Wo heiße Quellen fließen und einem geräucherte Muscheln in den Mund fliegen

Weiß jemand von euch, wie man Coromandel ausspricht? Ich muss zugeben, dass ich es nach wie vor nicht weiß. Und ich wusste bis eben auch nicht, warum die Halbinsel im Norden Neuseelands diesen merkwürdigen (nicht englisch, nicht Maori) Namen trägt. Dank Wikipedia bin ich jetzt schlauer und weiß sogar, warum ich dabei immer so Südseegedanken hatte: Coromandel hieß ein Schiff, das 1820 hier vor Anker lag – und dieses war benannt nach der indischen Koromandelküste! Das neuseeländische Pendant ist nun nicht unbedingt tropisch, hat aber zumindest subtropisches Klima. Da die Halbinsel nicht sehr groß und nur an den Küsten bewohnt ist, kann man sie gut in wenigen Tagen erkunden. Wer in den Wäldern wandern will, sollte natürlich mehr Zeit mitbringen – wir sind in zwei Tagen einmal hoch und wieder herunter gefahren.

Dabei hatten wir das mit dem Wandern durchaus im Sinn. Durch die Mitte der Halbinsel zieht sich eine Bergkette mit teilweise recht spitzen Felsen – den Pinnacles. Also sind wir auf gut Glück zum DOC-Büro am Ausgangspunkt gefahren, haben dort aber erfahren, dass der Weg durchaus anspruchsvoll und am besten mit Übernachtung zu bewältigen ist, was wir aufgrund des regnerischen Wetters dann doch ablehnten. Weil wir aber in nicht allzu ferner Zukunft das Tongariro Crossing laufen wollten, und man sich in der Vorsaison dafür beim DOC nach den Bedingungen erkundigen soll, haben wir auch das getan. Und bei der Mitarbeiterin milde Verwirrung ausgelöst. Dort ist noch Skisaison, teilte sie uns mit. Und da sie am Telefon niemanden erreichte, sollten wir lieber vor Ort noch einmal nachfragen, aber: Wahrscheinlich wäre die Wanderung momentan aufgrund des Schnees und Lawinengefahr nicht laufbar. Na klasse.

Zurück am Auto erlebten wir die nächste böse Überraschung. Wir hatten für ca. 15-20 Minuten das Licht angelassen – und schwupps, war die Batterie unseres Vans leer. Es regnete, das DOC-Büro war gute 20 Minuten von der Hauptstraße entfernt in einer Sackgasse – unsere Aussichten auf Hilfe waren gering. Tatsächlich half uns aber ein Rentner, den Kleinen Richtung Hang zu rollen. Leider ist das Anlassen am Hang eine Fahrübung, die ich noch nie und Christoph das letzte Mal vor zehn Jahren durchgeführt hat. Der Van rollte, rollte – und blieb stehen. Mist. Nun standen wir auf gerader Strecke. Die wenigen Touristen, die sich an diesem Tag herverirrten, hatten natürlich kein Starterkabel. Wir hatten keinen Handyempfang. Die Frau vom DOC könne zwar jemanden aus Thames anrufen (der Kleinstadt, in der wir vorher einkaufen waren) – aber 100 Dollar wären wir dabei sicher losgeworden. Zur Frustbekämpfung und Wartezeitüberbrückung genehmigte ich mir zwei Schoko-Knäckebrote. Dann nahm das Fiasko doch noch ein glückliches Ende: Aus einer schmalen Einfahrt kam ein weißer Ute (Pickup) – wenn jemand ein Starterkabel hatte, dann doch wohl ein Ute-Fahrer! Und tatsächlich hatte der nette Mann unser Auto in fünf Minuten wieder zum Laufen gebracht. Währenddessen erzählte mir seine Frau, dass sie auf einer Farm weiter oben wohnen – und für Handyempfang auf den Berg klettern müssen. Neuseeland ist eben außerhalb der Orte doch ziemliche Pampa, aber – das kennen wir aus Australien – in der Pampa hilft man sich untereinander. Endlich konnten wir unsere Fahrt an der Küste fortsetzen.

Zunächst folgte die schmale Straße der Küste, rechts begrenzt von Felsen, links vom abfallenden Strand. Dahinter schimmerte das Meer grüngrau, am Horizont sahen wir noch einmal die Küste Northlands. Manchmal weitete sich die Ebene und ein paar Häuschen oder Gartengrundstücke säumten die Straße. Schließlich führte sie weg vom Meer und hinauf in die Wälder und grünen Hügel. An der höchsten Stelle war der Blick frei auf noch mehr Hügel, teilweise mit Terrassen, die vor Urzeiten von Maori angelegt worden waren, immer wieder unterbrochen durch türkises Wasser, das in den Buchten weit unter uns in der mittlerweile scheinenden Sonne glitzerte. Über viele Kurven fuhren wir hinab zum gleichnamigen Ort Coromandel, wo wir die Muschelbänke in der flachen Bucht liegen sahen und Traktoren über das Watt fuhren. Die Gegend ist berühmt für ihre Muscheln, die mariniert und geräuchert werden, um dann als kalter Snack gegessen zu werden. Eine Spezialität, die wir uns nicht entgehen lassen wollten. Ich bin seit vielen Jahren Vegetarierin, mache aber für landestypische, einmalige Speisen hin und wieder eine Ausnahme. Also gingen wir in ein Fischgeschäft in einem der typischen, maximal zweistöckigen Holzhäuser, wo neben geräucherten und frischen Fischfilets, Shrimps und anderem Seafood Muscheln in etwa 10 Geschmacksrichtungen auslagen. Wir wählten 6 aus, darunter Chilli, Barbeque, Kräuter und Knoblauch, bekamen eine Plastiktüte und zahlten ungefähr 5 Dollar. Jedes Exemplar hatte ungefähr die Größe getrockneter Pflaumen. Das Fleisch war überraschend fest, nicht fischig und überraschend aromatisch. Echte Leckerbissen!

Wer mit einem Geländewagen und nicht wie wir einem Mietbus unterwegs ist, kann von Coromandel aus weiter nach Norden an die Spitze der Halbinsel fahren – doch für uns ging es weiter an die Ostküste, wo wir etwas im Landesinneren bei Whenuakite einen der wenigen und günstigen Zeltplätze aufsuchten. Ein richtig backpackerfreundliches Areal mit großer Fernsehecke, Computertischen, Küche und Esszimmer. Dazu noch gutes Internet, was wir endlich mal wieder zum Skypen mit Zuhause nutzten. Zeltplätze wie dieser sind großartig, weil sie die Bedürfnisse von Langzeitreisenden und Wohnmobillosen berücksichtigen, die bei Mistwetter sonst nicht viele Optionen haben, außer auf ein warmes Abendbrot zu verzichten. Während es draußen regnete, kochten wir drinnen eine große Nudelpfanne. Noch in Melbourne beim Autoverkauf hatte mich ein 18-Jähriger – vermutlich aufgrund seiner Erfahrungen in der Hostelküche – leicht enttäuscht gefragt: „Müssen Backpacker eigentlich immer Nudeln essen?“ Jetzt wurden wir von den deutschen Mädls am Nebentisch neidig beäugt, weil ihr Abendbrot aus heimlich gepflückten, noch etwas unreifen Orangen bestand… Hier blieben wir jedenfalls zwei Nächte, denn zwei Highlights der Coromandel lagen nur wenige Kilometer entfernt: der Hot Water Beach und die Cathedral Cove.

Der nächste Tag war in Deutschland ein Feiertag, in Neuseeland ein Sonnabend in den Ferien mit ordentlich Sonnenschein. Zudem verkündete eine Tafel auf dem Campingplatz die Ebbe für nachmittags. Wir ahnten also, dass es am Hot Water Beach voll werden könnte. Es ist, wie wir aber erst viel später erfahren sollten, zwar nicht der einzige, aber wahrscheinlich der am leichtesten zugängliche seiner Art: Ein Strand, an dem heiße Quellen aus dem Sand blubbern und jeder sich seinen eigenen Pool graben kann. Wie cool ist das bitte? Egal also, wie voll es werden würde – das mussten wir ausprobieren. Christoph, ohnehin kein Freund großer Menschenansammlungen, hatte zur Vorbereitung zwei Gläser Wein getrunken. Als wir an den Felsen, wo die Quellen liegen, ankamen, war die Ebbe noch nicht auf ihrem tiefsten Stand. Ein paar gut Vorbereitete hatten ihre Pools aber bereits ausgeschaufelt und lagen mit Bier in der Hand im warmen Wasser. Schätzungsweise 30 Leute waren außer uns damit beschäftigt, eine der Quellen zu erspüren. Es ist nämlich nicht so, dass man irgendwo graben kann und auf jeden Fall warmes Wasser trifft. Also stochert man mit den Füßen im Sand herum, bis es heiß wird. Fängt an zu graben – in unserem Fall mit der kleinen Schaufel, die wir für andere Zwecke in Australien gekauft hatten, man kann für 5 Euro aber auch große in den Cafés ausleihen – und kämpft mit den Wellen um das Loch. Solange die Ebbe noch nicht ihren tiefsten Punkt erreicht hat, sind nur die am weitesten entfernten Pools sicher, unserer jedoch bekam immer wieder einen Schwall kaltes Meerwasser ab, der seine sandigen Seitenwände einstürzen ließ. Für etwa 20 Minuten ließ ich Christoph alleine, um noch ein paar Dinge aus dem Auto zu holen – als ich zurückkam, waren die Wellen zwar weit genug zurückgewichen, dafür grenzte nun Pool an Pool. Unser Exemplar war zwar gerade groß genug für zwei, dafür blubberte genau an unseren Schultern heißes Wasser aus dem Boden. Nun musste man nur die mittlerweile ca. 200 Menschen ringsum ausblenden und das Genießen konnte anfangen. Während wir in der Wärme langsam entspannten, war die Maori-Familie neben uns noch am Graben. Sie schienen kein Glück zu haben – als ich fragte, ob sie keine Quelle angezapft hatten, antwortete die Mutter: „Nun ja, ich sitze in einem Pool voll mit Kindern – ich kann mir also nicht sicher sein, warum es warm wird…“ Sie erzählte uns dann von einem anderen Strand, der vor allem den Locals bekannt war und irgendwo zwischen Northland und Coromandel-Halbinsel liegt. Auch auf einer Insel in der Nähe von White Island gibt es einen, ebenso etwa auf halber Höhe der Nordinsel an der Westküste. Welchen auch immer man ansteuert und wie voll es auch ist: Das Erlebnis ist zu absurd und auch angenehm, um es nicht zu erleben.

Wir verließen den Strand am späten Nachmittag und übergaben unsere Quellen an die glücklose Familie. Schließlich wollten wir vor Sonnenuntergang an der Cathedral Cove sein. Vom Parkplatz in Hahei sind es gute 20-30 Minuten auf und ab durch den Wald, bis man die Treppen zu dieser traumhaften Bucht hinabsteigt. Zunächst erreichten wir einen Strand, der nach beiden Seiten von hohen Felsen begrenzt ist. Linkerhand öffnet sich der Felsen aber zu einem riesigen Durchgang – der Cathedral Cove – der den Blick freigibt auf einen weiteren Strand und vom Meer umflossene Felsen, ähnlich der an der Great Ocean Road in Australien. Während Christoph fotografierte, lief ich zum Ende des Strands und kletterte über kleinere Felsen bis ich die nächste Bucht erspähen konnte. Dort saß ich eine Weile und hielt Ausschau nach Delfinen oder Walen, die manchmal hier an die Küste kommen sollen. Ich sah zwar keine, aber beobachtete, wie die in unserem Rücken versinkende Sonne das letzte Mal die Felsen und Inselchen vor uns anstrahlte. Als wir uns in der Dämmerung auf den Rückweg machten, waren wir die letzten Besucher des Tages. In einem blühenden Baum hörten wir es rascheln – und fanden im Strahl unserer Taschenlampe ein Possum samt Nachwuchs. Es ist so gemein, dass diese niedlichen Tiere aufgrund eines menschlichen Fehlers, nämlich sie auf den Inseln erst einzuführen, sterben müssen, weil sie sonst alles kahl fressen würden. Possums zu töten steht nicht nur nicht unter Strafe, sondern wird sogar belohnt. Wenig später stand in einem Artikel der Welt am Sonntag, dass eine Grundschule Geld sammelte, indem die Schüler 40 Possums aus der Umgebung erjagte. In Deutschland sammeln sie Altpapier, in Neuseeland tote Beuteltiere.

Am nächsten Morgen brachen wir Richtung Süden auf. In Whangamata legten wir eine Pause ein, schauten den Surfern am Strand eine Weile zu und besuchten einen Markt, auf dem Einheimische Abgelegtes und Selbstproduziertes verkauften. Christoph fand nach einem Gespräch mit einer Büchernärrin neuen Lesestoff, der leider nicht an Dan Brown heranreichte, der auch zu den Lieblingsautoren der Frau gehörte. Wir kosteten frische Wasserkresse bei einem Bauer und kauften frischen Salat, außerdem Marmelade einer einheimischen Frucht bei einer Rentnerin. Und trafen an einem Stand mit Souvenirs aus Kauriholz auf einen Österreicher, der vor bald 20 Jahren ausgewandert war. Wir waren vielleicht eine halbe Stunde auf dem kleinen Platz, hatten einige nette Gespräche geführt und Tipps für Wanderungen in der Umgebung erhalten. Neuseeland, so scheint es, macht es einem leicht, seine Menschen kennenzulernen.

Der Weg von der Halbinsel führt durch die Fruchtkammer des Landes. Hohe Hecken säumten die Straße, immer wieder gingen Einfahrten in die Orchards, die Obstgärten, ab. Und tatsächlich hatten unsere Freunde hier in Katikati wochenlang Kiwis sortiert. Wir wollten uns in der Nähe von Tauranga einen Zeltplatz suchen, denn in der Stadt sollte es einen Kameraladen geben – und ich hoffte, meine 400d reparieren lassen zu können. Wieder einmal war es die App Wikicamps, die uns einen absoluten Traumplatz finden ließ, der nicht im Lonely Planet stand. Gleich außerhalb der Stadt führte die Straße über eine Brücke an einem Wasserfall zum McLaren-Falls-Park. Eine Anlage mit weiten Wiesen, vielen kleinen Wegen rings um einen See, blühenden Bäumen und freilaufenden Schafen. Dort konnte man für 10 Dollar pro Person und Tag übernachten, Grillplätze, Toiletten und Duschen nutzen. Doch das eigentliche Highlight lag in einer kleinen Schlucht, wo ein Rundweg an einem Bach entlang zu einem Wasserfall und zurückführte. Bei Tag schon ein schöner Weg durch bemooste Hänge, zeigte er erst nachts seine wahre Schönheit – wie in den Kommentaren in der App empfohlen. Das feuchte Tal war voller Glühwürmchen! Überall, am Bach, an den Hängen, rings um den Wasserfall, funkelte es. Es war tatsächlich märchenhaft! Hätten wir keine Lampen gehabt (und es ist sogar empfehlenswert, sie immer wieder einmal auszuschalten), die Würmchen hätten uns den Weg gewiesen. Hänsel und Gretel hätten es in Neuseeland wahrscheinlich um einiges leichter gehabt, nach Hause zu finden…

Tauranga selbst ist keine übermäßig sehenswerte Stadt, aber nach einigem Suchen fanden wir den mittlerweile umgezogenen Laden. Der Besitzer überprüfte sämtliche Kontakte in meiner Kamera, aber: Da war nichts zu machen, außer vielleicht einschicken – und das fiel zigtausend Kilometer von zu Hause flach. Langsam musste ich mich daran gewöhnen, dass unsere erste Kamera, inzwischen 11 Jahre alt, wohl endgültig den Geist aufgegeben hatte. Und das ausgerechnet jetzt, wo wir uns dem näherten, was Neuseeland so anders als Irland oder die Alpen macht: den Vulkanen.

Von Laura

(Neuseeland, Thames bis Tauranga, 2. bis 4. Oktober 2015)

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