Das brodelnde Neuseeland – Teil III

Der Wetterbericht versprach zunehmend Besserung und so brachen wir an einem noch eher trüben Tag auf Richtung Mount Egmont oder eben Taranaki, wie er heute wieder offiziell genannt wird. Wie so viele Orte in Neuseeland hat nämlich auch dieser zwei Namen. Dies hat den einfachen Grund, dass sich die Europäer, welche Neuseeland besiedelten, nicht die Mühe gemacht haben, die schon vorhandenen Einwohner zu fragen, ob der schöne Vulkan mit der schneebedeckten Spitze eventuell schon einen Namen besitzt. Oder weil die selbsternannten „Entdecker“ sehr viel Freude daran hatten, sich selbst und andere Personen zu huldigen. Ein Phänomen, was einem auch in Australien oft begegnet. Deshalb tragen viele Landschaften in Neuseeland übrigens Namen von Wissenschaftlern jeglicher Couleur. Eine Art Hype sozusagen unter den damaligen Reisenden aus dem fernen Europa. Wir begrüßen es jedoch sehr, dass viele Orte wieder ihren traditionellen Namen erhalten. Taranaki klingt auch viel schöner. Bei anderen Orten kann man sich aber beim vergeblichen Versuch der Aussprache durchaus die Zunge brechen. Dazu gleich mehr.

Auf dem Weg zu unserem ersehnten Ziel haben wir eine etwas ausgefallene Route gewählt: Den Forgotten World Highway – eine einsame, 155 km lange, durch die neuseeländische Pampa führende Straße, die nur von durchschnittlich 150 Fahrzeugen pro Tag genutzt wird. Ein einsames Schild warnt den ahnungslosen Fahrer noch, dass es hier keine Tankstellen mehr geben wird, und dass ein kleiner Teil der Straße nicht richtig befestigt ist, verdrängten wir vorerst, da es uns zwecks Mietvertrag eigentlich gar nicht erlaubt war, selbigen mit unserem Bus zu befahren. Trotz Nieselwetter haben wir diese Strecke sehr genossen. Vorbei an gefühlt der Hälfte aller neuseeländischen Schafe, abertausenden Hügelchen und kleinen halbverlassenen Örtchen trifft man etwa auf halbem Wege auf das kleine Örtchen Whangamomona (soviel zum Zungenbrecher). Die Besonderheit dieses Dörfchens liegt in ihren Bewohnern begründet. Diese wurden vom komplizierten Verwaltungssystem je zur Hälfte den beiden Bezirken zugeordnet, in dessen Mitte sie sich befinden. Dies war offenbar zuviel für die eigensinnigen Bürger und so erklärten sie sich 1989 kurzerhand für unabhängig und riefen die Republik Whangamomona aus. Einen dieser sehr speziellen Charaktere trafen wir vor der Kneipe und unterhielten uns eine Weile mit ihm. Offenbar wohnte der etwas verwildert wirkende alte Herr als Einsiedler irgendwo in den Hügeln nebenan und erzählte uns vom gemeinsamen Miteinander, Frieden und der Legalisierung verschiedener bzw. spezieller Heilkräuter. Außerdem sollten wir es uns nicht entgehen lassen, unseren Reisepass in der Kneipe stempeln zu lassen. Gesagt, getan. Das mit der unabhängigen Republik ist nämlich in der Tat kein Scherz. Für einen Unkostenbeitrag von nur zwei Dollar (der ausschließlich für die Gemeinde bestimmt ist), bekommt man einen offiziell gültigen Stempel über den zukünftig das Flughafenpersonal, wenn es ihn denn findet, ins Rätselraten kommen wird. Nachdem wir Whangamomona verlassen hatten – nicht ohne, dass uns der Herr mit „Peace, my friends“ verabschiedete – hieß uns ein freundliches Schild wilkommen zurück in Neuseeland.

An unserem Ziel angekommen, fanden wir Unterschlupf auf einem Campingplatz, der genau der alten Dame gehört, die sich die Sache mit dem Forgotten World Highway einst einfallen ließ. Außerdem lernten wir drei junge Deutsche kennen, die vorhatten, die gleiche Wanderung wie wir zu machen. Allerdings schien ihnen die Kilometerzahl zu gering, weswegen sie noch ein ganzes Stück anzuhängen gedachten. Am nächsten Morgen fuhren wir dann zum Besucherzentrum des Mount Egmont Nationalparks, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung. Die Tickets für die Wanderhütte gab es unkompliziert und ohne vorherige Reservierung bei der netten Mitarbeiterin, die uns außerdem Informationen über den Zustand des Wanderweges gab. Jetzt mussten wir nur noch unsere Rucksäcke packen und dann ging es auch schon los. Erst einmal zig hunderte Stufen den Hang des Vulkanes hinauf. Der Blick auf das flache Land rings um den Vulkan wurde von Stufe zu Stufe eindrucksvoller. Kurz oberhalb der Baumgrenze verläuft der Wanderweg dann immer leicht bergab an kleinen Wasserfällen und unzähligen Nagetierfallen vorbei. Nach etlichen Kilometern trafen wir auch einen Ranger, der gerade die alten Eier in den Fallen gegen neue eintauschte und tote Tiere, vor allem Ratten, entfernte. Auch die Possums haben im Nationalpark ganze Arbeit geleistet und einen Großteil der typischen Bäume angefressen und zerstört – ihre kahlen Äste überragen noch immer die Baumkronen. Das Wetter besserte sich mit jedem Schritt und nach einer Weile konnten wir einen ersten Blick auf den Gipfel des Taranaki werfen, der zu dieser Jahreszeit noch mit einer dicken Schneeschicht bedeckt war. Anwohner hatten uns vorher erzählt, dass man schnell ein Bild machen solle, wenn der Berg mal nicht wie den größten Teil des Jahres von Wolken umhüllt ist. Auf die Spitze kann man zwar ebenfalls hinaufsteigen, aber es wird dringend empfohlen dies nur im Sommer und mit erfahrenen Guides zu tun. Nicht umsonst gilt der Taranaki als der gefährlichste Gipfel Neuseelands. 64 Menschen sind bei dem Versuch ihn zu erklimmen bereits ums Leben gekommen.

Unsere Wanderhütte lag etwas nördlich gegenüber vom Taranaki in einem kleinem Gebirge. Dazwischen lag ein riesiges Sumpfgebiet, welches man von den Hängen des Vulkans komplett überblicken kann. Bevor wir unsere Füße also ausruhen konnten, mussten wir den Sumpf überqueren und noch einmal einen ziemlich steilen Anstieg hinter uns bringen. Und ab hier wurde es auch etwas anstrengender als zuvor. Das Sumpfgebiet war noch relativ gut mit einem Holzsteg ausgebaut, aber der Rest der Wanderung befand sich augenscheinlich noch im Bau. Überall lagen Baumaterialien und durch die kürzlichen Regenfälle mussten wir durch ein Schlammloch nach dem anderen waten. Erst kurz vor unserem Ziel trafen wir auf andere Wanderer, die sich jedoch auf die zwei Hütten, die es hier gibt, verteilten. Und während der letzten Stufen trat außerdem noch ein, wovor ich am meisten Angst hatte: Mein Knie fing an fürchterlich zu stechen. Zum Glück hatte es eine ganze Nacht Zeit, bevor es wieder gebraucht werden würde, dachte ich mir. Trotz Knie machten wir uns aber wenigstens noch zum Sonnenuntergang auf den Weg zu einem kleinen Aussichtspunkt oberhalb der Hütte. Der Blick von da oben war die Schmerzen definitiv wert. Nachdem die Sonne verschwunden war, tauchten langsam die ersten Sterne sowie die Milchstraße und die beiden Magellanschen Zwerggalaxien oberhalb des Vulkans auf.

Laut Überlieferung der Maori steht der Taranaki übrigens deswegen so allein und fernab der anderen Vulkane Neuseelands, weil er einmal mit der Frau des Tongariro fremdgegangen ist. Daraufhin wurde er an die Westküste verstoßen. Nur wenn es auf Erden Frieden gibt, darf er irgendwann mal zurück. Eine schöne Art, Moralvorstellungen von Generation zu Generation weiterzugeben. Wir vergaßen ein klein wenig die Zeit, aber weil es bitterkalt wurde, kehrten wir gerade noch rechtzeitig zurück zur Hütte, bevor die anderen Wanderer die Bergwacht riefen. Hier stießen wir auch wieder auf die drei Deutschen vom Zeltplatz. Zuerst hatten wir den Anschein, dass sie recht erfahren und sehr gut vorbereitet waren. Es stellte sich jedoch heraus, dass sie sich ein klein wenig übernommen hatten. Neben dem doch etwas zu lang gewählten Weg hatten sie außerdem viel zu viel Proviant eingepackt. Wir und auch die anderen Wanderer, ein weiterer Deutscher und eine Finnin, konnten uns das Lachen nicht verkneifen, als einer der drei einen 18 Liter Kanister Wasser aus seinem Rucksack zog und das, wo es hier oben doch ausdrücklich Trinkwasser gab. Außerdem dabei: mehrere Kilo Käse und Reis. So ganz durchdacht schien das also nicht. Auch bei der Bettenwahl hab ich persönlich nicht recht durchgesehen. Dass es mit der Privatsphäre in so einer Wanderhütte nicht weit her ist, ist ja klar. Aber obwohl noch insgesamt ganze 8 Betten übrig waren, zwängten sich die drei auf der Vierer-Liegewiese zwischen den Deutschen und die Finnin. Die werden sich gefragt haben.

Am nächsten Morgen bin ich kurz vor Sonnenaufgang aufgestanden. In Berghütten schlafe ich meistens eh nicht gut und die anderen sind auch schon fleißig am Packen gewesen, während ich mir meine Fotosachen schnappte um den Sonnenaufgang zu fotografieren. Die Wolken lagen wie ein Meer aus Watte im Tal und nur die obere Hälfte des Vulkans schaute heraus. Was hätte ich darum gegeben, dass jemand nun einen Sack Seife in den Berg wirft. Nur ein klein wenig Dampf hätte den Moment noch perfekter gemacht. Aber auch ohne Ausbruch ist das Bild vom Sonnenaufgang nun eines meiner Lieblingsbilder von unserer Reise.

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Den Rückweg habe ich aber eher in schlechter Erinnerung. Mein Knie hat sich natürlich über Nacht nicht auskuriert. Der Weg bestand von hier an gefühlt ausschließlich aus Stufen, die ich nur mit der Hälfte meiner Beine steigen konnte. Schon die menschengemachten Holztreppen am Anfang haben mich fast zur Verzweiflung gebracht. Jeder Schritt verbunden mit Nadelstichen in meinem Knie. Aber es wurde noch schlimmer. Im Urwald am Fuße des Gebirges gab es nämlich kaum noch richtige Treppen, vielmehr bestand der Weg nur noch aus natürlichen, bis zu oberschenkelhohen Wurzelstufen und es ging in einer Tour steil bergauf und -ab. Bei uns im Erzgebirge schlängeln sich die Wege seicht einen Berg hinauf. Hier wurde einfach irgendein Weg angelegt, der dann vom Regen ausgewaschen wurde. Laura war natürlich verzückt vom wunderschön verwilderten Wald, von dem ich an dieser Stelle aber leider nichts zu erzählen weiß. Zur Strafe musste sie mich zum Teil ziehen und schieben damit wir vorankamen. Ein ähnliches Schicksal hatte eine junge Französin, die wir sogar trotz Behinderung überholten. Kurz bevor wir die rettende Straße erreichten, kam uns ein älterer Herr mit seinen Wanderstöcken förmlich den unebenen Weg entgegengeflogen. Hoffentlich kann ich das in dem Alter dann auch noch, dachte ich mir. Als wir die Straße endlich erreichten, ließ mich Laura zurück, um das Auto zu holen. Bei mir ging nichts mehr und ich werde diesen Teil der Wanderung fortan nur noch als das Taranaki-Fiasko bezeichnen. Während ich am Straßenrand wartete, kam der Opa von seiner Power-Wanderung zurück und wir kamen ins Gespräch. Lustigerweise erzählte er mir, dass er am gleichen Knieproblem litt. Das machte mir Hoffnung. Außerdem gab er mir unendlich viele Ratschläge für Übungen, die ich machen, Salben, die ich nehmen und an welcher Stelle an der Hand ich per Akkupressur gegen mein Leiden vorgehen kann. Anscheinend war er auch ein riesiger Fan von Geo-Caching und hat so ziemlich jeden Cache auf der gesamten Nordinsel Neuseelands gefunden. Ein lustiger Kauz. Zurück am Zeltplatz, nach einer warmen Dusche und einem guten Essen, waren alle Schmerzen schon wieder fast vergessen. Die Wanderung am Taranaki war ein großartiges Erlebniss und dem ganzen Baumaterial nach, auf das wir gestoßen sind, zu urteilen, wird sie bald auch angenehmer zu laufen sein.

Von Christoph

(Taranaki, Neuseeland, 13. bis 16. Oktober 2015)

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4 Comments on “Das brodelnde Neuseeland – Teil III

  1. na ihr zwei hübschen- wißt ihr noch wie der track hieß am taranaki? hat das denn geklappt in raglan mit dem surfen? schreibt mal schneller-will mehr lesen und träumen 🙂 ich wär super gern mit euch dort gewesen. klingt nach einer super tour!

    • holla, du warst aber fleißig die letzten tage 😉 das freut uns mittelschwer bis sehr stark. würden auch gerne mal mit euch bisl aussie- oder nz-outback erkunden. der wanderweg am taranaki hieß Pouakai Circuit. laura hat beim surfen glaube ich mehr wasser- als brettkontakt gehabt. aber ein paar mal hat es wohl für wenige sekunden geklappt 🙂 hatte auf jedenfall ein großes strahlen im gesicht, als sie zurück gekommen ist.

    • Danke! Warum auch immer, aber WordPress hatte den Kommentar im Spam-Ordner abgelegt… Da habt ihr ja Pech bzw. wir echt Glück gehabt! Allerdings haben wir auch gehört, dass man für das berühmte Foto vom Berg im Spiegelsee ewig auf das richtige Wetter warten muss – dort war bei uns auch die ganze Zeit Nebel…

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