenlanges Herumwandern und dem Rätseln über Dinge, die nur sehr indirekt mit Kauri zu tun haben, wurde uns spontan langweilig. Wie gut, dass unsere Freunde das für uns übernommen hatten! Inzwischen sah die Landschaft zunehmend wie bei uns zuhause aus – und das sollte mir auch meine Familie später beim Anschauen bestätigen: „Wie im Erzgebirge!“ Tjaha. Zwar hatten wir vorher von anderen Reisenden gehört, die Nordinsel sehe aus wie Irland und der Süden wie Norwegen, und jetzt sahen wir es auch mit eigenen Augen. Aber: Die Kauri-Riesen waren nur eine halbe Stunde Fahrt von hier entfernt. Und die waren nunmal typisch Neuseeland.

Willkommen im Erzgebirge. Äh, Neuseeland.

Willkommen im Erzgebirge. Äh, Neuseeland.

Von Laura

(Neuseeland, Northland auf der Nordinsel, 24. September bis 1. Oktober 2015)

Werbung

Was denkst du? What do you think?

%d Bloggern gefällt das: