Die schöne Farm, die Hafenstadt und die blauen Buchten

Muskelkatergeplagt von der Taranaki-Wanderung, aber ausgeschlafen brachen wir auf nach Süden. Die letzten Tage auf der Nordinsel standen an; wir hatten hier mehr Zeit als geplant verbracht, die wir später auf der Südinsel Neuseelands abziehen würden müssen. Und die, mit ihren Bergen und Gletschern, Fjorden und Seen, sei noch viel schöner, hatten uns alle Reisenden erzählt. Wir wollten aber nicht gehen, ohne der Hauptstadt und zwei Freunden noch einen Besuch abzustatten. Danach stand die Überquerung des Queen Charlotte Sounds an und eine Fahrt an der Nordküste der Südinsel – willkommene Ruhetage bis zur nächsten Wanderung auf dem Abel-Tasman-Track.

Die Gegend zwischen Stratford und Wellington war landwirtschaftlich geprägt. Dank unseres Touristenradios lernten wir so erstaunliche Rekorde kennen wie den ersten Betonboden im Kuhstall, für den sich eines der Dörfer rühmt. Die kleinen Orte, die an uns vorbeizogen, waren nach einem ähnlichen Prinzip aufgebaut: Zwei Häuserreihen entlang der Hauptstraße, Einfamilienhäuser in umzäunten Gärten voller blühender Büsche, schließlich eine Geschäftsstraße mit maximal zweistöckigen Gebäuden, mit einem Imbiss, einem Dairy (etwa unseren Tante-Emma-Läden vergleichbar), einer handvoll weiteren Läden, einer Kirche, manchmal ein paar Industriegebäuden, bevor die Straße wieder aus dem Ort hinausführte. Dazwischen Felder und Wiesen.

Urlaub auf dem Bauernhof

In einem Rutsch bis Wellington zu fahren, war uns zu weit, und einem Tag nach der Wanderung auch zu anstrengend, weshalb wir uns einen privaten Zeltplatz auf einer Farm ausgesucht hatten, die an unserer Route lag. Er trug den wundervollen Namen Ashley Park. Beinahe wären wir vorbei gefahren – und sind froh, es nicht getan zu haben. Als wir unser Auto unter blühenden Kirschbäumen parkten, kam uns ein fröhlicher, kleiner Hund entgegen, um uns zu beschnuppern. Zwischen Hecken hindurch und an einem stattlichen weißen Haus, beinahe einer Villa, vorbei, liefen wir zu einem Antiquitätenladen, der auch als Café dient. Wir drückten auf die Metallklingel und schauten uns eine Weile um: Der lange Raum stand voll mit alten Möbeln, schwermütigen Gemälden, teurem Geschirr und allerlei Krimskrams. Ein bisschen fühlte ich mich wie in England – ohne jemals dort gewesen zu sein. Als niemand kam, entdeckten wir das Schild für Camper wie uns: Wenn keiner da ist, einfach einen Platz aussuchen und später bezahlen. Wir fuhren an zahlreichen Hühnern und einer Voliere vorbei zu einer großen, akkurat gemähten Wiese, die längs von einer Belargonienhecke geteilt wurde. Wir waren die einzigen Gäste.

Kaum hatten wir es uns gemütlich gemacht, schritten die ersten Hühner und Hähne auf unseren Bus zu. In dem Gebäude am Rand der Wiese, in dem man wohl auch Zimmer mieten konnte, befand sich neben Bädern und Küche auch ein Aufenthaltsraum mit Brettspielen, Büchern, Fernseher – und sogar Klavier und Kamin! Schließlich gingen wir bezahlen und trafen auf die Besitzerin, eine grauhaarige Lady, wie sie einem Rosa-Munde-Pilcher-Film gut zu Gesicht gestanden hätte. Den Nachmittag verbrachten wir mit einem ausführlichen Spaziergang über das riesige Grundstück, das Tiergehege, Garten und Teich umfasst. Wir sahen Esel, Schafe und Schweine, ein Strauß tanzte für Christoph, ein Truthahn beäugte uns misstrauisch und die Hühner wuselten ständig um uns herum, alle gefolgt von einer Schar Küken.

Als wir zum Garten gelangten – eine große, gepflegte Anlage mit Rosenbüschen, einem Pavillon am Teich bis hin zu einem Wäldchen mit hohen Kiefern – trafen wir noch einmal auf die Besitzerin und ihren Hund. „Das ist mein Hobby“, erwiderte sie schulterzuckend unsere Komplimente. Der eigensinnige Hund hatte allerdings nicht vor, mit ihr zum Haus zurückzugehen – sondern folgte uns. Und begann leider die Küken zu jagen. Immer wieder versuchten wir ihn davon abzuhalten, doch schließlich hatte er einen piepsenden Winzling im Maul. Die Henne war längst davongestiebt, die anderen Küken unter ihren Flügeln. Was nun? Schließlich ließ der Hund ab, nachdem ich lange genug „No!“ und „Stop“ gerufen hatte – für ihn war es wohl ein großer Spaß. Das Unglücksvögelchen piepste und versuchte sich zu verstecken. Ohne Wenn und Aber hüpfte es auf meine Hand und wollte auch gar nicht mehr gehen, als ich es in einen der Hühnerställe getragen hatte. Ja, sie sind genau so flauschig, wie sie aussehen! Nach einem leckeren Dinner mit Salat, Käse und Knoblauchfocaccia, einer Runde Wäsche waschen und einem Blick auf die Sterne machten wir es uns in unserem Bus gemütlich (so viel Platz!). Kein Vergleich mit der kommenden Nacht in Wellington.

Erst mit Whanganui lag wieder eine Stadt auf unserer Route, noch dazu eine touristische. Hier mündet der Whanganui River breit und langsam fließend ins Meer, auf dessen Oberlauf Kanuten von Zeltplatz zu Zeltplatz wandern. Diese Tour ist so beliebt, dass sie zu Neuseelands „Great Walks“ (großartigen Wanderungen) gezählt wird. Im Sommer bestimmt ein Traum – uns lockte jedoch nichts ins trübe Wasser. Am Ufer erblickten wir ein paar dutzend Stände und weil wir Märkte lieben, hielten wir an. Es gab allerlei Schmuck und Kleinkram, aber auch selbstgemachte Aufstriche, Holzofenpizza und andere Leckereien. Außerdem einen großen Obst- und Gemüseverkauf in einer Lagerhalle nebenan. Daran konnten wir natürlich nicht vorbeigehen.

Es stimmt, dass vieles in Neuseeland teurer ist als in Deutschland – vor allem Käse, sehr zu meinem Bedauern – aber manches Gemüse ist je nach Saison günstiger. Broccolini (junger Broccoli mit langen Stielen) und grüner Spargel zählten bald zu unseren am häufigsten verzehrten Lebensmitteln. Zur Erntezeit verkaufen viele Bauern Obst und Gemüse auch direkt am Straßenrand. Eier, einen Beutel mit Avocados und Tomatenchutney hatten wir auch schon aus solchen Holzkästen mitgenommen – das Geld wirft man in eine Kasse des Vertrauens.

Im Hafenviertel

Schließlich brachen wir in die Hauptstadt auf. Die Sonne schien, aber der Wind war kalt – wie passend, um in die „Windy City“ (windige Stadt) zu fahren, wie Wellington genannt wird. Dass das aber nicht nur sein Schlechtes hat, sahen wir an den Windscootern, die über einen Parkour am Straßenrand jagten. Unterwegs stärkten wir uns in einem Imbiss mit Pie, gefüllten Backkartoffeln und Kaffee und erreichten schließlich am Nachmittag die Großstadt, die nicht halb so unübersichtlich wie Auckland war. Wellington erstreckt sich auf und zwischen einigen Hügeln am Meer, das Wesentliche spielt sich aber in Nähe des Hafens ab, wo am nächsten Abend unsere Fähre ablegen sollte und auch der einzige Campingplatz der Stadt liegt. Er war schweineteuer und die Bezeichnung Campingplatz für den Parkplatz mit Toilettenhäuschen etwas übertrieben, dafür lagen alle Sehenswürdigkeiten in Laufnähe. Kim und Craig, zwei Briten, die wir in Border Village kennengelernt hatten, mussten arbeiten, weshalb wir an diesem Abend alleine loszogen.

Nicht über die Planke gehen in Wellingtons Hafen

Nicht über die Planke gehen: in Wellingtons Hafen

Wir hatten noch ein paar Stunden Zeit für Te Papa Tongarewa – das Nationalmuseum Neuseelands. Es ist kostenlos, riesig, und man kann Tage darin verbringen. Wir entschieden uns für die Abteilungen über die Entstehung der Inseln und ihre Tierwelt. Am spannendsten war die Liste der „Einwanderer“ – Tiere, die vor allem seit der britischen Besiedelung nach Neuseeland gelangt waren. Ähnlich wie in Australien war sie lang und barg viele Geschichten, die heute, wo die Folgen bekannt sind, Kopfschütteln auslösen. Wie der Versuch, Wallabies hier zu akklimatisieren – wir hatten eines der kleinen Beuteltiere bei Roturua getroffen, Possums für die Pelzzucht auszusetzen – die nun die Wälder kahlfressen sowie Marder und andere Nagetiere zum Teil unfreiwillig einzuschleppen – die den gerade hierzulande typischen Laufvögeln und Bodenbrütern das Überleben schwer machen. Am eindrücklichsten für mich waren, neben den Skeletten des ausgestorbenen Riesenadlers und Riesenemus, die Erdbebengeschichten. Eine App verriet mir seit unserer Ankunft auf Neuseeland täglich, wo die Erde gebebt hatte – und das geschah beinahe täglich. Bis auf eines waren sie nicht spürbar und schafften es nicht einmal in die Nachrichten. Wie es sich anfühlt, wie Lampen und Möbel wackeln, wird im Museum in einer begehbaren Hütte nachgestellt, die unter Schlägen erzittert, als würde ein Riese mit einem Hammer dagegen schlagen. Da ich aus einer fast erdbebenfreien Zone komme, kann ich mir das besser vorstellen, als das der vermeintlich feste Boden unter den Füßen die Ursache ist. Die Inseln Neuseelands indes werden nicht umsonst auch „Shaky Islands“ (zitternde Inseln) genannt, und leider ist es nicht immer bei wackelnden Schrankwänden geblieben. Die Beben haben viele Menschenleben gekostet und Orte dem Erdboden gleichgemacht, doch die Leute bleiben, und Städte wie Napier wurden wieder aufgebaut.

Zum Museum gehört auch ein Garten gleich am Hafenbecken mit einem künstlichen Glühwürmchentunnel, der ein magerer Ersatz für die Höhlen ist, die wir erkundet hatten. Dennoch ist es ein schöner, grüner Ort und als Wellingtoner könnte man sich quasi in der Mittagspause hier ein bisschen Dschungel gönnen. Wir hätten noch Kilometer und Stunden mehr im Museum zubringen können, ohne alles zu sehen. Überall gab es Filme, interaktive Karten und Ausstellungsstücke, Dinge zum Lesen, Anschauen und Anfassen. Te Papa war ganz nach unserem Geschmack, aber die restlichen Abteile haben wir uns für nächstes Mal aufgehoben, denn mittlerweile war es Abend geworden.

Das Hafenviertel mit seinen teuren Fischrestaurants und schicken Geschäften erinnerte uns an sein Hamburger Äquivalent, gleich dahinter schloss sich aber die Cuba Street an, wenn ich mich richtig erinnere ein Tipp von Alex. Und die war nun wieder ganz anders, zumindest ihr Anfang. Nur wenige Häuser waren renoviert, manche Fenster kaputt, obwohl die Wohnungen bewohnt waren, und die Geschäfte verkauften Skaterbedarf und Instrumente. Dank eines glücklichen Zufalls fand in der Fußgängerzone ein Streetfoodfestival statt, mit Livemusik, Leckereien und merkwürdigerweise einem Hotdog-(Fr)Ess-Wettbewerb. Für gar nicht mal viel Geld aßen wir vietnamesische Sommerrollen, gegrillte Fleischspieße und Oktopus mit Kraut und Knoblauchdip (Christoph) und vegetarischen indischen Hotdog (ich). Wie wir uns darauf freuten, in Thailand wieder häufiger essen gehen zu können! In Vietnam hatten wir nach einer Weile das eigene Essen vermisst, nun konnten wir es kaum erwarten, nicht täglich einkaufen, kochen und aufwaschen zu müssen. Aber bis dahin waren noch ein paar Wochen Zeit. Zurück auf dem Zeltplatz buchten wir unsere Fähre und hofften auf einen ruhigen Abend, doch leider lag der Platz auf der Route Richtung Innenstadt und nicht nur, dass etliche Betrunkene genau neben unserem Bus eine Abkürzung Richtung Hafen nahmen, sie fanden es auch noch besonders witzig, unser Stromkabel herauszuziehen. Für 50 Dollar die Nacht könnte doch wenigstens ein Zaun drin sein, dachte ich. Gefährlich erschien uns die Lage aber nicht, also schliefen wir mitten in der Stadt doch noch ganz gemütlich.

Für den nächsten Vormittag hatten wir uns mit Kim und Craig auf einem Markt hinter dem Te Papa Museum verabredet. Nach einem Abstecher zu dem Hostel, in dem sie damals wohnten und wo 1964 die Beatles untergebracht waren, wanderten wir durch die Stadt zum Aussichtspunkt auf dem Mount Victoria, von wo aus man ganz Wellington überblicken kann: den kleinen Flughafen am Strand, die Hügel voller Wohnhäuser, den Hafen und das Businessviertel mit seinen wenigen Hochhäusern und das nicht zufällig an Hollywood erinnernde Stadtlogo auf einem anderen Hügel. Im Park unter uns nämlich, in einer unscheinbaren Senke zwischen einigen hohen Bäumen, wurde die Szene aus „Der Herr der Ringe – Die Gefährten“ gedreht, wo Frodo und die Hobbits sich unter einer Wurzel vor einem der schwarzen Reiter verstecken. In dieser Stadt liegen auch die Studios, in denen Peter Jackson die Trilogie gedreht hat, und der Strand, an dem die Darsteller surfen gelernt haben, wie ich in einem der Reiseführer zu den Drehorten gelesen habe.

Nach einem Mittagessen in einem Foodcourt mussten wir ein bisschen Bürokratie erledigen, weshalb wir uns in die Bibliothek aufmachten, während Kim und Craig sich mit Leuten aus dem Hostel zum Lasertag trafen. Die Bibliothek liegt neben dem Kunstmuseum und anderen alten, ehrwürdigen Gebäuden, die das Hafenviertel so interessant machen. Hochhäuser und Glasfassaden treffen auf Sandstein und Backstein, Cafés auf den Ruderclub, und die Wiese vor dem Museum auf Formen aus Holz und Stein, die so konstruiert sind, dass Touristen, Picknicker, Skateboarder und Parkourkünstler sie in Beschlag nehmen. Kein Gebäude passt zum anderen, was das Stadtbild liebenswert ungeplant wirken lässt. Schließlich mussten wir uns von den Briten und der Großstadt verabschieden, denn unsere Fähre würde nicht warten.

Ein neues Ufer

Leider wurde es schnell dunkel, nachdem wir den Hafen verlassen hatten, und so blieb uns der Blick auf den Queen Charlotte Sound verborgen. Nur schemenhaft sah ich ein paar Hügel vor dem sternklaren, schwarzen Himmel, da waren wir schon fast in Picton angekommen. 20 Minuten nördlich liegt ein DOC-Camp an einer stillen Bucht, das wir in dieser Nacht ansteuerten. Wie es rings um uns aussah, sahen wir erst am nächsten Morgen: Wir campten auf einer Wiese an türkisblauem Wasser, umgeben von grünen Hügeln, ein bisschen wie in Norwegen. Südlich von Picton beginnt das Weinland, durch das wir bis Spring Creek fuhren. Es hätte einen Weg durch die Hügel im Norden gegeben, aber der hätte länger gedauert als der vermeintliche Umweg durch die Weinfelder. Schließlich führte uns die Straße wieder nach Norden, an Farmen vorbei, durch Dörfer mit weißgestrichenen Holzhäusern, an die Küste und schließlich hinab in die Ebene bei Nelson. Auf den ersten Blick ein gigantisches Einkaufszentrum, aus dem ein paar alte Kirchtürme aufragen, davor das Meer, dahinter die Berge. Am Rande der Stadt liegt das Freizeitareal mit Wasserrutschen, Mountainbikestrecke und Mini-Eisenbahn, aber im Frühling war es verwaist. Daneben auf dem Campingplatz standen außer uns auch nur ein gutes Dutzend Wohnmobile. Als ich abends den Weg zum Strand suchte und über die Hügel der Mountainbiker stolperte, habe ich niemanden getroffen. Weit hinten am Strand liefen ein paar Spaziergänger, das wars. Kein Wunder – der Wind war kalt und straff und blies den Sand um meine Füße. Zurück auf dem Campingplatz kochte Christoph in der Küche ein Festmahl für uns und wir kamen mit zwei Deutschen ins Gespräch, die nach dem Abi ein paar Monate unterwegs waren. Seitdem machten sie allerlei verrückte Ausflüge und Extremsportarten, hatten aber leider für die nächsten Tage eine Kanutour gebucht, anstatt wie wir den Abel Tasman zu wandern.

Nelson

Da wir Christophs Knie nicht so recht trauten, hatten wir uns für eine Zwei-Tages-Tour auf dem Abel Tasman Coast Track entschieden, mit Übernachtung in der ersten Hütte und Bootsfahrt zurück. Bis zur Anchorage Bay waren es von Marahau, dem Startpunkt, aus nur 12,4 Kilometer durch weitgehend ebenes Terrain, weshalb wir gemütlich am Nachmittag aufbrachen. Vereinzelt kamen uns Ausflügler entgegen oder wir sahen Kanufahrer in den sandigen Buchten anlanden. Der Weg führte oberhalb der Küste durch den Wald, der immer wieder den Blick auf türkises Wasser, gelbe Strände und die grünen Berge am Horizont freigab. Manchmal trafen wir auf kleinere Pfade hinunter ans Meer; manche führten zu einfachen Campingplätzen, die wie die Hütten vom DOC, der staatlichen Umweltschutzabteilung, betrieben werden. Ein Abzweig führte uns zu einem Bach, der ins Meer mündete, und zu einem schmalen Strand daneben, ein paar Steinen zum Sitzen und einer Insel vor uns und ich konnte kaum fassen, wie wunderschön das alles war. Nach einer weiteren Abzweigung kletterten wir auf den Elefantenfelsen und fragten uns, wie es sein kann, dass überall auf der Welt Felsen ausgerechnet die Form von Elefanten annehmen. Exemplare mit diesem Namen gibt es unter anderem in Island, China und den USA. Schließlich gelangten wir auf eine Anhöhe, von der aus wir linkerhand eine beinahe kreisrunde Bucht und ein Haus im Wald erblickten – unser Ziel für den Abend. Im schon goldener werdenden Licht liefen wir hinab zur Küste und am Strand entlang zur Anchorage-Hütte.

Anchorage

Was uns dort erwartete, war ein Nationalparktraum! Ein neu gebautes Holzhaus mit einer Reihe von Zimmern und sauberen Toiletten an einem Ende, einer großen Küche mit Tischen und Holzofen am anderen stand inmitten großer Bäume gleich hinter den Dünen. Ringsum verliefen Holztreppen und überall darauf saßen Wanderer in der Abendsonne. Wir gaben unsere Buchungszettel beim Ranger ab und reservierten uns zwei Betten in einem der Zimmer, alle ausgestattet mit Doppelstockbetten und großen Rucksackregalen. Der Ranger wohnte in einem eigenen, grün gestrichenen Holzhaus wenige Meter nebenan. Wir vermuteten, dieser Job sei heiß begehrt und Streitobjekt unter den DOC-Mitarbeitern, doch der ältere Mann erzählte Christoph am nächsten Morgen, dass er ein ganzes Jahr in der einsamen Bucht verbringt, abgesehen von ein paar Wochenenden, und dass er diesen Lebensstil liebt – es sei denn, 400 Schulkinder kommen in die Hütte und auf den umliegenden Campingplatz, denn „Kinder sind immer so laut und dreckig und atmen!“, sagte er halb lachend, halb ernst und wir beobachteten dementsprechend aufmerksam, als tatsächlich eine Schulklasse ankam. Noch vor dem Abendessen – Instantnudeln – liefen wir schnell und barfuß zum Ende der Bucht, denn vor Sonnenuntergang wollten wir noch die Felsen und kleinen Höhlen erkunden.

Die Küche am nächsten Morgen

Die Küche am nächsten Morgen

Im klaren Wasser erblickten wir einen Stachelrochen, der uns ein Stück begleitete und den wir Jochen nannten. Am Felstor hatten viele Reisende ihre Unterschrift hinterlassen, manche gingen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Wahrscheinlich war es damals einfacher, per Boot in die Buchten zu gelangen, heute aber ist der Weg extrem gut ausgebaut – fast zu gut. Was wir am Taranaki an geraden Wegstrecken vermisst hatten, wurde uns hier beinahe zu viel. Der Track war offenbar brachial aus den Hängen gefräst worden. Wir hatten nicht sehr viele Wanderer getroffen, aber wir hörten später von anderen, dass im Sommer tausende pro Tag unterwegs sein sollen. Klar, wenn es warm genug zum Baden ist, führt dieser Wanderweg ins Paradies. Den Abend verbrachten wir mit den anderen Deutschen – genaugenommen hatten wir kein Wort gehört, das nicht deutsch war – in der Küche, darunter zwei Mädchen, die den gesamten Weg inklusive Rückweg im Inland liefen und die deshalb wie wir nur eine kurze Etappe für den nächsten Tag eingeplant hatten. Alle anderen hatten einen frühen Start geplant und schnarchten schon, buchstäblich. Das erleichterte mir das Einschlafen später nicht, wohl aber, dass ich dank der zusätzlichen Decke, die Christoph heimlich für mich eingepackt hatte, anders als am Taranaki in meinem Sommerschlafsack nicht fror.

Für den ersten Abschnitt auf der 2. Etappe gibt es 2 Optionen: im Wald um die Torrent Bay herum oder quer durch die Bucht – was aber nur bei Ebbe empfohlen wird. Und die hatten wir knapp verpasst, weil wir den warmen und sonnigen Morgen für einen Abstecher auf den Hügel hinter der Hütte und hinunter in eine abgelegene Bucht genutzt hatten. Der Weg durch den Wald ist zwar länger, hat aber einen Pluspunkt. Ein Abstecher am Fluss, den eine Brücke quert, führt zu Cleopatra’s Pool. Über rundgeschliffene Felsen fließt hinab in verlockende Badebecken, einer ägyptischen Pharaonin durchaus würdig. Der Weg um die Bucht wurde mir danach doch etwas müßig, aber es nützte nichts – ein Möglichkeit zum Abkürzen gab es nicht mehr. Am anderen Ende erreichten wir ein Dorf und ich hoffte auf Kaffee, vielleicht ein Eis – doch Pustekuchen. Ein paar Sommervillen reicher Neuseeländer standen hier, und nichts weiter. Eine Wohnsiedlung mitten im Nationalpark erschien mir ungewöhnlich, sympathischer fand ich, dass die anderen Einrichtungen für alle da waren. Dafür war der Strand eine Schönheit und so picknickten wir am Rand auf einer Bank unter den Bäumen, probierten die selbstgebaute Schaukel und sahen den ersten mutigen Schwimmern zu (vielleicht bin ich einfach eine Frostbeule?).

Eine glückliche Möwe

Eine glückliche Möwe

Danach folgte noch ein böser Aufstieg, der Christophs Knie wieder zu schaffen machte, dann verlief der Weg vor allem durch den Wald, bis er an der Stechmückenbucht wieder in Küstennähe führte. Rechtzeitig gelangten wir nach 11,5 km in die Bark Bay und hatten noch ein wenig Zeit, am Strand zu entspannen, bis uns das Wassertaxi einsammelte. Weil der Kapitän noch zu früh dran war für den Termin in der Nachbarbucht, fuhren wir noch ein Stück in eine Flussmündung hinein, was im Vorjahr nicht möglich gewesen sein soll. Er erzählte uns von einem Sturm, der eine lange Sandbank angeschwemmt hat, hinter der sich der Fluss nun staut und nur durch eine schmale Öffnung, die unser Boot nahm, mit dem Meer verbunden ist. Schließlich holten wir die restlichen Touristen in der Anchorage Bay ab und waren in insgesamt 45 Minuten zurück in Marahau, wo das Boot auf einen Traktorhänger gezogen wurde und mit uns noch in den Sitzbänken durch das Dorf fuhr. Die Rückfahrt war, abgesehen von diesen denkwürdigen Minuten, auch eine etwas ernüchternde Erfahrung: Die selbe Strecke hatten wir in 2 Tagen zu Fuß zurückgelegt. Aber gut, die Wasserfälle, die Aussichten, die Hängebrücken über die Flüsse – all das hätten wir vom Boot aus nicht gesehen. Beim nächsten Mal würde ich allerdings mit Kanu von Bucht zu Bucht fahren und dort zelten, abends Feuer unterm Sternenhimmel machen, irgendwann einmal… Je länger man reist, desto länger wird die Liste der Träume.

Falls River im Abel Tasman National Park

Falls River im Abel Tasman National Park

Auf dem Rückweg nach Nelson – die Straße nach Marahau endet dort – kauften wir uns Bier zur Belohnung und wurden mit 5 km/h zuviel geblitzt, was wir erst Monate später erfuhren und was uns dank Bearbeitungsgebühr der Mietwagenfirma 75 Dollar zusätzlich zu 30 Dollar Strafe kostete. Hätte uns den Abend versaut, wenn wir es gewusst hätten. Haben wir aber nicht, weshalb wir es uns noch einmal in der Campingküche gemütlich machten, bevor wir am nächsten Tag Richtung Westküste aufbrachen.

Von Laura

Neuseeland, Stratford bis Nelson, 16. bis 21. Oktober 2015

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