Das brodelnde Neuseeland – Teil I

Der stechende Geruch von Schwefel liegt in der Luft und die Landschaft, ihre Farben und Strukturen, wirken wie die eines fremden Planeten. In offenen Löchern in der Erde blubbert dunkler Schlamm, aus gelben Schloten strömt dichter Dampf und das Wasser in den Bächen schmeckt, als hätte man sich in die Lippen gebissen. Überall zischt und brodelt es. Mit Helmen und Gasmasken ausgerüstet wurden wir etwa 50 km nördlich der Küste in der Bay of Plenty auf einer kleinen Insel ausgesetzt: White Island oder Whakaari, wie es die traditionellen Bewohner des Landes nennen – der aktivste Vulkan Neuseelands.


Ich hatte mich sehr auf die vulkanische Seite des Landes gefreut, doch nie hatte ich mir auch nur annähernd vorstellen können, wie sehr sie mich in ihren Bann ziehen würde. Natürlich handelte es sich um eine touristische Exkursion und wie diese es so an sich haben, sind sie meist viel zu schnell vorbei. Man muss sich an den Zeitplan halten, darf nicht vom Weg abkommen und ehe man sich versieht, sieht man die Insel vom Heck des Schiffes immer kleiner werden. Während ich diese Zeilen schreibe, wünschte ich, ich wäre noch einmal dort. Gründliche Vorbereitung, ein persönlicher Guide, Ausrüstung und Verpflegung für ein paar Tage – ein Traum! Einsame Inseln haben seltsamerweise öfters diese Wirkung auf mich. Die Abgelegenheit und die Besonderheit ihrer Flora und Fauna wirken wie ein Magnet auf mich, alles dokumentieren zu wollen. Zum Beispiel gibt es auf White Island eine Biene, die nur hier lebt. Zu gerne würde ich sie finden und ihr zugucken – und vielleicht ein Foto machen. Auf die Frage hin, was denn das aufregendste für ihn war, antwortete einer der Exkursionsleiter: „Ein geothermaler Ausbruch vor ein paar Jahren!“ Was für ein großartiger Job, denke ich mir. Ja, er liebe, was er tut! Und ich kann es mir nur zu gut vorstellen.
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Unser Tag begann ungewohnt zeitig. Schon am Abend vorher waren wir auf den Geschmack der geothermalen Aktivitäten des Landes gekommen. Unser Zeltplatz besaß nämlich eine heiße Quelle in Form eines großen Schwimmbeckens mit einer Wassertemperatur von etwa 36°C. Zwar riecht hier alles vom Pool bis hin zum Wasser aus dem Hahn ein wenig nach Flatulenz, aber bei weitem nicht so schlimm, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Zumindest kann man hier immer alles auf den Vulkanismus schieben. Als wir aufstanden, umgeben noch dichte, von der aufgehenden Sonne beschienene Dampfwolken, unseren Zeltplatz. Auf der Fahrt nach Whakatane begegneten wir nur wenigen Leuten auf der Straße, die wohl gerade auf dem Weg zur Arbeit waren. Bevor die Fahrt nach White Island begann, mussten wir aber je noch eine Verzichtserklärung unterschreiben. Dass ein Vulkan gefährlich ist, konnten wir uns schon denken, dass sich aber durch die Dämpfe unsere Kleidung zersetzen könnte, war uns neu. Tatsächlich halten die Klamotten und Schuhe unserer Guides nur etwa 3 Monate, dann müssen neue her, erzählen sie uns. Und das bei nur 1,5 Stunden Aufenthalt pro Tag. Und auch wir sollten dies zu spüren bekommen. Das Metall an meiner Kamera war nach dem Ausflug ein wenig korrodiert und auch meine Lieblingsjacke war danach ein bisschen heller als zuvor. Das Wetter war perfekt, das Meer ruhig, die Aufregung stieg – die etwa eine Stunde lange Überfahrt konnte beginnen. Dank unseres Arbeitskollegen im australischen Roadhouse, der einmal Fischer war, wussten wir, dass sich die besten Plätze auf einem Boot am Heck befinden. Dort liegt es nämlich am stabilsten im Wasser und man wird nicht so leicht seekrank. Unsere größte Sorge war also lediglich, dass wir uns im Brechradius all der anderen sichtlich blassen Passagiere befanden, die während der Überfahrt nach und nach vom Bordpersonal in unsere Reichweite begleitet wurden. Und plötzlich tauchte da diese dampfende Insel vor uns auf. An den Hängen sah man schon die ersten Vogelkolonien, die hier abgeschottet vom Rest Neuseelands brüten. Der Seegang war glücklicherweise gering und wir konnten am üblichen Landepunkt abgesetzt werden, ohne über glitschige Felsen springen zu müssen. Wir wurden in mehrere Gruppen unterteilt, bekamen besagte Helme und Gasmasken und begannen unseren, naja, Spaziergang durch das Innere des Vulkans.
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Schon zu Beginn der kleinen Wanderung wurde uns klar, dass hier kein Platz sein wird für eigenständige Entdeckungstouren. Als wir zum Fotografieren etwas vom Weg abkamen, wurden wir schleunigst von unseren Guides zurückgerufen. Nahe des Pfades ragten zum Beispiel kleine Kuppeln aus dem Boden. Wer unversehens auf eine davon tritt, kann einbrechen und sich in einer kochend heißen Hölle wiederfinden. Die Guides machen also durchaus Sinn und erzählen auch viel Wissenswertes über die Insel, die viele Jahre für den Schwefelabbau genutzt wurde und sich nun in Privatbesitz befindet (ich möchte bitte auch mal meinen eigenen Vulkan besitzen). Auf unserem Weg Richtung Zentrum des Vulkans liefen wir auf kargem, steinigem Boden immer wieder an Dampf speienden Fumerolen vorbei. Leider kam der Wind an diesem Tag aus einer eher ungünstigen Richtung und bließ immer wieder dichte Schwefelwolken aus dem Inneren des Vulkans zu uns, was unerhört in Hals und Augen sticht. Um dem extremen Hustenreiz entgegenzuwirken, wurden an alle reichlich Bonbons verteilt – Luftanhalten und warten bis die Dampfwolke vorbeigezogen ist, war meiner Meinung nach die bessere Lösung. Zur Not hatte man zum Glück auch noch die Gasmasken. Der Blick in den Kratersee blieb uns leider größtenteils durch dichten Dampf verwehrt, dafür durften wir auf dem Rückweg vorbei an brodelnden Schlammlöchern noch eine Verkostung der besonderen Art vornehmen. Auf der Insel entspringen kleine Bäche, die abhängig von den Erdschichten, durch die sie fließen, unterschiedliche Geschmäcker annehmen. Der erste schmeckte nach Blut oder genauer gesagt nach Eisen. Der zweite seltsamerweise etwas nach Zitrus.“Würde wahrscheinlich gut zu Wodka passen“, meinte unser Guide. Zum Schluss der Wanderung konnten wir noch einen Blick auf die Ruinen der ehemaligen Schwefelmiene werfen. Alles in allem dauerte die Führung rund anderthalb Stunden und hat definitiv Lust auf mehr Vulkane geweckt. Und die sollten wir auch bekommen, denn White Island war nur das eine Ende des vulkanischen Gürtels, der einmal schräg durch die Nordinsel Neuseelands verläuft.
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Von Christoph

(White Island, Neuseeland, 5. bis 6. Oktober 2015)

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