Bangkok: Das muss man erstmal verdauen.

Auf 6 Wochen Vanlife in Neuseeland folgten 5 Wochen Rucksackreise durch Thailand. Bis auf die Ankunft in und den Abflug aus Bangkok stand nichts fest, die Zeit dazwischen wollten wir kurzfristig mit Reisezielen füllen. Unsere Transportmittel sollten Bus, Boot, Taxi, Moped sein – alles, was sich anbieten würde. Übernachten wollten wir in Hostels, Bungalows und einfachen Hotels – in allem, was unserem Budget entsprechen und nett klingen würde.

Das Resultat:

Bus Boot Pickup-Bus Tuktuk Skytrain Metro Taxi Moped
III IIIIIII IIIII III II III III I
Homestay   Hotel/Pension   Bungalow      
II   III   II      

Begonnen hat alles – nach unserer einzigen Taxifahrt in Thailand, die deutlich mehr als nötig gekostet hat – in einem Homestay in einer ganz und gar nicht touristischen Ecke der Großstadt. Aaron, ein Mann Anfang Vierzig mit kurzen Haaren und Brille, stand auf der Straße, um uns und dem Taxi zu signalisieren, wo wir hinmüssen. Das dreistöckige Haus lag beinahe am Ende einer Häuserzeile, und außer einem kleinen Schild wies nichts daraufhin, dass es ein Gasthaus ist. Mit akzentfreiem Englisch begrüßte er uns – in meiner Müdigkeit, es war 2 Uhr nachts, begriff ich etwas verzögert, dass er kein Thai, sondern Amerikaner ist – und führte uns hinein. Seine thailändische Frau Niddy schlief auf dem verhältnismäßig kühlerem Fließenboden im Wohnzimmer, da ihr Schlafzimmer hintenraus sehr heiß sei und sie morgen früh arbeiten müsse, erklärte er. Dann nannte er uns die 3 Regeln des Speakeasy Homestays: 1. Das ist unser Zuhause, kein Hotel, alsosagt uns, wenn irgendwas fehlt. 2. Wir sind eine Familie – also kümmern wir uns umeinander. Wenn jemand krank ist, können er oder Niddy, die Krankenschwester ist, helfen. 3. Zum Abschied gibt es eine Umarmung. Zu diesem Zeitpunkt – mitten in der Nacht, erstmals der Schwüle Bangkoks ausgesetzt, nach einem langen Flug – war ich davon überfordert. Ich wollte nur noch schlafen. In den nächsten Tagen sollten wir aber begreifen, dass es den beiden durchaus ernst damit war: Sie halfen uns, wo sie konnten und wir fühlten uns so wohl, dass wir am Ende unserer Reise wieder dort wohnten.

Ausgewählt hatten wir das Homestay, weil es nicht in einer touristischen Ecke lag, wovon wir uns „echtes Thailand“ – was immer das heißen mochte – versprachen, weil es dennoch zentrumsnah war und weil es ein Katzen-Hostel war(!). Zehn Katzen, die unsere Gastgeber und auch ihre Gäste von den Straßen ringsum gerettet hatten, streunten durchs Haus, lagen mal hier, mal da, holten sich Streicheleinheiten ab oder lugten durch einen Spalt in der Tür, um uns abzuchecken.

Mitbewohner

Wir hatten zunächst ein Doppelzimmer im Erdgeschoss bezogen, mit großem Bett (statt Decke gab es ein XXL-Seidentuch), Schränkchen, Büchern und Ventilator. Davor lag ein großer Café-artiger Raum mit Holz- und Ledersesseln, Theke und allerlei Vintage-Deko. Vorbei an den Katzenklos ging es zum Badezimmer, dass wir uns mit den beiden und ein paar anderen Gästen teilten. Es war ein niedriger, beton-grauer Raum, in dem die Dusche (das kannten wir schon aus Vietnam) einfach von der Wand hing. Beim Duschen wurde also unweigerlich der ganze Boden, manchmal auch die Toilette nass, wie ich an unserem ersten Morgen herausfand. Aber dafür machte Aaron ganz hervorragenden Eis-Kaffee – genau das Richtige für Südostasien, wo es auch über Nacht selten abkühlt. Nicht etwa mit Vanilleeis, wie wir es kennen, sondern einfach als frischen Milchkaffee mit Eiswürfeln. Spät, dafür halbwegs ausgeschlafen, mit Karten ausgestattet und nur einer groben Idee, wohin wir wollten, öffneten wir schließlich die Tür, die unser Zuhause auf Zeit von der Stadt trennte und spazierten los.

Direkt auf der anderen Straßenseite lag ein buddhistischer Tempel, vor dem jeden Morgen eine Garküche öffnete. Aus zahlreichen Blechtöpfen konnte man sich Gerichte aussuchen. Aaron hatte mir beigebracht, auf Thai nach Speisen ohne Fleisch zu fragen. Leider gab es hier nichts vegetarisches. Später sollten wir herausfinden, dass wir das beste Essen Bangkoks direkt im Umkreis von 100 Metern finden konnten, an diesem Tag zogen wir weiter. Das Homestay lag wenige dutzend Meter vom Ufer des Flusses Chao Phraya entfernt, der sich wie ein gigantisches hellbraunes Band um das Zentrum Bangkoks zieht. Vom Ende der Straße aus fuhr eine Fähre über den breiten Fluss, die 6 Baht (15 Cent) pro Person kostet, morgens bis abends aller 10-15 Minuten ablegt und am anderen Ufer in Chinatown anlegt. Unterwegs sahen wir grüne Schlingpflanzen mit breiten Blättern, die sich an der Oberfläche im Wasser wiegten, Plastikflaschen und Holz dazwischen, an den Ufern goldene Tempelspitzen, hohe, dunkelgrüne, unbekannte Bäume, weiße Hotels mit vielen Balkonen und, fast im Dunst am Horizont verschwindend, Wolkenkratzer. Mit uns fuhren Kinder in Schuluniformen, Mönche in orangenen Kutten – die ich als Frau weder ansprechen noch aus Versehen berühren durfte -, Männer, Frauen, manche im Gespräch, manche nuckelten an Strohhalmen, um an die eisigen, eingefärbten Getränken zu gelangen, die in durchsichtigen Bechern verpackt in einem Beutel an ihren Handgelenken baumelten. So konnten sie nur von der Luft erwärmt werden, und nicht versehentlich von warmer Haut, begriffen wir nach einer Weile.

Dort, wo die Fähre anlegte, konnte man für 10 Baht etwas kaufen, was wie Hundefutter aussah, um es mit bunten Plastikschaufeln in den Fluss zu werfen. Dort schoben sich große Fischleiber übereinander, sobald die braunen Kügelchen die Wasseroberfläche berührten. Außerdem konnte man in der Fährstation Lottotickets, Blumen und in metallisch glänzendes, buntes Plastik verpackte Nahrungsmittel erstehen. 20 Meter weiter an einer Häuserecke leuchteten uns die grünen und orangenen Streifen über dem Eingang eines 7-Eleven an. Die Kette kannten wir aus Australien, wo es darin Sim-Karten, alkoholfreie Getränke und Snacks ähnlich wie in einem Tankstellenshop zu kaufen gibt. Thailändische 7-Eleven führen auch Getränke, inklusive verschiedener Biere, plastikverpackte Snacks, die man z.T. vor Ort in der Mikrowelle „zubereiten“ kann, allerlei Kosmetikbedarf bis hin zu Medikamenten. Da sie auch Trinkwasser, Kekse und manchmal Geldautomaten hatten, waren wir oft in 7-Elevens.

Vor diesem am Fährterminal stand die meisten Tage ein Streetfoodstand besonders leckerer Art: Er servierte Bananen-Eierkuchen. Da es mir vor allem in den ersten Tagen schwer fiel, vegetarische Gerichte auf den Straßen Bangkoks zu finden, die nicht in Würfel geschnittenes Obst waren, griff ich einen Tag auf dieses angeblich für westliche Backpacker erfundene Gericht zurück. Bereits die Zubereitung ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen: Der Koch strich den Teig auf eine großzügig eingefettete heiße Platte, schnibbelte Bananen klein, die er auf dem Teig verteilte, streute etwas Zucker darüber. Dann folgte ein komplizierter Prozess aus Falt- und Wendevorgängen, bis das rechteckige, etwa 2cm hohe Produkt ringsum goldbraun gebraten war. Sodann verfrachtete er es auf eine Pappe, streute noch einmal Zucker darüber, goss gezuckerte Milch aus einer Dose darüber (mehrfach ertappte ich mich bei dem Gedanken, der übermäßigen Verwendung von Fett und Zucker Einhalt zu gebieten, aber man isst eine solche Delikatesse ja nicht alle Tage) und schnitt den fertigen Pancake schließlich in kleine Rechtecke, die sich mit einem Zahnstocher anspießen und zum Mund führen ließen. Einige viel zu schnell vergehende Minuten später war ich für umgerechnet rund 1€ pappsatt und glücklich.

Banana Pancake

An einem anderen Tag entdeckten wir die einheimische Variante der Eierkuchen: Kokos-Pancakes, die in Backformen mit etwa 5cm breiten Mulden gebacken wurden. In die Mitte waren Maiskörner, Schnittlauch oder etwas, das wir für Fleischstücke hielten, gedrückt. Jeweils zwei dieser Mini-Eierkuchen wurden dann zusammengedrückt und für wenige Baht verkauft. Praktischerweise gab es diese kleine Frühstück wenige Meter von unserem Homestay entfernt. Aber ich schweife ab. Wir waren ja nicht nur zum Essen hier. (Obwohl auch das ein lohneswertes Reisevorhaben ist!) Wir hatten uns – in dem Wissen, dass wir in fünf Wochen wieder von hier weiterfliegen würden – aber auch nicht allzuviel vorgenommen.

Den ersten Tag stromerten wir kreuz und quer durch Chinatown (und hatten keine Speicherkarte in der Kamera). Seine Hauptstraße war leicht zu erkennen: An den hohen, modernen Gebäuden hingen Werbetafeln und Leuchtreklamen mit chinesischen Schriftzeichen. Auf den Fußwegen verkauften Händler Nüsse und Obst, in den Schaufenstern lagen goldene Uhren und Schmuck auf roten Samtpolstern. Bog man allerdings in eine Seitengasse ab, fand man sich in einem Labyrinth aus Marktständen wieder. Auf Tischen links und rechts des schmalen Weges, den wir nur hintereinander entlangschlendern konnten, und auf dem stehenzubleiben und Auslagen zu betrachten einen Stau verursachte, stapelten sich Stoffballen, Gardinen, allerlei Nähzubehör, Spielzeug, Kitsch aller Art, und wieder Stoffe, Stoffe und Stoffe, deren Material von den Einkäuferinnen kritisch befühlt wurde. Irgendwann, es können wenige Minuten oder eine halbe Stunde gewesen sein, traten wir auf der anderen Seite ins Freie.

Mit nur einem groben Stadtplan ausgestattet fanden wir dennoch den Weg ins touristische Zentrum Bangkoks – zu den berühmten Tempeln. Der „Liegende Buddha von Wat Pho“ stand als eine von wenigen Attraktionen auf unserer Liste. Kaum hatten wir den Eintritt bezahlt, betraten wir eine andere Welt innerhalb der Tempelmauern.

Im Tempelgelände

Es war ruhig, sauber (auch die Toiletten, die jedoch der Kultur entsprechend papierlos sind, ich hatte deswegen immer Taschentücher dabei) und bunt. Kleine, schüchterne Straßenkatzen kletterten über die Baumwurzeln, Schüler saßen im Schatten und zeichneten, und ihnen wie uns bot sich ein prachtvoller Anblick: Die Tempelgebäude waren reich verziert mit Perlmutt, bunten Fließen und goldenen Spitzen auf den Türmchen. Wir schauten mal in jenen Innenhof, dann in diesen Tempel. Der Haupttempel durfte nur barfuss betreten werden. Man betritt ihn auf der Kopfseite des 46 Meter langen, liegenden Buddhas. Rechterhand erzählen Wandmalereien mir unbekannte Geschichten, linkerhand liegt die riesige goldene Statue auf der Seite und lächelt entspannt und geheimnisvoll. Berühmt ist er auch wegen seiner perlmuttverzierten Fußsohlen, doch die wurden während unseres Besuchs gerade restauriert. Als wir wieder hinaustraten und unsere Schuhe anzogen, hörte Christoph einen anderen deutschen Touristen vor sich hinmurmeln: „Voll enttäuschend. Indien war schöner!“ Nun waren wir zwar noch nicht in Indien, aber der Wat Pho Tempel war kein bisschen enttäuschend. Dafür entdeckten wir auf dem Rückweg noch das indische Viertel Bangkoks, mit wieder anderen Gerüchen und Werbetafeln.

Im Nachhinein verschwimmen diese Tage in Bangkok zu einer Einheit aus Schlafen, Eiskaffee trinken, Fährfahrten (die günstigste und einfachste Transportart, gerade um die Innenstadt zu erkunden) und Schlemmereien. Der große Tempel war uns mit seinen Schlangen vorm Eingang und seinem Ausmaß – eine Nummer zu groß. Vor allem in der Schwüle des Nachmittags mit den sich auftürmenden Gewitterwolken am Horizont. Stattdessen sahen wir mamorne, kühle Malls und Hotels, stickige, feuchte Fährterminaltoiletten, das Hinterhofchaos des Pak Khlong Marktes, wo tagsüber Unmengen Gemüse, Zwiebeln und Knoblauch verkauft werden, nachts sind es Blumen. Überhaupt, Blumen. Trotz der Hitze vermochten es die Straßenhändler Bangkoks an allen Ecken lange, rote Lilien, bunte Sträuße, aber vor allem orangene Gebinde mit frischen Blüten zu binden und zu verkaufen. Wir spazierten an Kanälen vorbei, durch enge Straßen, entlang weiter Alleen, durch den grünen, großen Lumpini Park mit seinen wilden Riesenechsen, nur nicht entlang des Flusses, denn dessen Ufer sind leider fast vollständig bebaut.

Einen Abend machten wir mit Aaron und Niddy sowie einigen der anderen Gäste – dank der offenen Atmosphäre lernte man sich schnell kennen –  einen Ausflug auf einen Nachtmarkt, aber keinen gewöhnlichen. Er lag im Hochhausviertel, soweit ich mich erinnere, und deswegen erreichten wir ihn nach einer kurzen Tuktukfahrt, für die Niddy den Preis aushandelte, mit der Metro, die es nur in einigen Stadtteilens Bangkoks gibt, die aber ein günstiger, schneller und kühler Weg ist von A nach B zu kommen. Jedenfalls betraten wir den Parkplatz neben dem Markt, und uns fielen sofort die vielen jungen, hippen Thais auf, die mit uns auf den Markt gingen. Es war ein Retro-Markt! In der Mitte standen ein paar vermutlich neue Backsteingebäude mit Kneipen und Läden, ringsum die üblichen Markstände und Bars in umgebauten VW-Bussen! Auf diesem Markt konnte man wie auf allen Mäkten gut und günstig essen, aber sich auch von einem Barbier frisieren und rasieren lassen, Converse-ähnliche Schuhe mit Plateausohlen kaufen, außerdem bedruckte T-Shirts, Goldrandsonnenbrillen, alte Holzmöbel und alles, was man sich unter Vintage noch so vorstellen kann.

Aaron hatten es die alten, tschechischen Mopeds angetan, die in einer Bar ausgestellt waren. (Später entdeckte ich, dass das alte Motorrad im Hostel eine MZ war! Und ich komme zufällig aus der Stadt, wo die früher hergestellt wurden. Wieder mal ein Beweis, wie klein die Welt ist.) Die Retro-Hipster-Welle nimmt bisweilen aber auch schräge Züge an: Eines Tages entdeckten wir ein Café in einem der teureren Viertel der Stadt, dass versuchte, wie eine Straßenkneipe auszusehen. Die kleinen Dächer waren aus Wellblech, Holzboxen dienten als Regale, überall hingen bunte Küchenutensielien – nur zur Deko, versteht sich. Hier hatte jemand versucht, etwas neu und teuer nachzubauen, was es in echt nur wenige km entfernt gab. Oder war das nur ein geschickter Vorgriff darauf, dass es die echten Garküchen bald nicht mehr geben soll?

Im April 2017 sorgten jedenfalls Meldungen für Aufregung, dass Bangkok seine berühmten Streetfoodstände verbieten will. Ohne all die Stände kann ich mir das Straßenbild gar nicht vorstellen. Gut, Fußwege böten dann vielleicht tatsächlich Platz zum Gehen oder würden von anderen Händlern beschlagnahmt. Aber wonach würde es riechen? Wie würden sich 8,3 Millionen Menschen ernähren? Die offizielle Tourismusagentur der Stadt versuchte schnell, die Lage zu beruhigen: Es handele sich keineswegs um einen Bann, sondern den Versuch, die geschäftigsten Fußwege freizubekommen – und die Essenstände in Märkten nebenan zu organisieren. Diesem Artikel zufolge hat sich aber tatsächlich viel getan auf den Straßen Bangkoks, viele Händler sind weg, aber erst vier (!) dieser neuen Märkte eröffnet – und die Leidtragenden sind vor allem die einfachen Arbeiter der Stadt. Auf der Straße etwa, auf der unser Homestay lag, zogen sich auf der linken und rechten Straßenseite Essenstände über bestimmt hundert Meter entlang – nicht für Touristen, für die Einheimischen.

Es gab Stände, die frisches Obst und Gemüse verkauften, frischen Fisch und Fleisch, in Plastik verpackte Nudeln, Gewürze, Backwaren und zubereitete Gerichte aller Art. Nudelpfannen, Suppen, Omeletts, Salate. Die Speisen konnte man entweder mitnehmen, wofür sie in eine feste Plastiktüte gefüllt wurden, oder direkt vor Ort auf Hockern sitzend in einem Plastikteller (diese dann meist wiederverwertbarere Art) verzehren. Auch die Geschäfte am Rand des Fußweges verkauften vor allem Nahrungsmittel, dazu kam noch eine Markthalle, in der es erneut alle Zutaten zu kaufen gab und eine Seitengasse, in der sich weitere Grill- und Kochstände sowie ein kleiner Getränkeladen befand, dessen Besitzerin Verwandschaft in Köln hat, ein bisschen Englisch spricht und kaltes Bier und thailändischen Schnaps verkauft. Zweimal die Woche wurde der Platz schräg gegenüber vom Homestay abends von weiteren Markthändlern beschlagnahmt.

Mit Hilfe der Einheimischen funktionierte das immer irgendwie. Dass keine Fischsoße und ähnliche nicht-vegetarische Zutaten in den Speisen landen, kann man nie wissen, weshalb ich in Südostasien dabei ein Auge zudrücke. Ich as in den ersten Tagen unter anderem: die obligatorischen Bratnudeln mit Ei und Gemüse – Pad Thai, Pilzsuppe mit dunkler, klarer Brühe, Salat, Milchbrötchen in süßer und herzhafter Variante, Teilchen mit Pudding, frittiertes Ei in süß-salziger Zwiebelbrühe mit Reis und entdeckte dank unserer Gastgeber bald mein Lieblingsgericht: Pad Seo. Besonders breite, lange Bandnudeln werden mit Gemüse in Bohnen- und Sojasoße geschwenkt, wodurch die Nudeln das ganze Aroma aufsaugen. Das Straßenrestaurant, in dem ich das zum ersten (und fünf Wochen später zum vorerst letzten) Mal aß, hätte ich ohne Niddys Hilfe nicht gefunden und erst recht nicht gewusst, wie man bestellt. Eine Karte gab es nicht, aber eine Reihe typischer Thai-Gerichte, die frisch zubereitet wurden. Wir saßen währenddessen auf Hockern an einem beleuchteten Tisch mit Wachstuchdecke vor einer Hauswand in einer dunklen Gasse Bangkoks und genossen bald darauf ein köstliches Mal. Situationen, die man nach ein paar Tagen nicht mehr hinterfragt.

Von dieser Straße, auf der wir uns schnell wohl fühlten, zu einer, die nicht gegenteiliger sein könnte: Der Khao-San-Road. Offenbar ist es unter Thailand-Reisenden so: Man liebt sie oder man hasst sie. Ich gehöre zur zweiten Gruppe. Ich war voreingenommen, klar. Vor allem durch das Buch „The Beach“ von Alex Garland, wo Hauptfigur Richard vor seiner Suche nach der Trauminsel seinen furchtbaren Aufenthalt dort beschreibt (zum Anfang des Buches: hier entlang). Nüchtern betrachtet ist es nicht mehr als eine Straße im Touristenviertel Bangkoks mit zahlreichen Restaurants, Hostels und Hotels, Souvenir- und Kleidungsläden plus einigen Gewerben, die die Touristen anziehen (im beiderseitigen Sinne): Tätowierer, Fake-Ausweis-Hersteller, Schmuckhändler, Touranbieter. Einzig aus diesem Grund waren wir hier: Um bei einem Busunternehmen den Transport auf die Insel Kho Thao zu buchen.

Khao San

Eine Adresse in Bangkok zu finden ist nicht ganz einfach. Selbst auf dem Weg zur Khao San hatten wir uns einmal verlaufen. Ein Tuktukfahrer bot uns zunächst an, uns für 10 Baht hinzufahren. Dank Lonely Planet wusste ich aber, dass das eine Masche ist: Eine Tuktuk-Fahrt, die so billig ist, führt nicht auf geradem Weg zum Ziel, sondern über diverse Läden. Als wir dankend ablehnten, zeigte er uns aber dennoch die richtige Richtung. Nachdem wir irgendwo freies Wifi gefunden hatte, konnte ich auch endlich die Karte laden, die uns in die richtige Ecke brachte. Wir buchten den Bus und machten uns auf den Heimweg. Die Khao San selbst waren wir einmal abgelaufen, hatten die Auslagen betrachtet und in einer Art Biergarten einen überteuerten Eiskaffee getrunken, während abwechselnd der Skorpion-am-Stiel- und der Elektro-Taser-Verkäufer uns und den anderen Gästen ihre Waren anboten. Abgesehen davon – es war am frühen Nachmittag – war es erstaunlich ruhig.

An dem Abend, an dem unser Bus von dort abfuhr, bot sich ein ganz anderes Bild. Es war kaum 20 Uhr, aber die Straßen waren voll und die meisten Spaziergänger betrunken. Das getorkelt und sich gegenseitig gestützt werden musste, war kein seltener Anblick. Dazwischen wuselnde Menschen mit Backpacks, die einen der Busse erwischen mussten und Abendessenpublikum aus den Hotels und Hostels ringsum. Und dieses Chaos erwartete uns ausgerechnet, als Christoph körperlich nicht ganz auf der Höhe war. Wir wissen nicht genau, was Schuld gewesen war: Die Seefruchtsuppe? Der Fischkuchen, eine Art Muffin aus zerkleinertem Fisch ummantelt mit Bananenblatt? Der gegrillte Oktopus in Chinatown? Jedenfalls war er ausgerechnet an diesem Morgen mit Bauchschmerzen und Durchfall erwacht. Etwas, vor dem bei jeder Südasienreise gewarnt wird, wovor wir jedoch in Vietnam verschont geblieben waren. Kohletabletten, Elektrolytpulver aus dem 7-Eleven und ein Ruhetag verhalfen ihm langsam wieder auf die Beine. Und eine der Tabletten, die uns unsere reiseerfahrene Ärztin mit den Worten „die stoppen alles!“ empfohlen hatte, verhalf ihm zu einer angenehmen Busfahrt. Für die Reise nach Kho Tao brauchten wir einen starken Magen, aber das wussten wir jetzt noch nicht. Das Chaos von Bangkok jedenfalls ließen wir hinter uns und machten es uns, so gut es eben ging, im Reisebus bequem.

Von Laura

(Thailand, Bangkok, 6.-10. November 2015)

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